Foto: Tom Schulze

Die Heilige Johanna des Wischmopps

 

Mit seinem Klassiker-Projekt Jeanne d'Arc spannt Ulrich Hüni am Theater der Jungen Welt in Leipzig erfolgreich eine Brücke zwischen dem Mythos der Jungfrau von Orléans und einer Jeanne, die heute vielleicht eine ganz Andere wäre.

 

Premiere: 27. November 2016

 

Von Henriette Schreurs

 

Der Anblick von Lektüre in kleinen gelben Heftchen bringt die Herzen der wenigsten Menschen in Wallung. Was darf es sein? Eine Portion Goethe? Eine Prise Shakespeare? Oder ein Schuss Walther von der Vogelweide? Nein, Schiller! Es ist seine Johanna von Orleans, die im Leipziger Theater der Jungen Welt auf eine Küchenzeile geknallt wird. Das Stück heißt - wie könnte es anders sein - Jeanne d'Arc. Aber statt Schwertgerassel und Hufgetrappel werden die Gefechte hier mit klappernden Töpfen und Kochlöffeln geschlagen.

 

Die Mutter bereitet das Mittagessen vor. Die Zuschauer schauen ihr von zwei Seiten dabei zu. Offenbar gibt es Gurke. Und noch mehr Gurke. Es scheint ihr egal, was ihr unter das Messer kommt, denn sie ist in Gedanken woanders: Sie denkt über ihren Alltag als Mutter nach, als Versorgerin, Trösterin, Ratgeberin und Autorität. Eine oft unbeliebte Aufgabe, aber aus Liebe getan, singt sie so oder so ähnlich. Eine, mit der sie alle Hände voll zu tun hat. Da kommt ihre Tochter Johanna laut polternd und voller Energie nach Hause und bringt Chaos mit. Sie hat eine neue Mission: Großartig werden! Es entbrennt eine Diskussion zwischen den beiden, denn wie wird man großartig und was bedeutet das? Jetzt kommt Jeanne d'Arc ins Spiel.

 

Hexe, Heldin oder doch Heilige?

 

Im Jahr 1429 hört die 17jährige Jeanne d'Arc Stimmen. Sie geben ihr den Auftrag, Frankreich von der Besetzung der Engländer zu befreien und den Dauphin Charles zu König Karl VII. zu krönen. Alles im Namen des Herrn. Letzteres wird im frommen 15. Jahrhundert wohl niemanden überrascht haben. Trotzdem, was für eine Sensation! Die Jungfrau vom Lande führt die französischen Truppen von Sieg zu Sieg. Ihr Feldzug geht von Orléans, über Reims bis nach Paris. Jeanne d'Arc glüht vor Überzeugung und scheint unverwundbar zu sein. Aber dann sinkt ihr Stern. Der Hype ist vorbei. Ihr wird der Prozess gemacht.

 

Zurück zum Mittagessen. "Großartig" könnt man Jeanne d'Arc nennen, zumindest scheint Johanna am Küchentisch davon überzeugt. Dabei sind Inhalte erstmal egal, denn das Feeling muss stimmen. Es geht um das gemeinsame Sich-Großartig-Fühlen, es ist die Sehnsucht nach einfachen Idealen, die aus ihr spricht, für die man kämpfen kann und gerne Opfer bringt. Johanna gefällt die Vorstellung, selbst zum Symbol zu werden und Menschen anzuführen. Sie müssen nur auf den Zug aufsteigen, zu einer Gemeinsamkeit werden und der Rest erledigt sich von selbst. Sehen und Liken. Differenzierte Inhalte kommen später oder eben nicht, das ist am Ende auch egal.

 

Das Versprechen von Gemeinschaft

 

Passt die historische Jeanne d'Arc in unsere Zeit? Sie steht für Stärke und Überzeugung und vor allem für klare Ideale und ein konkretes Ziel. Aber ihre Züge sind religiös fanatisch und die Probleme in der Welt sind komplizierter geworden oder waren schon immer so, nur sind wir heute weiter - oder sollten es sein. Der Reiz der einfachen Antworten bleibt. Die netten Menschen, die vor dem Schulhof Flyer verteilen und ein zweifelhaftes Gemeinschaftsgefühl versprechen, das von der Ausgrenzung anderer lebt, sind eine Verlockung.

