Foto: Thorsten Wulff

Weder gut noch böse

 

Das Autorentrio Moritz Schönecker, Katharina Raffalt und Hassan Siami hat ein Stück verfasst über einen Geflüchteten aus Afghanistan, der in die üblichen Schubladen nicht reinpasst. „Sieg Gottes" spannt dabei einen weiten Bogen aus dem Afghanistan der 1980er-Jahre bis in die Gegenwart. Im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt hat Co-Autor Schönecker die Uraufführung inszeniert.

 

Von Alexander Jürgs

 

„Man sagte uns stirb, und wir gingen sterben", erklärt Nasrullah, der von sich selbst sagt, dass er ein Mitläufer ist. Nasrullah, dessen Name sich mit „Sieg Gottes", dem Titel des Stücks, übersetzen lässt, hat sich den Mudschahedin angeschlossen. Man sieht ihn mit seinen Kameraden mit falschen Bärten, der Warlord ist ein Scheusal, Felsen stehen als Kulissen auf der Bühne, ein Zelt aus schlanken Baumstämmen und schwarzen Stoffbahnen, alles wirkt einen Tick zu überzeichnet. Die Szene ist eine Rückblende in die Zeiten, als der Westen in Afghanistan noch die sogenannten Gotteskämpfer unterstützte, weil sie sich gegen die Sowjets auflehnten.

 

„Sieg Gottes" erzählt in Schlaglichtern von dem Leben dieses Mannes, die Handlung springt in der Zeit, mal spielt das Stück in den Mudschahedin-Lagern in den afghanischen Bergen, mal in den Amtsstuben deutscher Behörden, wo eine Frau Ameise rückwärts spricht und den Laptop malträtiert, mal in den Drogenhöhlen Kabuls. Das Stück ist eine Uraufführung, ihre Premiere feiert sie im Kleinen Haus des Darmstädter Staatstheaters. Moritz Schönecker aus dem Leitungsteam des Jenaer Theaterhauses, der auch Regie führt, hat es gemeinsam Katharina Raffalt und Hassan Siami geschrieben. „Sieg Gottes" ist ein fiktiver Stoff, basiert aber auf Interviews, die die Autoren zuvor mit im deutschen Exil Lebenden geführt haben.

 

Nasrullah ist eine Figur, die sich einem nicht einfach erschließt. Nach und nach erfährt man mehr über ihm. Hört von seiner Heroinabhängigkeit, seinem Absturz in den Alkohol. Erblickt ihn, wie er verzweifelt, als ein fehlgeleiteter Raketenangriff seiner Frau, seinem Sohn und seiner Stieftochter das Leben stiehlt. Sieht ihn, wie er gegen die Regeln ein Mädchen auf dem Fahrrad mitnimmt, von einer gemeinsamen Zukunft mit ihr in Europa träumt, mit der Mutter darüber in einen Streit gerät. Sieht ihn, wie er mit den Schleppern einen Joint raucht und davon erzählt, wie ein Rucksack voller privater Fotos, voller Erinnerungen, bei der Flucht übers Mittelmeer verloren gegangen ist. Doch die Puzzleteile fügen sich nicht zusammen, vieles an diesem Nasrullah und seinem Handeln bleibt ein Rätsel.

 

Mehdi Moinzadeh, der schon im „Tatort" zu sehen war und mit der bekannten iranischen Regisseurin Shirin Neshat („Women Without Men") gedreht hat, spielt ihn ausdrucksstark, aber ohne übertriebene Gesten, spielt ihn als einen, der sich durchs Leben trickst. Mal ist dieser Nasrullah, der zum Jacket bunte Ketten und Tücher trägt, ein charmanter Schmeichler, der über die Bühne tanzt, dann wieder ist er aggressiv und ausfallend. Er erinnert einen oft an die Figuren aus den Filmen von Fatih Akin („Gegen die Wand", „Kurz und schmerzlos"), an diese Männer, die wieder gut noch böse sind und sich zwischen den Kultur bewegen. Sie sind voller Sehnsucht, auf ihrer Suche nach dem guten Leben aber scheitern sie trotzdem kolossal.

