Thema des Monats – November 2015

Bewegt euch, begegnet euch!

 

Beim „2. Tanztreffen der Jugend“ Ende September in Berlin kommen junge Tänzerinnen und Tänzer aus ganz Deutschland für eine Woche im Haus der Berliner Festspiele zusammen. Ich begleitete das geladene Ensemble des JUNGEN RESI aus München nach Berlin und erlebe so dieses großartige Festival für Jungen Tanz mit.

 

Von Julia Opitz

 

Sieben Preisträger-Ensembles und fünf Ensembles aus der Zwischenauswahl - 84 junge tanzbegeisterte Menschen im Alter von 11-23 Jahren begegnen sich. Zu erleben: 7 Aufführungen und ein künstlerisch hochqualitatives Rahmenprogramm. Ich bin beeindruckt. Beeindruckt von der Zusammensetzung der Gruppen, wie von der sofort spürbaren Professionalität des Festivals und dem Team um Dr. Christina Schulz, die neben dem „Tanztreffen der Jugend“ auch die drei anderen Bundeswettbewerbein den Disziplinen Theater, Literatur und Musik leitet. Wohlfühlen gelingt schnell.

 

Kurz nach Ankunft befrage ich mehrere TeilnehmerInnen nach ihren Erwartungen an die bevorstehende Woche. Alle diese gleichen sich in drei Punkten: neue Formen des Tanz(ens) kennenlernen wollen, neue Menschen treffen und sich (aufeinander zu) bewegen, im physischen wie zwischenmenschlichen Sinne. „Ganz viele Sachen ausprobieren und mitnehmen, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie kann oder dass es sie gibt.“, beschreibt eine Jugendliche. „Viel tanzen, viele Leute, viele Eindrücke, Theater, Bühne, Kreativität, Bewegung, Berlin, Spaß!“ , so Laura Kupzog vom JUNGEN RESI. Und ich kann schnell erspüren, dass die Macher*Innen des „Tanztreffens der Jugend“ etwas geschaffen haben, das Potenzial hat, all diesen Wünschen auf kreative, künstlerische und soziale Weise zu begegnen.

 

GELADENE PRODUKTIONEN

 

„Also unser Stück heißt „Alice“ und es geht so generell um die Themen: Gesellschaftliche Probleme (...) und eben so Dinge, die Jugendliche, aber auch Erwachsene angehen.“ - Das Jugendensemble Saltazio aus Hildesheim verantwortet mit „Alice“ eine von sieben Preisträger-Produktionen. Neben „Alice“ werden in diesem Jahr „Feuerblume“ der Kindertanzcompany von Sasha Waltz & Guests, „Dritte Art“ des Tanzstudio Danzon Tübingen, „Rausch“ des TheaterLabors Tanz JUNGES RESI München, „Selbstbaukasten“ des Selbstbaukasten der tjg.theaterakademie Dresden, „TabiB2B-Back to Basics“ des tanzhaus nrw/Düsseldorf sowie „Tantalos“ des tanzsturm/Staatstheater Mainz als Preisträger-Produktionen präsentiert. Das Schöne ist, dass dies alles nicht nach dem für viele Festivals gängigen „Überhäufungs-Prinzip“ passiert, sondern jeder Gruppe ein Abend geschenkt wird -  in meinen Augen eine sehr wertvolle Entscheidung, die großen Respekt gegenüber den jungen TänzerInnen ausstrahlt und den Rezipierenden ermöglicht, an den sieben, ästhetisch ganz unterschiedlich sich zeigenden Abenden wahrzunehmen und sich wirklich einzulassen.

 

„Alice", Jugendensemble Saltazio Hildesheim, Choreographie: Uta Engel; © Dave Großmann

 

HINTERGRÜNDE

 

Christina Schulz, seit 2009 Leiterin der Bundeswettbewerbe am Haus der Berliner Festspiele, entwarf die Idee, neben den Disziplinen Theater, Musik und Literatur einen vierten Bundeswettbewerb im Bereich Tanz zu etablieren. „Als ich 2009 die Bundeswettbewerbe übernommen und das erste Theatertreffen der Jugend beobachtet habe, indem es eine Tanzproduktion gab, habe ich bemerkt, dass das Ensemble überhaupt nicht in das Festival hineinfindet. Ich hab mich dann gefragt, woran das liegt und schnell bemerkt, dass die Gruppe am Liebsten in den Tanzworkshop wollte und nicht in den Schreibworkshop und dass sie eben immer so ein bisschen außen vor blieben, bei alldem, was die Theaterleute mit einander verbunden hat und dass es auch oft auf der Diskursebene schwieriger für sie war.“

