Foto: Meinschäfer

Von Staaten, Menschen und Störgeräuschen

 

 

Mit „Zwang des Materials“ inszeniert von Katharina Kreuzhage am Theater Paderborn ein Stück Recherchetheater, das zum Scheitern verurteilt ist.


Von Jan Fischer

 

Allein der der Versuch ist Wahnsinn. Vier Menschen in Brautkleidern - drei Männer, eine Frau - stehen auf der Bühne in Paderborn. „Ich trage ein Brautkleid, weil ich verdammt nochmal die Freiheit dazu habe“, sagt einer der Männer irgendwann zwischendrin und steigert sich in eine Rede über Pluralismus und Demokratie, für die es Szenenapplaus gibt.

Aber erst ist da das Märchen vom Schäfer, der mit dem Erdöl in seinem Brunnen nichts anzufangen weiß und ihn zu einem Spottpreis an einen Touristen verkauft, der damit reich wird, was zu blutigen Auseinandersetzungen führt. Erst ist da auch die Geschichte des 13jährigen Jungen, der sich dem „Islamischen Staat“ anschließt, weil er seine Familie anders nicht ernähren kann, und Jahre später bei einem Drohnenangriff der US-amerikanischen Armee stirbt. Die Geschichte des 11jährigen Jungen, der nur deshalb kein Selbstmordattentäter wird, weil sein Vater ihn rechtzeitig in die Türkei schafft.  Mal erzählen die vier am Mikro, machmal ohne, mal zieht sich einer eine Burka an, mal orangfarbene Häftlingsanzüge, mal werden die Geschichten von sirenenartigen Störgeräuschen unterbrochen, mal perlen sie übereinander, mal werden sie leise und ruhig auserzählt. Geschichten über Geschichten, erzählt von den vier Menschen in Brautkleidern, in dem Versuch, ein Mosaik zu erschaffen, das den IS erklärt, den Terror, die politische Situation.

 

Metastasen

 

Alleine, wie gesagt, der Versuch ist Wahnsinn. Über 1000 Akteure - groß, klein, Staaten, Dörfer – sind in den Konflikt verwickelt, so ist in einem der Faktenblöcke zu hören, die zwischen die Geschichten geschoben werden. Die Motive reichen von religiösen Fanatismus über Profitgier über Unzufriedenheit über materielle Not bis zu Selbstschutz. Alles in allem also: Der Konflikt, in dessen Kern der IS agiert, ist eine komplexe Situation, „hat Metastasen gebildet“, sagt jemand auf der Bühne, und  ist entsprechend schwer nachzuvollziehen.

 

Platz für Geschichten

 

Die Inszenierung basiert auf dem Buch „ISIS Defectors: Inside Stories of the Terrorist Caliphate“ von Anne Speckhard und Ahmet S. Yayla, das 32 Interviews mit ehemaligen IS-Kämpfern versammelt. Das sind die Geschichten, an denen „Zwang des Materials“ sich entlang hangelt. Das Bühnenbild ist spärlich, viel leerer Raum, ein kleines, halboffenes Zimmer hinten links, Brautkleider. Die Geschichten schwingen darin, es gibt nicht viel auf der Bühne, das von ihnen ablenken könnte. Aber spätestens, als am Ende keine der Geschichten mehr auserzählt werden kann, weil die Störgeräusche sie immer wieder unterbrechen wird klar: Auch das ist es nicht, auch dieses radikale runterbrechen komplexer Zusammenhänge auf individuelle Erlebnisse hilft nu bedingt weiter.

 

Roh und unbehauen

 

Kreuzhagens Inszenierung wirkt, alles in allem, roh und unfertig – eher eine Annäherung an eine Vielzahl von Ideen als eine Ausformulierung. Eher ein vorsichtiges Umkreisen, ein Herausarbeiten von nicht fertig gedachten Denkimpulsen als ein Vorstoß ins Herz der Problematik, wo auch immer das liegen mag. Letzendlich kann eine knapp 60minütige, wenn auch intensive Inszenierung zum Thema IS und islamistischer Terror aber auch kaum mehr leisten als das. Und vielleicht ist dieses rohe, unbehauene eben auch genau der Kunstgriff, den es braucht, um sich allem anzunähern. Wie sonst wäre ein übergroßes, überwichtiges Thema sonst in den Griff zu kriegen, als dem Publikum unfertige Ideen mitzugeben, die es selbst zu Ende denken muss? So gesehen ist „Zwang des Materials“ zwar unfertig – aber dennoch ein Schritt dahin, eines der wichtigen Themen unserer Zeit besser zu verstehen. Denn zwar ist alleine der der Versuch schon Wahnsinn. Aber irgendjemand muss ihn ja unternehmen.

