Thema des Monats - Juli 2013

Radi-was?

- Ein Eindruck zu „Radikal Büchner“

 

Unter dem Motto "Radikale Texte! Radikale Musik! Radikale Auftritte!" initiierte ZDFkultur gemeinsam mit der Stiftung Bauhaus Dessau anlässlich der 200. Wiederkehr von Georg Büchners Geburtstag den Schüler- und Jugendmusiktheaterwettbewerb "Radikal Büchner".

 

Von Bianca Praetorius

 

Radikal soll es sein. Radikal jung, radikal performativ, radikal kulturell. Was auch immer- hauptsache bitte ganz doll − naja,- radikal eben.

 

ZDFkultur hat zusammen mit der Stiftung Bauhaus Dessau einen Versuch gestartet, junge Talente zu fördern. Offensichtlich möglichst wild, wenn's geht.
Total schöne Idee, eigentlich. Büchner würde dieses Jahr seinen 200. Geburtstag feiern. Nehmen wir mal an, das sei Anlass genug, um zu schauen, was die „Jugend von heute“ so mit dem (tatsächlich ziemlich radikalen...) Georg so anfangen kann. Gesucht wurden also: Die radikalsten Büchner-Lover des Landes.

 

Gefunden haben sich rund 40 junge Musiker, Autoren und Performer, die sich zu Büchner bekennen. In der ersten Juniwoche traf sich das frisch zusammengebastelte Ensemble und verbrachte 4 Tage in der Bauhaus Universität Dessau. In diesen Tagen erarbeiteten sie dann interdisziplinär – und unter Eigenregie − eine 20 minütige Performance, die dann am letzte Abend vor Kamera und Publikum gezeigt wurde.

 

Durch die fabelhafte mediale Aufbereitung von ZDF Kultur, kann ich mir sparen, zu erzählen, was es zu sehen gab. Denn − viel schöner und viel ehrlicher: Man sieht es selbst. Hier (http://www.zdf.de/Radikal-Büchner/Radikal-Büchner-25185998.html) kann man sich die einstündige, sehr sehenswerte Dokumentation der Dessauer Tage ansehen. Außerdem natürlich, die fertigen einzelnen Performances der drei Gruppen.

 

                                                    Foto: Bianca Praetorius

 

Auf der Bühne stehen hervorragende Musiker, lustvoll spielende junge Menschen und Texte, die etwas erzählen wollen. Mit Büchner hatten die 20-Minuten Stücke allerdings nicht viel zu tun.
Aber, Moment − Warum sollte es auch?
Und „radikal“ war das eigentlich auch nicht.
Aber, hey: Warum sollte es auch?

 

(Dazu komme ich gleich...)

 

Ich habe bei „radikal Büchner“ wütende Monologe erwartet, Dantons Tod auf rückwärts in chinesisch und Woyzeck im Fliegen über Kopf, nackt.
Was kam, waren nachdenkliche Texte über Kinder und Eltern, übers Sterben, Überlegungen zu Authentizität, Kapitalismus und die Sehnsucht nach Revolution, die im Pinkeln an Häuserwände mündet.

 

Die Tage in Dessau waren für alle Teilnehmer wirklich wertvoll:
Tagelang mit unbekannten Gleichgesinnten in einer geschichtsträchtigen Architekturbrutstätte eine Performance entwickeln. Ein „Wir“ werden und selbstständig etwas auf die Bühne stellen, das Aufmerksamkeit bekommt: Traumkonditionen für jeden, der gerne Theater macht.

 

Ich habe mit den Teilnehmern am Abend nach der Aufführung lange Unterhaltungen geführt. Interessierte, wache, freundliche junge Menschen, die alle dringend etwas mit Musik/Schreiben/Theater machen wollen.
…..Das mit Büchner....hm. Der Konsens schmeckte wie: Wenn Büchner der Deckel ist, in dessen Topf die Möglichkeit wohnt, Theater zu erschaffen, dann eben Büchner.
Und ich finde: Verständlich.

 

Die Erwartung „radikal“ zu sein, das kennen die meisten nämlich schon. Einer der jungen Autoren verrät mir später bei Zigaretten und Weißwein: „Damit muss man halt irgendwie umgehen. Alle wollen immer was Junges und Wildes von dir und fragen dich nach deinem Impuls zur Revolution. Ich glaube, das ist mehr der Wunsch der Leute, die so etwas ins Leben rufen, als unserer. Ich soll jetzt also irgendwie radikal sein. Ok, na gut.“

 

Und damit ist eigentlich auch alles gesagt.

 

Was „radikal sein“ eigentlich ist, das bleibt irgendwie im Hals der Geste stecken.
Es wurden ZDF Kultur-Handtücher und Werbetaschen verteilt, die gerne immer mit ins Bild sollten, wenn die Kamera in der Nähe war. Warum das gut wäre und dass Werbung wichtig ist, wissen alle. Aber authentischer wird es dadurch auch nicht.

 

Und so benutzen beide Seiten Ihr Anliegen. ZDFkultur bekommt den schicken Beweis dafür, dass sich viele begeisterte junge Menschen für Theater interessieren. Quelle surprise! Die klassische Theaterhandschrift (Büchner) wurde erfolgreich mit dem neuen frischen Wind (den „radikalen“ Jugendlichen) verbunden. Treffer, versenkt. Win.

