Thema des Monats - September 2013

Die Nacht wird zum Tag


Im Rahmen unserer unregelmäßigen Studienreihe geben wir euch einen Einblick in den Studiengang Maskenbild an der Bayerischen Theaterakademie "August Everding". Über Herausforderungen, Perspektiven und den ganz normalen Lernalltag berichetet einen ehemalige Studentin.


Von Bianca Bättig

 

„Sind Sie sich wirklich sicher, dass Sie dieses Studium antreten wollen? Überlegen Sie es sich gut. Das Studium ist sehr zeitintensiv. Eine 60 Stunden Woche ist durchaus Alltag.“
„Klar, ich bin bereit dafür.“

 

Dies ist ein Auszug aus dem ersten Telefongespräch mit der Studiengangleiterin, nachdem sie mir mitgeteilt hatte, dass ich die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Was zeitintensiv bedeutet, habe ich erst in den nächsten drei Jahren wirklich verstanden.

 

Ich wusste nicht von klein auf, was ich mal werden möchte. Ich habe zwar schon immer mit dem Schminkzeug meiner Mutter geübt, doch empfand ich das nie als wegweisend. Erst als ich an der Kunsthochschule in Zürich ein Grundjahr absolviert hatte, habe ich die entscheidende Richtung eingeschlagen. Ich habe mich intensiv mit dem menschlichen Körper und Veränderungen am Körper auseinandergesetzt. Was mich immer wieder fasziniert hat, waren die unbegrenzten Möglichkeiten in meinem Tun. Per Zufall stieß ich auf die Internetseite der Bayerischen Theaterakademie. Von da an wusste ich, wo ich hin wollte und bewarb mich umgehend. Ich hatte bis dahin nichts mit Theater zu tun und wusste auch nicht so recht, was mich bei diesem Studium erwarten würde.

 

Aber zuerst, finde ich, muss ich das Studium des Maskenbilds etwas erläutern. Immer wieder erlebe ich, dass sich viele nichts darunter vorstellen können.

 

Der Studiengang Maskenbild Theater und Film ist, wie der Name schon sagt, als Ausbildung in beiden Bereichen zu verstehen. Wir erlernen, das klassische Maskenbildhandwerk wie zum Beispiel Haarteile, Bärte und Perücken herzustellen, historisch und modern zu frisieren/schminken und Haare zu schneiden. Darüber hinaus lernen wir, mit Silikonteilen einen Menschen beliebig altern zu lassen oder aus PU-Schäumen, Harzen oder Kunststoffen Dinge zur Veränderung eines Menschen herzustellen. Letzteres war besonders gefragt, als unser Studiengang im Sommer 2012 mit dem ZDF kooperierte: Bei der Produktion des ZDF-Weihnachtsmärchens, der Verfilmung von „Die Schöne und das Biest“, haben wir die komplette Maske vom Biest entworfen und umgesetzt.

 

Die Schöne oder das Biest?   Foto: Bayerische Theaterakademie

 

Was den Studiengang von anderen Maskenbild-Ausbildungen unterscheidet sind die theoretischen Fächer. Es geht nicht nur darum die Dinge herzustellen, sondern auch zu verstehen, warum und wieso. Die theoretischen Fächer sind Dramen-, Opern- und Filmanalyse, Lichtdesign, Kunstgeschichte, Semiotik (Zeichenlehre), Ästhetik, Kostümkunde und Produktionsprozesse. Diese sollten uns helfen selber Konzepte herzuleiten, die Figuren eines Stückes zu erfassen und in eine funktionierende Maske umzuwandeln.

 

An meinem ersten Tag sitze ich nun mit sieben anderen jungen Frauen im Werkstattraum. Was wir alle noch nicht ahnen: Dieser Raum wird für die nächsten Jahre mehr als ein Unterrichtsraum, mehr als ein Raum für Kreativität sein. Er wird zum Schauplatz unserer Leben. Direkt in der ersten Woche tauchten wir in die Materie des Maskenbilds ein. Intensives Modellieren wurde durch Haare schneiden abgelöst. Relativ schnell stand die erste Theaterproduktion an. Für „le nozze di Figaro“ sollten wir den Chor schminken. Ich erinnere mich noch gut, wie nervös ich davor war, einen Darsteller vor mir sitzen zu haben. Für mich ist es bis heute noch ein aufregender Moment, wenn sich der Darsteller zum ersten Mal von mir schminken lässt. Das wohl wichtigste Attribut eines Maskenbildners, die sogenannten „soft skills“, werden durch Arbeitserfahrung erlernt. Damit ist die Feinfühligkeit und soziale Kompetenz gemeint. Ein Maskenbildner muss gut am Darsteller arbeiten können und im Team funktionieren. Es geht darum den Darsteller einzuschätzen, um eine angenehme Arbeitsatmosphäre für beide schaffen zu können. Das Spezielle bei meiner Arbeit ist, jemand völlig Fremdem so nahe zu sein und sein Vertrauen zu gewinnen.