 

Zwang des Materials

nach „ISIS Defectors: Inside Stories of the Terrorist Caliphate“ von Anne Speckhard und Ahmet S. Yayla

Regie: Katharina Kreuzhage , mit: Claudia Sutter,Lars Fabian, Stephan Weigelin, Denis Wiencke

Dauer: ca. 60 Minuten, keine Pause

http://www.theater-paderborn.de/

 

 

 

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Foto: Martin Rottenkolber

Denkanstoß mit Blumensamen

 

Fahr doch mal wieder Fahrrad!
Geh doch mal wieder in der Natur spazieren!
Wir dürfen unsere Umwelt nicht außer Acht lassen und müssen darauf achten, sie nicht zu zerstören.
Das Thema geht uns schließlich alle etwas an und genau das hat sich auch die Theaterakademie Köln und die Gruppe bodyincrisis gedacht. Denn vom 16.September bis zum 18. September veranstalteten sie am Decksteiner Weiher in Köln gemeinsam mit dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) ein Naturtheater zum Thema Umwelt.

 

Von Clara Schumann

 

Als Vogel zwitschernd in der Baumkrone oder als Fledermaus kopfüber an einem Baum hängend. Um auf das Thema Umweltschutz aufmerksam zu machen, ließen sich Gregor Weber und Gwendolin Gemmrich, die Leiter der Theaterperformance, einiges einfallen. Mit viel Bewegung und musikalischer Begleitung führten die Darsteller die Zuschauer am Decksteiner Weiher entlang.

Dort gab es beispielsweise einen mit Plastikband abgetrennten und vielen alten Plastiktüten ausgestatten Bereich. Kleine Sprüche wie „Fahr doch mal wieder Fahrrad" haben dem Zuschauer hier gezeigt, wie einfach es ist, sich am Umweltschutz zu beteiligen.
Der Gang am Decksteiner Weiher entlang, endete auf einer Wiese auf der es sich das Publikum bequem machen durfte. Der Streit zwischen Mutter Natur und Vater Staat, welcher als krönenden Abschluss die Performance beendet hat, konnte das Publikum noch einmal in den Bann der Darstellung ziehen.

 

Es ist immer gut, wenn auf ein solch wichtiges Thema hingewiesen wird. Doch war die Performance wirklich so umweltschonend wie es nach außen hin scheint?
Es ist auf den ersten Blick schließlich nicht sehr nachhaltig, meterlange Plastikplanen zu verwenden, um zu zeigen wie wichtig unsere Umwelt ist und diese im Nachhinein einfach zu entsorgen.
Doch auch daran haben die Verantwortlichen gedacht. Die verwendeten Requisiten werden anschließend für weitere Produktionen wiederverwendet.
Auch die Pappunterlagen, welche als Sitzkissen dienten, werden nicht einfach weggeworfen.

 

Aber hat diese außergewöhnliche Darbietung wirklich das Bewusstsein beim Publikum geweckt?
Denn das war schließlich das Ziel dieser Veranstaltung, Probleme darzustellen und das Publikum zum Nachdenken anzuregen.
Ich denke schon. Auch wenn nicht alles so nachvollziehbar für das Publikum war, bleiben diese außergewöhnlichen Bilder mit Sicherheit noch lange in den Köpfen der Zuschauer hängen.
Auf jeden Fall wurde ein Denkanstoß gegeben und mit den Blumensamen, die jeder zum einsähen mitbekommen hat, kann ich mir jetzt zu Hause meine eigene kleine Blumenwiese ins Zimmer stellen.
Ich hoffe es wird in Zukunft weitere solcher Projekte geben, denn das sind die kleinen Dinge, die aber dennoch eine große Veränderung bringen können.

 

 

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Nicht Schule, Theater!

 

Etwas verspätet, eine Kritik zum Maulhelden-Festival 2016 in Düsseldorf, die wir euch nicht vorenthalten wollen.