 

Drei Live-Musiker - Amen Feizabadi, Pouya Raufyan und Philipp Strüber - stehen mit den Darstellern auf der Bühne, sie spielen die traditionellen Saiteninstrumente der afghanischen Folklore, die Setar oder die Rubab, ihre Musik ist oft melancholisch und tragend. Sahar Jaan, die auch Nasrullahs Mutter gibt, singt mit starker Stimme. Die Kostüme wechseln, sind bunt, ja: überkandidelt. Eine Nebelmaschine findet Einsatz, die Bühne ist voller Leben. Und die Darsteller wechseln die Sprachen, reden mal auf Deutsch, mal auf Farsi, Übertitel liefern die jeweiligen Übersetzungen.

 

Dass Schönecker, Raffalt und Siami eine Figur geschaffen haben, die rätselhaft bleibt, die nicht so einfach in die Schubladen Migrant oder Flüchtling passt, ist eine gute Entscheidung. Trotzdem fehlt dieser Figur etwas. Trotzdem vermisst man eine Entwicklung, wartet man lange auf eine Wendung, auf einen Knall. Der aber bleibt aus. Und so fehlt dem Stück ein echter Schluss, verläuft es zum Ende in Sand.


Die nächsten Aufführungen laufen am 21. und 31. März, weitere Termine im April, Mai und Juni.

 

 

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Foto: ART.62

Eine reibungslose Zukunft?

 

Die drei Stücke des Programmformats Now & Next 2018 des tanzhaus NRWs sind schwer zu beschreiben. Aber nicht etwa, weil die szenische Sprache außergewöhnlich ist und sich so jeder kritischen Reflexion entzieht. Und auch nicht, weil Tänzer und Tänzerinnen in ihren Thematiken Risiken eingehen, die beim ersten Schauen nur schwer zu fassen sind. Die Work-in-Progress Präsentationen sind einfach zu glatt. Tanz und Thematik ecken nicht an, bieten keine Reibungsfläche, wühlen nicht auf. Sie finden statt, im Hier und Jetzt, werden registriert und bleiben blass.

 

Besuchte Vorstellung: 12. März 2018

 

Von Laura Brechmann

 

Die französische House-Tänzerin und tanzhaus-Kursleiterin Wilhelmina „Willie" Stark widmet sich in ihrem ersten Solo-Bühnenstück „Melanism" weiblichen Rollenbildern „im Kontext von Menschenrechten, Populärkultur und Empowerment". Dabei stellt sich Stark in den Fokus und in den Lichtkegel. Sie lässt ihre persönlichen Erfahrungen als women of colour in ihre Choreografie einfließen. Der Beginn ist vielversprechend. Die Tanzbewegungen beschränken sich auf den Kopf, den Stark durch minimale Bewegungen rhythmisch führt. Ihre Choreografie ist mechanisch, doch stellt sich eben darum ein eigenartiger Flow ein. Ein Moment bleibt im Gedächtnis: Stark legt den Kopf in den Nacken, zeigt dem Publikum ihre Kehle; Muskeln und Sehnen sind gespannt. Sie beginnt mit dem Kopf zu wippen. Es ist unangenehm, für Tänzerin und Publikum. Ein starker Moment, der viel von dem erzählt, was die Tänzerin in ihrem Solo ausdrücken wollte. Der Rest ist eine technisch solide Choreografie. Stark bricht aus dem Lichtkegel aus, der Bühnenraum wird illuminiert. Ihr Tanz wird ausladend, rebellisch. Doch eben diese Entwicklung überrascht im Kontext von Empowerment nicht und schwächt die Stärken des Beginns.


Eine ähnliche Tendenz lässt sich im zweiten Stück der beiden Tänzer des Kreativzentrums ART.62 Dodzi Dougban und Thomas Kunfira erkennen. Sie rücken non-verbale Kommunikation in den Mittelpunkt ihrer Arbeit „(K)eine Kommunikation - (No) Silence!". Es ist eine Begegnung zwischen dem virtuosen Tanz des gehörlosen Dougban und der quirrligen Artistik Kunfiras. Die Übersetzung von Gebärden, von Kommunikation, in Tanz ist spannend. Doch das Stück driftet in irritierenden Pathos ab, der den Momenten Energie und Aussagekraft nimmt und dramaturgische Schwächen offenlegt. Die Arbeit hat Potential und die tänzerische Qualität vor allem von Dougban blitzt auf. Doch es fehlt den Künstlern (noch) an inszenatorischen und choreografischen Feingefühl.


