Thema des Monats - Februar 2013

DAS PRINZIP WUNDERTÜTE

Das Nachwuchsfestival „fünfzehnminuten“ in der studiobühneköln

 

Von Henriette Westphal

 

Eine Halbzeitpause beim Fußball, die Tagesschau, eine Online-Scheidung – sie alle dauern fünfzehn Minuten. Reicht ja eigentlich auch. Im Theater dagegen ist selten ein Stück so kurz. Die studiobühneköln wagte das Experiment und war jetzt für ein Wochenende Spielort für rund 60 Produktionen, keine länger als die vorgeschriebene Viertelstunde.

 

Vorbild für die Kölner ist das 100°-Festival der Berliner Sophiensaele und dem Hebbel am Ufer, das ebenfalls unkuratiert ist. Das heißt, dass sich jeder dort bewerben kann, egal ob mit Theater, Musik oder Performance – Hauptsache man hält sich an die Zeitvorgaben und ist schnell mit seiner Bewerbung. Frei nach dem Prinzip: Wer zuerst kommt, malt zuerst. Was die Berliner in diesem Jahr zum zehnten Mal machen, ist in Köln ganz neu. Und viel kürzer: statt sechzig Minuten müssen fünfzehn reichen.


Süßes oder Saures?

 

Das Festival funktioniert nach dem Wundertütenprinzip: Abwechselnd nutzen Amateure oder alte Hasen die drei Bühnen des Theaters, Schauspiel folgt auf Musik, Lesung auf Tanz, Performance auf Ausstellung, oder umgekehrt. Selten kann der kleine Ankündigungstext im Programmheft aussagen, woran man ist. Je nach dem, in welche Vorstellung man gerade kommt, gibt’s Süßes, mal Saures, aber fast immer eine Überraschung. Wie in „Über_Lebenstanz“, bei dem eine der beiden Tänzerinnen (Lena Böge und Dhara Meyer, Münster) zuerst hinter einer Schattenwand zur dunklen Silhouette wird. Doch dann läuft plötzlich ein kleiner Junge auf die Bühne, ganz ungeplant, greift sich den Zylinderhut der Tanzenden und wird für die letzten fünf Minuten ganz zauberhaft ein Teil des Stücks.

 

Wer zuerst kommt, malt zuerst. Rechzeitig beworben haben sich
auch Joana Marcus und Partner mit „tanzMal“ - Foto: H. Westphal

 

Gerade die Vielfalt macht den Charme des Festivals aus. Qualität hin oder her. Man trifft zum Beispiel den Seltsamkeitsforscher Daniel Ableev (Bonn), der Absurditäten vom „Alu-Kind“ vorliest, das angeblich ein Pinguin ist. Oder Ale Bachlechner (Köln), die in „lapdance“ einen erotischen Tanz anbietet. Derjenige, der ihn bekommt, muss sich auf den einzelnen Stuhl auf der Bühne setzen. Was folgt, ist kein Tanz, sondern ein bewegungsloser, intimer Moment mit der Frau mit silberner Lady Gaga-Perrücke. Oder Julia Nitschke (Bochum), die „Das radikale Prinzip der Präsenz“ wortwörtlich umsetzt und uns mit fast fünfzehn Minuten Schweigen irritiert. In „Schauspiel“ von Ruda Yi (Köln) werden wir Zuschauer sogar gänzlich alleine gelassen. Nach zehn Minuten fangen die ersten an, sich aus Langeweile mit Sitzkissen zu bewerfen.


Nachwuchs: Check!

 

Ganz schön verrückt, wie kurz oder lang einem fünfzehn Minuten manchmal vorkommen. Einmal rasen sie vorbei, ein anderes Mal schleichen sie so dahin. Zum Nachdenken bleibt wenig Zeit: Die nächste Vorstellung beginnt schon wieder. Und gleich mit einem jungen Talent. Da ist der Nachwuchs ja! Stefan Mießeler (Bielefeld) wäre gerne Regisseur, probiert es aber auch als Schauspieler. Der bärtige Student spielt in dem Monolog „Der Boss“ Helmut Rahn, der mit seinem 3:2 gegen Ungarn bei der WM 1954 Deutschland zum Weltmeister machte. Dem traurigen Helden von einst bleibt nur das Beschwören der Vergangenheit, Mießeler spielt die Rolle bravourös. Für den 32-Jährigen ist es das erste Festival.