 

Von Laura Brechmann

 

Schultheater - was stellen wir uns vor? Schüler, die an heißen Sommertagen in einer fensterlosen Aula ihre Zeit absitzen und hoffen, dass es zumindest heute mal eine vollständige Probe gibt. Das Bühnenbild aus Pappmaché, die Rezitation des Textes eintönig und lustlos. Und in der ersten Reihe: eine ermattete Deutschlehrerin, die sich ein paar Notizen ins Heft schreibt und die Schüler von links nach rechts, von rechts nach links über die Bühne schickt. Das ist Theater, denken sie allesamt, so muss es sein. Was haben wir also schon zu erwarten von einem Landes-Schultheater-Treffen?

 

Wer so denkt und deswegen nicht hingeht ist selber schuld. Das diesjährige Maulhelden-Festival hat einiges außer Langeweile zu bieten. Sieben Schultheatergruppen aus NRW werfen Vorurteile über den Haufen und glänzen durch ihre Ich-habe-was-zu-sagen-Spielfreude und Wir-machen-unser-eigenes-Ding-Inszenierungen. Literarische 1:1-Inszenierungen sind hier nicht zu finden. Fünf Tage lang veranstaltet das FFT, das Junge Schauspielhaus Düsseldorf und das Goethe-Gymnasium Workshops, Lehrerfortbildungen und Nachgespräche, initiiert Austausch und Vernetzung und gibt den buntesten und spannendsten Schultheaterproduktionen NRWs eine Bühne. Das gemeinsame Ziel: künstlerische Impulse, neue Kräfte und Visionen von der Bühne in den Schulalltag tragen. Die Produktionen sind dabei so unterschiedlich wie vielschichtig, sodass ein spannendes Gemisch aus Positionen und ästhetischen Ansätzen entsteht.

 

„Prometheus" zum Beispiel erzählt von der Geburt unserer materiellen Kultur. In einer ambitionierten Tanzinszenierung des Goethe'schen Gedichts streben die jungen Performerinnen des Ensemble Artig (Münster) nach Licht und Wärme und erzählen durch ihre Körper den griechischen Mythos der Menschwerdung. Prometheus gab den Menschen das Feuer und führte sie in ein Dasein der Vollmündigkeit. Doch einmal vom Licht gekostet, lässt es den Menschen nicht mehr los. Mit dem Licht entdecken wir Bewegung und Gang; Pflege, Geschmack und Kommunikation, doch auch Neid, Missgunst und Aggressivität.

 

Und eben hier setzt eine weitere Schultheaterproduktion an. Das internationale achtköpfige Ensemble der Theaterwerkstatt des Westfalenkollegs Dortmund zeigt was nach Prometheus aus uns Menschen geworden ist. Immer bereit zum Sprint, immer Gegeneinander, immer Unzufrieden. Es ist ein Warten auf Weiß-nicht-was, unterbrochen von Kämpfen um Was-weiß-ich. Die Produktion „Fertig.Los" zeichnet sich im Gegensatz zu „Prometheus" durch eine nicht-lineare Erzählweise aus. Ein Gedanke, ein Szenenbild folgt dem anderen. Doch immer wieder wird zu Sätzen zurückgekehrt, die nichts und gleichzeitig alles ausdrücken. Mit Estragon und Wladimir aus Becketts „Warten auf Godot" nehmen die engagiert spielenden Performer_Innen Sätze von den wohl bekanntesten Geflüchteten der Weltliteratur in den Mund und drücken dadurch besser als jede journalistische Phrase die Ratlosigkeit, Verzweiflung und Resignation ganzer Menschengruppen aus.
Aber die Sprache ist auch hier zweitrangig. Es ist Bewegung und Körperarbeit die im Mittelpunkt der Inszenierungen stehen. Während sich die Performer_Innen vom Westfalenkolleg an choreografierte Tänze und Abläufe orientiert, sind die Bewegungen des 13-köpigen Ensemble ARTIG gelöster. Sie sind mal laut wie ein Stampfen, mal grob wie ein Faustschlag und mal zart wie ein Streicheln über die Wange. Die Performerinnen finden im Tanz ihren Zugang zum Mythos und bringen ohne Zweifel und ohne Unsicherheiten den antiken Stoff auf die Bühne.

