Thema des Monats - Januar 2013

Reise von Bochum zum Mond


Zehn Schauspielschüler haben am Bochumer Schauspielhaus mit Autor Lutz Hübner und Regisseurin Martina van Boxen das Stück „Spiel des Lebens“ entwickelt und im März 2012 zur Uraufführung gebracht. In einem Blog bei der junge bühne (http://www.die-junge-buehne.de/blog/category/spiel-des-lebens/) berichteten sie aus der Produktion. Außer in Bochum zeigten sie „Spiel des Lebens“ auch beim Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierender in Wien und gewannen einen der begehrten Ensemblepreise.


Ein Reisebericht von Joachim Foerster

 

„Jetzt leben wir in einer Welt, in der der Mensch den Mond betreten hat. Und es ist kein Wunder. Wir haben uns einfach dazu entschlossen“, predigt Tom Hanks in dem auf wahren Begebenheiten beruhenden Film „Apollo 13“. Genauso wie die Astronauten, die versuchen auf den Mond zu gelangen, oder zumindest so ähnlich, fühlten wir uns, als es auf das Schauspielschultreffen 2012 in Wien zuging. Man hatte naturgemäß im Vorfeld viele Dinge gehört, es wurde spekuliert, es wurden Klischees ausgerollt, es wurde gewarnt und geschlichtet. Im Endeffekt erwiesen sich die meisten Befürchtungen als ungerechtfertigt und der einzige Satz, der diese heiße (!) Woche über gültig blieb, war – um bei den Worten unseres Kollegen Tom zu bleiben: „Hört zu Gentlemen, wir werden das nicht tun. Wir werden uns hier nicht die Köpfe einschlagen, nicht mal für 10 Minuten. Weil wir nämlich auf jeden Fall am Ende immer noch mit dem gleichen Problem dastehen. Und zwar, wie wir es schaffen zu überleben!“

 

Foto: Diane Küster

 

Eine der größten Leidenschaften des deutschsprachigen Schauspielstudenten ist neben dem Spielen der Vergleich. Ist der Kollege mit den schlecht geschnürten Halbschuhen und dem Jutebeutel, auf dem irgendein Schaut-her-ich-kann-auch-intellektuell-witzig-Spruch steht, talentierter als ich? Staubt er mehr Lacher ab? Bekommt er häufiger Szenenapplaus? Gratulieren ihm die Menschen nach dem Spiel enthusiastischer als mir? Ist er etwa selbst der hochgeschätzten Kunst des theatralen Weinens mächtiger als ich? Das jährliche Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierender, das ursprünglich nur als Treffen und Austausch zwischen Studierenden gedacht war, ist ein Wettbewerb. Wettbewerb? Wenn er auch subtil permanent befeuert wird, wenn er sogar die Ursprünge des Theaters der Antike widerspiegelt, so ist das Wort doch zum Tabu geworden. Die Gründe dafür sind vielseitig, aber an dieser Stelle auch nicht weiter relevant, da der „Wiener Wettbewerb“ sich den meisten Schauspieler-Konkurrenz-Klischees entsagte und unter den Vorzeichen großer Fairness stattfand. Die einzelnen Inszenierungen wurden unabhängig vom persönlichen Zuspruch mit großem Respekt behandelt, die einzelnen Spieler mit Kollegialität betrachtet und das Gesamtprodukt immer mit lautem Applaus honoriert. Manch einer würde jetzt sagen, das sei einfach Heucheln auf sehr hohem Niveau, aber dieser manch einer gehört höchstwahrscheinlich auch zu den Leuten, die an Weihnachten immer schon beim Auspacken ihre Geschenke erraten haben und solche Individuen mag ja bekanntlich niemand. Hand aufs Herz – zwischen den vielen schönen zwischenmenschlichen Begegnungen gab es selbstverständlich Ausnahmen, schließlich ist ein Zusammentreffen zukünftiger Vertreter eines Berufs, der mit so vielen Ängsten des tiefen Falls und so vielen Hoffnungen des großen Aufstiegs behaftet ist, nicht gleichzusetzen mit der Gemeinschaft einer antimaterialistischen Hippie-Kommune, die sich nur von Sachen ernährt, die von alleine vom Baum gefallen sind. An mancher Stelle bestätigen sich die negativen Klischees dann natürlich doch – aber in überraschend geringem Ausmaß. Konsens ist, dass uns ein großartiger Beruf erwartet, für den wir aus den verschiedensten Gründen brennen und der in einer immer zynischer werdenden Gesellschaft auch eine wichtige Aufgabe darstellen kann. Achtung: Hier schreibt ein Idealist.