 

Unter der neuen Intendanz der Berliner Festspiele mit Thomas Oberender, konnte Schulz auch für den vierten und damit jüngsten Bundeswettbewerb, das „Tanztreffen der Jugend“, eine Dauerförderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das auch die anderen Wettbewerbe fördert, erwirken. 2013 brachte Schulz die heute 8-Köpfige Jury und ein Fachkuratorium zusammen und konzipierte ein künstlerisch anspruchsvolles Workshop-Programm für die Teilnehmenden und künstlerischen Leiter*Innen.
„Es ist viel politische und Netzwerkarbeit notwendig, und da bin ich durch meine Vorerfahrung ganz gut aufgestellt und verstehe die Systeme, die als Rahmen ja immer da sind.“, so Schulz, die VWL studierte und im Bereich der Förderung der Darstellenden Künste promovierte.

 

„Es war dann 2013 tatsächlich so, dass wir an der ersten Ausschreibung arbeiteten und 2014 das erste Tanztreffen durchführen konnten. Mit großer Aufregung, wahnsinnig viel positivem Feedback und Wohlwollen aus der Szene, was uns unglaublich freut, die Ansprüche sind aber jetzt natürlich auch hoch.“, ergänzt Schulz.

 

„Selbstbaukasten" Selbstbaukasten der tjg.theaterakademie
 Dresden, Regie: Anke-Jenny Engler; © Dave Großmann

 

DIE VIER BUNDESWETTBEWERBE

 

Jonas Rinderlin, der bereits während seines Studiums der Kulturarbeit in Potsdam für die Bundeswettbewerbe arbeitet und nun seit Januar 2015 dem Organisationsteam fest angehört,bezeichnet jeweils „Tanz“ und „Theater“ sowie „Musik“ und „Literatur“ als „Schwesterfestivals“.

 

Sara Franke, Pressereferentin der Berliner Festspiele und verantwortlich für die Pressearbeit im Rahmen aller vier Bundeswettbewerbe der Berliner Festspiele ergänzt: „Ich beobachte seit einigen Jahren unsere Bundeswettbewerbe. Die Struktur ist immer ähnlich, aber sie sind auch sehr unterschiedlich. Das ‚Theatertreffen der Jugend’ und das ‚Tanztreffen der Jugend’ ähneln einander am meisten, die Teilnehmer sind meist sehr offen, treten schnell in Kontakt mit den anderen eingeladenen Ensembles, sind sehr dynamisch, immer in Bewegung. Die eingeladenen Jungautoren hingegen reisen ganz allein an, sind eher Einzelkämpfer. Das Treffen verläuft insgesamt ruhiger. Und die Musiker sind dann nochmal anders. Oft haben sie schon eine eigene CD aufgenommen und bringen eine professionelle Pressemappe mit. Und alle haben sie ihre eigene Form der Professionalität, das ist beeindruckend.“

 

So unterschiedlich die vier Wettbewerbe also sein mögen, alle haben sie gemein, dass innerhalb des Festivals keine Wettbewerbssituation mehr gegeben ist, sondern die eingeladenen Produktionen gleich sind. Es gibt keine Verliererinnen und Verlierer. Und: beim Tanztreffen der Jugend begegne ich ehemaligen TeilnehmerInnen des „Treffens junger Autoren“, die bloggen, andere, die im Rahmen einer Lesung Einblick in ihre aktuelle Arbeit geben und ich komme in den Genuss eines wunderbaren Indie-Folk Konzerts der Kölner Band „The OWs“ die beim „Treffen junge Musik-Szene“ 2014 geladen waren. Dieser dialogische Austausch macht einen interdisziplinären Ansatz erlebbar, der dem Team der Bundeswettbewerbe sehr am Herzen zu liegen scheint, schön.  „Was mich immer wieder aufs Neue begeistert, ist die unbändige Freude und Leidenschaft, die alle Jugendlichen mitbringen und mit welcher Ernsthaftigkeit und Konzentration sie in den Workshops und auf der Bühne agieren. Die Atmosphäre bei allen vier Bundeswettbewerben ist immer eine ganz besondere und von großem gegenseitigen Respekt geprägt. Das ist extrem mitreißend.“, sagt Sara Franke. Jonas Rinderlin ergänzt mit einem Lächeln auf dem Lippen, dass alle Festivalteilnehmer, die einmal da waren, eingeladen seien, immer wieder zukommen, und die anderen Festivals zu erleben.

