Thema des Monats - September/Oktober 2016

Nora Abdel-Maksoud

- Krass, durchgeknallt und reflektiert!

 

von Martin Bürkl

 

Nora Abdel-Maksoud. Dunkles lockiges Haar, helle Jeansjacke (Ja Jeans, kein hippes schwarzes Leder!) und ein bisschen verschlafene Augen hinter der Sonnenbrille. Wir treffen uns zum Interview am Münchner Königsplatz. Es ist Frühling und für Theaterleute und Journalisten noch ziemlich früh, morgens um neun.
Ich habe dabei: Kaffee in der Thermoskanne, einen Haufen Notizen und ein Aufnahmegerät. Nora hat dabei: Eine Schachtel Zigaretten und ihren vor Ideen berstenden Kopf, das Hirn ist nämlich ganz und gar nicht verschlafen! Um uns herum: Markus Mayer mit Kamera.

 


Autor Martin Bürkl im Gespräch mit Nora Abdel-Maksoud;

Foto: Markus Mayer

 

Nora ist Schauspielerin, Regisseurin und schreibt selbst Stücke, die ziemlich krachen. Hätte ich geschrieben „krachige Stücke", dann klänge das nach Karneval und das ist ganz und gar nicht gemeint - auch wenn sich der tiefere, nachdenkliche Sinn manchmal ein bisschen hinter dem Lärm versteckt.
Nora inszeniert ihre Stücke gern selbst, deshalb hat Alexander Altmann im Münchner Merkur geschrieben: „Die Autorin steht der Regisseurin im Weg." Gemeint hat er damit, dass ihr der Abstand zur eigenen Arbeit fehlt und deshalb das nicht passiert, was man 'mutigen Zugriff' nennt. Aber was ich gesehen habe, ist alles andere als zu lang und zu verdreht ist es auch nicht. Bei der Uraufführung von 'Sie nannten ihn Tico' am Münchner Volkstheater hätte ich nicht gewusst, wo ich ihr den ollen Satz „Kill your darlings" hätte zurufen sollen!

 

Ganz tolle Darlings stellt Nora auf die Bühne: Abgebrannte Alkoholiker und Junkies, ausländerfeindliche Schlägertrupps, ein Politikerbaby in der Krankenhausmülltonne... Stoffe zwischen Realsatire und Dystopie, zwischen Gerhard Polt und Terry Gilliam. Wahrscheinlich hat „Verrücktes Blut" von Nurkan Erpulat und Jens Hillje 2010 die Richtung vorgegeben. Nora hat in dem Stück das 'Kopftuchmädchen' gespielt, dem eine durchdrehende Lehrerin - weil sie es gut meint - deutsches Kulturgut mit der Pistole ins Hirn prügeln will.

 

Wenn sie selbst schreibt, holt sie sich allabendlich den aktuellen Bezug aus der Glotze. Sie schließt sich eben nicht im Elfenbeinturm der Künste ein, sondern zwingt sich knallhart zum Fernsehkonsum. In der einen Talkshow wird versucht, die Zuwanderungsdebatte auf hohem Niveau zu führen, in der nächsten wird schlimmer ausgeteilt, als am Stammtisch, ohne jedes Blatt vorm Mund. Nora saugt alles auf und gießt es in bittere, verstörende und trotzdem ziemlich unterhaltsame Theatertexte. Ist das Stück fertig, dann war es das erst mal mit dem Fernsehen, mehrere Wochen Pause, „das hält die junge Frau von Welt ja sonst nicht aus!"

 

1983 ist Nora Abdel-Maksoud in München geboren. „Eigentlich bin ich so was, wie ein Akademikerkind", sagt Nora, deren tunesischer Vater in Deutschland Publizistik studiert hat. Sie ist in der reichen bayerischen Stadt aufgewachsen, wo soziale Probleme nicht so offensichtlich zu Tage treten. Aber die Debatten um Flucht, Verschleierung und 'Leitkultur' treiben sie seit Jahren um.
Und weil sie nicht nur geisteswissenschaftlich unterwegs sein wollte - Nora hat es mit Anglistik, Philosophie und Kommunikationswissenschaft versucht -, ist sie Richtung Schauspiel abgebogen. Nach beinahe unendlich vielen Vorsprechen wurde sie in Potsdam genommen.

 

...nicht ohne "junge bühne"; Foto: Markus Mayer

 

Nora hat von Anfang an viel Theater gemacht, in Potsdam, in Berlin. Ein paar Fernsehengagements gab es auch: z.B. im 'Kleinen Fernsehspiel' des ZDF, oder im 'Komödienstadel' beim Bayerischen Fernsehen als krachige Dialektsprecherin in Tracht (Für manche gilt das schon als mutige Besetzung: Oha, die ist ja das Gegenteil von blond!). Auf jeden Fall hatte sie Glück, nach dem Studium nicht mehr kellnern zu müssen! Heute spielt und inszeniert Nora am Ballhaus Naunynstraße und am Maxim-Gorki-Theater in Berlin, am Neuen Theater Halle und am Münchner Volkstheater. Und sie ist bei Gastspielen in Nachbarländern wie Schweden und der Schweiz zu sehen und in Hörspiel-Rollen zu hören.

 

Im Januar 2017 hat ein neues Stück von Nora am 'Studio R' des Gorki-Theaters Premiere. Der Titel steht noch nicht fest, aber die Leute, mit denen Nora dran arbeitet schon: Stella Hilb und Eva Bay aus der gefeierten 'KINGS'-Produktion zum Beispiel. Los geht's im September mit einem weißen Blatt Papier, denn Nora will die Grundideen zuerst in einer Workshop-Phase erarbeiten und sich danach ans Schreiben machen. Auf jeden Fall geht es um Kino und die Rollenbilder, die wir dort permanent verabreicht bekommen: Gibt es eine 'Remaskulinisierung'? Warum wurde Batmans Stimme in 'The Dark Knight' runtergepitcht? Und wie sind die Produktionsbedingungen beim Film überhaupt - gendertheoretisch und gleichberechtigungspraktisch?

 

Das 'Studio R'-Programm hat sich ins Konzept geschrieben: „Kunstasyl für marginalisierte Themen und Denkweisen, Plattform für Diskussionen und Schaffensprozesse - postnational, queer, empowernd!" Viel Glück liebe Nora!


Das Interview lest Ihr in der aktuellen jungen bühne, die am 26. September 2016 erscheint.