Thema des Monats - April 2013

Löhles Welt

 

Der Dramatiker Philipp Löhle hat in seinem Stück „Das Ding“ die ganze Welt aus Sicht eines Baumwollknäuls beschrieben. Für die Deutsche Bühne schreibt er über sein persönliches Heimatgefühl.

 

Der Artikel ist in der aktuellen Ausgabe des Theatermagazins "Die Deutsche Bühne" erschienen.     

 


                                                                            Foto: Heinrich Voelkel

 

Meine Heimat ist …


… Schlier / Ravensburg

(3 730 Einwohner)


Das steht in meinem Pass als Geburtsort. Ich habe keinerlei Erinnerung daran. Ich war etwa vier Jahre alt, als wir weggezogen sind. Einmal waren wir auf Besuch dort. Wildfremde Menschen erkannten mich wieder, sagten Oma-Sätze. Ich sei groß geworden und so Sachen.
Als ein Stück von mir in Ravensburg inszeniert wurde, fragte man mich, wie es für mich sei, in meiner Heimat gespielt zu werden.


... Haueneberstein

(4 113 Einwohner)


Da bin ich aufgewachsen. Und zwar im Unterdorf, also westlich der Hauptstraße. Dort war ich im Kindergarten. Kinder aus dem Oberdorf lernte ich erst in der Grundschule kennen. Oder im Verein: Turnverein. Tennisverein. Fußballverein. Dazu eine normale Jugend: Prügel eingesteckt. Prügel verteilt. Küsse eingesteckt. Küsse verteilt. Das erste Bier. Heimlich geraucht. Das prägt. Ist das Heimat?
Wenn ich bei Schulfreunden zum Essen eingeladen war, gab es immer Kartoffelbrei, weil das schwäbisch sei, so wie ich. Ich mochte Kartoffelbrei nicht. Bei uns zuhause hieß er Kartoffelstock.
Wenn wir Verwandte besuchten, mussten wir immer wohinfahren. Andere hatten die alle im Dorf.


... Baden-Baden
(54 461 Einwohner)


Für eine weiterführende Schule musste man in die Stadt. Nach Baden-Baden. Vier Kilometer und eine ganze Welt entfernt. Da musste man Bus fahren. Oder Radeln. Später auch Trampen, weil der letzte Bus am frühen Abend fuhr und wir jetzt am Wochenende öfter „in die Stadt“ gingen, um mit den neuen Freunden von der neuen Schule „einen drauf zu machen“. Was eigentlich hieß: Bier von der Tanke und eine Band gründen. Was anderes gab´s nicht zu tun. Bis der Radius weiter wuchs, weil der erste von uns Führerschein und Auto hatte. Ab dann kam auf jeder Party im Morgengrauen die Idee auf, zum Frühstück nach Paris zu fahren. Grade mal fünf Stunden entfernt. Haben wir aber nie gemacht. Zum Glück!
Wenn ich gefragt werde, wo ich herkomme, sage ich Baden-Baden. Warum?


... Stuttgart

(613 392 Einwohner)


Dann zum Zivildienst in die große, weite Welt: Nach Stuttgart. Aber es wurde nicht fremder, es war fast ein bisschen eine Heimkehr. Die Familie väterlicherseits ist von hier. Da hat man dann zwei Mal im Jahr die Oma besucht und ist auf den Cannstatter Wasen „Göckele“ essen gegangen. Oder in die Wilhelma, den Stuttgarter Zoo. Jetzt wohnte ich hier, besuchte die Oma wöchentlich (!) und sah den eigenen Namen als Firmenschild über einer Einfahrt leuchten. Ein Umzugsunternehmen. Irgendwie sind die über ein paar Ecken auch mit mir verwandt. Mein Chef beim Zivildienst bekam das nicht in seinen Kopf, dass einer Löhle heißen kann, sich aber trotzdem nicht in Stuttgart auskennt. Dementsprechend seine Wegbeschreibungen. „Herr Löhle, des wissetse ja eh am beschde selber wo des isch.“


... die Schweiz
(7 901 000 Einwohner)


