Thema des Monats - August 2015

Von null auf hundert

 

Die Schauspielerin Bettina Lieder aus dem Dortmunder Ensemble ist derzeit eine der interessantesten Nachwuchsschauspielerinnen. Autor Stefan Keim hat sie für die Juli-Ausgabe der Deutschen Bühne porträtiert. Euch wollen wir die junge Künstlerin auch nicht vorenthalten.

 

Bettina Lieder; ©PhilipLethen.com

 

„Du tot“, stößt die Killerin im Latexanzug hervor. „Ich hab Scheiße deinen Kopf im Visier.“ Wenig später verteilen sich Blut und Hirn ihres Opfers in der näheren Umgebung. Schnitt. Die Frau steht mit dem Rücken zum Publikum, eine Viertelstunde lang. Ihr Gesicht sieht man im Spiegel. Auch später bewegt sie sich kaum, jede Geste hat eine Bedeutung. Zwei Gesichter der Schauspielerin Bettina Lieder, zwei von vielen. Sie zeigen eine unglaubliche Vielfalt, von der Trashikone im neuen Projekt des Dortmunder Intendanten Kay Voges bis zum komplexen „Kassandra“-Monolog nach Christa Wolf.


Hochkonzentriertes Sprechtheater und lustvolles Chargieren – Bettina Lieder mag beides gern. Ebenso die Abwechslung zwischen Haupt- und Nebenrollen. „Ich muss nicht immer den ganzen Abend auf den Schultern tragen“, sagt sie. „Wenn ich Zeit habe, den Kollegen zuzuschauen, lern ich ja wieder was.“ So sprechen Ensembletiere. Wahrhaftig ist Dortmund das erste Engagement der 1987 in Görlitz geborenen Schauspielerin. Nach ein paar Jahren sollte man eigentlich weiter ziehen, so raten einem viele. Aber wieso, wenn man sich wohl fühlt und ständig vor neuen, überraschenden Aufgaben steht?


„Die Show – ein Millionenspiel auf Leben und Tod“ heißt die Eröffnungspremiere der neuen Spielzeit in Dortmund. Kay Voges hat mit seinem Dramaturgenteam den berühmten Fernsehfilm „Das Millionenspiel“ von Wolfgang Menge bearbeitet. Die Kandidaten können eine Million Euro gewinnen, wenn sie die Show überleben. Killer jagen sie durch die ganze Stadt, einer davon ist Bettina Lieder. Umgang mit Schusswaffen, Autostunts und Sprechen mit russischem Akzent gehörten bisher nicht zu ihren Kernkompetenzen. „Ich bin seit zehn Jahren nicht mehr Auto gefahren“, erzählt die Killerin im Café, jetzt wieder auf Hochdeutsch. Eine Verfolgungsjagd mit Reifenabrieb auf der Straße in engem Latexdress war schon eine Herausforderung. „Kay hat sich zu mir in den Wagen gesetzt und mit mir geübt.“ Mit ihrem russischen Akzent ist Bettina Lieder immer noch nicht zufrieden. Obwohl die Filmesequenzen längst gedreht sind und sie auf der Bühne nur einen kurzen Auftritt hat, arbeitet sie weiter daran. „Ich will meine Aufgaben so erfüllen, dass ich damit zufrieden bin.“


Bettina Lieder hat zwar gerade eine kleine Rolle im „Tatort“ gespielt. Aber ihre Erfahrungen in Film und Fernsehen halten sich bisher in engen Grenzen. „Das ist ein bisschen wie mit dem russischen Akzent. Diese Arbeit ist mir noch fremd. Aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren.“ Sie hat weder eine Webseite noch eine Agentur. Selbstvermarktung ist ihr nicht so wichtig. „Ich brauche unbedingt die Basis eines Ensembles. Ich freue mich auch riesig, wenn Regisseure wiederkommen, die ich sehr mag. Claudia Bauer und Paolo Magelli zum Beispiel. Es müssen aber auch immer wieder neue dazu kommen, sonst fühlt man sich vielleicht zu wohl.“


Neu war für sie gerade die Mitarbeit an einem Live-Animationsfilm auf der Bühne. In „Die Möglichkeit einer Insel“ nach dem Roman von Michel de Houllebecq ist Bettina Lieder eine von vier Spielern, die nicht nur einen enorm anspruchsvollen Text bewältigen, zum Teil auch in chorischen Passagen. Sie gestalten auch live den Film, der im Hintergrund zu sehen ist, schieben Folien und Scherenschnitte über Projektionsflächen, sprechen manchmal eine ganz andere Rolle als sie in diesem Moment mit den Händen gestalten. Eine unglaubliche Konzentrationsleistung. Einmal zieht sich Bettina Lieder die eng anliegende dunkle Kappe vom Kopf, schüttelt die Haare und spielt direkt in die Kamera. Umwerfende Präsenz ohne Vorglühzeit, von null auf hundert, quasi auf Knopfdruck. Das kann auch nicht jeder.


