Thema des Monats - November 2013

Diskursfestival in Gießen

Nachbericht

 

Vom 9. bis zum 13. Oktober fand in Gießen zum 29. Mal das Diskursfestival statt. Mit dem Ziel eine Plattform für den Austausch und die Förderung junger internationaler KünstlerInnen zu bilden, kuratierten und organisierten Studierende der Angewandten Theaterwissenschaft der Justus-Liebig Universität das Festival DISKURS’I3.

 

Von Maria Isabel Hagen, Eleonora Herder, Ekaterina Kel, Rahel Kesselring und Jan Kühling

 

Seit neunundzwanzig Jahren veranstalten die Studierenden der Angewandten Theaterwissenschaft das Diskursfestival in Gießen. Das ausschließlich von Studentinnen organisierte Festival sieht sich als Plattform des Austauschs und der Präsentation von internationaler Theater- und Performancekunst. Dabei ist der Name Programm: Während der Festivalzeit wird explizit eine diskursive Auseinandersetzung mit den eingeladenen Künstlern und Besucherinnen angestrebt und es ist nur naheliegend, dass auch das Format des DISKURSES selbst immer wieder in Frage gestellt wird.

 

                                                             Foto: Katharina Speckmann

 

So gab es über die Jahre hinweg nicht nur Diskursfestivals, sondern auch sogenannte EXKURSE – eine Leerstelle für das gewohnte Festival. 2010 öffnete sich beispielsweise ein größer angelegter EXKURS erstmals, durch eine Architekturausschreibung für den Theaterbau der Zukunft, der aktiven Mitgestaltung von Außen. Für ein fünftägiges Symposium über Raumtheorien und Debatten über Kunst wurde aus Europaletten ein zweistöckiger temporärer Theaterbau mitten in Gießen errichtet. Mit dem EXKURS „Zwischenraum“ 2011 wurde das Format des Festivals zeitlich erweitert: Anstatt möglichst viel kulturelle Aktivität auf den kurzen Zeitraum eines Festivals zu beschränken, wurde hier für ein Jahr ein offener Raum für Kunst, Kultur und Theater geschaffen, der sowohl für die Studenten der ATW als auch für alle anderen Bewohnerinnen Gießens zu einem Raum des permanenten Austauschs wurde. Über diese beiden EXKURSE verlor sich das Konzept eines kuratierten Festival-Programms immer mehr und Formate des Nachdenkens über künstlerische Produktionsbedingungen oder theoretische Fragestellungen rückten in den Vordergrund.
 

Seit 2012 präsentiert das Diskursfestival, nun wieder als „Festival“, ein vielschichtiges Programm, bestehend aus Tanz, Performance, Installation, Hörstück und Videokunst. Die in den Jahren zuvor gestellten Fragen sollen dabei jedoch nicht unter den Tisch fallen und so stand auch die diesjährige Edition unter einem besonderen Stern:
Im Frühjahr 2013 hatte das Maxim Gorki Theater in Berlin ein Nachwuchsfestival unter dem Leitmotto „Den Aufstand proben“ ausgerichtet, zu welchem keine Gagen bezahlt wurden und weder die Anreise, die Unterkunft noch die Verpflegung übernommen wurden. Eine Gruppe Gießener Studenten besetzte daraufhin in einer mehrstündigen Performance die Bühne des Maxim Gorki Theaters und legte den restlichen Verlauf des Festivals still. Eine Stellungnahme von Seiten des Theaters blieb aus.
 

Ausgehend von diesem kontrovers diskutierten Boykott beschäftigte sich das Organisationsteam des Diskursfestivals 2013 mit den bestehenden Arbeitsstrukturen im Kulturbetrieb, sowie mit den Alternativmöglichkeiten zu Förderung, Vergütung und bestehenden Abhängigkeitsverhältnissen. Umgesetzt wurde dieser Austauschbedarf in den sogenannten Tischgesprächen. Hier wurde an verschiedenen Tischen mit eingeladenen Referentinnen und Besuchern die Frage nach der Entwicklung und Gestaltung von freien Theaterprojekten, Kollektiv- und Einzelarbeiten vertieft und Lösungsvorschlägen nachgegangen. Angesprochen wurde in diesem Rahmen unter anderem, dass es einer Solidarisierung unter den arbeitenden Künstlerinnen bedürfe. Dazu zählen ein Offenlegen von Arbeitsbedingungen und Gagen sowie das einvernehmliche Übereinkommen, unbezahlte oder schlecht bezahlte Angebote abzulehnen.

 

                                                              Foto: Katharina Speckmann
 

Doch Arbeit war nicht das Motto des Festivals, es war eher eine Motivation: dieses Diskursfestival wollte exemplarisch sein. Exemplarisch und unüblich für ein studentisches Festival in seinem Beschäftigungsverhältnis (alle Künstler, sowie alle mitarbeitenden Studentinnen erhielten eine Aufwandsentschädigung), exemplarisch in seiner Künstlerbetreuung und exemplarisch im Programm.
 