Ich bin halber Schweizer, weil meine Mutter aus der Schweiz ist. Da gibt’s einen Heimatort, der steht auch in meinem Schweizer Pass: St. Gallen-Straubenzell. Mit dem verbindet mich tatsächlich mehr als mit Ravensburg. In St. Gallen wohnten die Eltern der Mutter. Die hat man nicht Opa und Oma genannt, sondern italienisch Nonno und Nonna. Bis ich irgendwann italienisch gelernt habe, dachte ich immer, das ist aber verrückt, dass da ausgerechnet zwei heiraten, die so ähnliche Vornamen haben.
Seit ich denken kann, besitze ich ein Schweizer Taschenmesser und trage das ständig mit mir rum. Ich musste es wohl schon öfter vom Flughafen heimschicken, als dass ich es wirklich gebraucht hätte. Langsam denke ich dran, es mit dem Gepäck aufzugeben. Früher habe ich es immer verloren, dann hat der Nonno mir zum Geburtstag ein neues geschenkt.
Über die Familie der Mutter ist auch schon immer das Schweizer Deutsch zu hause vorhanden. Schulfreunde haben gelacht, weil wir alle Wörter auf der ersten Silbe betonten und Vélo, Pyjama und Töff sagten. Oder Tschutte, tschumple, läddele. Das habe ich dann übersetzt. Bei anderen Wörtern weiß ich nicht, ob sie schweizerisch, schwäbisch oder badisch sind: Zibeble zum Beispiel (Rosinen).
Ein Aufenthalt in der Schweiz ist also auch Heimat. Alpen, Schnee und Skifahren gehören zur Tradition. Rösti, Geschnetzeltes und Fondue sind keine „ausländischen“ Gerichte. Die gabs auch immer zuhause. Genauso wie das in jedem Schweizer Restaurant vorhandene Glutamat-Gewürz: Aromat. Wie es Deutschen geht, die in die Schweiz kommen, kann ich nachempfinden, wenn ich in Österreich bin. Da verstehe ich den Dialekt nicht und die Mentalität ist mir fremd.


... Italien

(60 770 000 Einwohner)


Letztes Jahr war ich für ein Theaterprojekt vier Tage in Rom. Ich war dort mal ein halbes Jahr während des Studiums, seither aber nicht mehr. Letztes Jahr meldete sich eine entfernte Cousine bei mir. Sie sei von dem Zweig der Familie, der eigentlich in Mailand lebe, zurzeit arbeite sie aber in Rom. Ob wir uns nicht treffen wollen. Klar wollte ich. Wir spazierten nachts ewig durch die Stadt, tauschten uns aus, glichen Informationen ab. Meine Cousine war deutlich fitter, was unseren Stammbaum angeht. Sie heißt, wie meine Mutter mit Mädchennamen, Ronzani. Die Ronzanis haben ihren Namen von einem kleinen norditalienischen Dorf, das so heißt. Vor ein paar Generationen gingen dann einige Richtung Mailand, andere kauften sich in die Schweiz ein. Bei Familienfeiern gab es immer ein paar Verwandte, die nur italienisch sprachen. Ich weiß noch, wie beeindruckt ich war, dass da einmal ein Mann war, der tatsächlich Andrea hieß. Irre. Ist also das Dorf Ronzani meine Heimat? Gehört denn die Quelle nicht zum Fluss?


... Deutschland

(81 726 000 Einwohner)


Das Schöne daran, woanders zu sein, ist, mehr darüber zu erfahren, wo man herkommt. Weggehen ermöglicht den Draufblick, die Analyse. Auf Reisen vergleicht man, wie die Dinge woanders laufen und was das für das Zuhause, für die Heimat bedeutet. Heimat ist ein komischer Begriff. Ich weiß nicht, ob ich ihn überhaupt verwende. Ich würde immer eher Zuhause und nach hause sagen, als Heimat und Heimkehr.
Man muss den Ort, wo man sich zuhause fühlt, verlassen, um ihn zu finden. Und um herauszufinden, wie man selber ist. Was hält man für selbstverständlich? Was für unmöglich? Was ist woanders besser? Ist man als Deutscher wirklich so pünktlich? Verabreden Sie sich mal mit einem Spanier. Sind die Deutschen wirklich so korrekt? Gehen Sie mal in einen italienischen Supermarkt einkaufen. Ist Deutschland wirklich so gut organisiert? Warten Sie mal auf ein Taxi in Frankreich. Mir fällt auf Reisen meistens auf, wie spießig und ordnungsliebend ich bin, obwohl das hier keiner von mir behaupten würde.