 

Und schon war man also mitten im Studium. Die Tage flogen nur so vorbei. Immer mehr Projekte wurden an uns herangetragen. Die Reihe der „EigenArten“-Projekte wurde genau zu dieser Zeit ins Leben gerufen. Von Studenten initiiert und von der Akademie unterstützt ist dies die Möglichkeit für Studenten mit finanzieller Unterstützung von Seiten der Akademie, eigene Projekte zu realisieren. Ich selber war bei den ersten Treffen und der Entwicklung dabei und hatte das Glück bei dem ersten Projekt „Malinche – Ein Herrenabend“ mitzumachen: eine meiner ersten und besten Theatererfahrungen, die ich während meiner Studienzeit erleben durfte. Überhaupt, die Arbeit mit den unterschiedlichen Studiengängen an der Akademie habe ich immer als sehr bereichernd empfunden. Das Verständnis für die anderen Theaterberufe steigt und die Klischees schwächen sich ab, da man mitkriegt, was wirklich Bestandteil jeder Ausbildung ist. Und durch die zahlreichen Akademieproduktionen lernt man miteinander zu arbeiten und Erfahrung zu sammeln.

 

Mittlerweile habe ich verstanden, was mit zeitintensiv gemeint ist. Das Schlafen wird durch Arbeiten ersetzt. Manchmal verliert man die Übersicht über die Tage oder lebt nur noch von Brötchen aus der Kantine, weil man kaum Gelegenheit hat, zu den Ladenöffnungszeiten einzukaufen. Es gilt, sich mit dieser Situation zu arrangieren. Die wichtigsten Voraussetzungen für ein Studium an der Theaterakademie sind Überzeugung und Leidenschaft. Die fangen dich auf, wenn du dir nicht sicher bist, wie du die Arbeit bewältigen sollst. Ich bin jemand, der sehr gerne viel arbeitet und ausdauernd ist. Aber auch ich bin während des Studiums an meine Belastungsgrenze gestoßen. Doch rückblickend war es eine gute Erfahrung. Durch solche extremen Situationen lernt man sich selber kennen und kann in Zukunft besser damit umgehen.

 

Wie intensiv so ein Studium ist, merkt man nicht nur an der Zeit, die man hineinsteckt, man ist auch immer von Menschen umgeben. Dies ist, wie ich finde, ein sehr schöner Aspekt meiner Arbeit, doch kann man dem auch nicht entfliehen. Bei uns im Studiengang findet der Unterricht immer gemeinsam mit allen anderen eines Jahrgangs statt. Wir waren zu acht. Wenn acht Frauen in einem Raum nahezu durchgehend zusammen arbeiten, kann das schon einmal zu Reibereien führen, milde ausgedrückt. Aber bei uns war das kein Problem. Ich muss sagen, dass ich ohne meinen Jahrgang nur halb so viel gute Erinnerungen an die Studienzeit hätte. Unsere Gruppe bestand aus ganz verschiedenen Persönlichkeiten, die es geschafft haben in drei Jahren zu guten Freunden zu werden. Gegenseitigen Respekt vor der Person und Arbeit, wie auch der Zusammenhalt in der Gruppe, ließen uns die drei Jahre miteinander genießen.

 

Vorher - Nachher             Foto: Bayerische Theaterakademie

 

Nun stehe ich nach diesen drei Jahren mit einem Bachelorabschluss in der Tasche vor meiner Zukunft und bin wieder auf der Suche nach dem richtigen Weg. Man macht sich Gedanken in welchen Bereich man einsteigen möchte oder ob man genug gelernt hat. Da wir nicht in einem regulären Theaterbetrieb ausgebildet werden, wird uns immer wieder nachgesagt, dass wir zu wenig Praxis hätten, was sich dann zum Beispiel in unserem Arbeitstempo oder Ausführung niederschlagen würde. Davor hatte ich immer Angst, dass ich in einem Theater anfange zu arbeiten und nicht mit dem Tempo oder der Arbeit klarkomme. Doch durch Gespräche mit Absolventen, die schon im Arbeitsleben sind, konnte diese Befürchtung nicht bestätigt werden. Was mir persönlich vollends die Angst genommen hat war meine praktische Bachelorprüfung. Unsere Prüfung bestand darin, die Solisten in zwei Frühwerken von Wagner („Rienzi“ und „Das Liebesverbot“) bei den Bayreuther Festspielen zu schminken. Da habe ich gemerkt, was ich in den drei Jahren alles gelernt habe. Das hat mir ein Gefühl von Sicherheit gegeben, damit ich selbstbewusst in meine Zukunft starten kann.

 

Im Oktober trete ich eine Stelle am Luzerner Theater an. Die Chefmaskenbildnerin Lena Mandler war ebenfalls an der Theaterakademie und weiß, was man nach dem Maskenbildstudium alles kann. Diese Tatsache beruhigt mich, denn ich werde nicht mit falschen Erwartungen konfrontiert.

 

Ich weiß noch nicht ganz sicher, ob ich wirklich ans Theater möchte. Es gibt viele Bereiche, wie zum Bespiel Fotografie, die mich reizen. Doch ich möchte alles zuerst ausprobieren, bis ich etwas ausschließe.

 

Ich habe in diesem Studium sehr, sehr viel gelernt. Nicht nur neues Wissen und ein Handwerk, sondern auch die Liebe zum Theater entdeckt. Man macht in so einer intensiven Zeit auch eine enorme persönliche Entwicklung mit. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Chance hatte, an der Bayerischen Theaterakademie August Everding zu studieren und mich zu entwickeln. Es war bis jetzt die wohl anstrengendste Zeit meines Lebens, aber auch die Beste.

 

Weitere Informationen zur Autorin unter http://www.bianca-baettig.com/

Foto: Franziska Schrödinger
Foto: Franziska Schrödinger