 


Countdown von fünfzehn Minuten: Juliane Zimmermann
und Christian Marchewka in“Journey to nowhere“ - Foto: H. Westphal

 

Auch nicht ganz unbekannte Teilnehmer begeistern das Festivalpublikum an diesem Wochenende: „HeadFeedHands“, ein Köln-/Freiburger Tanzkollektiv, zeigen beeindruckend, dass was man mit Körpern alles machen kann. „Eh la“ ist ein Stück für zwei Männer, Tim Behren und Florian Patchovsy, die sich gegenseitig tragen, heben, umschließen und fallenlassen. Ihr präsentes Bewegungstheater mit akrobatischen Elementen aus dem 'New Circus' ist bereits deutschlandweit erfolgreich. Andere, wie zum Beispiel Joana Marcus und ihr Partner (Köln), werden es vielleicht bald sein. In „tanzMal“ beklecksen und bewerfen sie sich mit Farbe, sinnliche und ästhetische Bilder wechseln sich hier ganz organisch ab.


Ausprobieren statt blamieren

 

Im Dezember fiel der Startschuss für die Bewerbungen bei der studiobühne, zwei Tage später waren schon fast alle Plätze voll. Ein Zeichen dafür, dass in Nordrhein-Westfalen Bedarf an Festivals für junge Nachwuchskünstler besteht. Man kann ausprobieren und sich vor allem nicht blamieren, denn alles ist erlaubt. Wie bei Georg Blokus, Vanessa Euler, Lena Wontorra und Tobias Andrae (Köln), die sich eine theatrale Spielshow ausgedacht haben. „Bitte keine Unterhaltung“ ist in fünfzehn Minuten hauptsächlich eins: unterhaltsam. Das Publikum spielt gegeneinander und muss Fernsehmelodien erraten, wer als erster den Buzzer drückt, gewinnt. Die Viertelstunde vergeht mit viel Gelächter im Flug. Auf einer Art Flugreise findet man sich auch bei „Journey to nowhere“ wieder, jeder bekommt eine Nummer. Juliane Zimmermann und Christian Marchewka (Köln) verteilen gute Ratschläge und Augenbinden an alle. Leben werden wir Zuschauer alle wohl nur noch fünfzehn Minuten, denn dann sprechen wir unsere letzten Worte. Der Mann neben mir sagt mit tiefer Stimme „I'll be back“. Alle lachen. Selbst wenn manche Stücke noch Fragmente und nicht ganz zu Ende gedacht sind, Potenzial hat vieles.

 

Festival ohne Berührungsängste. „Über_Lebenstanz“ von
Lena Böge und Dhara Meyer - Foto: H. Westphal

 

Und dann ist da noch die Frage nach dem Geld, die immer wieder auftaucht. Was nicht verwunderlich ist: Junge Schauspieler und Künstler haben immer weniger Chancen auf einen angemessen bezahlten Job. Die Gruppe „Fang“ schlägt in ihrer literarischen Performance vor, man solle das Klatschen im Theater dadurch ablösen, dass jeder Zuschauer stattdessen am Ende etwas in ein Sparschwein steckt – und stellen kurzerhand eins an den Bühnenrand. Das spina Theater aus Solingen hat die jüngsten Schauspieler an diesem Wochenende, fünfzehn bis zwanzig Jahre alt sind sie und sammeln noch radikaler für ihren Lebensunterhalt. Ein Mädchen wird auf der Bühne so lange geohrfeigt, bis im Publikum 25 Euro zusammengekommen sind. Ihr Stück „99 Prozent“ behandelt aktuelle, politische Themen von Facebook bis zur Occupy-Bewegung. Es ist nur eins von vielen Stücken an diesem Wochenende, die es Wert sind, nicht nur über ihre Stadt-, sondern auch über die NRW-Grenzen hinaus gesehen zu werden.

 

www.studiobuehnekoeln.de

 

 

 

Nachtrag: Inzwischen steht auch der Gewinner des Nachwuchsfestivals fest. Unter 60 Beiträgen hat die studiobühneköln das offene Kollektiv FANG mit "Ich mag Wagner" ausgewählt. Aus der 15-minütigen Version soll ein Abend produziert werden, der im Herbst 2013 in der studiobühneköln Premiere haben und anschließend im Rahmen von "west off 2013" im FFt Düsseldorf und im theaterimballsaal Bonn zu sehen sein wird.