Thema des Monats - Juli 2012

Hürden im Showgeschäft

Von der Schwierigkeit, einen Weg in den Theaterberuf zu finden, ohne dabei sich selbst zu verlieren

 

Von Anne Fritsch

 

Sie müssen sich verkaufen wie alle anderen auch. Doch wer sein Glück im Theater, auf der Bühne als Schauspieler oder hinter der Bühne als Regisseur sucht, der verkauft sich immer auch der öffentlichen Meinung. Er ist der Kritik aller ausgesetzt und manchmal: ausgeliefert. David Heiligers zum Beispiel (Er hat im letzten Heft der jungen bühne auch einen großen und, wie nicht nur wir fanden, sehr lesenswerten Artikel über Romanbearbeitungen auf der Bühne geschrieben, Anmerkung der Redaktion).

 

Annette Paulmann in "Wunschkonzert" an den Münchner

Kammerspielen, Foto: Conny Mirbach

 

Der Regieassistent an den Münchner Kammerspielen steht am Anfang seiner Karriere. 28 Jahre ist er alt, hat 2010 in der Weihnachtsreihe „Zimt & Sterne“ Theodor Storms „Der kleine Häwelmann“ für Kinder inszeniert. Alle waren begeistert, die Aufführung, für die eigentlich nur eine einzige Vorstellung geplant war, wurde im folgenden Jahr wieder aufgenommen und zum Brandhaarden-Festival 2012 in der Stadsshouwbourg Amsterdam eingeladen. Ein guter Start. Jetzt hat Heiligers im Werkraum Franz Xaver Kroetz‘ „Wunschkonzert“ inszeniert. Meiner Meinung nach: ein schöner, ein berührender Abend, großartig gespielt von der namhaften Schauspielerin Annette Paulmann. Natürlich ist es legitim, eine Inszenierung auch eines jungen Regisseurs zu kritisieren, Knackpunkte aufzuzeigen. Es ist wichtig, seine Arbeit ernst zu nehmen und hohe Ansprüche zu stellen. Das kann konstruktiv sein, kann wichtige Anstöße geben. Wenn eine Kritik, so geschehen in diesem Fall in einer überregionalen Zeitung, aber persönlich beleidigend und vernichtend gegenüber Schauspielerin und Regisseur wird, ist das wohl schwerer zu ertragen.

 

Zwar macht sich eine Rezensentin, die eine wunderbare, erfolgreiche und hochgelobte Schauspielerin wie Annette Paulmann auf „eine stattliche Büste und ein eher bräsiges Naturell“ reduziert, selbst unglaubwürdig. Und doch: Wenn ein junger Regisseur lesen muss, dass man ihn vor dieser Arbeit nicht kannte und auch danach nicht kennen lernen wird, ist das hart. Es ist eine öffentliche Verurteilung, der er nichts entgegenzusetzen hat, außer das eine: Weitermachen!

 

 "Wunschkonzert", Foto: Conny Mirbach

 

Was für einen Regisseur gilt, gilt noch viel mehr für seine Darsteller: Sie sind allabendlich und leibhaftig den Blicken, den Urteilen ausgesetzt. Auch dann noch, wenn der Regisseur längst abgereist, längst in neuen Projekten steckt. Wie junge Schauspieler mit den Anforderungen, die an sie gestellt werden, umgehen, was sie beschäftigt, wollte Jochen Schölch in seinem Projekt „Unser Kandidat“ am Münchner Metropoltheater ergründen: Wer bin ich? Wie bin ich? Was will ich? Und: Um welchen Preis? Ausgehend von diesen Grundsatzfragen entwickelte er die Produktion mit seinen Schauspielstudenten von der Bayerischen Theaterakademie, nahm sich nicht weniger vor als „eine Standortbestimmung dieser Generation“. Weil es das Stück, das ihm vorschwebte, nicht gab, entwickelte er mit seinem Team selbst eines: aus Fragen, die während der Proben aufgeworfen wurden, und Monologen des jungen Dramatikers Ewalt Palmetshofer. Eine Geschichte darüber, wie die Menschen sich an der Welt reiben und sich an ihr abarbeiten. Sie alle wollen eine gute Startposition im allgegenwärtigen Wettbewerb, wollen Position beziehen, sich verhalten und „sehnen sich nach einfachen Wahrheiten, die es aber nicht mehr gibt“, so Schölch.