Die tänzerische Qualität und ein Gespür für szenische Arrangements ist hingegen in der Präsentation des Kollektivs Tacho Tinta unbezweifelbar zu erkennen. Die drei Tänzerinnen - Sooyeon Kim, Seulki Hwang und Silvia Ehnis - suchen in ihrer Inszenierung das kreative Potential von Körper und Bewegung, in dem sie mit den eigenen körperlichen wie tänzerischen Unterschieden experimentieren. „Ms.Mon" ist ästhetisch gut anzusehen, doch verliert sich die Energie im Verlauf der 20-minütigen Präsentation. Es fehlt an Bruchstellen; an Ecken und Kanten, an denen sich das Publikum stoßen könnte. Es überwiegt die technische Perfektion und es zeigt sich nur wenig Mut zum Risiko.


Eine Beobachtung, die die drei Stücke miteinander verbindet. Ansonsten ist es ein eher zäher Abend. Mit dem Beginn des nächsten Stücks verblasst die Erinnerung an das Vorherige bereits. Es fehlt an Energie und der Bereitschaft die Studiobühnen des tanzhauses NRW zu nutzen um tänzerisch neue Wege zu beschreiten. Oder zumindest erste Schritte zu wagen. Ein Next, das Zukünftige, ist an diesem Abend nur in Ansätzen zu erkennen.

 

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Foto: ©Urban Jörén

Fremd bin ich eingezogen

 

Das Tanzfestival „You're invited if that's OK?" am Tanzhaus NRW (23.02.-09.03.2018) zeigt die deutsche Erstaufführung der Inszenierung „Intergalatic Underwater Palace" von Sebastian Matthias in Kooperation mit dem schwedischen Cullberg Ballett und Riksteatern.

 

Von Laura Brechmann

 

 

Auf Socken tritt das Publikum in eine fremde Welt ein. Die Atmosphäre ist zurückhaltend, beinahe kühl. In der Raummitte stapeln sich weiße Sitzkissen und an vier metallenere Gerüsten hängen weiße Stoffsäcke. Ansonsten ist der Raum leer. Zwei Tänzer und zwei Tänzerinnen in dezent silbern schimmernden Kostümen lächeln den wenigen Kindern (und ihren erwachsenen Begleitern) begrüßend zu. Im Raum knistert, rauscht und schrillt es. Mal, als würde man einen Radiosender auf die richtige Frequenz einstellen und mal, als würde man an etwas metallenen kratzen. Die Stimmung schwankt. Sie ist vertraut und fremd zugleich. Die Töne werden von der schwedischen Musikerin Ida Lundén erzeugt, die dafür allerhand Objekte verwendet, die aus ihrem Kostüm äugen. Das Publikum steht unentschlossen im Raum. Ohne Sitzgelegenheiten weiß es nicht wohin mit sich. Während Lundén beginnt mit einem kleinen, sensiblen Mikro den Bühnenraum abzutasten und dabei metallisch-kratzende Geräusche erzeugt, beginnt eine der Tänzerinnen in fließenden Bewegungen durch den Raum zu gleiten.


Dann: die Tänzer-Wesen beginnen zu kommunizieren. Sie sprechen das Publikum direkt an; fragen, ob man ihnen vielleicht helfen könnte, die Sitzkissen zu verteilen. Kinder und Erwachsene arbeiten mit den Tänzern Hand in Hand und erschließen sich so Performance- wie Zuschauerraum. Dabei sind sie freundlich, diese intergalaktischen Wesen. Ihr Ton ist respektvoll, annähernd. Das Publikum, vor einigen Augenblicken noch Fremdkörper, wird eingeladen, Teil zu werden. Hier zeigt sich die konzeptionelle Fragestellung des Regisseurs Sebastian Matthias, der zusammen mit dem schwedischen Cullberg Ballett und dem Riksteatern diese Tanzperformance für Kinder entwickelte. In seinen Arbeiten fragt Matthias danach wie sich Publikum und Performer/innen den Raum teilen können. Eben ohne, und das ist das bemerkenswerte dieser Inszenierung, in ein plumpes Partizipationsspiel zu verfallen. Matthias und Ensemble wählen die Einladung zur Beteiligung. Lächelnd führen sie sanft in die Situationen ein. Sie drängen sich nicht auf, sondern gewinnen als ästhetisch-fremde Wesen das Vertrauen des Publikums.


