@FUX
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Thema des Monats - Dezember 2015

Wer spielt, gewinnt

 

Mitspielformat. Ein Begriff, der in letzte Zeit häufiger zu lesen ist, wenn es ums Theater geht. Wir sind der Sache einmal nachgegangen und zeigen euch anhand eines Beispiels, wie eine solche Produktion aussehen kann.

 

Von Valerie Schaub


Bequem in die Polstersessel sinken, im Parkett einnicken und sich von Schillers Worten einlullen lassen, das war gestern. Theaterzuschauer von heute müssen mit anpacken. Das sieht ganz unterschiedlich aus: Mal sollen sie mit einem Zettel unter ihrem Stuhl ihren blinden Fleck bestimmen (paradies hungern, Marburg), mal sollen sie mit Schildern abstimmen (Utopia in Progress, Konstanz). Manchmal bestimmen sie sogar wie ein Stück verläuft, wie es ausgeht oder was darin passiert. Oder sie müssen selbst agieren.


Das Künstlerkollektiv FUX hat es mit seiner neuen Produktion „FUX gewinnt" darauf abgesehen. Nele, Stephan und Falk wollen wissen, ob sich Glück erarbeiten lässt, wenn man es zum Nine-to-Five-Job macht. Heißt: in vier Städten jeweils zwei Wochen an jeglichen Glücksspielen arbeiten und zum Glücksspielprinzip recherchieren, eine Zwischenbilanz geben und ein Ergebnis auf der Bühne präsentieren. Das ist ihr Plan. Aber das schaffen sie nicht alleine. Teilnehmer steuern aktiv zur Endproduktion bei, indem sie ihre Zeit, ihren Grips oder ihre Kreativität in Kreuzworträtsel, Wissenstests oder Stimmen investieren und mit den Gewinnen über die Requisiten und den Inhalt des Bühnenstücks unwillkürlich mitbestimmen. Man könnte auch sagen, das Stück koproduzieren.


An fünf Tagen in der Woche sind Nele, Stephan und Falk sechs Stunden im Foyer des Mousonturms in Frankfurt und können Hilfe gut gebrauchen. Zum Beispiel, um den Stapel an Rätselheften abzuarbeiten, der sich auf ihrem Arbeitstisch türmt. Um den "Vault Boy", eine lebensgroße Figur aus dem Computerspiel "Fallout 4", zu gewinnen, denn der würde sich gut auf der Bühne machen. Oder um die bunten Kartons, Kullerklebeaugen und das Glitzer in Kreativpostkarten zu verbasteln. Die Kostüme für das Bühnenstück sind auch noch nicht vollständig gewonnen worden, ein drittes Oberteil muss noch erspielt werden.


Am Ende des Tisches sitzen Lina und Philipp. Sie haben eine Tagung im Haus besucht, kannten sich kaum, jetzt füllen sie ein Partnerrätsel aus. „Ich bin jetzt auch im Internet mit dabei", sagt Philipp, der ab heute jeden Tag per Mausklick dafür stimmen will, dass Falk und Stephan Gesichter einer neuen Teekampagne werden. Auch in der virtuellen Welt kann man helfen, Spielaufträge vergeben, Fotos hochladen oder Kommentare posten, je nachdem was für den Gewinn gefragt ist. Auf der Facebook-Seite hält FUX seine Glücksspielgemeinde auf dem Laufenden. Unter das Foto für die Teekampagne habe ich von zuhause aus auch noch schnell fünf Sternchen gesetzt.
FUX hat mittlerweile schon sechs Wochen Erfahrung im neuen Job. Da entwickelt man Strategien: „Bestenfalls brauchen wir 20 Wörter, um ein ganzes Rätselheft zu lösen", sagt Stephan. „Es gibt Routinesachen" sagt Falk, der seit fünf Wochen jeden Tag Meggle auf facebook liked, um ein Besteckset zu gewinnen. „Kindergewinnspiele sind einfacher", sagt Nele.


Eine Erkenntnis ist: Hinter manchen Gewinnen verbirgt sich das Gegenteil. „Wir bekommen Anrufe von Glücksspielmachern, die unsere Kontodaten haben wollen", sagt Stephan. Dafür hat sich jeder ein Glücksspielhandy gekauft, „das würde ja sonst nicht mehr aufhören". Aber auch die tatsächlichen Preise büßen Wert ein. Autos gebe es nur ohne Überführungskennzeichen, zu Traumreisen müsse man auf eigene Kasse anreisen... „Man weiß, man kann mit weniger locken", sagt Falk. Und das ist manchmal immer noch ganz schön teuer. Der weiße Plüschtiger auf dem Baseler Rummel war nur mit 80 Franken Einsatz am Schießstand und jedem Schuss ein Treffer zu ergattern.


„Neue Sichtweisen auf die Wirklichkeit" wollen die Produzenten solch interaktiven Formate den Teilnehmern dabei eröffnen, heißt es im Handbuch Kulturelle Bildung. Dafür hat FUX „Außentermine" organisiert und fragt bei der Chefredakteurin des Rätselhefts, dem Richter, dem Börsenmann oder der Asylkoordinatorin inwiefern man ihr Business als Glücksspiel auffassen kann. „Erstmal streiten alle die Parallele ab, dann kommen nach und nach Zugeständnisse", erzählt Falk. Denn schließlich treten auch in Asylfragen oder bei Gerichtsprozessen „viele Leute gegeneinander an und wenige werden gewinnen." Auch bei einem guten Anwalt brauche man entweder Glück oder Geld. Als Flüchtling oder Student in einer Großstadt eine Wohnung zu bekommen, sei ebenfalls Glückssache. Der Unterschied, so Falk: „Wenn ich freiwillig teilnehme, lasse ich mich darauf ein, aber in Alltagssituationen werde ich gezwungen." Diese Rechercheergebnisse will das Kollektiv im zweiten Teil des Projekts mit Mitspielern und Zuschauern teilen.


Für den ersten Teil hat FUX in Berlin im Theaterdiscounter kurzweilig sogar ein Co-Working-Space für alle Kreativschaffende eröffnet, die hier Anträge oder anderen Papierkram bearbeiten konnten. „Man füllt was aus und hofft", sagt Falk. Wieder so ein Gewinnspiel. Tatsächlich hat so eine Schauspielerin bei dem gemeinsamen Werkeln eine Zusage für einen Drehtag bekommen.


Im Mousonturm wedelt Falk mit Tickets von Sportwetten in der Luft herum. Stephan schreibt an einem Drehbuch, das er einreichen will, Nele grübelt über einem Rätsel. „Nach sieben Stunden hat man nur Matsch im Hirn", sagt Stephan über seine neue Alltagsbeschäftigung. „Für uns ist das wirklich Arbeit, wir denken zielorientiert.", sagt Nele.


Für alle anderen ist es ein Spiel. Ein bisschen Muse und Zeit braucht man, dann kann man sich voll drauf einlassen. Mitspieler Gordon Vajen findet das entspannend: „Du wirst so angekitzelt, weil du was lösen kannst. Das ist im Alltag viel komplexer." Und während man an der Lösung mit fünf Buchstaben herumkritzelt, kann man wunderbar alles Alltägliche vergessen.