Thema des Monats - Oktober 2013

This experience has no one ever made


Erfahrungen aus einem Theater-Labyrinth

 

Fortsetzung des Gewinnerbeitrags unserer Umfrage "Mein größtes Theatererlebnis" im aktuellen Heft der jungen bühne.

 

Von Paul Bullinger

 

...

 

Auf jeden Fall bin ich nicht ich. Ich rede nur wenig, und wenn, dann in einem tiefen Ton. Ich ahme die Gebärden meiner Gegenüber nach. Meine ersten zwei Blätter sind erstaunlich gut. Was passiert, wenn ich gewinne? Was, wenn ich verliere? Die Schauspieler werden mir schon zeigen, was ich zu tun habe. Ich setze, ich verliere. Ich fange an, mich zu fragen, wie ich hier wieder herauskomme. Darf ich einfach aufstehen und gehen? Bin ich wirklich frei, geschützt in diesem Theaterstück? Kann ich jederzeit sagen „Stopp. Ich möchte gehen.“?

 

Ich verliere alles. Und stehe auf. Eine weitere Tür, ein Gang. Ich betrete ein neues Zimmer. An der Wand steht ein eisernes Doppelstockbett. Davor sitzen zwei Asiaten und einige – wahrscheinlich – Theaterbesucher. Ich soll die Schuhe ausziehen. Die beiden Asiaten sprechen kein Deutsch. Man verständigt sich so. Gebärden, Zeichensprache. Sie kommen aus Hong Kong. In der Ecke steht ein Laptop mit Skype. Ich setze mich an den kleinen Tisch, der vor dem Bett steht. Ein Fernseher hängt an der grünen Zimmerwand und zeigt einen chinesischer Actionfilm. Es sind noch zwei Frauen und ein Mädchen da. Und eben die Chinesen. Wir unterhalten uns, was wir machen, wo wir herkommen. Lai. Nou. Du und ich auf Kantonesisch. Über dem Schrank mit den Keksen steht ein Vogelkäfig. Mir werden Essstäbchen angeboten und ich probiere die Teig-Reisbällchen, die auf dem Tisch stehen. Das Mädchen neben mir steht auf. Sie zieht sich die Schuhe an und will gehen. Als auch die anderen beiden gehen, sitze ich plötzlich alleine da. In dem kleinen Hotelzimmer mit den grünen Wänden. Mit zwei Hong-Kong-Chinesen, die kein Deutsch können. An der Wand läuft immer noch ein chinesischer Actionfilm. Vor mir auf dem Tisch stehen Teig-Reisbällchen, die ich mit Stäbchen esse. Mir wird Reiswein angeboten. Über mir fiepen die Vögel. Und in dem Moment trifft mich die Erkenntnis mit voller Wucht. Ich bin hier. In diesem Zimmer, mit diesen Menschen, die mich nicht verstehen können. Oder nicht verstehen wollen. Oder nicht dürfen. Es gibt nichts außer uns und diesem Raum. Keinen Zuschauer neben mir, keine Theaterkarte, die ich in meinen Händen falte, keine Jacke, die über meinen Knien liegt. Kein weicher Sessel, kein grün leuchtendes Notausgang-Schild, keine Scheinwerfer. Bin ich wirklich hier? In Berlin? In einem Theater? Ist das ein Stück? Ist das Fiktion? Vorstellung? Ich stelle mir nichts vor. Es gibt nichts, was ich mir vorstellen müsste. Die Wände sind real, die Menschen, das Bett, das Essen, das ich esse und die Stäbchen mit denen ich es esse. Das alles ist real. Es existiert. Was wäre der Unterschied, wenn ich wirklich irgendwo in Lodz säße, in einem Hotel namens Savoy? Mit Hong-Kong-Chinesen, die mich nicht verstehen? Und einem chinesischen Actionfilm, der an der Wand läuft?
Es gäbe keinen.
Dieser Moment ist keine Vorstellung.
Dieser Moment existiert. Er ist real.

 

Das sage ich Li Joao, einem der beiden. Ich sage es auf Deutsch. „Für mich ist dieser Moment real. Vollkommen real. Obwohl ich weiß, dass du mich verstehst.“ Er sieht mich an. Seine Augen funkeln. Leicht, fast unmerklich, heben sich seine Mundwinkel. Einen Sekundenbruchteil, nicht länger. Aber genug, um zu verstehen. Dann redet er los. Auf Kantonesisch. Ich verstehe kein Wort. Und bin wieder da, in dem Hotelzimmer, von dem ich nicht weiß, wo es ist. Mit den beiden Chinesen und dem Reiswein vor mir. Das seltsame ist: Er hat mir geantwortet. Mit seiner Körpersprache hat er gesagt: Nein, ich verstehe dich nicht.

 

Der Rest verschwindet, verliert an Bedeutung. Ich werde von Raum zu Raum geschickt. Ich habe die Lottozahlen und ein vierstellige Zahl. Aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Schließlich werde ich zum Schwarzen Raum geschickt. Ein verbrannter Fernseher hängt an der Wand, Brandlöcher in der Decke. Ich warte, gehe durch die nächste Tür. Dann ist Schluss.

 

Ich trete auf die Straße. In meinen Händen drehe ich die Essstäbchen. Ich habe Bloomfield nie getroffen. Noch immer habe ich in meiner Hosentasche das, was alle gesucht haben: Die Lottozahlen. Und eine vierstellige Zahl um spielen zu können. Um gewinnen zu können. Um das Ziel zu erreichen. Trifft man Bloomfield am Ende? Habe ich das Ziel nicht erreicht? Habe ich etwas verpasst? Die Fragen verschwinden. Es geht nicht darum. Es geht um etwas anderes, was hinter all den intensiven Eindrücken verschwindet, die ich in der letzten Stunde gemacht habe. Es geht um die Frage nach der Realität.


Wir danken dem Maxim Gorki Theater für die freundliche Unterstützung in Form zweier Theatergutscheine.