Thema des Monats - März 2013

Theater - eine Sache des Herzens - aber Wissenschaft?

 

Von Lisa Heinz

 

"Aha, du studierst also Theaterwissenschaft. Und was macht man da?"


Solche oder ähnliche Fragen höre ich sehr oft. Und eigentlich kann ich sie auch gar nicht so genau beantworten. Theater war für mich schon immer ein Ort der Faszination, an dem ich der Realität entfliehen konnte und gleichzeitig mit der Realität der Figuren auf der Bühne konfrontiert wurde. Geschichten, Gefühle, Beziehungen, aber auch Absurditäten, das Leben in extremen Situationen werden vom eindimensionalen Papier gelöst und mit dreidimensionalem Leben gefüllt. Und da diese Faszination bei mir nach vielen Jahren noch immer nicht verschwunden war, habe ich mich dazu entschlossen das Studium der Theaterwissenschaft zu beginnen. Was genau ich damit mal machen wollte, war mir damals noch nicht klar. Hauptsache, ich konnte mich intensiv mit allem befassen, was Theater ausmacht. Und genau das bedeutet es auch, Theaterwissenschaften zu studieren.

 

Auswahl von Theaterhäusern in Wien: v.l.: Theater in der Josefstadt, Burgtheater, Volkstheater, Dschungel Wien, Garage X, Staatsoper (c)Lisa Heinz

 

Die Geschichte des Theaters wird von der Antike bis zur Gegenwart genauestens beleuchtet und untersucht. Inszenierungen werden analysiert in Hinblick auf alle beteiligten Elemente, also wie die Schauspieler sich bewegen, zueinander oder allein, welche Kostüme die Schauspieler tragen, in welchem Bühnenbild sie sich bewegen, das Licht und der gesprochenen Text werden diskutiert. Aber auch die Zuschauer und ihre Reaktionen oder wie sie positioniert sind werden besprochen. Doch nicht nur klassisches Sprechtheater wird da mit einbezogen, sondern auch Musiktheater, Ballett oder Performance sowie Alltagskultur. Es werden also szenische Vorgänge aller Art unter die Lupe genommen und auf ihre mediale Vermittlung hin untersucht.

 

Mainz vs. Wien

 

Ich habe mich für die Universität in Mainz entschieden. Der Studiengang ist fächerübergreifend und behandelt "Kultur, Theater, Film". Das bedeutet auch, dass man am Anfang des Studiums nicht nur etwas über Theatergeschichte lernt, sondern auch über Filmgeschichte und Kulturanalyse. Dadurch bekommt man einen Blick über den Tellerrand und in verschiedene kulturelle Bereiche, die wiederum das Theater und Theaterschaffende beeinflussen. Im Verlauf des Studiums spezialisiert man sich dann auf die Theaterwissenschaft und kann zwischen verschiedenen Seminaren wählen, sich somit die Felder aussuchen, die besonders interessant scheinen. Da das Mainzer Institut eher klein ist, war hier die Auswahl zwar gut, aber ein wenig beschränkt. Anders an der Universität Wien. Im fünften Semester habe ich mich dazu entschieden, ein Auslandssemester in Österreich zu absolvieren. Ein Schritt, der Gold wert war. Die Stadt Wien hat eine wahnsinnig große und interessante Theaterszene, die ich genauer unter die Lupe genommen habe und so inspiriert war, dass ich sogar begonnen habe einen Blog über meine Theatererlebnisse zu schreiben (theaterspionin.wordpress.com). Von der Staatsoper über das Burgtheater bis zu Off-Szene-Bühnen wie der Garage X habe ich versucht, so viel wie möglich zu sehen. Genauso vielfältig wie die Stadt ist auch das Angebot des Instituts für Theaterwissenschaft an der Universität in Wien, zumal der Studiengang hier als Theater,- Film- und Medienwissenschaft ausgeschrieben ist. Also habe ich mich durch seitenweise Vorlesungen, Seminare und Übungen im Vorlesungsverzeichnis gekämpft, um die für mich passenden Angebote zu finden. Schließlich konnte ich unter anderem eine Übung zum Thema kritisches Schreiben und ein Seminar über theatrale und mediale Raumproduktion besuchen. Aber ein so großes Angebot hat natürlich auch viele Interessenten. Und so saß ich dann in einem Seminar mit 90 anderen Studenten. Eine Umstellung, war ich doch aus Mainz Schulklassengröße gewöhnt. Dadurch fiel natürlich auch der Kontakt zu anderen Studenten und den Dozenten eher schwer. Da die Räumlichkeiten der Uni sich in der Stadt verteilen, trifft man sich dann doch nicht so häufig wie auf dem übersichtlichen Campus in Mainz. Andererseits ist es schon ein Privileg, wenn der Sitz des Instituts in einem so prächtigen Bau wie der Hofburg beheimatet ist und neben dem Beamer ein Kronleuchter die Räume schmückt.