 

In beiden Inszenierungen zeigt sich exemplarisch das bunte Spektrum von NRW‘s Schultheaterszene. Aber es wäre falsch zu meinen, dass die jüngsten Teilnehmer_Innen bei diesem Treffen nicht mit ihren älteren Kolleg_Innen mithalten können. Die Sonnenschein-Kids von der Carl-Sonnenschein-Schule in Düsseldorf verweben Bewegung, Töne, Text und Gesang zu einem stimmigen Theaterstück und überzeugen vor allem durch eine erstaunlich konzentrierte und frische Spielfreude. In „Ups, da war doch was" sind die Grundschülerinnen (und Enno) ihren Ängsten und der Frage, was es heißt mutig zu sein auf der Spur. Der Dachboden im Schullandheim wird zum Abenteuerspielplatz und das Mikrofon ist der Ort, an dem Töne erzeugt und Geschichten erzählt werden. Das Stück wurde von den Kindern und ihren Anleiterinnen in Spielen und Gesprächen selbst entwickelt. Und es ist Enno, der einzige Junge im Ensemble, der unter seiner Haarmähne hinweg die Besonderheit seiner Theater-AG heraushebt: „Wir sind eine richtige Familie". Dabei waren die Vorurteile gegen das Theater auch hier präsent. Heißt Theater doch, dass man „ganz viel Text kriegt, diesen auswendig lernen muss und dann Anweisungen bekommt". Aber schnell zeigt sich wie hoch die künstlerische Qualität von Theater-AGs sein kann, wenn Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Frei- und Spielräume geboten werden, die es ermöglichen sich kreativ mit der eigenen Lebenswelt auseinanderzusetzen. NRWs Maulhelden reißen nicht die Klappe auf, sondern halten was sie versprechen.

 

 

 

 

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Foto: Robin Junicke

Nicht nicht normal sein, ist nicht normal

 

Mit der Frage „Was kann das Impulse Theater Festival 2016 dem jungen Publikum erzählen?" bin ich in dieses Festival (15. - 25. 06.) gestartet und musste erkennen: Die Jugend selbst ergreift das Wort und mäht die Repräsentation nieder.

 

Von Laura Brechmann

 

Es ist nicht einfach sich in der Welt zurecht zu finden. Positionen und Meinungen, Statements und vermeintlich feste Begrifflichkeiten zirkulieren in unserer Alltagswelt. Sie vermischen, übertönen, widersprechen und verheddern sich, bis der eine Diskurs nur noch unter größter Anstrengung vom anderen unterschieden werden kann. Und immer wieder diese Bilder. Digitale Bilder, die keinen Grund mehr haben. Sie sind ohne Ursprung, ohne Rückseite, ohne Geschichte. Um ihrer Dominanz zu entfliehen werden Kopf und Herz ausgeschaltet und dem Ich im Schutz der eigenen vier Wände eine Atempause gegönnt. Doch wir erkennen: es gibt keinen Privatraum mehr. Informationen dringen von Überall und zu jeder Zeit zu uns hindurch. Die Welt liegt in Form eines 5 mm dünnen Geräts in unserer Hand. Es spielt uns vor, dass wir die Wahl haben. Dass ein zartes Wischen des Daumens über den Display das Elend unterbinden könnte. Doch stattdessen rufen wir nur eine weitere Information ab und konfrontieren uns mit dem nächsten Thema des Tages.

 

Im Theater ist Auseinandersetzung gefragt. Augen und Ohren können sich dem Erlebnis nur schwer entziehen, und nicht selten wird dem Publikum im Diskursstrudel der Boden entzogen. Das Impulse Theater Festival lädt jedes Jahr Inszenierungen ein, die Standpunkte vertreten und verfestigte Strukturen durch unangenehmes Fragen zu verflüssigen beginnen. Die Themen sind vielfältig. Da gibt es die Fragen nach kolonialen Strukturen und Repräsentation, nach Propagandamechanismen des IS und weißer Vorherrschaft, sowie nach Übermacht digitaler Bilder. Zwischendrin, immer wieder Fragen nach der eigenen Position, dem eigenen politischen Engagement. Ein Thema, das auch, oder insbesondere, der jungen Generation nachhängt. Denn wer bin ich? Oder vielmehr, wer soll ich wann sein, was soll ich wo denken?