Die Interaktion steigert sich dramaturgisch. Zunächst nur Hilfe in der Gestaltung des Zuschauerraumes, wird das Publikum bald eingeladen den Raum zu durchschreiten und miteinander zu kommunizieren. In Schwedisch fragen sich Publikum und Performer gegenseitig, ob sie die Plätze tauschen können. Das Platz-wechsel-dich-Spiel ist ein gelungenes Warm Up. Ohne die Sprache, die in Klang und Aussprache merkwürdig fremd klingt, zu verstehen, tritt man in Kommunikation. Jeder, ob Performer oder Publikum, ist in Bewegung. Doch dann gibt es auch Momente, in denen das Publikum, insbesondere die Kinder, still auf ihren Plätzen sitzen und sich vom tänzerischen Spiel im intergalaktischen Unterwasser-Palast einnehmen lassen. Die Körper der Tänzer/innen gleiten und fließen mehr durch den Raum als das sie einer strikten Choreografie folgen. Ihre Körper finden in einem Augenblick Formen und lösen diese im nächsten. Dabei kommen sie dem Publikum ganz nah. Der Blickkontakt wird gesucht und gehalten. Ihre Körper gleiten am Publikum vorbei, berühren ganz sanft und flüstern vereinzelten Zuschauer/innen etwas ins Ohr. Die Stimmung, wieder ist sie vertraut und fremd zugleich.


Diese ungewohnte Nähe ist eine Stärke der Performance. Spielerisch und ohne Zwang wird eine Stimmung kreiert, die zur Partizipation einlädt. Die Wesen sind fremd und entrückt, aber sie gewinnen in der dramaturgisch klugen Steigerung des Interaktionsspiels an Vertrauen. Das Zögern sich aktiv an den tänzerischen Bewegungen zu beteiligen, ist dementsprechend kurz. Angezogen vom überirdisch blauen Licht kleiner Fingerlämpchen bewegen sich am Ende alle gemeinsam durch den Raum. Die Münder klackern und zischen, während die Lichterchen an ihren Fingern zittern und ihresgleichen suchen.

 

 

 

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Foto: Heiko Sandelmann

Ein Glitzern in der Hoffnungslosigkeit

 

Lügen darf man nicht. Lügen ist böse. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. Das alles wird uns schon im Kindesalter eingebläut. Doch darf man vielleicht lügen, wenn man Anderen in schweren Zeiten damit etwas Gutes tut? Und ist eine schöne Lüge nicht manchmal besser als die furchtbare Wahrheit?


Das Junge Theater Bremerhaven zeigt "Jakob der Lügner" nach dem Debütroman von Jurek Becker, der als jüdisches Kind den Nationalsozialismus überlebte.

 

von Marie Engert

 

Es herrscht eine ungewöhnlich laute und aufregte Stimmung im Jungen Theater Bremerhaven (JUB) zur Premiere von „Jakob der Lügner", basierend auf dem Roman von Jurek Becker. Alle im Publikum wissen schon vor Beginn der Vorstellung (szenische Einrichtung: Tanja Spinger), dass es sich um ein schwieriges Thema handeln wird. Der überdimensionale Volksempfänger, der zwar nebst einem Klavier das einzige Requisit ist und trotzdem vielfältig eingesetzt wird, verhindert jegliche Art von Verdrängung von Anfang an. Und spätestens mit den Originaltonaufnahmen Joseph Goebbels‘ wird auch dem letzten Theaterbesucher bewusst, dass es kein leichter Abend werden wird.


