Thema des Monats - September 2015

Ein Festspiel-Dialog – Die Nibelungenfestspiele 2015 im Rückblick

 

Von Luisa Reisinger

 

Das Bühnenbild; Foto: Luisa Reisinger

 

Neuer Intendant, neues künstlerisches Team, neuer Wind? Nach der zehnjährigen Intendanz des berühmten Filmregisseurs Dieter Wedel übernimmt nun der Fernsehproduzent Nico Hoffmann die Nibelungenfestspiele in Worms.


Erste Neuheit: Das deutsche Epos zeigt sich dieses Jahr nicht im üblichen Gewand der Hebbel-Fassung, sondern erhielt eine Neuverkleidung durch den Theaterautor Albert Ostermeier. Unter dem Titel „Gemetzel“ wird dabei, dramaturgisch ausgefeilt, die Geschichte aus der Sicht des Sohns von Krimhild und ihrem neuen Gatten, König Etzel, erzählt; das Geschehen beginnt einen Tag vor dem Eintreffen der Wormser Gefolgschaft am Hof der Hunnen. Was bis dahin alles passiert ist, bekommt der junge Ortlieb über mehrere Parteien vermittelt. Ein Narr, ein schwarzer Ritter und ein Erzähler gefolgt von einer Tänzergruppe berichten von den Vorkommnissen in Worms, die damit versuchen Krimhilds Rache zu rechtfertigen. Für die Regie zeigte sich der Fernsehregisseur Thomas Schadt verantwortlich. Dabei standen ihm ein Ensemble ausgewählter deutscher Theaterschauspieler, acht Tänzerinnen und Tänzer sowie eine Heavy-Metal-Jazz Band mit selbstkomponierter Musik zur Verfügung, um das episch angelegte Werk Ostermeiers umzusetzen.

 

Ob das neue künstlerische Team das geschafft hat und wie die Atmosphäre bei den diesjährigen Festspielen ankam, lest ihr nun in einem „Festspiel-Dialog“, eine Auseinandersetzung mit der Aufführung in der Pause und unmittelbar danach.

 

Ankunft Heylspark, Festival-Stimmung, Sektkorken knallen, eifriges Treiben, rausgeputzte Menschen. Ein Hinweisschild: Einführung in das Stück. Versteht anscheinend keiner. Nach 10 Jahren Wedel Intendanz also eine Einführung. Na, tolle Neuerung von Nico Hoffmann.

 

Auf geht’s zum Schlösschen. Einführung durch den Regie-Assistenten.

 

Regie-Assistent (vollkommen lustlos): „Ja ich erzähl’ mal das Nibelungenlied. Kennen Sie ja schon alle, hören Sie aber trotzdem nochmal. (10 Minuten später) Naja, jetzt spielen wir nach Albert Ostermeiers neuem Text „Gemetzel“, für die, die es noch nicht gesehen haben, steckt der Name des Hunnenkönigs Etzel drin. Ist halt aus der Sicht des Kindes von Krimhild und Etzel, namens Ortlieb, erzählt. Deshalb ist das große Thema der Inszenierung: Unschuld. Thomas Schadt, Regisseur, ist ja eigentlich Dokumentarfilmer und Fotograf, hat dem ganzen eine Subjektivierung gegeben, immer nur so ein Ausschnitt. (Was will er uns sagen?) Ja, kurz Bühnenbild, Idee war ‚Abenteuerspielplatz für Erwachsene‘ und ach ja Kostümbild, ja soll halt zeitlos sein, besticht eher durch Zeichenhaftigkeit. Hat jemand noch Fragen? Nö? Sicher. (Untertext des Regieassistenten: „Wieso mache ich das dann eigentlich???).  Gut, kurzer Hinweis, hier gibt’s noch so ein Rahmenprogramm, scheint ganz gut zu sein. Können Sie mal hingehen. (Tolle Werbung!!) Noch ein Hinweis, trinken Sie noch einen Schluck Wasser, ist warm, wir haben schon paar Leute aus dem Publikum gefischt, denen ging es nicht so gut. Viel Spaß dann.“

 

Na da hat man doch richtig Lust auf einen tollen Festspielabend vor der imposanten Domkulisse.