 

Es ist jedoch nicht unbedingt so, dass sich die „Impulse" gezielt an jüngeres Publikum wenden. Nachgespräche, Diskussionen und Workshops sind ebenso wie die Inszenierungen allesamt auf intellektuell hohem Niveau und es wird sich tief durch den Theorie- und Thesendschungel gekämpft. Aber ob nun jung oder älter, ausgestellte Intellektualität reicht nicht aus, um das Publikum mitzureißen. Eher sind es ästhetisch innovative und energetische Inszenierungsformen, die begeistern und zur Auseinandersetzung mit politischen Fragen anregen. So ist „Situation mit Doppelgänger" von Oliver Zahn und Julian Warner zwar thematisch anspruchsvoll und reiht sich mit dem essayistischen Ansatz gut ins „Impulse"-Programm ein, doch geht die Inszenierung nicht über das Konzept hinaus. Der Text, ein Essay über koloniale Strukturen im Tanz, ist wissenschaftlich einwandfrei. Das performative Element bleibt aber durch die inszenatorische Entscheidung, den Text von einer technisierten weiblichen Stimme über die Köpfe der beiden Tänzer hinweg aufsagen zu lassen, zu unbedeutend. Das Wort dominiert und der Tanz verkommt zum ergänzenden Bild.

 

Ganz anders She She Pop, die in „Fifty Shades of Shame" ihr Inszenierungsmittel der Videotechnik perfektionieren. Augenzwinkernd werden die Körper des Ensembles permanent vermischt, verschoben und vertauscht. Um dem Phänomen des Schams auf die Spur zu kommen widmet sich die Inszenierung zwei auf den ersten Blick unterschiedlichen literarischen Stoffen: „Frühlings erwachen" von Frank Wedekind und „Fifty Shades of Grey" von E.L. James. Ersteres aus dem Schulunterricht bekannt, letzteres aufgrund des sado-masochistischen Themas medial ausführlich besprochen und zum Skandalroman aufgebauscht. Doch She She Pop geht es nicht um skandalöse Themen, nicht um Schamesröte in den Gesichtern des Publikums, sondern eher um das gesellschaftliche Tabu über Sex, Geschlecht, Einsamkeit und dem Älter werden zu sprechen. Letʼs talk about Sex, ist der Aufruf, aber nicht im Stil einer Aufklärungssendung, sondern spielerisch und mit humorvoll entlarvenden Blick. Irritieren tut die Rolle der sechszehnjährigen Schauspielerin, die, wie She She Pop ankündigt, als Expertin der Unschuld herangezogen wird. Quasi eine Neuauflage von Wedekinds „Wanda". Zwar dürstet sie nach Wissen und Erfahrung, doch mitreden kann sie nicht. Ihr Herz ist unschuldig, ihr Mund bleibt unberührt. Kein schmutziges Wort verlässt ihre Lippen. Ihr Sprechanteil ist verschwindend gering. Und wenn sie das Wort ergreift, dann als Sprachrohr. Immer wieder wird sie für die Gedanken, Wörter und Erregungen ihrer MitspielerInnen missbraucht. Die Message, die sich transportiert ist folgende: Junge Menschen wissen (noch) nichts von Scham, von Lust, von Sex und haben deswegen (noch) zu schweigen.

 

Aber entspricht das Bild von Unschuld und Unwissen im Zeitalter allzeit zugänglicher Informationen und Bilder tatsächlich noch der Realität? Sind junge Menschen im Überschwang pubertärer Gefühle und unter Geltungszwang nicht viel mehr als manch Mitfünfziger im Sog der sexualisierten, ja pornografischen Bilderflut gefangen? Immer und überall, ob unter der Decke oder in johlenden Gruppen auf dem Schulhof, wird sich mit Sex und Sexualität, Neigungen und Geschlecht auseinandergesetzt. Die Frage „Wer bin ich?" vermischt sich mit der sehr viel mächtigeren Frage „Wer soll ich sein?". Das Über-Ich zieht die Daumenzange an, wartet auf Antwort. Und das Junge Theater Basel rebelliert. „Noise" unter der Regie von Sebastian Nübling ist die wohl spannendste Performance des Festivals. Hier dominiert nicht der Erwachsene Blick auf eine vermeintlich unschuldige und unwissende Generation, sondern der Drang der Jugend in einer beschissen zwanghaften Welt selber zu Wort zu kommen. Schonungslos rempeln sie sich ihren Weg durchs Publikum, drehen die kratzende Musik so laut wie sie wollen und schaffen sich Platz für ihren Auftritt. Und Noise erfüllt die Welt. Da ist das Gerede der Großen und Mächtigen, der Medien- und Politikexperten; da ist das Piepen und Quietschen von Smartphone-Games und der undefinierbare Lärm der Welt. Doch das Ensemble aus acht Jugendlichen zieht sich nicht überfordert zurück und überlässt ihre Mündern den anderen, sondern sie schreien und fordern, proklamieren und zitieren hoch komplexe Polittexte, erzählen von sich und von anderen. Immer mit dabei: die Kamera als gleichberechtigter Mitspieler. Die Energie ist beeindruckend. Neunzig Minuten springt, läuft und rempelt das Ensemble durch den Bühnenraum; erlaubt weder sich noch dem Publikum eine Atempause. Doch es gibt auch zerbrechliche Momente, gerade dann, wenn nach Identität gefragt wird. In „Noise" begegnen wir mit unsichtbaren Labeln übersäten Jugendlichen, die unter Schmerzen aufzubegehren versuchen. „Donʼt care! und lass mich eben die undefinierte, Kategorie lose Person sein, die ich zu sein vermag“, ist dieses Jahr wohl die stärkste Message für das junge „Impulse“-Publikum.

