Thema des Monats - August 2013

Hunger auf ein Mikrofon

 

In diesem Monat geht es einmal um eine andere Form der Bühnenkunst, nämlich um Poetry Slam. Was ist das eigentlich genau, mag sich der ein oder andere fragen? Ein waschechter Slammer gibt Einblicke.

 

Von Rolf Suter alias Lyrenbold

 

Der Benderhof in Kaiserslautern platzt aus allen Nähten. Das Kulturkollektiv hat zum Poetry Slam geladen. Der Dichterwettstreit ist „für umme“, Kultur soll für alle da sein. Im Publikum sitzen mehrheitlich junge Frauen bis Mitte Zwanzig. Auf den Billardtisch liegt ein Holzbrett, fertig ist die Bühne. Anfangs werden die Regeln erklärt. Die Slammer präsentieren eigene Texte, Stil und Form sind völlig frei, Verkleidung und Hilfsmittel sind nicht erlaubt. Per Applaus bestimmt das Publikum die Finalisten und den Sieger unter den Slammern.


Moderator Felix im Frack setzt geistreich Pointen und lässt doch die Slammer im Rampenlicht. Viele Poeten geben erstmals selbst Verfasstes zum Besten. So auch Markus Becherer, genannt De Bechie, Chemiker und Späteinsteiger. Er macht uns zu Couch-Potatoes, wir zappen gemeinsam durch die TV-Sender. Seine Kurzszenen werden zu einer absurden Geschichte. Wir kennen es, am Feierabend ohne Kraft für bessere Alternativen. Getroffene Hunde lachen. Doch De Bechie hilft uns aus dem Sofa und schenkt uns Fragen bei denen die Seele vibriert. „Kennst du das Gefühl von Schwerelosigkeit, während man unter der Wasseroberfläche dieser Weltmeere gleitet?“ Wir spüren: Ja, darum geht es! Und begegnen uns selbst. Nach seinem Vortrag folgt ein kleiner Moment der Stille. Dann kocht der Benderhof über, wir sind außer Rand und Band. Markus ist völlig überrollt von dem, was De Bechie vollbracht hat.

 

Markus Becherer alias De Bechie                         Foto: Rolf Suter


Markus baut eine Brücke zwischen Humor und Nachdenklichkeit, ohne zu missionieren. Als Botschafter dem Wortsinne nach, bereitet er Freude, gibt Denkanstöße und lädt zum Träumen ein. Wir machen uns unseren Reim auf seine ungereimten Texte. Texten und Slammen sind ihm lieb gewordene Hobbys als Ausgleich zum Laboralltag. De Bechie beflügeln die stilistische Freiheit und die Abwesenheit des Rotstifts aus Schulzeiten. Der Siegertyp mag das angenehme Kribbeln des Wettkampfs. Doch er findet es schade, wenn guten Texten, die nicht gewinnen, weniger Beachtung geschenkt wird. Für sich persönlich wünscht sich Markus mehr freie Zeit und „für unseren blauen Planeten mehr Grün“. Er hält etwa 15 seiner Texte für bühnentauglich. Eine ungeschriebene Slammer-Regel lautet „ein Text nur einmal am selben Ort“. Bei etwas Reisebereitschaft kann De Bechie damit einige Jahre sein Publikum begeistern.

 

Im Pforzheimer „Kupferdächle“ wird alle zwei Monate geslammt. Die Brüder Lino und Andi Wirag moderieren den Goldstadtslam seit 2003. Lino steht ebenso lange als Gelegenheitsslammer auf der Bühne. Die Wirags buchen keine Szenestars, geben jedem Poeten eine Chance sich zu entwickeln. So können sich 16-jährige Schüler ausprobieren, deren Lehrerin engagiert und begeistert im Publikum sitzt. Die Zuschauer erwarten keine Perfektion und genießen die Vielfalt der Vorträge.