 

Aufführungsgespräch; © Dave Großmann

 

RAHMENPROGRAMM, JURY UND KURATORIUM

 

Neben dem Zeigen und Erfahren künstlerisch äußerst vielseitiger Aufführungen, die jeweils ihre ganz eigenen ästhetischen Zugänge haben, steht den Jugendlichen und jungen Erwachsen und auch den künstlerischen LeiterInnen während der Festivalwoche ein mehrtägiges Workshop-Programm zur Verfügung. Arbeitsbereiche wie „Physical Theatre“ oder „Contemporary dance“ werden für ensembleübergreifende Gruppen erlebbar gemacht.

 

Sarah Speiser und Mukdanin D. Phongpachith, Workshopleiter für Physical Theatre, haben zusammen an der Folkwang Universität der Künste studiert und arbeiten seit mehreren Jahren im Duo als Workshopleiter, u.a. bereits mehrfach für das Theatertreffen der Jugend. „Wir passen unsere Workshops der Gruppe an, daran, wie fit die Jugendlichen sind, wie viel Bock sie haben, auf was sie anspringen und so. Wir arbeiten mit Bewegungsqualitäten, mit selbst choreographieren, mit Choreographien, die wir vorgeben und dann ausprobieren und auch mit Schauspielelementen. Das ist dann eine gute Mischung aus Bewegung und Schauspiel, die sich treffen. Dabei gibt es aber keine Tabus, es darf alles passieren oder vorkommen.“, so Speiser über ihre Arbeitsweise.

 

Sander von Lingelsheim, verantwortlich für den gesamten organisatorischen Ablauf des Tanztreffens,betont, dass das Workshop-Programm dieses Jahr noch weiter gefächert gewesen sei als 2014 und die Einführung neuer Formate wie die Beschäftigung mit „Rosas danst Rosas"oder das Dancebattle dem Festival gut täten.

 

Dancebattle; © Dave Großmann

 

Die 8-köpfige Jury, die sich aus sieben Jurymitgliedern und einem Jungjuroren, der selbst ehemaliger Teilnehmer des Tanztreffens ist, kommt genau wie die Teilnehmenden aus ganz Deutschland zusammen. Silke Gerhardt, Ulrich Huhn, Martina Kessel, Andrea Marton, Nadja Raszewski, Andreas Simon, Tomas Bünger und Jungjuror Ben Hasan Al-Rim teilen sich im Vorfeld auf, um Produktionen zu sichten, die bereits in die gemeinsame Zwischenauswahl kamen – daraus werden dann die finalen Preisträger des Festivals gewählt. Auch ist die gesamte Jury während des Tanztreffens anwesend und übernimmt verschiedene Aufgaben, wie beispielweise Gesprächsmoderationen, den Austausch mit geladenen Studierenden, eine Workshopleitung oder die Gestaltung des Forumsprogramms.
Dieses ist das Festival-Rahmenprogramm, das sich u.a. durch Austauschformate, Aufführungsgespräche, Podiumsdiskussionen sowie Praxisworkshops für die Teilnehmenden auszeichnet und sich an Choreograph*Innen, Tanz- und Theaterpädagog*Innen, Studierende und Interessierte richtet. In diesem Jahr wurde das Forum von Jurymitglied Martina Kessel, konzipiert und geleitet.