 

Mutter und Tochter stürzen sich vom Mittagstisch in Schillers Johanna von Orleans, um Jeannes vermeintlicher Großartigkeit auf die Spur zu kommen. Sonia Abril Romero springt dabei mühelos aus der Rolle der teenagergeplagten Mutter in die der jungen Jeanne mit Wischmopp. Und Julia Sontag ist nicht nur Johanna, sondern auch schmatzender Kommandant und feiger buckliger Thronfolger. Nicht zu vergessen die Rolle der Engländer: Eben noch Teebeutel, jetzt schon erbitterter Feind. Das Team um Regisseur Ulrich Hüni zeigt im Theater der Jungen Welt in Leipzig einen fantasievollen und stimmigen Umgang mit dem Mythos Jeanne d'Arc. Was sie wenig verlockend als „Klassiker-Projekt" bezeichnen, ist ein unverkrampfter Blick auf ein altes Thema - ohne es mit Gewalt in die Gegenwart zu reißen. Die Wechsel zwischen Jetzt und Damals erfolgen rasant und unkompliziert und das Publikum wird in dieses Fantasiespiel erfolgreich mit hineingezogen. Es geht um Gier, Mut, menschliche Schwäche und die Sehnsucht nach Orientierung. Dabei zeigt das Stück auf charmant realistische Weise den Alltag einer Mutter-Tochter-Beziehung und lässt trotz des kleinen gelben Lektüre-Heftchens viel Platz für spielerische Leichtigkeit und sicheren Witz.

 

 

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Foto: Claudia Bosse

es wird keine nacht mehr geben

 

am gestrigen abend schuf regisseurin claudia bosse und das theatercombinat wien in the last IDEAL PARADISE am fft düsseldorf (17. - 19.november 2016) eine vibrierende komposition aus körpern, sprache und bildern und brachte damit die wuchernden prozesse des langjährigen projekts IDEAL PARADISE zum abschluss.

 

Premiere: 17. November 2016


Von Laura Brechmann

 

hier verzichte ich auf die hierachisierung von einzelnen sätzen, buchstaben und wörtern
es wird keine groß- und kleinschreibung geben keine zeichensetzung keine autokorrektur
ich widersetze mich im schreiben den regeln der grammatik
überlasse mich meinen gedanken und eindrücken von gestern
eine räumliche begehung ohne anspruch auf linearität und vollständigkeit
diffus überlappend wummernd

 

ich durchwandere die von bosse geschaffene multimediale landschaft in den ausgedienten räumlichkeiten der postverladestelle an der kölner strasse
die luft bebt das glas klirrt
claudia bosse inszeniert in zusammenarbeit mit günter auer (sound) die riesige lagerhalle diese stadtbrache dieses terroir vague unter einsatz auditiver plastischer wie performativer mittel
kleine portable lautsprecher hängen von der decke
stimmen die fragen interviewen aussagen berichten entfalten sich im raum verknüpfen sich mit ausgerissenen stücken der wandisolierung mit folien decken und schmutz die skulptural von bosse arrangiert büro- wasch und lagerräume inszenieren
das material wurde über jahre hinweg gesammelt archiviert arrangiert
es eröffnet je nach zeit ort und körper neue denkräume und experimentierfelder die einander ähneln doch nie gleichen

 

körper bewegen sich durch die gänge
halten inne lauschen weichen aus schieben sich vorwärts
ich greife sprach- und bildfetzen auf
höre bosse fragen was ist gesellschaft? was territorium? was terror? und blicke dann auf aus zeitschriften herausgerissene poster von blühenden apfelbäumen und treu blickenden tierbabys
ein chor aus bürgern in bunten strickpullis stehen positioniert zwischen ethnografischen skulpturen und starren in die weiten der lagerhallen
ihre körper sind im verhältnis zu raum skulptur und gruppe
durch performance- und chorischen sprachübungen vermessen sie weite und grenzen des raums ihre stimmen hallen von den wänden wieder und vermischen sich mit dem ewigen wummern des bass im hinteren teil des gebäudes
in den PARADISE-arbeiten Bosses werden die zuschauer innen mit situationen zwischen realität installation und theater konfrontiert
mit arrangiertem wissen
mit fragen nach zuschreibung eingrenzung ausgrenzung eroberung
mit performativen gesten
die gewusstes und initialisiertes fremd werden lassen