 

Benjamin Steinhagen hat sich zum Pforzheimer Kultslammer gemausert. Die Kollegen und das Stammpublikum wissen, was sie erwarten dürfen. Mit wachsender Erfahrung wurde er strenger mit sich und seinen Texten und bringt aktuell eine gute Hand voll davon auf die Bühne. Seine humoristischen Stücke sind hintersinnig, kippen nicht in den Klamauk. In Slamstimmung versetzen ihn Sommer- und Regentage, gute und schlechte Laune und freilich „ungesaugte Wohnungen“. Benjamin spürt es, wenn Texten möglich ist, und braucht dann umgehend einen Stift.

 

Seit gut vier Jahren slammt er als „Böni“, ohne Allüren macht er sein Ding mit jugendlicher Freude. „Es ist nicht leicht ein Böni zu sein“ ist seine augenzwinkernde Devise. Der „Rastaman“ ist eine Type. Steht er auf der Bühne, geht die Sonne auf... oder unter. Vom ersten Wort an sind wir in Feierlaune. Mit der Gnade des besonderen Blicks, ist Böni ein Manfred Deix der Worte. Er beschreibt oft deftig schrullige, kritikresistente Menschen wie Rosalinde Wischmobgewinde, die Krieg gegen eine Milbenarmee führt. Zu einem anderen Vortrag machen wir für ihn das Tick-Tack der Uhr, dazu fabuliert er immer schneller über unseren hektischen Alltag. Wir belachen unsere Rastlosigkeit, manche Worte gehen im Jubel unter. Als sein Applaus aufbrandet, ist Benjamin zufrieden aus der Puste. Er hat alles gegeben UND uns den Spiegel gereicht.

 

 Benjamin Steinhagen alias Böni                         Foto: Rolf Suter

 

Ein Slam-Abend bedeutet für ihn feiern und gefeiert werden, Freibier, Umarmungen und „ein bisschen Untergang“. Böni mag die Offenheit und Vernetzung der Slammer. Dagegen bemängelt er die 2-Klassen-Slamily, die dadurch entsteht, dass Gewinner gebucht werden. Inzwischen schreibt und produziert Beniamin Steinhagen auch Hörspiele. In einem davon nimmt er wieder den Sauberkeitswahn aufs Korn. Rosalindes Mob wurde durch einen Staubsauger ersetzt.

 

Zwei Monate später wird im Kupferdächle 10 Jahre Goldstadt-Slam gefeiert. Lino und Andi haben sich für die „Dead or Alive-Variante“ entschieden. Hierbei treten fünf Poeten mit klassischen Texten gegen fünf Slammer mit eigenen Texten an.

 

Nach Wolfgang Borchert gehört Rainer Maria Rilke die Bühne. Gestochen scharf sind seine Worte zu vernehmen, der Text ist entstaubt. Fabian Neidhardt (http://blog.mokita.de/) nimmt uns mit auf eine Zeitreise, er lässt nachdenken und schmunzeln. Es macht dem Studenten der Sprechkunst spürbar Freude, sich in die Rolle des Dichters zu begeben. Wie alle Teilnehmer bekommt Fabian keine Gage, doch Applaus umso mehr. Er hat sein eigenes Buch ausgelegt. Als Slammer präsentiert der Stuttgarter bereits seit zehn Jahren eigene Texte, er bietet zudem Poetry Slam Workshops an.

 

Fabian schreibt, um Erlebtes zu verarbeiten und in Erinnerung zu behalten. Er ist überzeugt, dass mit dem richtigen Blick auf die Welt viel Gutes zu entdecken ist. Er mag es, davon Geschichten zu erzählen und damit seinen Zuhörern ein Lächeln zu schenken. Einige Dutzend Texte hat er auf Lager, obgleich er den Poetry Slam nur als eine Nebensache ansieht.