Eine seltsame, beinahe bedrückte Spannung liegt im Raum, als die beiden Schauspieler Eva Paulina Loska und Marc Vinzing, schlicht gekleidet in grauen Anzügen und weißem Hemd (Kostüm: Jodie Guttchen), den Raum betreten. Dass sich der Zuschauer der Thematik nicht entziehen kann, scheint sich wie ein roter Faden durch den 80-minütigen Abend zu ziehen, als sie das Publikum in der Form des Erzählers direkt ansprechen, untermalt von der ruhigen Klaviermelodie, die Eva Paulina Loska immer wieder beeindruckend mühelos aufgreifen wird.
Schnell wird deutlich, der Volksempfänger ist auch Leinwand für Projektionen, Animationen (Video und Bühne: Raoul Doré) und Schattenspiele, bei denen man selbst das Schlucken Jakobs sieht, als er mit einem Soldaten sprechen muss. Durch Zufall hört der jüdische Mann mit, was in einer Radioshow gesendet wird. Die erste Enttäuschung, dass es keine Musik ist, der er in seiner Heimat, einem Ghetto, nie begegnen würde, verfliegt schnell, als er die bedeutsame Nachricht hört, die seine Geschichte ins Rollen bringt: die russische Armee ist 20 Kilometer vor Bezanika. Das Glitzern in Jakobs großen Augen findet man, wie auch in anderen hoffnungsvollen Momenten, auf der Leinwand wieder, während er erklärt, damit seien die Retter nur noch 400km entfernt. Mischa, ein Freund von Jakob, fasst dann schließlich die bedrückende Wahrheit in schmerzlich fröhliche Worte: „Hört auf, euch das Leben zu nehmen. Bald werdet ihr es wieder brauchen." Wo auch immer Jakobs Wissen auf Zuhörer stößt, entfacht es einen leuchtenden Hoffnungsfunken in einer scheinbar ausweglosen Lage.


Mit glitzernden Köpfen inmitten einer grauen Umgebung wird die zarte Liebesgeschichte zwischen Mischa und dem Mädchen Rosa auf den Volksempfänger projiziert. Als die grundverschiedenen Interessen der beiden Verliebten sich gegenüberstehen, gibt es endlich die ersten kleinen Lacher im Publikum, unsicher ob der Angemessenheit wegen der ernsten Thematik. Spätestens als sich Marc Vinzing mit einer „improvisierten Tonfolge" auf einem Blecheimer als Jakob völlig verausgabt, um die 8-jährige Waise Lina im Nebenzimmer von der Existenz des Radios zu überzeugen, wird deutlich, dass die Inszenierung glücklicherweise keine Angst hat, trotz des schwierigen Themas auch amüsante Elemente einzubauen.


Andererseits werden durch ein gänsehauterregendes Flüstern, das über ein Mikro mit Hall verstärkt wird, auch die Stimmen deutlich, die Jakob unter Druck setzen, ihnen mehr zu erzählen, Stimmen, die die Hoffnung nicht verlieren wollen.


Jakobs Lügen nehmen jedoch kein gutes Ende. Herschel Schtamm, ein Ghettobewohner, will die Aussicht auf baldige Befreiung durch die Russen an einige Juden in einem Waggon weitertragen, die wohl auf ihre Deportationen warten. Ein Soldatenposten beobachtet ihn beim Verlassen seines Arbeitsorts. Die Erschießung Herschels ist seltsam ruhig und klingt noch lange nach, da die Inszenierung auf einen zu erwartenden Schuss verzichtet und stattdessen eine kleine, traurige Melodie zu hören ist.


Generell erzeugt die häufige Hintergrundmusik (Komposition: Felix Reisel) eine triste Grundstimmung, die teils melancholischer ist, als das Stück es verlangt und stellenweise wirkt, als sei sie nur zur Überleitung zwischen Szenen von Nutzen. Platzierte stille Momente hätten dem Zuschauer die Möglichkeit offeriert, das zuvor Gesehene nachwirken zu lassen.


Die Inszenierung erzählt schließlich zwei mögliche Enden von Jakobs Geschichte und spiegelt damit die von vielen gewünschte Verdrängung und Änderung des Unveränderlichen wider. Zwei Enden: eins, das nie passierte und eins, das nie hätte passieren sollen: Jakobs einzig wahre Nachricht zieht nicht die lang ersehnte Befreiung hinter sich her, zumindest nicht schnell genug. Die Ghettobewohner werden deportiert.