„Da haben wir uns langsam heran getastet“, erinnert sich die Schauspielerin. „Ich kannte das Metier überhaupt nicht und hatte plötzlich einen Tisch mit 60 Platten vor mir. Dann haben wir erforscht, was so ein Schnitt eigentlich erzählt und wie wir für jedes Bild den perfekten Schnitt finden.“ Viele Schauspieler haben in solchen Projekten das Problem, dass sie Emotionen herstellen sollen, die sie irgendwo her nehmen müssen, die nicht psychologisch fundiert sind. Solche Bedenken kennt Bettina Lieder: „Aber ich spüre, dass es da einen Reiz gibt, den ich nicht verstehe. Man darf sich da vom Kopf nicht blockieren lassen.“ Der Satz kommt ihr selbstverständlich über die Lippen. Wahrscheinlich hat sie ihn oft gehört und schließlich verinnerlicht.


Bettina Lieder ist keine Krawumm-Akteuse, die erst mal in unbekanntes Gewässer springt und danach fragt, wie tief es eigentlich ist. Sondern das Gegenteil, klug, analysierend, eher zurückhaltend als draufgängerisch. Wenn sie sich dann mit voller Leidenschaft in eine Rolle wirft, blitzt es dann besonders heftig. Als sie – noch als Schülerin – die Filmdokumentation „Die Spielwütigen“ über Schauspielschülerinnen sah, dachte sie: „So krass bin ich nicht.“ Aber sie war durch die Theater-AG angefixt: „Beim Spielen wirst du völlig raus gerissen aus dem gewöhnlichen Leben. Das ist etwas Aufregendes. Und dann wollte ich es mit 18 einfach mal wissen.“ Einen Plan B hatte sie nicht. Der wäre auch überflüssig gewesen, denn gleich beim ersten Vorsprechen wurde Bettina Lieder genommen, an der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Danach ging´s direkt nach Dortmund.


An krassen Inszenierungen herrschte bisher kein Mangel. In „Naked Lenz“ arbeitete sie mit Martin Laberenz zusammen, einer körperbetonten, zum Teil ekstatischen Aufführung. Nackt hat Bettina Lieder bisher allerdings nicht gespielt. „Das möchte ich nicht. Und es gehört zum tollen Führungsstil hier in Dortmund, dass ich es auch nicht muss.“ Wenn die Inszenierungen besetzt werden, kommen solche Fragen zur Sprache. Und wenn jemand Bedenken hat, wird anders geplant und umbesetzt.


Eine starke sinnliche Ausstrahlung entwickelt Bettina Lieder allerdings in vielen Rollen. Das liegt natürlich an ihrem attraktiven Äußeren, aber vor allem auch an der explosiven Spiellust, mit der sie sich auch in einen schrägen, fast ungeprobten Backgroundchor in einem der vielen Konzerte am Dortmunder Schauspiel stürzt. Es ist eine Erotik, die nichts mit Naivität zu tun hat. Die großen Augen schauen oft forschend, können spielerisch funkeln, doch in einem Sekundenbruchteil wieder volle Aufmerksamkeit spiegeln. Bettina Lieder weiß, dass der Beruf einer Schauspielerin immer wieder bedeutet, eigentlich Unvereinbares zusammenzubringen. „Ein Abend, der polarisiert, ist mir immer lieber als eine nette Veranstaltung, die allen so ein bisschen gefällt. Negative Reaktionen gefallen mir gar nicht, sie sind aber wichtig für einen Theaterabend.“


Im Zusammenspiel ist sie jemand, die sehr auf ihre Mitspieler achtet. Es gibt Schauspieler, die einfach losziehen und sich nicht umschauen. Ihnen muss man folgen oder Widerstand entgegen setzen. Das hat seinen Reiz, meint Bettina Lieder, aber „bei mir würde das nicht funktionieren. Ich muss beim Spielen alle auf meiner Seite haben.“ In Dortmund kann sie alle möglichen Theaterformen ausprobieren, auch solche, von denen man bisher nicht wusste, dass es sie gibt. Doch ein Wunsch ist bisher noch offen: „Ich würde gern mal Freilichttheater ausprobieren und andere Orte bespielen.“ Bleibt zu hoffen, dass dieser Wunsch nicht unfreiwillig in Erfüllung geht, denn es ist immer noch nicht klar, ob das Dortmunder Schauspiel während der Sanierung des Theaters ein geeignetes Ausweichquartier bekommt.


Killerin, Kassandra, Trickfilmmacherin, Sängerin, zwischendurch gibt es auch mal eine „normale“ Rolle. Das Dortmunder Schauspiel ist einer der Orte, an dem sich eine neugierige Schauspielerin am besten entwickeln kann. Kay Voges spricht von seinen Schauspielern als „Künstlerpersönlichkeiten“. Und meint es anscheinend auch so. „Wenn man sich gegen seine Natur stellt“, sagt Bettina Lieder, „kann man sehr unglücklich werden.“ Sie kennt die Gefahren ihres Jobs. Das ist die beste Voraussetzung, um sich frei, kraftvoll und sinnlich die unterschiedlichsten Charaktere und Spielweisen zu erobern.