Eine junge Person auf der Bühne in weißem Kleid, dahinter erkennbar das Ensemble

Kritik

Tillmann Drews, Kajetan Popanda: SELBST SCHULD! Die Wildcard

Am DT Jung* thematisiert die Spielklub-Produktion „SELBST SCHULD! Die Wildcard“ von Tillmann Drews und Kajetan Popanda ein Gefühl von Schuld und Glaubenssätze der Gen Z. Eine Vielzahl an angerissenen Themen stehen gleichwertig neben kleinen Alltagssünden. Premiere: 27.3.26

Foto oben: Jasmin Schuller
Beitrag von: am 28.03.2026

In der Spielklubpremiere „SELBST SCHULD! Die Wildcard“ stehen zehn junge Theatermacher:innen teils zum ersten Mal auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin. Schuld ist das Schlagwort des Abends. Dabei kommen viele Themen aufs Tableau: Selbstzweifel, Optimierungsdrang, Medienkonsum, Klimakatastrophe, die politische Lage und vieles mehr.

Unter der Leitung von Tillmann Drews und Kajetan Popanda spüren die Spieler:innen der Schuld nach, fragen, wo sie ihnen von der Gesellschaft in den zahlreichen Vorwürfen gegen die Gen-Z aufgeladen wird, hinterfragen Glaubenssätze und Selbstmanifestation. Und sie gehen dabei auch hart mit sich selbst ins Gericht.

Abschied von der Jugend

Der Abend beginnt mit einer Trauerszene. Unter musikalischer Begleitung und mit viel Pathos verabschieden die Darsteller:innen ihre unschuldige Jugend, suchen Trost bei den anderen, gestehen ihre kleineren Verbrechen — den Diebstahl von Süßigkeiten an der Selbstbedienungskasse zum Beispiel — oder gehen durch das Rezitieren kanonischer Texte tief in Gefühle hinein. Schuld, die hat auch mit Verantwortung zu tun, und jetzt ist die Zeit der Verantwortungslosigkeit vorbei.

Dabei darf auch eine Portion Selbstironie nicht fehlen: Ankreiden, was die Eltern falsch gemacht haben und die Welt durch einen veganen, plastikfreien Lebensstil retten wollen. Wenn man über Jugend spricht, geht das überhaupt ohne Klischee? Dass man über Jugend sprechen kann, ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass man ihr schon länger entwachsen ist. Und so geht es auch um die harte gesellschaftliche Realität im Patriarchat: „Wir sind nicht wütend genug“, stellt eine Spielerin fest und verweist die anerzogene Schuld auf ihren Platz.

mehrere Darstellende auf einer dunkel, vernebelten Bühne in abstrakten Bewegungen „SELBST SCHULD! Die Wildcard“ am DT Jung*. Foto: Jasmin Schuller

Was also machen wir, wenn wir der uns abverlangten Selbstoptimierung nicht nachkommen und uns schuldig fühlen? Die Lösung, vom Ich in ein Wir zu finden, kommt einfach daher und wird auch genau deswegen wieder gebrochen in einem dramatisch-religiösen Bild, in dem alle ihre Beichte ablegen. Aber es gibt keine Instanz, die uns freisprechen kann. „Wenn allen die Schuld gehört, gehört sie niemandem.“, lautet die Konklusion.

Persönliche Erfahrungen berühren

Die Kostüme von Katharina Achterkamp, in Weiß, Schwarz und Rottönen gehalten, sind zeitlos und modern zugleich. Sie zeigen Trauer, Unschuld und Leidenschaft. Die Bühne ist leer, bis auf vier große Spiegel an den Wänden, in denen immer wieder der Abgleich mit sich selbst gesucht wird. Wer blickt mir wirklich entgegen, wenn ich in den Spiegel schaue?

Berührend sind die Momente, in denen die Spieler:innen persönliche Erfahrungen teilen. Hier können Schmerz und Hoffnung gleichermaßen existieren. Sie zeigen den unbedingten Willen, trotz allem Freude empfinden zu wollen. Stark sind auch die Momente, in denen die Spieler:innen sich das nehmen, was sie fordern: einfach mal tanzen. Partylicht an, ein Popsong auf voller Lautstärke und nicht darüber nachdenken, was von einem erwartet wird.

Die Vielzahl der angerissenen Themen ist ambitioniert. Und auch die kleinen Sünden des Alltags finden ihren Platz. All das steht gleichwertig nebeneinander. Dabei stellt sich am Ende unweigerlich die Frage, wie überkommen wir unsere anerzogenen und selbstgemachten Schuldgefühle? Die Inszenierung kreist eindrücklich um das Gefühl und vielleicht ist auch deshalb die ehrlichste Aussage, dass es auf die Frage nach dem Umgang keine einfachen Antworten gibt. So hallt am Ende ein Satz nach: Wir können freier, nicht besser sein.