Thema des Monats - August 2016

Das Geheimnis von „Tschick"


Seit einigen Jahren mischt ein Stück die Spielpläne auf, das eigentlich ein Roman ist und von dem man kaum sagen kann, ob es nun ein Jugendstück ist oder ein Schauspiel für Erwachsene


Der Text ist zuerst in der Juni-Ausgabe der "Deutschen Bühne" erschienen.

 

Von Anne Fritsch

 

Die meisten Inszenierungen im deutschsprachigen Raum. Die meisten Aufführungen ...„Tschick" schlägt sie alle. Verweist „Die Zauberflöte", „La traviata" und den „Sommernachtstraum" auf die Plätze. Aus dem kleinen, feinen Roman von Wolfgang Herrndorf ist das erfolgreichste Theaterstück der letzten Jahre geworden. Ein Ende des Hypes ist nicht abzusehen. Maren Zindel, Lektorin beim Rowohlt-Verlag, fallen im Gespräch spontan zwei Städte in Deutschland ein, in denen es „Tschick" noch nicht gab:
Frankfurt und Bielefeld. Allein die Tatsache, dass es einfacher ist, die Städte zu nennen, wo das Stück (noch) nicht inszeniert wurde, ist wohl einmalig. Dass das so wenige sind, ist eigentlich unfassbar. 54 Inszenierungen des Stücks liefen in der Spielzeit 2014/15 in deutschsprachigen Theatern. Die 1182 Aufführungen haben 172453 Zuschauer gesehen.

 

Wenn Maren Zindel sich erinnert, wie sie das Buch zum ersten Mal gelesen hat, muss sie lachen: „Ich dachte: Ein wunderbares Buch, aber das wird nie als Theater funktionieren." Warum? „Ich hatte einfach immer die langen inneren Monologe und diesen Roadmovie-Charakter vor Augen. Die beiden Jungs sind ja die ganze Zeit mit dem Auto unterwegs. Ich habe immer diesen engen Autoraum gesehen und nicht gemerkt, dass man das alles auflösen kann." Als Robert Koall, Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden und Freund von Wolfgang Herrndorf, sie anrief und sagte, dass er eine Dramatisierung machen wolle, ließ sie ihn machen (siehe das Koall-Porträt in DdB 2/2016). Schon vor der Uraufführung war klar, dass das Stück nachgespielt würde. „Wir bekamen viele Anrufe von Theatern und haben uns sehr schnell darauf festgelegt, dass es nur die Koall-Fassung geben wird. Allein, weil es Wolfgang Herrndorf nicht mehr zuzumuten gewesen wäre, dauernd Theaterfassungen zu prüfen", erinnert sie sich. „Inzwischen hat sich das als sehr gute Entscheidung herausgestellt, sonst hätten wir mittlerweile 100 Fassungen geprüft."

 

Beim Lesen hat sie gemerkt, dass da eine Dynamik ist, die sehr wohl auf der Bühne funktionieren kann: „Diese Theaterfassung ist sehr behutsam und klug verdichtet, ohne der Regie einen Zugriff vorzugeben. Koall hat eine Offenheit bewahrt, die jedem neuen Regisseur eigene Möglichkeiten bietet. Und die Uraufführung war einfach toll, die hatte eine schöne Nähe zum Publikum, das war so anrührend. Da hab ich gedacht, das macht gar nichts, dass der Maik so viel redet, dem hört man gerne zu." Was aber danach mit dem Stück passiert ist, hat alle überrascht. Für Robert Koall war diese Romanbearbeitung eine „Liebhaberentscheidung": „Wir wollten das als kleine Orchidee machen, im kleinen Haus vor 99 Zuschauern, und haben es unserem Assistenten Jan Gehler als Gesellenstück gegeben." Nach einigen Vorstellungen aber war klar, dass 99 Plätze nicht ausreichen, die Produktion wanderte in den großen Saal des Kleinen Hauses, wo mittlerweile über 170 ausverkaufte Vorstellungen gelaufen sind.

