Foto: Federico Pedrotti
Foto: Federico Pedrotti

Thema des Monats - Mai 2013

Geerdet bleiben

Ein Porträt über die Nachwuchsschauspielerin Anna Drexler

 

Anna Drexler gilt derzeit als neuer Stern am Theaterschauspielerhimmel. Gerade einmal 23 Jahre alt wurde sie kürzlich mit dem O.E. Hasse-Preis ausgezeichnet.

 

Von Anne Fritsch

 

Es ist Premierenabend an den Münchner Kammerspielen. Tschechows „Onkel Wanja“. Auf der Bühne ein unbekanntes Gesicht. Eine junge Frau, die die Sonja spielt, die Nichte des Wanja, die mit ihm ein Leben lang auf dem Gut geschuftet hat. Für den abwesenden Professor, den sie bewunderte, der ihrem Tun irgendwie Sinn gab. Nun ist er da, der Professor, mit seiner zweiten Frau. Und auf einmal wird alles in Frage gestellt. Der Sinn und das Ganze. Dieser eitle Fatzke soll der Grund für all die Plackerei gewesen sein? Wanja verfällt in eine Depression, Sonja kämpft − und rennt gegen eine Wand der Lethargie und des Trübsinns. Diese Sonja steht im Zentrum der Inszenierung, die Karin Henkel erdachte und die dann aufgrund einer Krankheit der Regisseurin von Johan Simons vollendet wurde. Zwei Wochen vor der Premiere übernahm Simons die Regie − und Anna Drexler die Rolle der Sonja. (Denn neben der Regisseurin war auch noch eine Schauspielerin ausgestiegen.)

 

Und da steht sie nun, eröffnet den Abend. „Früher haben wir gearbeitet“, erklärt sie. „Früher haben wir immer um eins zu Mittag gegessen, wie alle Leute, aber seit sie da sind, essen wir erst um sieben!“ Alle Regelmäßigkeiten, alle Routinen sind mit der Ankunft des Professors verlustig gegangen − und mit ihnen die Existenzgrundlage von Sonja und Wanja, ihre Daseinsberechtigung. Was übrig geblieben ist, ist eine existentielle Leere, die zu füllen keiner der Anwesenden in der Lage ist. Anna Drexler steht in dem schwarzen Guckkasten, den Muriel Gerstner auf die Bühne gestellt hat. Und sie ist da. Von der ersten Sekunde ist sie so präsent, dass sie zum Höhepunkt dieser ohnehin großartigen Aufführung wird.

 

Doch wer ist sie? Warum kennt man sie nicht? Wo war sie bisher? Ganz einfach: Bisher − und eigentlich noch immer − ist Anna Drexler Schauspielschülerin an der Otto-Falckenberg-Schule. Gerade ist sei im dritten Jahr. Das vierte, das aus Vorbereitungen fürs Intendantenvorsprechen − und eben diesem − besteht, darf sie sich schenken: Johan Simons hat sie nach der Wanja-Premiere für zwei Jahre an die Kammerspiele engagiert. Und jeder, der sie gesehen hat, freut sich, sie in Zukunft öfter anschauen zu dürfen.

 

Szene aus "Onkel Wanja"                            Foto: Julian Röder

 

Dabei wollte Drexler eigentlich alles werden − nur nicht Schauspielerin. Ihre Eltern sind beide Schauspieler, darum hat sie das für sich lange komplett abgelehnt: „Bei uns daheim ging es sehr viel um Theater, meine Eltern haben viel darüber gesprochen und wir Kinder waren manchmal bei den Proben dabei. Ich fand das wahnsinnig trist“, erzählt sie. „Und ich wollte auf jeden Fall etwas ganz anderes machen. Zum Beispiel Konditorin werden.“

 

In der Waldorfschule in Berlin-Kreuzberg, die sie besucht hat, kam sie dennoch nicht rum ums Schauspielen: Drei große Theaterprojekte standen auf dem Lehrplan, in der 6., 8. und 12. Klasse. Die ersten beiden hat sie noch gut in Erinnerung: „Das kann man nicht Aufregung nennen, was mich davor überfallen hat. Das war Panik. Mir war kotzübel, und ich dachte, ich sterbe.“ Beim dritten Mal, sie spielte die Karoline in Horváths „Kasimir und Karoline“, hat‘s dann irgendwie klick gemacht. „Ich glaube, ich habe mich eine Zeitlang selbst verarscht, weil ich gedacht habe, ich muss unbedingt was anderes machen als meine Eltern und kann darum nicht ans Theater. Aber nach diesem Theaterprojekt hab ich mir eingestanden, dass mir das wahnsinnig Spaß macht und das ich da so viel Lust drauf habe.“ Ein Jahr hat sie sich gegeben, um einen Platz an einer Schauspielschule zu bekommen. An zwölf staatlichen Schulen hat sie sich beworben - mit dem Vorsatz: Wenn mich da keiner will, mach ich was anderes.