 

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Foto: Birgit Hupfeld

Neues Sehen bei Radikal Jung 2016 am Münchner Volkstheater

 

Vom 22. bis 30. April 2016 fand das 12. Radikal Jung - Festival junger Regisseure am Münchner Volkstheater statt. Von Schauspielerin Annette Paulmann, Festivalleiter Kilian Engels und Theaterkritiker Prof. C. Bernd Sucher kuratiert, vereint die „radikale" Woche diesmal 10 überwiegend konzeptionelle Arbeiten aus insgesamt vier Ländern. Zur diesjährigen Auswahl gehören außerdem mehrere Regiekollektive, die ihre Stoffe selbst entwickelten.

 

Von Julia Opitz

 

Flimmerskotom
Gregor Glogowski, Alisa Hecke und Benjamin Hoesch eröffneten das diesjährige Festival mit ihrer gemeinsamen Arbeit „Flimmerskotom".


Es gibt ja bekanntlich immer bestimmte Erwartungshaltungen an einen Theaterabend: Wir wollen unterhalten werden und irgendwie mit denen, die auf der Bühne sind, mitgehen. „Flimmerskotom", bereits 2015 eingeladen zum Körber Studio Junge Regie am Thalia Theater Hamburg, bricht radikal mit dieser Konvention, indem das Publikum es nicht etwa mit Menschen auf der Bühne zu tun bekommt - zumindest nicht im direkten Sinne - sondern mit Maschinen, die zu Protagonisten dieses Theaterabends werden:


Zu sehen, zu erleben ist ein riesiger Scheinwerferturm - vorerst der einzige Körper im sonst leeren Bühnenraum - der Licht aussendet, dann einzelne Scheinwerfer wieder in sich verschluckt, und vor allem zu großen Teilen des Abends unangenehme Blendungsmanöver in Richtung Publikum unternimmt. Zwar wird der mächtige Turm von Menschenhand (u.a. ist Alisa Heckel selbst auf der Bühne) bewegt, nicht aber wird ihm dadurch seine bedrohlich wirkende Eigenständigkeit genommen. Mal animalisch, mal ganz objektiv als Scheinwerferturm, mal als apokalyptisch anmutendes Etwas begegnet uns (personifiziertes) Theaterlicht. Die Augen des Zuschauers sind stark gefordert, tun weh, haben durch die helle Strahlkraft des Lichts, das sich fast ausschließlich dem Publikum zuwendet, keine Chance, sich zu erholen. Eine tonale Ebene ergänzt dieses ungemein reduzierte Bühnengeschehen. Wie permanent schmorende Kabel, wie ein akustisches Flackern wabert eine spitze Klangfläche durch den Raum, hier und da unterstützt durch einen Subwoofer, der das theatrale Sein der Maschinen nur noch bedrohlicher macht.


„Flimmerskotom" - per Definitionem übrigens die Erscheinung eines blinden Flecks vor dem geschlossenen Auge, der von einem flimmernden Kranz umgeben ist - verzichtet vollständig auf Specialeffects. Neben dem Lichtturm wird „nur" ein kleiner Schweinwerfer-Roboter über die Bühne und in Richtung Publikum bewegt, Neonlicht in das Geschehen eingebunden - und das geht auf, denn beteiligt fühlt man sich als Zuschauer gerade durch das Pure, das diesen Abend ausmacht.