Beeindruckend sind am Ende vor allem die schauspielerischen Leistungen von Marc Vinzing und Eva Paulina Loska, die spielerisch zwischen einem Dutzend Rollen wechseln und sich so distinguiert zeigen, dass der Zuschauer kaum den kleinen Kostümänderungen zu folgen braucht. Ebenso überzeugt Loskas Klavierspiel, zu dem sie anscheinend ohne jegliche Mühe Text spricht und spielt, sowie Vinzings emotionale Verkörperung Jakobs, die zu keinem Zeitpunkt pathetisch oder überzogen wirkt.


Immer wieder fallen fast beiläufig Sätze wie „Wer jetzt noch erschossen wird, [...] hat plötzlich eine Zukunft verloren.", die vor allem durch Reflexion des Zuschauers an schrecklicher Bedeutsamkeit gewinnen. Aber gerade darin, dass dem Publikum weder alles auf dem Silbertablett serviert noch unnötig auf die Tränendrüse gedrückt wird, liegt die unleugbare Stärke der Inszenierung. So ist es nach dem hoffnungsvollen Schlusssatz Linas „Du wirst schon sehen, wie schön es wird." aufgrund des bedrückenden Wissens über die schreckliche Wahrheit noch lange still, bevor der verdiente, langanhaltende Applaus beginnt.

 

Weitere Vorstellungen:

05.03.2018
22.03.2018
17.04.2018
18.04.2018
19.04.2018
08.05.2018
09.05.2018
14.05.2018
15.05.2018
06.06.2018
08.06.2018

 

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Anna Schimrigk als Meteorit; Foto: Tom Böttcher

Wider die Geschichten

 

Im TiK Theater im Kino, einem Off-Theater in Berlin-Friedrichshain, zeigt die Schauspielerin Anna Schimrigk ihr Solostück Meteorit und bringt damit eine eigene, sehr persönliche Sicht auf die Figur der Elektra und das Theater überhaupt auf die Bühne. Was können uns die alten Geschichten heute noch erzählen? Unsere Autorin besuchte die dritte Vorstellung.


Von Magdalena Sporkmann

 

 

Elektra hat es satt, immer wieder dieselbe Geschichte zu erzählen, die Geschichte ihrer Familie, die eine blutige und untrennbar mit ihr verbunden ist. – Ihre Mutter hat ihren Vater ermordet, woraufhin Elektra mit ihrem Bruder die Mutter hinrichtete. Ihre Geschichte von Hass, Liebe und Trauer ist zum Mythos geworden. Von Seneca bis Sartre erzählten und erzählen die Dichter sie immer wieder neu.

 

Auch Anna Schimrigk konnte der Anziehung dieser Figur nicht widerstehen und hat einen ganz eigenen Zugang zu ihr gesucht. Die Elektra, die Anna Schimrigk selbst geschrieben und in Eigenregie (Dramaturgie/Regieassistenz: Antonia Ruhl) als Ein-Frau-Stück im Theater im Kino auf die Bühne bringt, fragt sich, was sie als Mensch, jenseits der Mythologisierung ihrer Person, ausmacht. Schimrigks Elektra sucht darum das Vergessen im Weltall, das sie fortan als Meteorit durchstreift. Im luftleeren Raum kann sich der Schall nicht fortpflanzen und so hofft sie, dort die Stimmen nicht mehr zu hören, die nicht müde werden, ihre Geschichte zu erzählen. Meteorit feierte am 12. Januar 2018 im Theater im Kino Premiere.