 

Béla Milan Uhrlau, Kim Bormann, Johanna von Gutzeit, Marco Michel

in "Unser Kandidat" am Metropoltheater München, Foto: Hilda Lobinger

 

Er schickt seine Studenten auf eine spiegel-glatte Fläche, auf der sie sich präsentieren sollen, aber immer wieder in Schräglage, ins Rutschen und zu Fall kommen. Fast unmöglich scheint es, sich hier zu halten, einen festen Standpunkt zu finden und: ihn zu bewahren. Aus den Lautsprechern tönt Adoro wie eine Prophezeiung: „Dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Weg wird steinig und schwer.“ Eine Frauenstimme, die an längst vergangene Herzblatt-Zeiten erinnert, stellt die Kandidaten in diesem Ring, der das Leben ist, einzeln vor. Diszipliniert, begeisterungsfähig, zielstrebig, ehrgeizig sind Attribute, die der Anpreisung wie in einer Bewerbung dienen. Gleichzeitig wird betont, wofür jeder einzelne „einsetzbar“ wäre, wofür er sich als „nützlich“ erweisen würde. In eine Gesellschaft geworfen, in der auf der einen Seite nichts als Leistung erwartet wird, in der sich auf der anderen Seite aber einstige Vorbilder und Moralinstanzen wie Minister oder Präsidenten als Schmierenkomödianten erweisen, müssen sie einen Weg finden. Erfolg und Ideale - geht das zusammen?

 

 "Unser Kandidat", Foto: Hilda Lobinger

 

Die Texte Palmetshofers umkreisen alle die eine Frage: Wie will ich leben? Schölch hat sie klug gewählt und gesetzt. Er lässt Kim über Menschenkapital sinnieren; Hanna über den Zenit im Leben, der möglicherweise unbemerkt überschritten wurde; Bela über Freunde, die sich weiter- und von einem fortbewegen. Alex fragt sich, ob er jetzt bei sich selbst oder doch lieber bei Buddha sein sollte; Michael denkt über die Unendlichkeit nach und Daron darüber, ob man mit einem ipod ein Loch in seinem Inneren füllen kann. Es geht um Verführung, um Liebe, um Glück und um die Verhältnisse. Zwischendurch werden die Fragen, die die Schauspieler während der Proben formuliert haben, eingeblendet: Wen wollen wir beeindrucken? Macht Erfolg müde? Wie findet uns das Glück? Leiden wir unter zuviel Hoffnung? Gibt es die Welt auch ohne mich? Wo sind wir jetzt? Was ist das Ziel?

 

 "Unser Kandidat", Foto: Hilda Lobinger

 

Manchmal erzählen Fragen mehr als Antworten. Und manchmal liegt im Formulieren einer Frage bereits die Antwort. Nein, dieser Weg wird sicher kein leichter sein. „Nicht mit vielen, wirst du dir einig sein“, heißt es im Lied weiter. „Doch dieses Leben bietet so viel mehr.“ Am Ende schickt Schölch seine Kandidaten noch einmal in den Ring. Sie tragen weiße Masken, auf die alles projiziert werden kann. Masken, die das Wesen des Schauspielers symbolisieren. Eine Projektionsfläche für die Fantasien anderer. Eine Maske nach der anderen nehmen sie ab. Nur um immer neue darunter hervorkommen zu lassen. Ihr wahres Gesicht zeigen sie nicht, es bleibt verborgen. Privatsphäre.

 


Infos zu „Wunschkonzert“ auf www.muenchner-kammerspiele.de

 

Infos zu „Unser Kandidat“ auf www.metropoltheater.com

 

In der nächsten Heftausgabe der jungen bühne wird ein Artikel über ein ähnliches Projekt am Schauspielhaus Bochum erscheinen: In „Spiel des Lebens“ spielen Schauspielschüler über ihre konkrete Situation und ihre mögliche Zukunft. Siehe auch unser Blog auf http://www.die-junge-buehne.de/blog/category/spiel-des-lebens/