Thema des Monats - Juni 2015

Thank you for the music

von Laura Brechmann

 

Wie klingt er, der Sound meiner Zeit oder eher: der Sound meiner Jugend? Im Jugendprojekt am MiR in Gelsenkirchen haben sich Musiktheaterpädagogin Katja Fischer und Regieassistentin Katrin Sedlbauer zusammen mit Jugendlichen ab vierzehn Jahren auf Spurensuche begeben. Auf der Basis von Tagebüchern historischer und jüngerer Zeit untersuchen sie wie junge Erwachsenen vor 50, 100, ja, 150 Jahren gelebt haben. Wie sah der Alltag aus? Worüber hat man sich seine Gedanken gemacht? In wen war man verliebt, was hat einen geängstigt? Unterschiede, doch insbesondere Gemeinsamkeiten werden in einer intensiven Probenzeit herausgearbeitet und unter dem Titel SOUND MEINER ZEIT auf der Bühne des Kleinen Hauses aufgeführt. Die Musik wird dabei zum Klebstoff der Szenen; ermöglicht den Jugendlichen sich in das Leben fremder Personen einzufühlen und sich nach und nach mit ihnen zu identifizieren. Vom Probenbeginn im Januar bis zur Premiere am 14.Mai habe ich die Jugendlichen in regelmäßigen Abständen auf ihrer Gedankenreise durch die deutsche Geschichte begleitet. Ein Einblick.

 

Lasst die Proben beginnen!; Foto: Laura Brechmann

 

23.2.2015, Time is running out

Ensemblebildung benötigt Zeit, und die ist am Theater bekanntlich knapp. Denn auch wenn viereinhalb Monate Probenzeit zunächst ausreichend erscheinen, so bedenkt man nicht, dass es sich um Jugendliche handelt. Um einen bunten Haufen von Jugendlichen, die einander flüchtig bis gar nicht kennen. Zudem mit einem vollen Schul- und Freizeitplan, der für das Theater spielen nicht einfach hintenangestellt werden kann. Also gilt es die Zeit gut einzuteilen und gleich mehrere Schritte auf einmal zu erledigen. So fallen Textlektüre, Szenenarbeit und Musikrecherche zusammen und es werden mehrere Szenen parallel geprobt. Konzentration („In der Szene bleiben!“), Textversprecher („Dann gehe ich mal die Schweine melken“) und Intonation sind für Fischer und Sedlbauer Baustellen, die es zu beackern gilt. Ab und zu huscht dann noch Eva Wasmund (Kostümbild) über die Bühne und steckt die Jugendlichen zur allgemeinen Erheiterung in Dirndl, Schößchen und Jacketts. Doch ob Vanessa Wolf ihren Ausruf „So gehe ich morgen in die Schule!“ wahr macht und dort tatsächlich in Latzhosen erscheint, bleibt abzuwarten.

 

So a gaudi!; Foto: Laura Brechmann


23.3.2015, It’s my life

Der Terminplan ist voll, das Engagement ungebrochen. Zwar gibt es hier und da Schwierigkeiten und Reibungen, doch grundsätzlich laufen die Proben harmonisch ab – was sicherlich auch an den Motivationsspritzen, die die Projektleiterinnen regelmäßig verteilen, liegt. Die hohe Konzentration überrascht mich. Zwar verzichten Fischer und Sedlbauer auf das stumpfsinnige rezitieren vorgefertigter Texte und setzen auf den experimentellen Umgang mit Tagebüchern, Recherchematerialien und Musik, doch bedeutet dies für den Theaternachwuchs auch sich im Kreis sitzend intensiv mit dem Alltag, der Liebe und den Lebensumständen der Jugendlichen von 1845 bis heute auseinanderzusetzen. Eine Arbeit, die stark an den Deutschunterricht erinnert. Im szenischen Ausprobieren scheinen die Jugendlichen sich dann stärker mit ihren Charakteren identifizieren zu können. So findet, obwohl eher zurückhaltend, Serdar Sarial zum Beispiel einen immer besseren Zugang zu seiner Figur Emil S., der sich, 1828 geboren, in seinem Tagebuch über die stumpfsinnige Arbeit als Angestellter beklagt. Oder eben Maren Bastek und Vanessa Wolf, die auch im realen Leben befreundet sind und nun unter anderem Gisela und Pascal mimen. Eine Deutsche und ein Schweizer, die sich in den 50er Jahren kennenlernen und schon kurz darauf, begleitet vom Hochzeitsmarsch, zum Altar schreiten. Trotz der Unterschiede bezüglich Lebensumstände und Alltag gelingt es jedem Ensemblemitglied sich auf je eigene Weise seinem Charakter anzunähern. Und ob nun im ersten unangenehmen Date, im Pflegen von Freundschaften oder im Träumen von der Zukunft, hie und da lassen sich abseits von Krieg, Armut und kurzer Kindheit sogar Gemeinsamkeiten entdecken.

 

"Liebes Muttchen, ich bin verliebt..."; Foto: Pedro Malinowski

 


Die Fortsetzung des Textes folgt in der neuen Ausgabe der jungen bühne, die im September 2015 erscheint.