 

die performer innen des theatercombinats wien wirken in ihren silberschimmernden anzügen und mit ihren hautfarbenden skimasken wie utopische zwitterwesen die weder zu dieser noch zu irgendeiner kommenden gesellschaft gehören
es ist das ausgegrenzte fremde dem wir zuschauer innen hörig wie eine herde folgen
auch wenn uns unser weg in finstere tunnel und eingezäunte territorien führt
mark your space heißt es dann
doch der platz zwischen den bereits gezogenen grenzen wird eng
die abstände zu den körpern noch lebendig und atmend geringer

 

the last IDEAL PARADISE ist gemenge aus politischen soziologischen religiösen texten wie rituellen und kulturellen bewegungen
was mythos was realität was bewusst was fremd ist vermischt sich an diesem abend
im arrangement des materials baut bosse fragile theatrale architekturen von gesellschaft und politik um diese mit dem nächsten schrillen ton wummernden bass rasselnden stöhnen zu dekonstruieren

 

wir begreifen viel in diesen momenten
doch festhalten können wir das wissen nicht.

 

 

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Foto: Meinschäfer

Von Staaten, Menschen und Störgeräuschen

 

 

Mit „Zwang des Materials“ inszeniert von Katharina Kreuzhage am Theater Paderborn ein Stück Recherchetheater, das zum Scheitern verurteilt ist.


Von Jan Fischer

 

Allein der der Versuch ist Wahnsinn. Vier Menschen in Brautkleidern - drei Männer, eine Frau - stehen auf der Bühne in Paderborn. „Ich trage ein Brautkleid, weil ich verdammt nochmal die Freiheit dazu habe“, sagt einer der Männer irgendwann zwischendrin und steigert sich in eine Rede über Pluralismus und Demokratie, für die es Szenenapplaus gibt.

Aber erst ist da das Märchen vom Schäfer, der mit dem Erdöl in seinem Brunnen nichts anzufangen weiß und ihn zu einem Spottpreis an einen Touristen verkauft, der damit reich wird, was zu blutigen Auseinandersetzungen führt. Erst ist da auch die Geschichte des 13jährigen Jungen, der sich dem „Islamischen Staat“ anschließt, weil er seine Familie anders nicht ernähren kann, und Jahre später bei einem Drohnenangriff der US-amerikanischen Armee stirbt. Die Geschichte des 11jährigen Jungen, der nur deshalb kein Selbstmordattentäter wird, weil sein Vater ihn rechtzeitig in die Türkei schafft.  Mal erzählen die vier am Mikro, machmal ohne, mal zieht sich einer eine Burka an, mal orangfarbene Häftlingsanzüge, mal werden die Geschichten von sirenenartigen Störgeräuschen unterbrochen, mal perlen sie übereinander, mal werden sie leise und ruhig auserzählt. Geschichten über Geschichten, erzählt von den vier Menschen in Brautkleidern, in dem Versuch, ein Mosaik zu erschaffen, das den IS erklärt, den Terror, die politische Situation.

 

Metastasen

 

Alleine, wie gesagt, der Versuch ist Wahnsinn. Über 1000 Akteure - groß, klein, Staaten, Dörfer – sind in den Konflikt verwickelt, so ist in einem der Faktenblöcke zu hören, die zwischen die Geschichten geschoben werden. Die Motive reichen von religiösen Fanatismus über Profitgier über Unzufriedenheit über materielle Not bis zu Selbstschutz. Alles in allem also: Der Konflikt, in dessen Kern der IS agiert, ist eine komplexe Situation, „hat Metastasen gebildet“, sagt jemand auf der Bühne, und  ist entsprechend schwer nachzuvollziehen.