Die eigenwillige Arbeit der drei Theaterwissenschaftler kehrt gewöhnliche Verhältnisse nicht nur um, sondern gewichtet sie für einen Moment neu: Nicht etwa tritt der Mensch für das Erscheinenlassen von Licht und Ton einfach nur in den Hintergrund, sondern es werden auch Machbarkeiten und Nichtmachbarkeiten im Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine eindrucksvoll bebildert und ausgelotet. Bei manchen Zuschauern mag etwas Narratives entstehen, andere erleben den Abend vermutlich ausschließlich bildhaft, assoziativ, fragmentarisch.
Genau das aber ist daran groß, denn es gilt nicht, sich zu entscheiden, sondern genauso frei und neu wie die Macher von „Flimmerskotom" herkömmliche Theaterbedingungen auf den Kopf stellen, so frei ist das Publikum, eigentlicher Protagonist des Abends, in der eigenen Formgebung.

 

 

Fräulein Julie
Schauspiel Frankfurt
von August Strindberg

 

Während in „Flimmerskotom" Menschen auf der Bühne eher hintergründig agieren, scheinen in Daniel Försters Inszenierung von Strindbergs „Fräulein Julie" (1889) menschliche Abgründe, genauso wie die Suche danach, wer man ist und wo man hingehört, bestimmender Gegenstand zu sein. Jean (Alexej Lochmann), Julie (Katharina Bach) und Kristin (Verena Bukal) sind nicht nur in einem düsteren Raum (Bühne und Kostüme: Lydia Huller und Robert Sievert) gefangen, der sie regelecht von oben erdrückt, sondern vor allem in einer Konstellation, die sie am Ende alle drei einsam macht. Da ist Jeans Sehnsucht nach Abenteuer, nach einem Ausbruch aus der Verbindung mit seiner Verlobten Kristin. Und da ist plötzlich die ihnen höhergestellte, adlige Julie, deren Diener Jean ist. Julie versucht, ihn aus seinem geordneten Dasein hinaus zu locken. Und da ist Kristin, von Förster klug gezeichnet als surreale, puppenhafte Figur, die sich zweifellos sicher ist, ihren Platz an der Seite von Jean gefunden zu haben. Ganz besonders eindrücklich wird die Brüchigkeit dieser Figur gezeigt, die ihre eigene Verlorenheit nicht mehr zu fühlen scheint.


Als verstörende und zugleich erotisierende Zusammenkunft legt Förster das Aufeinandertreffen von Julie und Jean an. Viel wird den beiden Schauspielern, die durchgehend in körperlicher Höchstform agieren, sich mehrmals im Dreck suhlen und sich fast ausschließlich gebeugt durch den beengten Bühnenraum bewegen, abverlangt. Im ständigen Hin und Her zwischen sinnlicher Annäherung und plötzlicher Distanznahme Julies gegenüber Jean, bahnen sich die Schauspieler ihre Wege. Es entspinnt sich ein Spiel um Macht, Besitz und Anerkennung, das sich durchgehend auf einem so hohen stimmlichen und körperlichen Energielevel bewegt, dass man sich an mancher Stelle den ein oder anderen ruhigen Moment herbeisehnt. Leider bleibt ein solcher bis kurz vor Schluss aus und auch die Rahmung, die Förster seinem Abend gibt, schafft es nicht, dies wettzumachen: Einem On-Off-Prinzip folgend, agieren seine Spieler meist als Figuren, immer wieder aber auch als Performer-Ichs, die das Geschehen, den Theaterraum und die Theatersituation im Ganzen reflektieren. Ob gewollt postdramatisch oder nicht sei dahin gestellt, zu oft verschwindet das Erzählte für mein Empfinden hinter zu viel Metatext.

Försters Abend, so energetisch er sein will, bleibt im Ganzen unnahbar. Dennoch wirkt er vor allem durch die Spielfreude aller drei Darsteller nach.

 

Neue Sehgewohnheiten
Bricht „Flimmerskotom" mit traditionellen Theaterkonventionen und Sehgewohnheiten, ist „Fräulein Julie" ein Abend zwischen Erzähltheater und Performance. Beide Inszenierungen unternehmen auf ganz unterschiedliche Weise eine reflexive Auseinandersetzung mit Theater(text) und bringen, wie fast alle zum Festival eingeladenen Produktionen, eingeschliffene Theaterhierarchien und -Ästhetiken öfter einmal ins Wanken.

 

Weitere Informationen zu Radikal Jung 2016:
https://www.muenchner-volkstheater.de/radikal-jung/das-festival

 

 

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