Thema des Monats - August 2012

Theater ist immer auch Therapie

- Gespräch mit Eckhard Debour, dem Leiter des "rohestheater" in Aachen

 

Das rohestheater feiert in diesem Jahr sein 20jähriges Jubiläum.

 

Im Hinblick darauf, dass die sechste Ausgabe der jungen bühne (erscheint im September) ein Mädelsheft wird, dachten wir uns, wir fragen mal einen Theaterleiter, der fast ausschließlich mit Jungs zu tun hat, wie seine Arbeit so aussieht.

 

Von Elisa Giesecke


Wie kommt man denn dazu, Leiter einer Theatergruppe an einer Fachschule für Technik zu werden?
Begonnen hat eigentlich alles 1991 mit der Abschlussfeier des ersten Abiturjahrgangs an der Mies-van-der-Rohe-Schule. Ich wurde gebeten, ob ich nicht etwas zur Gestaltung der Feier beitragen könnte, und da damals meine Klasse 11 im Deutschunterricht anlässlich des Golfkrieges eigene Gedichte zum Thema "Krieg" verfasst hatte, entstand die Idee einer szenischen Visualisierung einiger dieser Texte. Es gab dann weitere Aufführungen außerhalb der Schule und so war die Theater-AG geboren. Das hat sich dann kontinuierlich bis heute weiterentwickelt, so gibt es seit letztem Jahr zum Beispiel auch für die Jahrgangsstufe 11 die Möglichkeit, einen Literaturkurs zu belegen. Bei der technischen Schule haben wir ein Profilfach, das sich Theater nennt.

 

Wie wichtig ist Schultheater Ihrer Meinung nach ?
Gerade bei Schülern der technischen Schule sehe ich es als Notwendigkeit an, sich mit Literatur und Theater auseinanderzusetzen. Beides ist wichtig für die Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung.

 

Ich kann mir vorstellen, dass an einer technischen Schule nach wie vor mehr Jungen sind als Mädchen...
Ja, das ist so. Die Mädchen kommen ganz selten, im nächsten Jahr werde ich wahrscheinlich 18 Jungen und zwei Mädchen haben. Das ist meines Wissens im Schulbereich die einzige Theatergruppe, bei der das so ist.

 

 Szene aus "Heilige Schlachthöfe - Ein Stück Brecht", Foto: Wilfried Schumacher

 

Verändert sich irgendetwas, wenn Mädchen dazu kommen? Was beobachten Sie?
Ich würde sagen, Mädchen interessiert Theater grundsätzlich mehr, dass sieht man schon daran, dass sie häufiger ins Theater gehen, dass sie kulturelle Auseinandersetzungen und kommunikative Prozesse schätzen. Mädchen in der Theatergruppe erotisieren natürlich das Ganze, das ist aber nur insofern schwierig, wenn Beziehungen entstehen, diese kaputt gehen und beide nicht mehr in einer Gruppe bleiben wollen.


Wie schafft man es denn, Jungen in diesen Alter, die vermutlich sonst nicht so viel mit Kultur zu tun haben, für Theater so zu begeistern, dass sie auch dabei bleiben wollen?
Das Interesse bei den Jungen ist schon dadurch gewachsen, dass Theater als Kurs angeboten wird, dadurch bekommt es einen anderen Stellenwert im Schulbetrieb. Das ist aber auch so im Schulprogramm festgelegt, dass wir neben der technischen eben auch eine musisch-ästhetische Ausbildung anbieten. Begeistern kann man sie, indem man einfach macht. Wenn sie sehen, da passiert etwas, das durchaus anspruchsvoll ist und sie gleichzeitig mitreißt, dann bleiben sie in der Regel. Natürlich gibt es auch Schüler, die wieder gehen, weil es ihnen zu viel wird, was ich aber gut verstehen kann. Ich würde sagen zwei Drittel bleiben auf jeden Fall, aber meistens sind das auch die, die nicht so sehr Techniker sind.

 

Gibt es denn auch Schüler, die sich komplett vom technischen Bereich abwenden, wenn sie einmal mit dem Theater in Berührung gekommen sind?
Ja, die gibt es. Manche wollen eine Schauspielausbildung machen oder Geisteswissenschaften studieren. Aber natürlich sind das Ausnahmen, der Großteil versucht immer noch in der Veranstaltungstechnik, überhaupt im technischen Bereich, unter zu kommen. Ich rate es ihnen aber nicht unbedingt, gerade wenn man sieht, wie viele junge Leute sich an Schauspielschulen bewerben. Das ist wirklich ein hartes Brot. Wenn man aber so ganz und gar dabei ist, dann will ich auch nicht davon abraten.

 

Bei „Schreech“, einer Produktion mit ehemaligen Schülern, ist mir besonders das hohe schauspielerische Niveau aufgefallen. Haben die Darsteller Schauspielunterricht genommen?
Nein, das entstand alles aus den Erfahrungen, die sie während der Zeit am rohestheater gesammelt haben.

 

Szene auch "Schreech", Foto: Wilfried Schumacher


Was ist ihre persönliche Motivation, Schultheater zu machen?

Meine persönliche Motivation ist sowohl eine pädagogische als auch eine ästhetische. Ästhetisch insofern, als wir mittlerweile in einem recht anspruchsvollen Bereich spielen – wir vertreten mit der Produktion „Heilige Schlachthöfe“ bereits zum fünfte Mal das Land Nordrhein-Westfalen beim Schultheater der Länder – das hat bisher noch keine Schultheatergruppe geschafft. Das heißt, wir haben eine hohe Befriedigung durch den Erfolg der Arbeit wie aber auch durch die Möglichkeit, sich mit anderen kreativ zu beschäftigen und auszudrücken. In pädagogischer Hinsicht interessieren mich zwischen all den Talenten besonders auch die „schwierigen“ Fälle, also Schülerinnen und Schüler, die beispielsweise stottern oder die in der Gruppe sehr schweigsam oder sogar Einzelgänger sind.

 

Sehen Sie bei diesen Schülern auch Erfolge?
Auf jeden Fall, die Erfolge der eigenen Arbeit kann man bei ihnen in der Regel am besten beobachten. Theater ist also auch immer Therapie und zwar eine, die über das Tun funktioniert. Eine Veränderung kann dann stattfinden, wenn man aktiv wird; Gespräche helfen nur begrenzt. Und natürlich sind mir auch die Beziehungen zu den Schülern wichtig, die durch das gemeinsame kreative Arbeiten aufgebaut werden.


Wie häufig und intensiv proben Sie mit den Schülern?
Wir proben in der Regel einmal pro Woche fünf bis sechs Stunden. Zusätzlich gibt es vier Probenwochenenden und natürlich Durchlaufproben sowie eine Generalprobe.

 

Sie sagten einmal, dass klassisches Sprechtheater gegen Ihre Überzeugungen geht. Wir muss man das verstehen?
Es ist immer schwierig, wenn Laien Figuren realistisch darstellen sollen. Dieses Problem wollte ich umgehen, indem ich in manchen Stücken Figuren mehrfach parallel besetze, so dass eine gewisse Abstraktion entsteht. Wir behaupten also nicht, dass wir eine bestimmte Figur 1:1 abbilden. Auf diese Weise entstehen viele Ausdrucksformen, die durchaus reizvoll sind und die viele Spielmöglichkeiten im bewegungstheatralen Bereich vereinen.

 

www.rohestheater.de