So fand sich jedes etablierte Format der zeitgenössischen Performanceszene ausreichend vertreten. Vom Hörstück zur Videoinstallation, vom textlastigen Diskurstheater bis hin zur Body-Art-Performance. Auch inhaltlich wollte das Festival repräsentativ sein: es war queer, biopolitisch, postfeministisch, marxistisch, postprivat, site-specific, intersexuell und postmigrantisch zugleich.
 

Dass sich das Thema Arbeit nicht direkt im künstlerischen Programm wiederfinden ließ, war vielleicht sogar eine Stärke, entging man so der Falle, allein durch Schlagworte eine Verbindung suggerieren zu wollen, wo unter Umständen keine zu finden wäre. War auch der Kurationsprozess hierbei nicht unbedingt transparent, so ist es in jedem Fall ein Kunstwerk, so viele aktuelle Debatten zu bedienen und dabei nicht nur an der Oberfläche zu kratzen – das diesjährige Diskursfestival hat gezeigt, dass es geht. Nicht zuletzt der rege Austausch im Festivalzentrum und die intensiven Kritikgespräche haben dafür gesorgt, dass all diese Themen auch über die Grenzen der Bühne hinaus verhandelt wurden.
 

Das Herz des DISKURSES war das Festivalcafé – Anlaufpunkt vor, zwischen, nach und während den Vorstellungen – das in einem leerstehenden Ladenareal nahe des Stadtzentrums untergebracht war. Lümmelsofas, kleine Tische im Schaufenster, schummriges Licht, übergroße Origami-Vögel über der Bar und Muffins im Ofen strahlten eine einladend-verlockende Atmosphäre aus. Nicht nur für die eingeladenen Künstler und die Gießener Studentinnen, sondern auch für Passanten und Bewohnerinnen der Stadt wurde das Café zum Verweilort.

 

                                                              Foto: Katharina Speckmann
 

Hier wurde über die gesehenen Stücke diskutiert, über Kunst, Politik, das Essen und die Zukunft. Ist das schon eine Form des Diskurses und welchen Rahmen braucht Diskurs? Ist Diskurs alles, was überall passieren kann, muss er angeregt, gelenkt werden? Oder soll er möglichst frei bei einem Bier stattfinden? Ist schließlich das Festivalzentrum selbst Entstehungsort für Diskurs? Genau – denn ein Diskurs besteht nicht nur aus Gespräch, sondern aus formenden Strukturen. Nebst den gezeigten Projekten selbst waren die Kritik- und Tischgespräche und der Festivalblog andere, vom Festival gegebene, explizitere Formen des Diskurses. Verschiedene Formen der Rahmung also, mal stärker geregelt und formalisiert, mal weniger strikt.

 

In Bezug auf die Frage, wie ein Diskurs entsteht und wie das DISKURS entstehen soll, heißt das – sei es in der Frage nach Arbeitsverhältnissen, der Einbindung des Außen oder der Kuration – dass das DISKURS, will es halten was der Name verspricht, sein Modell selbst hinterfragt, auf seine Vorgänger und seine Umgebung antwortet und das hoffentlich auch noch die nächsten Jahre tun wird.

 

 

Die Autoren


Eleonora Herder: 2004-2009 Studium der Theaterregie in Barcelona (Spanien) und Krakau (Polen). Seit 2009 Masterstudium am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Sie lebt und arbeitet als freie Regisseurin und Dramaturgin zwischen Frankfurt am Main und Barcelona.

 

Ekaterina Kel: studiert seit 2009 Angewandte Theaterwissenschaft. Dies ist ihr 5. Diskurs, den sie in Gießen mitbekommt und ihr erster, den sie aktiv im Kritik-Team und im Künstlerbetreuungsteam mitgestaltet hat.

 

Maria Isabel Hagen: 2007-2011 Bachelorstudium am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und an der Iceland Academy of the Arts in Reykjavík. Seit 2011 Masterstudium in Gießen. Seit 2011 Gründungsmitglied des Brachlandensembles. Neben Ihrem Studium ist Maria Isabel als Performerin in vielen studentischen und professionellen Performances tätig gewesen.

 

Rahel Kesselring: studierte zwischen 2006 und 2010 Szenografie in Basel und Wien und ist seit 2011 Masterstudentin für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Sie arbeitet nebenher an eigenen Projekten sowie als Assistentin.

 

Jan-Tage Kühling: studierte Kulturwissenschaften und Theaterregie. Seit 2011 ist er MA-Student am Institut der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen und ist nebenbei als Regisseur vor allem in Polen tätig.