 

Aber kommen wir wieder zum Treffen selbst. Wir, die selbsternannten Scheidungskinder aus der Ehe zwischen den zwei Ruhrgebietsperlen Bochum und Essen, spielten schon seit mehreren Monaten unser „Spiel des Lebens“ in den Bochumer Kammerspielen. Die Entscheidung war gefallen, damit den Weg nach Wien anzutreten. Vor allem die männlichen Individuen des Jahrgangs sprachen ab da eigentlich nur noch in Phrasen, die US-amerikanischen Kriegsfilmen entspringen könnten, münzten Fußballlieder auf unsere Situation um und sprachen halb im Spaß, halb im Ernst von der „Schale“, die es jetzt nach Hause zu bringen galt. Vorher allerdings musste von dem Stück, das wir im Kollektiv gemeinsam mit dem Autor Lutz Hübner, der Regisseurin Martina van Boxen (und dem Fecht-Veteranen Klaus Figge) erarbeitet hatten, eine Fassung erstellt werden, die die ursprünglich 90 Spielminuten auf 60 runterkürzte, ohne dabei an Geist zu verlieren. Eine komplexe Operation am offenen Herzen des Stücks, von mehreren Spezialisten unter schwerem Seegang durchgeführt. Ohne Bühnenbild, nur mit trockenen Durchläufen in kleinen Räumen und dem Mut der Verzweiflung im Gepäck machte sich die „Bochumer Dampfwalze“ auf den Weg. Schnell war der Tag der Aufführung angebrochen. Um 7 Uhr morgens trafen wir uns zur technischen Einrichtung, machten ein paar schlechte Witze hier und da und versuchten die nächsten 6 Stunden für letzte Details zu nutzen. Ein riesiges Durcheinander mit viel Streiterei und leichter Panik, aber mehrere Tränen und Stunden später war es dann so weit: Während wir hinter der leeren Bühne warteten, hörten wir, wie sich der Saal füllte und George Michael davon sang, dass nicht jeder einen Körper wie er hat. Dann plötzlich Musik aus, Licht an und die nächsten 60 Minuten Rauschzustand in jeder Faser des Körpers. Der Amerikaner würde dazu „Once in a lifetime experience“ sagen, uns Deutschen fehlt es wahrscheinlich an ausreichend pathetischen Ausdrücken, um die Gefühle zu beschreiben, die während des Spiels herrschten. Aber die Kollegen mit soviel Herzblut zu erleben, das war schon imposant. Ein paar Tage später dann die Preisverleihung. „Payday!“, wie ein paar von uns das nannten. Ich hatte in Wien eine gute Kaffeesorte für zu Hause gekauft und im Saal zwischen meinen Füßen stehen. Irgendwann dachte ich: „Wenn wir gleich aufstehen sollten, um für den Preis auf die Bühne zu gehen, dann schiebe ich besser den Kaffee unter die Reihe vor mir.“ Es erwies sich als richtige Entscheidung.

 

Zurück im Flieger waren wir alle leise glücklich. Die Erfahrungen, die wir gesammelt, die Erinnerungen, die wir mitgenommen, die Bekanntschaften, die wir gemacht hatten, und der Kater, der bestimmt binnen eines Tages vorüber gehen würde, waren von allem das Schönste, was wir aus dieser Woche behalten durften. Diese Woche, die mit den ganzen tollen zukünftigen Mitspielern aus dem gesamten deutschsprachigen Raum soviel Lust auf alle Aufs und Abs dieses Berufs gemacht hat, diese Woche in der wir ein Feuer erleben konnten, das so viele junge Menschen miteinander verbindet, das war ein großes Glück. Wie sagt Tom Hanks in Apollo 13? „Hör zu, ich hab nicht die Masern. Und ich werde die Masern auch nie kriegen!“

 

PS: Inzwischen haben wir auch unser Abschluss-Vorsprechen hinter uns. Bevor wir uns nach dem Studium in alle Winde zerstreuen, gibt es am 30. Januar 2012 noch eine letzte Vorstellung von „Spiel des Lebens“ am Schauspielhaus Bochum. Kommt und seht!