 

 Seminarraum im Institut für Theaterwissenschaft in der Hofburg (c)Lisa Heinz

 

Ob nun aber Mainz oder Wien, der Uni-Alltag unterscheidet sich dann doch nicht so sehr. In den Vorlesungen redet hauptsächlich der Dozent und die Studenten hören zu. Meist wird am Ende des Semesters eine Klausur über den Inhalt geschrieben. In den Seminaren sind dann die Studenten dran und müssen in Form von Referaten selbst den Unterricht gestalten. Für die abschließende Hausarbeit vertieft jeder Student sein Wissen noch einmal mit einem selbstgewählten Thema über 10 bis 15 Seiten. Daher heißt es im Studium hauptsächlich: lesen, lesen, lesen, schreiben.
In Mainz darf man sich zusätzlich mit einem frei wählbaren Nebenfach beschäftigen, dass in den meisten Fällen Germanistik, Literaturwissenschaft, eine Sprache oder auch Erziehungswissenschaft ist. In Wien bekommt die Theater-, Film- und Medienwissenschaft ihre alleinige Aufmerksamkeit.


"Und was wird man damit?"

 

Medizinstudenten werden Ärzte, wer ein Fach auf Lehramt studiert wird Lehrer. Das ist ziemlich klar. Aber Theaterwissenschaft? Oft wird das Studium mit der Ausbildung zum Schauspieler verwechselt, doch auf der Bühne zu stehen ist wohl für die meisten wenn überhaupt nur ein Hobby. Natürlich wird man durch seinen Abschluss erst mal zum Theaterwissenschaftler und hat die Möglichkeit, sich intensiv in ein bestimmtes Forschungsfeld einzuarbeiten und darüber zu publizieren. Aber mit dem Abschluss ist man nicht nur auf einen Beruf festgelegt. Es gibt viele Bereiche, in denen man mit dem Studium von "Kultur, Theater, Film" unterkommen kann. Als Lektor in einem Verlag, in Redaktionen von Hörfunk oder Film und Fernsehen oder als Journalist und Kritiker für Tages- oder Fachzeitschriften. Aber auch direkt am Theater, zum Beispiel in der Dramaturgie oder der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit werden oft Theaterwissenschaftler eingestellt. Im Prinzip gibt es in jeder kulturellen Einrichtung die ein oder andere Möglichkeit unterzukommen. Da das Studium ein geisteswissenschaftlich theoretisches und kein praktisches Studium ist, ist es eher selten der Fall, dass Theaterwissenschaftler Regisseure, Bühnenbilder oder Kostümbildner werden, aber es ist möglich. Weiter gibt es auch die Möglichkeit in der pädagogischen Vermittlung von Theater aktiv zu werden und zum Beispiel mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. In jedem Fall gibt es viele Möglichkeiten und es hängt viel vom individuellen Interesse und auch eigenem Bemühen ab, wohin der Weg des Studiums führt.

 

Für mich persönlich hat das Studium mein Interesse und die Lust auf Theater und Kultur nur noch mehr gesteigert. Meine Begeisterung und Faszination hat sich durch das theoretische zerstückeln von Theaterelementen nicht gemindert. Allerdings war es für mich auch immer wichtig, praktisch ein paar Erfahrungen zu sammeln und hautnah zu begreifen, was Theater ausmacht. So habe ich verschiedene professionelle Produktionen begleitet und auch selbst in einer Hochschulgruppe gespielt. Und ich gehe, so oft ich kann, ins Theater. In Mainz hat man als Student sogar das Privileg, umsonst ins Staatstheater zu gehen. In jedem Fall ist für mich Theater eine Herzenssache!

 

Szene aus dem szenischen Projekt "Fadenspiel" der Universität Mainz Sommer 2012 (c) Michael Neumann
 

Die Autorin

 

Lisa Heinz ist in Bad Ems zur Schule gegangen. Seit dem WS 2010/11 studiert sie in Mainz Theaterwissenschaft und absolviert derzeit ein Auslandssemester in Wien. 2012 war sie Praktikantin bei "Die Deutsche Bühne".