 

In einem Jogginganzug, auf dem die Nebel und Sternen ferner Galaxien leuchten, und mit blauem Schopf steht Anna Schimrigk als Elektra auf einem Barhocker und deklamiert unter einer ganz irdischen Diskokugel, was die Weltliteratur über sie zu sagen hat. Ihre präzise und getragene Vortragsweise verrät Schimrigks fundierte Technik. Genauso überzeugend gelingt ihr jedoch auch der Bruch mit dem Text, wenn sie mit dem Publikum darüber in einen Dialog tritt. Da zeigt sie Elektra von ihrer menschlichen Seite, der Geschichte überdrüssig und ratlos, was bleibt, wenn sie sie ablegt. Mutig macht sie sich ans Werk und zieht sich buchstäblich den roten Faden ihres eigenen Mythosʼ aus dem Gedächtnis. Als schließlich die Bande gelöst sind, ist da zunächst Leere. Eine Leere, in der Elektra Einsamkeit und Langeweile verspürt. Hier legt Anna Schimrigk für Augenblicke die Rolle des Meteoriten, der Elektra war, ab und thematisiert ihre Position als Schauspielerin: „Ich fühle mich manchmal so allein hier vorne.“ Doch sie weiß sich zu helfen und sucht die Gesellschaft des Publikums, das eingeladen ist, den Bühnenraum mit ihr zu teilen und zu entdecken. Snacks und Sekt werden serviert, Musiker Andreas Werner spielt Loungemusik ein und es darf geraucht werden. Anna Schimrigk gibt eine Führung durch die Theaterräume mit spontaner Gesangseinlage zur Klavierbegleitung von Andreas Werner. Hier fasert das Stück aus in die träge Dynamik einer Publikumsperformance und auch bei Elektra macht sich Langeweile breit. Das Lamento dieser Langweile trägt zurück in die Auseinandersetzung der Figur mit sich selbst, oder besser gesagt, ihrem zum Meteoriten kondensierten menschlichen Kern. Doch auch die Suche nach sich selbst und dem Sinn ihres Lebens, langweilt Elektra zutiefst, denn sie scheint im Nichts zu münden. Ihre Frustration bricht sich in einer Beschimpfung des Publikums Bahn und richtet sich schließlich gegen sich selbst. Ihr ist sterbenslangweilig und zugleich zum Sterben zu langweilig. Da nähert sich der Meteorit, der sie ist, plötzlich in rasender Geschwindigkeit der Erde: „So wird es also zu Ende gehen mit mir und keine Angst. (…) Angst ist ja doch nichts anderes als die Befürchtung zu sterben. So unnötig. Denn: Leben ist Tod und Tod ist Leben.“ Paradoxerweise bringt die Erlösung von der Angst vor der eigenen Endlichkeit die Erlösung von der eigenen Geschichte mit sich. – In der Erkenntnis, dass das Nichts, das zunächst Einsamkeit bedeutete, dann Langeweile, auch die Freiheit von der eigenen Geschichte ist, verabschiedet sich die Darstellerin von dem unsterblichen Traumbild Elektra und erwartet das Ende im Aufprall des Meteoriten. – Ein pessimistischer, aber konsequenter Ausweg, wenn man bedenkt, was Elektra bis zu diesem Punkt erdulden musste: „Unsterblich hat man mich gemacht als die Gescheiterte. (…) Wissen Sie eigentlich wie anstrengend das ist? Unsterblich scheitern? Und davor dieser Hass. Oder die Liebe. Oder Trauer. Immer so große Gefühle. Das bin ich. Bin ich das? Ich bin geschrieben und überschrieben worden.“

 

Mit Meteorit beweist Anna Schimrigk nicht nur ihr vielfältiges Schauspieltalent, das sie eindringlich und präzise bemessen sowohl in der Komik als auch im Drama zu nutzen weiß. Sie offenbart auch ein umfassendes Reflexionsvermögen über ihren Beruf und einen Begriff von der Macht des Geschichtenerzählens. Ihr gelingt in Meteorit die kritische und höchst unterhaltsame Auseinandersetzung mit einer der prägnantesten Geschichten des Theaters, weil sie vermag, sich in durchdringender Weise in die Figur der Elektra einzufühlen. Indem sie das Publikum in ihr Spiel einbezieht, rührt sie an den Erwartungen, die dieses an Elektra, aber auch an die Schauspielerin selbst hegen mag. Sie bricht mit dem Bestreben, einer vorgefertigten Geschichte zu entsprechen, und gibt der Figur die Macht über ihre eigene Geschichte zurück.

 

Die nächsten Vorstellungen finden am 24. März und 8. April 2018 jeweils um 20 Uhr statt.

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