 

Florian Arleth (http://brotundkunst.blogspot.de/) ist hoch gewachsen und schlank, eine markante Erscheinung. Seinen Kopf ziert eine Baseballmütze, die kantige Brille wirkt wie ein Statement. Manchmal schaut er abwesend, doch sein Geist ist hellwach, es lauern nicht alltägliche Gedanken. Florian ist ein Meister anschaulicher Milieubeschreibungen, Allen Ginsberg reloaded. Er liebt die alten Beat Generation-Zeiten und seine Schreibmaschine. Kompromisslos taucht Florian in seine Figuren ein. Jene denen es gegeben ist, ihm auf die Reise zu folgen, saugen seine Worte auf. Die anderen führt Florians monotone Stimme in den Halbschlaf. Florian wird wohl mit seinen sperrigen Texten keinen Slam gewinnen, er ist das Gegenteil von Mainstream. Seine Texte buhlen nicht um Lacher, der Vortrag ist performancefrei. Er will „bestenfalls authentisch texten“. Die Vertreter des Klamauks sind ihm ein Gräuel. Jene Anbiederer, die Standup-Commedians der TV-Privatsender imitieren, sind erschreckend erfolgreich.

 

Florian Arleth                                                        Foto: privat

 

Florian gefällt die verwurzelte Slam-Subkultur, er pflegt den Austausch mit anderen Slammern. Als offenen Schreibmenschen locken ihn vor allem drei Freibiere in den Wettkampf. Der Fabrikant von Prosa hält mit seinen Texten Gedanken und Gefühle fest. Diese können spontanen Gedanken entspringen oder die gezielte Umsetzung eines Themas sein.

 

Der Bauzeichner hat gerade sein Germanistik-& Anglistikstudium abgeschlossen. Florian lebt seinen Traum und bestreitet seinen Lebensunterhalt jenseits eines 40-Stunden-Jobs. Er ist Redakteur einer Kinozeitschrift, Nachhilfelehrer, sowie Leiter des Kleinverlags „Brot & Kunst“. Außerdem bekommt er gelegentlich Grafikaufträge und verdient ein paar Euro mit Dingen, die er „an guten Tagen Kunst" nennt. Er wünscht sich, es gäbe weniger Technik und mehr Besinnung aufs Wesentliche. Er bezieht ungern Stellung und fühlt sich doch als Kämpfer gegen Institutionen, Elitedenken und die Vermarktung minderwertiger Kulturprodukte. Florian beglückt es, Dinge zu schaffen, mit denen er sich ausdrücken und verstanden werden kann.

 

Mehrheitlich sind es junge Männer, die dieses Genre wachsen und gedeihen lassen. Bechie, Böni, Florian und Fabian stehen stellvertretend für die Vielfalt und die Kreativität der Slamkultur. Art und Intention ihrer Texte unterscheiden sich, doch die Lust am Umgang mit Worten eint sie. Mit einer gelungenen Synthese von Text und Performance begeistern sie ihre Zuhörer. Das Publikum freut sich über Denkanstöße, anrührende Geschichten oder humoristische Zwerchfellreizungen. Gelungene Slam-Abende inspirieren mich häufig zu eigenen Texten. Wenn sie aus mir heraus fließen, macht dies Hunger auf ein Mikrofon.

 

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"homeslam" des Autors "Lyrenbold" und "Slamlokation" in Karlsruhe - Slam monatlich am letzten Freitag: http://www.kohi.de

Großes Info-Portal mt Slam-Terminen: http://myslam.net
 

 

 

Foto: privat
Foto: privat

Rolf Suter steht seit einem Jahr unter dem Pseudonym „Lyrenbold“ selbst auf der Poetry Slam-Bühne. Der 51-jährige Sozialarbeiter ist Vater zweier jugendlicher Söhne und lebt in Weingarten bei Karlsruhe. Er nutzt das Texten und Slammen als Jungbrunnen für Geist und Seele. Neben dem Texten „im stillen Kämmerlein“ ist er gern fotografierend, wandernd und joggend in der Natur.

 

► Hier könnt ihr zwei Texte der Slammer lesen.