 

Jan Gehler hat die Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden inszeniert. Ihm war, als er das Buch gelesen hatte, gleich klar, dass er das machen wollte: „Ich habe das auf einer Zugfahrt in einem durchgelesen, die letzten drei Seiten im Stehen vor meiner Haustüre, weil ich nicht warten wollte, bis ich oben war. Ich war komplett in dieser Welt gefangen, konfrontiert mit meiner eigenen Jugend", erinnert er sich. „Und das passiert, glaube ich, auch im Theater: Alle sehen diese konkrete Geschichte, denken aber über ihre eigenen Lehrer, ihre eigenen Tatjanas und Tschicks nach." Während der Proben haben er und die Schauspieler viel über sich gesprochen, sich erinnert an Mitschüler, Klassenclowns und Schönheitsköniginnen, an Lehrer und Eltern. „Jeder konnte Millionen Geschichten erzählen", sagt Gehler. „Aber die Essenz war immer schon im Text vorhanden, wir haben nie gedacht: Ach, die Geschichte von dem Schauspieler ist aber toller, die müssen wir noch reinnehmen. Herrndorf hat das alles auf den Punkt gebracht." Was man da im Theater sieht, ist so etwas wie die Essenz von Jugend. Die „Grundvoraussetzung fürs Glück", wie Koall sagt: „14 Jahre, Sommer, Abwesenheit von Erwachsenen, Fahrzeug, Geld - und los." Wolfgang Herrndorf erzählt das in einer unprätentiösen, aber sehr genauen, gleichzeitig geerdeten und poetischen Sprache. Das Buch wie das Theaterstück wird nicht nur von Jugendlichen geliebt, mit 29 Inszenierungen im Schauspiel und 25 Inszenierungen im Kinder- und Jugendtheater gelingt „Tschick" mühelos der Spagat zwischen den Generationen. „Die Jüngeren im Publikum identifizieren sich eher mit Tschick, applaudieren ihm", hat Gehler beobachet. „Daneben - und das hat Herrndorf ganz toll gemacht - gibt es Maik, der die Reflexion, das Wissen und den Witz eines Erwachsenen hat, gleichzeitig aber im Körper eines Pubertierenden steckt und daher nicht anders handeln kann."

 

Seine Inszenierung kommt mit wenig aus, sie setzt ganz auf das Spiel der Schauspieler auf einer leeren Bühne. Gehler war schnell klar, dass es nur so geht: „Man muss dem Text vertrauen, dann ist es im Theater wie während der Zugfahrt, auf der ich das Buch gelesen habe - ein Sog. Da muss man keinen großen Schnickschnack draus machen." Was sich da vor den Zuschauern auftut, ist ein wunderbares Kopfkino. Die Rapsfelder, durch die Maik und Tschick in ihrem gestohlenen Lada brettern, die Menschen, denen sie begegnen - das alles wird im Kopf der Zuschauer zu Bildern, zu einem Gefühl, das auch noch Jahre später präsent ist. Selten war ein Abend so rund, wurden Worte und Spiel so eins, hat ein Theaterabend so berührt. Vielleicht, weil er in seiner Offenheit jeden Einzelnen einlädt, seine eigene Geschichte zu sehen. Und dazu, mal wieder positiv zu denken. Maik hat sein Leben lang von allen gehört, dass die Welt schlecht und 99 Prozent der Menschen böse sind. Am Ende stellt er fest, dass er auf seiner Reise nur das eine Prozent getroffen hat, das gut ist. Darin sieht Gehler eine der Hauptthesen des Stücks: „Diesen Glauben an das Gute in einer Welt, in der man als Jugendlicher fast nur mit Anforderungen und Warnungen konfrontiert ist, finde ich sehr wichtig. Dass man auch mal einfach das Schöne suchen und finden kann."

 

Filmtipp: Ab dem 15. September 2016 kann man "Tschick" auch im Kino sehen. Regie führt Fatih Akin.