Thema des Monats - Juni 2012

Express yourself

Wie man Pirouetten dreht und sich immer wieder neu (er-)findet

 

Ein Bericht von Nicole Baumann über das Leben auf und hinter der Bühne des Musicals. Die Autorin studierte vor wenigen Jahren an der Münchner Theaterakademie Musical-Gesang und hat nun schon einige Erfahrungen auf großen und kleinen Bühnen gesammelt.

 

Ich werde den Moment niemals vergessen. Mein Name wurde als erster von acht verlesen. „Und einen Platz im Musicalstudium haben erhalten ...“ trug der Sprecherziehungslehrer mit tönender Stimme vor. Ich biss vor Freude in meinen Schal. Doch meine hysterischen Lachanfälle konnte ich damit für die nächsten Stunden nicht niederringen. Acht von 130 Bewerbern durften an der "Bayerischen Theaterakademie München" anfangen. Das war im Herbst 1998. Wir acht sollten für die kommenden vier Jahre gemeinsam ackern, zweifeln und kämpfen oder anders: singen, spielen und tanzen. Es war kein normales Studium. Es gab keine Klausuren und keine Vorlesungen im Hörsaal. Alles, was wir lernten, hatte mit uns zu tun. Alles, was wir taten, musste mit dem eigenen Körper getan werden. Es ging um Technik. Um lange, hohe Töne, eine kraftvolle Sprechstimme, die Beine, die man bis zum Ohr hochschleudern kann und die obligatorischen zwei Pirouetten. Dann standen wir vor neuen Problemen: wie singe und tanze ich gleichzeitig, ohne hyperventilierend umzufallen, wie schaffe ich den gleitenden Übergang vom Dialog zur Musik, und wie entwickle ich eine Rolle aus mir selbst heraus.


Wir waren naive, kleine Küken. Die vier Mädels im Jahrgang waren eine bunte Mischung. Eine Französin mit Faible für den Chanson, eine kleine blonde Berlinerin, die eigentlich zum Film wollte, eine große Farbige, die bayrisch redete und ich, das Landei – aus einem 2000-Seelen-Kaff stammend, die Eltern Lehrer. Meinen ersten öffentlichen Auftritt in der Akademie hatte ich in Spitzenunterwäsche und einer darin eingearbeiteten Lichterkette, die ich mit einem Schalter am Rücken an- und ausschalten konnte. Im Song „You gotta have a gimmick“ erklärt eine Stripperin, wie sie mithilfe der Lämpchen an ihrem BH ihre ansonsten durchschnittliche Darbietung aufpeppt. Meine Lehrer gaben mir diesen Song, weil ich bis zu diesem Zeitpunkt als gut erzogene Katholikin absolut keine Vorstellung von mir als Nutte hatte. Mir fehlten schlichtweg die Ausdrucksmittel für dieses im Musicalbereich nun mal immer wiederkehrende Rollenprofil. Nach dem Konzert war das Thema dann abgehakt – mein komischer Auftritt wurde in der Süddeutschen Zeitung als "besonders gelungen" bezeichnet.

 


Nicole Baumann (links) als Claire in "On the Town"
Foto: Charles Tandy

 

Lernen ohne Leerlauf

 

Unser Stundenplan war voll. Wahlmöglichkeiten gab es keine. Es ging durch von 9 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Im Kühlschrank herrschte gähnende Leere, am Boden türmte sich die Wäsche auf. Für Freundschaften oder Aktivitäten außerhalb der Akademie blieb kaum Zeit. Denn alle Energie galt dem Studium. In der Steppklasse, dem letzten Termin am Freitagnachmittag, tat mir oft alles so weh, dass eigentlich nichts mehr ging. Ein bisschen Masochismus hilft im Musicalstudium. Das Paradoxe daran ist, dass ich trotz allem selig war und nirgendwo anders sein wollte. Die Akademie war in dieser Zeit auch Ersatzfamilie. So unterschiedlich wir acht waren und so sehr jeder mit sich selbst beschäftigt war, wir saßen doch im selben Boot. Noch heute sind mir meine Mitstudenten näher als viele Kollegen, die ich später kennengelernt habe. Wir haben zusammen gelernt und sind zusammen gewachsen. Wir suchten nach Rollenprofilen und Bühnentypen, nach etwas, das uns besonders macht und nach unseren Grenzen. Bestenfalls haben wir gelernt, diese zu erweitern. Die Zeit dazu zu haben, war der Luxus.


16 Stunden Tanz in der Woche, 12 Stunden Schauspielunterricht, dazu Gesangsunterricht, Ensemblesingen, Korrepetition und Sprechtraining. Was das alles kosten würde, wenn man es selbst bezahlen und organisieren müsste, wurde mir erst nach dem Studium klar. Dann wurde die Suche nach einem Probenraum oder einem guten Tanztraining zum Problem. In der Studienzeit konsumierten wir, bis die nächste Probenphase anbrach. Manchmal fühlte ich mich an der Theaterakademie schon wie in einem Ensemble: "Ladies in the light", "Company", "Blutsbrüder", "Krach in Chiozza", "On the town", "Jekyll and Hyde", "Gypsy" und "Ragtime" erarbeiteten wir in den vier Jahren. Es war großartig, auf einer Bühne wie dem Prinzregententheater auftreten zu können. Als ich Jahre später mit einem Tournee-Ensemble ein Gastspiel im Prinzregententheater hatte, staunten meine Kollegen über den großzügigen Theaterraum, das schöne Gebäude und die gute Akustik. Ich verstand, welches Privileg es gewesen war, dort schon als Studentin glänzen zu dürfen.
 

Wie geht es weiter? Was erlebt Nicole nach ihrer Ausbildung zur Musicaldarstellerin? Das und mehr erfahrt ihr in der sechsten Print-Ausgabe der jungen bühne, die im September 2012 erscheint.

Nicole Baumann
Nicole Baumann

 

www.nicolebaumann.de