 

Sie hat also angefangen zu proben: die Eve aus Kleists „Zerbrochenem Krug“, Agafja aus „Die Heirat“ von Gogol und die Dani aus Palmetshofers „hamlet ist tot. keine schwerkraft“. Zwischendurch hat sie es ihrer Mutter und Freunden vorgespielt, um Stress abzubauen. „Zwei oder dreimal hab ich so Versammlungen abgehalten, damit ich nicht so schlotter. Das erste Mal hab ich in der Aula von unserer Schule gespielt, da saßen dann so 15 Nasen - und mir ist das vollkommen weggerutscht“, erinnert sie sich. „Ich war ganz traurig und verzweifelt. Das war die Totalkatastrophe, ich war völlig außer mir. Und ich hab mir gedacht: Gut, dass ich das gemacht habe. Ich hab das dann noch zweimal wiederholt, das war die vollkommene Qual - aber gut, glaube ich. Zumindest hatte ich das Gefühl, die größte Aufregung überwunden zu haben.“

 

Und dann ging‘s los: Vorsprechen in Berlin, München, Salzburg, Essen und Rostock. Herumreisen zwischen den Städten, in Hostels absteigen, morgens losziehen - und warten. „Das ist das Schlimmste. Du wartest stundenlang, weißt nicht, wann das aufhören soll, wann du drankommst. Du sitzt einfach da im Kostüm und schwitzt.“ Dabei hatte sie sich das so toll ausgedacht mit ihrem Kostüm: Sie hat ihre Rollen so aufgebaut, dass sie für jede neue immer nur ein Teil ausziehen musste. „Ich dachte, das ist effizient und praktisch“, lacht sie. Ans Schwitzen hat sie nicht gedacht. An das erste Vorsprechen in Berlin hat sie keine gute Erinnerung: „Das war nicht schön, ich hab mich doof behandelt gefühlt. Aber im Grunde war das gut für mich, weil ab da dachte ich: Ich mach das nur für mich. Wenn euch das nicht gefällt, dann eben nicht.“ Ab da lief‘s besser, sie kam überall weiter - und hatte schließlich den Luxus, sich am Ende eine Schule aussuchen zu können. Die Entscheidung für München fiel aus dem Bauch heraus.

 

Vergangenes Jahr schickte die Schule sie zu einem Vorsprechen ans Burgtheater: die Isabel in Justine del Cortes „Der Komet“, Regie Roland Schimmelpfennig. Sie fuhr nach Wien, sprach vor - und wurde noch in derselben Nacht engagiert: „Am nächsten Tag sind die Proben losgegangen. Ich hatte nichts dabei. Das war lustig. Ich habe vom Theater eine Wohnung bekommen - und das war einfach großartig. Eine eigene kleine Wohnung in Wien, im Zentrum: Wahnsinn.“ Auf einmal wurde die Idee von der Schauspielerei Realität. Anna Drexler verdiente Geld damit. Das fühlte sich gut an, vor allem, weil sie ständig im Kopf hat, welch risikobehafteten Beruf sie sich da ausgesucht hat. Ihr Vater war von Anfang an ängstlich, als er von ihrer Entscheidung erfuhr. Ihre Mutter rät ihr immer, sich ein zweites Standbein zu suchen. Beide wissen aus eigener Erfahrung, wovon sie reden. Eins hat sich Anna Drexler darum fest vorgenommen: Geerdet zu bleiben, nicht abzuheben. Unter dieser Prämisse aber ist der Schauspielerberuf einfach das, was sie will: „Ich bin einfach bereit, sehr viel Energie und alles, was ich so habe, dafür einzusetzen. Weil das einfach etwas ist, was mir wahnsinnig wichtig ist.“

 

 "Onkel Wanja"                                                Foto: Julian Röder

 

Und das spürt man, wenn man ihr zuschaut. Dass da jemand mit Leidenschaft bei der Sache ist. Sie ist keine, die schön sein will auf der Bühne. Sie ist eine, die ihrer Figur gerecht werden will. Als Sonja steht sie in einem gräulichen Kleid da, ihre Haare hängen strähnig aus dem Zopf, ihr Gesicht wird von einer immensen Brille verdeckt. Schön geht anders. Wenn sie dann vor einem sitzt, erkennt man sie kaum wieder. Ihre darstellerische Leistung wird einem noch mehr bewusst: Sie verwandelt sich im Spiel in eine völlig andere. Und das, obwohl die Ausgangssituation beim „Wanja“ selbst für eine gestandene Schauspielerin nicht einfach war: zwei Wochen vor der Premiere in eine so große Produktion, eine große Rolle einsteigen - das ist kein Pappenstiel. Simons und sie waren neu am Start. Drexler hatte ein Wochenende, um den Text zu lernen. „Aber Texte von Tschechow oder Kleist lernt man schneller als zum Beispiel Simon Stephens“, findet sie. „Da folgt eins aus dem anderen, das hat für mich eine ganz große Logik, während das andere irgendwie ein Haufen Worte sind.“

 

Die Proben hat sie dann als wahnsinnig leicht erlebt: alle entspannt, tolle Stimmung, keine Panik: „Das war wie eine Fügung, das ging alles so flup flup. Es hat einfach funktioniert.“ Es läuft einfach gerade sehr gut für die 23-Jährige, die 2012 den O.E. Hasse-Preis bekam und nun also dem Ensemble der Kammerspiele angehört. „Was Besseres kann ich mir nicht wünschen. Im Moment bin ich so wunschlos. Ich öffne mich für alles, was kommt - und: Es kann nur gut sein.“


Die Autorin ist freie Journalistin und schreibt regelmäßig für "Die Deutsche Bühne".