... Europa

(740 000 000 Einwohner)


Heimat entsteht erst über Abgrenzung und Vergleich. Und je weiter man sich entfernt, umso größer wird die Gruppe, der man sich zuordnet. Bin ich in Norddeutschland, sage ich, bei uns im Süden. Bin ich im Ausland, sage ich, bei uns in Deutschland und bin ich auf einem anderen Kontinent, sage ich, bei uns in Europa. Es geht also um Grenzen, die etwas ein-, und alles was sich anders verhält, ausschließen. Deshalb auch die Angst vor dem Begriff.
Aber wie weit muss man gehen, um etwas wirklich Fremdes zu finden? Ist das nicht das Erschreckende an einer Reise nach Amerika, gleichgültig, ob Nord- oder Süd-, dass man sich sogar in dem Verhalten dort wiedererkennt. Eine Woche in Montreal ist verwirrend, weil es zu einem Großteil wirkt, wie man sich die USA vorstellt, gleichzeitig aber, wenn nicht sogar noch mehr, an Frankreich erinnert. Und auf den Geldscheinen ist die Queen. Als ich dort war, wurde eine Straße für den Dreh des zweiten Teils von „Die Schlümpfe“ umgebaut. Es genügten ein anderer Briefkasten und zwei Renaults mit
französischem Kennzeichen und Montreal war Paris.
Ich war fast ein bisschen enttäuscht, als ich das erste Mal in Buenos Aires ankam und feststellte, nach fünfzehn Stunden Flug eine Stadt vorzufinden, die auf den ersten Blick irgendwie an Madrid erinnerte, jedenfalls nicht wirklich fremd war.
Und wenn das Heimat ist, die man da wiedererkennt, weil man sie in sich trägt, dann kann man in solchen Momenten spüren, wie die Europäer ihr Zuhause mitgenommen haben, als sie ausgewandert sind. Und zwar in Form von Tradition, Kultur, Sprache und Mentalität. Das Neue entsteht erst aus der Mischung der verschiedenen Heimaten – gibt’s dafür eigentlich eine korrekte Mehrzahl? Und wenn nicht, wieso nicht? — oder am Beispiel von Argentinien aus der Sehnsucht nach Heimat. Immerhin entstand so der Tango.


... die westliche Welt

(2 800 000 000 Einwohner)


Wo sind die Orte, die nichts mehr von Zuhause in sich tragen? Ein thailändischer Tempel? Ein chinesisches Festessen? Ein indischer Film? Ein afrikanischer Tanz? Warum muss man immer weiter fahren, um das Fremde zu finden? Und was heißt das für Zuhause? Warum hängt man im Allgemeinen daran, dass alles so ist, wie man es schon immer kennt? Ist das nicht Starrheit im Kopf? Und ist das nicht das, was wir eigentlich meinen, wenn wir Heimat sagen: Gewohnheit! Und diese Gewohnheit als Tradition getarnt zu erhalten, zu konservieren. Wie verändert sich die Einstellung zu einer fremden Kultur, wenn man sie kennenlernt, weil man dort hin muss, und nicht, weil man dort hin will? Man fühlt sich als Mensch eben in dem zuhause, was man einordnen kann, weil dann klar ist, was passiert. Überraschungen gibt’s ja noch im Erwartbaren genug. Heimat ist also rückwärts gerichtet. Eine Absicherung. Eine Vergewisserung. Eine Bewegung hin zum Ursprung.


... der Planet Erde
(7 000 000 000 Einwohner)


Genforscher haben die letzten Jahrzehnte damit verbracht, vergleichende Gena¬nalysen von Freiwilligen verschiedenster Nationen zu erstellen, um den geographischen Ursprungsort des heutigen Menschen zu finden. Sie lokalisierten so ein Gebiet im Osten Afrikas, kaum größer als Westerland, wo unser aller Vorfahren lebten. Von dort aus fing der Mensch an, vor circa 70 000 Jahren den Planeten zu erwandern und so zu bevölkern.
Das schöne an dieser Geschichte ist, dass es demnach also einen einzigen kleinen Ort gibt, wo wir alle herkommen. Wir sind tatsächlich alle Brüder und Schwestern. Und das Leben ein großes Familienfest! Wie schön das wäre, wenn das alle begreifen würden.