 

                                                 Foto: Bianca Praetorius

 

Die bühnenbegeisterten Jugendlichen bekamen eine Bühne, um ihre Kraft und ihr Können zu zeigen, welches in Massen vorhanden ist. Win-Win.

 

Die 17- 22-jährigen Autoren David Holdowanski
(http://www.literaturfestival.com/teilnehmer/autoren/2010/david-holdowanski), Martin Piekar(http://www.poetenladen.de/martin-piekar.php) , Sebastian Meineck (http://smeineck.jimdo.com/), die Puppenspielerin Amy Benkenstein oder der unglaubliche Singer / Songwriter Leonard Ottolien (http://www.youtube.com/watch?v=VM7ndmFkWOc) sind nur einige von Ihnen. Alle haben etwas zu erzählen und haben Eimerweise Talent in ihren weit unter der Hüfte hängenden Hosentaschen. Die Performances beschäftigten sich also − nur so viel wie musste − mit Büchner und − nur so viel wie es erträglich war − mit dem albernen Postulat der Radikalität.

 

Was macht ihr mit der Radikalität, die da von euch erwartet wird?, frage ich den 21jährigen, sehr unaufgeregten Autoren Sebastian Meineck mit der beindruckend tiefen und ruhigen Stimme. „Nun ja, das haben wir uns auch gefragt. Dann haben wir nachgeschaut − was bedeutet das überhaupt- „radikal“? Es bedeutet, etwas bei der Wurzel anzupacken und dann konsequent zu handeln. Das haben wir gemacht.

 

Jeden der jungen Menschen, mit denen ich in dieser Sommernacht noch sprechen werde, sagt mir eins: Das beste war der Prozess. Es sei fast unwichtig, wie die Performance später aussehen wird oder was vorkommt und was nicht. Der Probenprozess war für die meisten das erste Mal, dass sie einen kompletten Theaterprozess erleben konnten. Die Autoren sahen dabei zu, wie spielbar oder unspielbar ihre Texten sein können und die Musiker hatten plötzlich Tänzer, die sich körperlich zu ihrer Musik verhalten können. Alles ohne einen Regisseur.

 

„Die Erfahrung, wie schnell aus lauter Fremden in wenigen Tagen eine Gruppe entsteht und wir gemeinsam etwas erschaffen haben, das ist unglaublich. Wir konnten uns alle einbringen und mussten dabei untereinander aushandeln, was wir erzählen und wann wer zu kurz kommt. Das war so intensiv, wie noch nie etwas“, sagt einer der jungen Spieler begeistert über die Tage in Dessau.

 

Glaube ich sofort.
Diese Tage haben wahrscheinlich viel mehr geleistet, als eine „radikale Büchner Performance“ je leisten könnte. Sie haben 40 jungen Menschen, die für die Bühne brennen, die Erfahrung geschenkt, zu erleben wie es ist, gemeinsam eine Idee zum Leben zu erwecken. Aus dem Nichts, mit all den Tränen und dem Schweiß, der bei solchen Gruppendynamiken mit in der Einkaufstüte liegt.

 

Dass „Radikal Büchner“ nicht so radikal Büchner wurde wie es wollte, ist nicht wichtig.

 

Allerdings − vielleicht sollte in den Küchen, in denen solche Konzepte gekocht werden, einmal überlegt werden, ob es tatsächlich so ein Motto braucht. Vielleicht landen noch viel spannendere Dinge auf der Bühne, wenn man die hochtalentierten Jugendlichen ganz ohne radikale/ wilde/ junge/ frische oder revolutionäre Erwartungen „ihr Theater“ machen lässt.

 

Bianca Praetorius, Jahrgang 1984. Gefühltes Referenzsystem aus Fetzen eines Studiums der Soziologie/ Psychologie/ Philosophie in Frankfurt am Main und einer Schauspielausbildung in Berlin. Seit 2011 schreibt sie für verschiedene Bühnen, Kurzfilmprojekte, Magazine und ihr deutschsprachiges Popduo MILON. 2011 wurden ein modernes Märchen sowie ein bittersüßer Weihnachtsabend in Berlin und am Landestheater Coburg uraufgeführt. 2012 schreibt sie die Texte für „Maskenzeiten“, einer Produktion des jungen DT am Deutschen Theater in Berlin unter der Regie von Gudrun Herrbold.

 

Fotos: Bianca Praetorius


 

Wer war Georg Büchner?

Büchner, 1813 in der Nähe von Darmstadt geboren, begann schon mit 19 Jahren ein Medizinstudium, konzentrierte sich dann auf Naturwissenschaften und legte seine Doktorarbeit mit einer Untersuchung über die Nervenstruktur von Fischen ab. Mit 23 wurde er Privatdozent in Zürich, kurze Zeit später starb er in der Schweiz an Typhus. Drei Theaterstücke, eine Novelle, eine politische Streitschrift, dazu ein paar Briefe und eine Handvoll wissenschaftliche Texte - das ist die Ausbeute seines kurzen Lebens. Trotz seines schmalen Werkes gilt Büchner als einer der bedeutendsten Literaten des Vormärz.