 

„Im Praxisteil des Forumsprogramms ging es vorrangig um Methoden zur Generierung von Bewegungsmaterial. Wie kann ich spannende Bewegungen mit den Jugendlichen (oder auch anderen) entwickeln? Die beiden Workshopleiter David Hernandez und Michel Debrulle haben ihren Weg, über rhythmische also musikalische Vorgaben zur Bewegung zu kommen, vorgestellt. Steve Kirkham hat den sogenannten ‚devising process‘ des britischen Kompanie ‚Frantic Assembly‘ vertreten. Die Kompanie arbeitet sehr viel mit Jugendlichen aber auch für die choreografische Ausgestaltung von professionellen Theaterproduktionen und hat in diesem Kontext ebenfalls viele Methoden zur Entwicklung von Bewegungsmaterial kreiert.“, so Martina Kessel.

 

Neben der Jury gibt es ein Kuratorium als beratendes Gremium, das in den verschiedenen Bereichen unterstützt. Christina Schulz erklärt, dass es aus Vertretern der Tanzwissenschaft, Vertretern, die für den Bereich Tanz in Schulen stehen, oder für zeitgenössische Tanzformate im Allgemeinen, wie beispielsweise das Mousonturm Frankfurt bestehe. Zusätzlich sind Ländervertreter aus Landesministerien und Vertreter aus der allgemeinen Kinder- und Jugendkulturarbeit wie die BKJ Teil des Kuratoriums.  

 

EINSCHÄTZUNGEN

 

Nach einer Woche intensiver Momente und Begegnungen beschreibt Rahel, Ensemblemitglied bei tanzsturm/Staatstheater Mainz, ihr Erleben der Festivalwoche: „Das ist Ausdrücken von Gefühlen, die Persönlichkeit erweitern und einen anderen Blickwinkel aufs Leben bekommen.“„Besonders schön fand ich das RE:ROSAS-Projekt, bei dem alle Teilnehmenden gemeinsam mit einer kleinen Rosas-Delegation (3 Choreografinnen) die 15-minütige Choreografie einstudiert und sehr phantasievoll umgesetzt haben.“, so Sara Franke.

 

 

Auf dem Festival erarbeitete Versionen von „Rosas danst Rosas"

 

Sander von Lingelsheim erzählt, dass die Auswahl in diesem Jahr im Vergleich zu 2014 stärker in Richtung zeitgenössischer Tanz orientiert gewesen sei. „Ich finde, wir hatten sieben starke Produktionen mit jeweils sehr unterschiedlichen künstlerischen Positionen auf dem Treffen, die in ihrer Gesamtheit den Anspruch, ein „Schaufenster“ des gegenwärtigen Geschehens im Jugendtanz in Deutschland zu sein, durchaus erfüllt haben.“ Auch sei das Forum gut angenommen worden, es habe mehr Anfragen als Plätze gegeben, was die Notwendigkeit dieses Angebots unterstreiche, so von Lingelsheim.

 

Ich selbst habe ein Festival(format) kennengelernt, das mich schwer beeindruckt. Für alle Beteiligten und im Besonderen für die jungen TänzerInnen eröffnet die gemeinsame Woche in Berlin sicherlich neue Welten. Insgesamt stehen Bewegung und Begegnung im Vordergrund des Miteinanderseins. Und es geht – zumindest während des Festivals – nicht mehr um Wettbewerb sondern um den gemeinsamen Austausch auf hohem künstlerischen Niveau. Ich freue mich schon jetzt auf mehr davon und darüber, dass der Junge Tanz sich innerhalb der Bundeswettbewerbe etablieren durfte. Am Ende unseres Gesprächs formuliert Christina Schulz etwas, das großen Respekt widerspiegelt: „Wir sind kein Satellit, wir sind nicht die Jugendecke, sondern wir werden als gleichwertiger Programmbereich der Berliner Festspiele wahrgenommen und das ist natürlich toll.“

 

„RAUSCH", TheaterLabor Tanz JUNGES RESI München, Choreographie: Annerose Schmidt und Chris Hohenester; © Dave Großmann

 

Julia Opitz, Autorin des Artikels, studierte Theater- und Medienwissenschaft sowie Erziehungswissenschaft
und arbeitet seit der Spielzeit 2014/2015 am JUNGEN RESI, Residenztheater München. Im aktuellen Heft der jungen bühne hat Julia Opitz einen Text über junge Theaterbegeisterte geschrieben, die sich auf den Weg zur Aufnahmeprüfung an Schauspielschulen machen.

 

 

Weitere Informationen

 

Re:Rosas-Projekt