 

Platz für Geschichten

 

Die Inszenierung basiert auf dem Buch „ISIS Defectors: Inside Stories of the Terrorist Caliphate“ von Anne Speckhard und Ahmet S. Yayla, das 32 Interviews mit ehemaligen IS-Kämpfern versammelt. Das sind die Geschichten, an denen „Zwang des Materials“ sich entlang hangelt. Das Bühnenbild ist spärlich, viel leerer Raum, ein kleines, halboffenes Zimmer hinten links, Brautkleider. Die Geschichten schwingen darin, es gibt nicht viel auf der Bühne, das von ihnen ablenken könnte. Aber spätestens, als am Ende keine der Geschichten mehr auserzählt werden kann, weil die Störgeräusche sie immer wieder unterbrechen wird klar: Auch das ist es nicht, auch dieses radikale runterbrechen komplexer Zusammenhänge auf individuelle Erlebnisse hilft nu bedingt weiter.

 

Roh und unbehauen

 

Kreuzhagens Inszenierung wirkt, alles in allem, roh und unfertig – eher eine Annäherung an eine Vielzahl von Ideen als eine Ausformulierung. Eher ein vorsichtiges Umkreisen, ein Herausarbeiten von nicht fertig gedachten Denkimpulsen als ein Vorstoß ins Herz der Problematik, wo auch immer das liegen mag. Letzendlich kann eine knapp 60minütige, wenn auch intensive Inszenierung zum Thema IS und islamistischer Terror aber auch kaum mehr leisten als das. Und vielleicht ist dieses rohe, unbehauene eben auch genau der Kunstgriff, den es braucht, um sich allem anzunähern. Wie sonst wäre ein übergroßes, überwichtiges Thema sonst in den Griff zu kriegen, als dem Publikum unfertige Ideen mitzugeben, die es selbst zu Ende denken muss? So gesehen ist „Zwang des Materials“ zwar unfertig – aber dennoch ein Schritt dahin, eines der wichtigen Themen unserer Zeit besser zu verstehen. Denn zwar ist alleine der der Versuch schon Wahnsinn. Aber irgendjemand muss ihn ja unternehmen.

 

Zwang des Materials

nach „ISIS Defectors: Inside Stories of the Terrorist Caliphate“ von Anne Speckhard und Ahmet S. Yayla

Regie: Katharina Kreuzhage , mit: Claudia Sutter,Lars Fabian, Stephan Weigelin, Denis Wiencke

Dauer: ca. 60 Minuten, keine Pause

http://www.theater-paderborn.de/

 

 

 

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Foto: Martin Rottenkolber

Denkanstoß mit Blumensamen

 

Fahr doch mal wieder Fahrrad!
Geh doch mal wieder in der Natur spazieren!
Wir dürfen unsere Umwelt nicht außer Acht lassen und müssen darauf achten, sie nicht zu zerstören.
Das Thema geht uns schließlich alle etwas an und genau das hat sich auch die Theaterakademie Köln und die Gruppe bodyincrisis gedacht. Denn vom 16.September bis zum 18. September veranstalteten sie am Decksteiner Weiher in Köln gemeinsam mit dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) ein Naturtheater zum Thema Umwelt.

 

Von Clara Schumann

 

Als Vogel zwitschernd in der Baumkrone oder als Fledermaus kopfüber an einem Baum hängend. Um auf das Thema Umweltschutz aufmerksam zu machen, ließen sich Gregor Weber und Gwendolin Gemmrich, die Leiter der Theaterperformance, einiges einfallen. Mit viel Bewegung und musikalischer Begleitung führten die Darsteller die Zuschauer am Decksteiner Weiher entlang.

