Thema des Monats - Oktober 2015

Die Komfortzone verlassen

Hans Op de Beeck ist ein Grenzgänger zwischen den künstlerischen Disziplinen. Nun hat er sein erstes Stück auf die Bühne gebracht.

 

Von Valerie Schaub

 

Hans Op de Beeck mag Herausforderungen. Seine neueste heißt „Nach dem Fest“ und wurde am Samstag, den 19. September, in den Kammerspielen vom Schauspiel Frankfurt uraufgeführt. „Ich muss meine Komfortzone verlassen, um etwas Neues zu lernen“, sagt er. Normalerweise kommt Hans Op de Beeck aus der Bildenden Kunst. Und normalerweise stellt er seine Werke in Museen aus. Es sind Installationen, die einladen, einen Fuß hineinzusetzen. Stummfilme, die Erinnerungen wach rütteln. Reale wie fiktive Gebäude, in die der Betrachter eigene Geschichten hineinprojizieren kann. Hans Op de Beeck schafft Atmosphären, macht Räume erfahrbar, Gedankenbilder sichtbar. Er studierte in Brüssel, Antwerpen und New York und stellte auf der Biennale in Venedig aus. Seine Werke waren zuletzt in der Münchener Sammlung Goetz oder im Kunstverein Hannover zu sehen. Aquarelle gehören genauso dazu wie Fotografien oder Gedichte. Als Grenzgänger bedient sich der Belgier mehrerer künstlerischer Disziplinen wie dem Film, Bildender Kunst, oder Architektur. Im Theater hat er jetzt einige Qualitäten direkt miteinander fusioniert.


Still, subtil, flüsternd. So fängt es an, das erste Theaterstück des belgischen Künstlers. Architektonische Miniaturhäuser verorten die drei Figuren Papa, Tochter und Sohn, jeden auf seiner eigenen, einsamen Insel. Gestrandete Einzelgänger, die durch den Alltag stolpern. Das hippe Wellness-Hotel mit Teich und Springbrunnen, das große, dunkle Haus vor dem dunklen Schreibtisch und das vermiefte Malerzimmer mit staubigen Ventilatoren – die Orte wirken, als hätte der Künstler sie aus einer seiner Ausstellungen mitgebracht. Tochter Laurens Schreibtischlampen bilden mit den vielen leuchtenden Lichtchen ihres Technikimperiums von der 6. Reihe aus eine verwinkelte Burg im Dunkeln. Mit seiner subtilen Art weckt diese Kunst Bilder in den Köpfen, zum Beispiel wenn Sohn Anton von der Zugfahrt und den vorbeirauschenden Landschaften erzählt. „Sein Zimmer kenne ich eigentlich als Bild“, sagt Lauren über ihren Bruder. Die Bilder, die ihr Bruder malt, sagt Lauren, würden immer dunkler werden. Anton erklärt, dass man für die Aquarelle kein zusätzliches Weiß braucht, weil immer noch etwas Weiß aus den unbemalten Stellen bleibt. Wenn man es zu lange bemale, sterbe das Licht. Und damit alles was darin gelebt habe. Dann ist es dunkel, wie auf der Bühne.


Bildende Kunst im Theater, das sieht man meistens nur im Bühnenbild. Aber Hans Op de Beeck macht neben seinen Skulpturen und Filmen auch Text. Er liebt es, Kurzgeschichten zu schreiben, sagt er. Also schrieb er auch das Stück „Nach dem Fest“ selbst. „Ich habe nie etwas geschrieben, was auch gesprochen wurde. Jetzt diese Kombination zu haben, war ideal.“ Er liebt es auch, zu komponieren, von ihm stammt das Lied im Stück. „Wenn du alles selbst machst, kannst du dich über niemanden beschweren, außer über dich selbst“, sagt Hans. Um eine innere Logik mit seinem bisherigen Werk zu erreichen, hat er sich für „das ganze Paket“ entschieden. Heißt: Text, Bühne, Kostüme, Regie, Musik.
„Theater ist eine Gelegenheit, die sehr nahe an meinem Werk liegt“, sagt der Künstler. Auf der Bühne ist seine Kunst jetzt aufgelebt, seine Texte wurden gesprochen, seine Musik gesungen. „Das ist, was ich auch an Konzerten so liebe“, sagt Hans, „dass es erlischt. Meine anderen Kunstwerke sind immer da, sie haben etwas Zeitloses.“

 


In Staging Silence (2), seinem 2013 veröffentlichten Film, kam Hans Op de Beeck dem Theater am nächsten. Zwei Hände zaubern darin auf einer Bühne als Spielwiese mit Zuckerwürfeln, Wasserflaschen und anderen Requisiten traumhafte Szenerien wie städtische Skylines, verwilderte Gärten oder verschneite Traumlandschaften. Und das alles in sichtbarer Täuschung, denn im Film wird sowohl der Aufbau als auch das Ergebnis gezeigt. Illusionen, deren Ent-Täuschung keinesfalls enttäuschend wirkt. Eher wie ein schöner Aha-Effekt.


Wie der Künstler zum Schauspiel Frankfurt kam? „Ich habe nie versucht, etwas zu forcieren“, sagt Hans. Er sei sehr schüchtern und gehe selten auf Leute zu. Als Intendant Oliver Reese ihn auf seiner Ausstellung in Hannover einlud, ein Stück im Schauspiel Frankfurt zu machen, war Hans sehr happy. „So etwas passiert mir oft durch einen einfachen Zufall, dass jemand mich anspricht, der zufällig etwas von mir gesehen hat.“


In den Frankfurter Kammerspielen erzählen Papa, Tochter und Sohn aus der Vergangenheit. Die Handlung sieht man nicht. So behutsam die Installationen, so leise schleicht sich die Familientragödie auf die Bühne ins Scheinwerferlicht. Ein drittes Kind taucht als Simon, der die Treppe herunter gefallen ist, in der Erinnerung der Kinder auf. Der Onkel wird Gesprächsthema und entpuppt sich als der wahre Vater von Anton und Lauren. Am Ende lässt Lauren die Beerdigung ihres Bruders Anton Revue passieren und nimmt den Platz in seinem Zimmer ein, kaschiert den weißen Fleck auf ihrem Erinnerungs-Bild.
Seine nächste Herausforderung, soviel weiß Hans Op de Beeck schon, wird ein längerer Film sein.

 

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Weitere Vorstellungstermine

Fr 02.10.2015 20.00 Uhr
Sa 10.10.2015 20.00 Uhr
So 11.10.2015 18.00 Uhr
Fr 23.10.2015 20.00 Uhr
Sa 14.11.2015 20.00 Uhr
Sa 28.11.2015 20.00 Uhr
So 29.11.2015 18.00 Uhr