 

1 1/2 Stunden später. Pause. Endlich.

 

Luisa: „Können wir bitte einen Döner bestellen und gehen, ich habe Hunger und mir ist langweilig!“

 

Christine: „Findest du es so schlimm?“

 

Robert: „Ich finde es doch eigentlich ziemlich gut.“

 

Christine: „Okay ich finde das Bühnenbild echt hässlich. Zwei Streitwagen. Rechts irgendwie die Burgunder, links die Hunnen. Hat was von Geisterbahn. Was soll das denn? Das ist alles so zusammengeschachtelt. Finde ich echt unästhetisch.“

 

Luisa: „Naja du hast aber schon mal die zwei Lager erkannt. (weist auf das Publikum vor sich hin, die zu Beginn wild spekuliert haben, was sie da auf der Bühne sehen.) Ich finde das gar nicht mal so schlecht. Sieht man ganz klar die Handschrift von Aleksandar Denić.“

 

Robert: „Irgendwie, ich finde die sagen ihren Text nur so runter. Und was soll diese Tänzergruppe?“


Luisa: „Ist alles ziemlich episch angelegt. Zauberwort: Verfremdung.“

 

Christine: „Jetzt kommt sie wieder mit ihrem Brecht. Ich habe ja schon drauf gewartet. Der ist immer überall.“

 

Luisa: „Nun hier ist er aber auch richtig platziert. Die Tänzer bilden eine Gauklergruppe am Hof des Etzels und spielen die Nibelungensage, die Geschichte bis Siegfrieds Tod nach. Begleitet von einem Erzähler, der leider aussieht wie eine grotesk singende Tarnkappe. (Verfremdung!!) Wir haben hier also die Idee von „Theater im Theater“.

 

Robert: „Kannst du mir bitte einen aus dem Publikum nennen, der das versteht.“

 

Luisa: „Dazu die Figurenwechsel. Die Tänzer spielen weibliche Rollen, die Tänzerinnen männliche. Nichts, noch nicht mal das Geschlecht, schafft somit eine feste Größe, an der man sich festhalten kann. Und die Figuren wechseln natürlich immer ihren Besitzer.“

 

Christine: „Wieso muss ich das wissen, wenn ich einfach nur unterhalten werden will?“

 

Luisa: „Episches Theater ist nicht zur Unterhaltung da. Auch die Kommentarfunktion des Narren, der dem kleinen Ortlieb den Raum gewährt alle Fragen, die ihn beschäftigen zu beantworten - wer war denn dieser Siegfried, um dessen Tod Mama immer noch weint, was ist dort passiert, in Worms und wie wird es sein, wenn morgen Mamas Brüder zu uns an den Hof kommen?“

 

Robert: „Na Krimhild finde ich gut. Die liegt immer oben auf der Brücke zwischen den zwei Streitwagen, kann sich vermutlich nicht entscheiden, zwischen Burgunder und Hunnen. Und das, was sie da erlebt, sind doch Träume von ihr oder? Deshalb auch oben auf der Brücke, abgeschieden von der eigentlichen Bühne.“

 

Luisa: „Wow, ja gute Interpretation. Was haltet ihr von der Musik? Diese Heavy-Metal-Jazz Musik die, die Szenen unterbrechen, beginnen oder beenden? Hagen hat ein Motiv, das kommt immer, wenn er mit seinem Quad anfährt.“

 

Christine: „Finde ich hässlich, ein kleines Sinfonie-Orchester fände ich hübscher.“

 

Luisa: „Das hilft aber nicht bei der Verfremdung.“

 

Christine: „Wenn ich noch einmal das Wort höre.“

 

Robert: „Die sagen doch aber trotzdem alle nur ihren Text auf. Haben die keine Lust?“

 

Luisa: „Nein, nein, die spielen nach dem epischen Schauspielkonzept. Rollen werden dabei nur gezeigt, also keine Einfühlung in die Figur. Das Publikum bekommt die Rollen nur vorgeführt. Die können nun so, so oder so agieren. Man hat gar nicht die Chance eine Emotionalität zu den Figuren aufzubauen.“

 

Christine: „Aha.“

 

Robert: „Finde ich blöd.“

 

Luisa: „Stichwort: Abenteuerspielplatz. Finde ich, haben sie gut umgesetzt. Das Stück ist wirklich aus der Sicht des Kindes, unschuldig erzählt. Aber wieso muss sich Ortlieb, der sich in seiner Welt nicht platzieren kann, zwischen den zwei Stämmen, die in seinem Herz kämpfen, entscheiden? Und wieso bekommt er zur Entscheidungshilfe irgendwelche Comic-Superhelden samt Laserschwert, Holzschwert, oder Dolch angeboten? Sind wir hier auf der Gamescom?