Dort gab es beispielsweise einen mit Plastikband abgetrennten und vielen alten Plastiktüten ausgestatten Bereich. Kleine Sprüche wie „Fahr doch mal wieder Fahrrad" haben dem Zuschauer hier gezeigt, wie einfach es ist, sich am Umweltschutz zu beteiligen.
Der Gang am Decksteiner Weiher entlang, endete auf einer Wiese auf der es sich das Publikum bequem machen durfte. Der Streit zwischen Mutter Natur und Vater Staat, welcher als krönenden Abschluss die Performance beendet hat, konnte das Publikum noch einmal in den Bann der Darstellung ziehen.

 

Es ist immer gut, wenn auf ein solch wichtiges Thema hingewiesen wird. Doch war die Performance wirklich so umweltschonend wie es nach außen hin scheint?
Es ist auf den ersten Blick schließlich nicht sehr nachhaltig, meterlange Plastikplanen zu verwenden, um zu zeigen wie wichtig unsere Umwelt ist und diese im Nachhinein einfach zu entsorgen.
Doch auch daran haben die Verantwortlichen gedacht. Die verwendeten Requisiten werden anschließend für weitere Produktionen wiederverwendet.
Auch die Pappunterlagen, welche als Sitzkissen dienten, werden nicht einfach weggeworfen.

 

Aber hat diese außergewöhnliche Darbietung wirklich das Bewusstsein beim Publikum geweckt?
Denn das war schließlich das Ziel dieser Veranstaltung, Probleme darzustellen und das Publikum zum Nachdenken anzuregen.
Ich denke schon. Auch wenn nicht alles so nachvollziehbar für das Publikum war, bleiben diese außergewöhnlichen Bilder mit Sicherheit noch lange in den Köpfen der Zuschauer hängen.
Auf jeden Fall wurde ein Denkanstoß gegeben und mit den Blumensamen, die jeder zum einsähen mitbekommen hat, kann ich mir jetzt zu Hause meine eigene kleine Blumenwiese ins Zimmer stellen.
Ich hoffe es wird in Zukunft weitere solcher Projekte geben, denn das sind die kleinen Dinge, die aber dennoch eine große Veränderung bringen können.

 

 

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Nicht Schule, Theater!

 

Etwas verspätet, eine Kritik zum Maulhelden-Festival 2016 in Düsseldorf, die wir euch nicht vorenthalten wollen.

 

Von Laura Brechmann

 

Schultheater - was stellen wir uns vor? Schüler, die an heißen Sommertagen in einer fensterlosen Aula ihre Zeit absitzen und hoffen, dass es zumindest heute mal eine vollständige Probe gibt. Das Bühnenbild aus Pappmaché, die Rezitation des Textes eintönig und lustlos. Und in der ersten Reihe: eine ermattete Deutschlehrerin, die sich ein paar Notizen ins Heft schreibt und die Schüler von links nach rechts, von rechts nach links über die Bühne schickt. Das ist Theater, denken sie allesamt, so muss es sein. Was haben wir also schon zu erwarten von einem Landes-Schultheater-Treffen?

 

Wer so denkt und deswegen nicht hingeht ist selber schuld. Das diesjährige Maulhelden-Festival hat einiges außer Langeweile zu bieten. Sieben Schultheatergruppen aus NRW werfen Vorurteile über den Haufen und glänzen durch ihre Ich-habe-was-zu-sagen-Spielfreude und Wir-machen-unser-eigenes-Ding-Inszenierungen. Literarische 1:1-Inszenierungen sind hier nicht zu finden. Fünf Tage lang veranstaltet das FFT, das Junge Schauspielhaus Düsseldorf und das Goethe-Gymnasium Workshops, Lehrerfortbildungen und Nachgespräche, initiiert Austausch und Vernetzung und gibt den buntesten und spannendsten Schultheaterproduktionen NRWs eine Bühne. Das gemeinsame Ziel: künstlerische Impulse, neue Kräfte und Visionen von der Bühne in den Schulalltag tragen. Die Produktionen sind dabei so unterschiedlich wie vielschichtig, sodass ein spannendes Gemisch aus Positionen und ästhetischen Ansätzen entsteht.