 

Robert: „Stimmt, Hagen sieht aus wie Batman. Kommt mir ja jetzt erst.“

 

Luisa: „Nur so kann ich mir die Kostüme erklären. Alle verfremdet, jedoch stark typisiert. Aussagekräftig und nachvollziehbar finde ich sie aber nicht. Naja aber das aller schlimmste fand’ ich ja die akrobatische Einlage und dann die musikalische Untermalung.“

 

Christine: „Wieso, da gabs’ doch wenigstens mal Szenenapplaus.“

 

Luisa: „Das war ne’ Metal-Jazz-Version des Walkürenritts. Da schwingt sich ein halbstarker zwischen dem Bühnenbild herum und macht auf Held Siggi. Ich bitte dich. Richard Wagner dreht sich in Bayreuth im Grab rum.“

 

Christine: „Was machen wir jetzt? Gehen wir?“

 

Luisa: „Die Karten haben 99 € gekostet. Wir bleiben. Obwohl ich ja schon gerne weiter zappen würde. Da haben wir das Problem. Thomas Schadt, Fernsehregisseur wird auf die Festspielbühne losgelassen, da geht nichts mit weiter zappen…“

 

Robert: „Ach stimmt ja, die Zofe, Etzel, Krimhild sehen auch aus wie Mangas, hm…komische Helden für einen Jungen.“

 

Luisa: „Naja, ist ja ne junge Frau. Aber als Hosenrolle macht sie das doch ganz ok. Kaufe ich ihr ab, dass sie eigentlich erst 15 ist. Die spielen ja alle ganz gut. Aber es ist halt einfach trotzdem alles viel zu langatmig, langweilig und irgendwie fehlt der Pfiff. Und generell einfach die Schnelligkeit.“

 

Robert: „Naja vielleicht wird es ja besser. Aber mit diesem Epischen Theater kann ich mich nicht anfreunden.“

 

23.30 Uhr. Ende. Verhaltener Applaus, zwischendurch Jubelrufe. Nach dem Verlassen der nicht ausverkauften Tribüne, schlechte Stimmung.

 

Luisa: „Mein Kopf hat keine Lust mehr zu denken. Das hat keinen Spaß gemacht zu überlegen, wieso man die Handlungsstränge und Figuren so verflochten hat, was Verfremdung ist und wieso das zum Konzept passen soll.“

 

Robert: „War halt einfach keine Unterhaltung, man konnte sich nicht so fallen lassen.“

 

Luisa: „Glotzt nicht so romantisch!“, das hat Brecht doch schon bezüglich seines Konzepts gesagt.“

 

Christine: „Jetzt kommt sie schon wieder damit…! Ich wäre für „Theater fürs Volk!“

 

Luisa: „Ich glaube es lag am Theatertext von Ostermeier. Den fand ich dramaturgisch eigentlich schon stark. Die Visionen und den Wahnsinn der Krimhild, ihre Gründe der Rache, durch Träume darzustellen. Aber diese Tänzergruppe, die ständigen Allegorien, das Gold als dürre Tänzerin in Ganzkörper-Glitzer-Folie und die singende Tarnkappe. Nein, nein. Mal sehen was Nuran David Calis nächstes Jahr mit dem zweiten Teil des Triptychons von Ostermeier anstellt.“

 

Robert: „Da gehen wir doch nicht ernsthaft hin, oder?!“


Die Autorin

Luisa Reisinger, Studentin der Musikheaterwissenschaft an der Universität Bayreuth, besucht in ihrer Heimat Worms jährlich die Nibelungenfestspiele. Im Rahmen ihres Studiums absolvierte sie gerade ein Praktikum bei der Deutschen Bühne.