 

„Prometheus" zum Beispiel erzählt von der Geburt unserer materiellen Kultur. In einer ambitionierten Tanzinszenierung des Goethe'schen Gedichts streben die jungen Performerinnen des Ensemble Artig (Münster) nach Licht und Wärme und erzählen durch ihre Körper den griechischen Mythos der Menschwerdung. Prometheus gab den Menschen das Feuer und führte sie in ein Dasein der Vollmündigkeit. Doch einmal vom Licht gekostet, lässt es den Menschen nicht mehr los. Mit dem Licht entdecken wir Bewegung und Gang; Pflege, Geschmack und Kommunikation, doch auch Neid, Missgunst und Aggressivität.

 

Und eben hier setzt eine weitere Schultheaterproduktion an. Das internationale achtköpfige Ensemble der Theaterwerkstatt des Westfalenkollegs Dortmund zeigt was nach Prometheus aus uns Menschen geworden ist. Immer bereit zum Sprint, immer Gegeneinander, immer Unzufrieden. Es ist ein Warten auf Weiß-nicht-was, unterbrochen von Kämpfen um Was-weiß-ich. Die Produktion „Fertig.Los" zeichnet sich im Gegensatz zu „Prometheus" durch eine nicht-lineare Erzählweise aus. Ein Gedanke, ein Szenenbild folgt dem anderen. Doch immer wieder wird zu Sätzen zurückgekehrt, die nichts und gleichzeitig alles ausdrücken. Mit Estragon und Wladimir aus Becketts „Warten auf Godot" nehmen die engagiert spielenden Performer_Innen Sätze von den wohl bekanntesten Geflüchteten der Weltliteratur in den Mund und drücken dadurch besser als jede journalistische Phrase die Ratlosigkeit, Verzweiflung und Resignation ganzer Menschengruppen aus.
Aber die Sprache ist auch hier zweitrangig. Es ist Bewegung und Körperarbeit die im Mittelpunkt der Inszenierungen stehen. Während sich die Performer_Innen vom Westfalenkolleg an choreografierte Tänze und Abläufe orientiert, sind die Bewegungen des 13-köpigen Ensemble ARTIG gelöster. Sie sind mal laut wie ein Stampfen, mal grob wie ein Faustschlag und mal zart wie ein Streicheln über die Wange. Die Performerinnen finden im Tanz ihren Zugang zum Mythos und bringen ohne Zweifel und ohne Unsicherheiten den antiken Stoff auf die Bühne.

 

In beiden Inszenierungen zeigt sich exemplarisch das bunte Spektrum von NRW‘s Schultheaterszene. Aber es wäre falsch zu meinen, dass die jüngsten Teilnehmer_Innen bei diesem Treffen nicht mit ihren älteren Kolleg_Innen mithalten können. Die Sonnenschein-Kids von der Carl-Sonnenschein-Schule in Düsseldorf verweben Bewegung, Töne, Text und Gesang zu einem stimmigen Theaterstück und überzeugen vor allem durch eine erstaunlich konzentrierte und frische Spielfreude. In „Ups, da war doch was" sind die Grundschülerinnen (und Enno) ihren Ängsten und der Frage, was es heißt mutig zu sein auf der Spur. Der Dachboden im Schullandheim wird zum Abenteuerspielplatz und das Mikrofon ist der Ort, an dem Töne erzeugt und Geschichten erzählt werden. Das Stück wurde von den Kindern und ihren Anleiterinnen in Spielen und Gesprächen selbst entwickelt. Und es ist Enno, der einzige Junge im Ensemble, der unter seiner Haarmähne hinweg die Besonderheit seiner Theater-AG heraushebt: „Wir sind eine richtige Familie". Dabei waren die Vorurteile gegen das Theater auch hier präsent. Heißt Theater doch, dass man „ganz viel Text kriegt, diesen auswendig lernen muss und dann Anweisungen bekommt". Aber schnell zeigt sich wie hoch die künstlerische Qualität von Theater-AGs sein kann, wenn Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Frei- und Spielräume geboten werden, die es ermöglichen sich kreativ mit der eigenen Lebenswelt auseinanderzusetzen. NRWs Maulhelden reißen nicht die Klappe auf, sondern halten was sie versprechen.

 

 

 

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