Kritik

„niedoskonała utopia / an imperfect utopia“ an den Münchner Kammerspielen

Tauchgang in queeres Gewässer 

In dem deutsch-polnischen Performance-Projekt „niedoskonała utopia / an imperfect utopia“ loten vier Spieler:innen aus München und Warschau gemeinsam mit einer Musikerin eine queere Utopie jenseits des Hier und Jetzt aus. München-Premiere: 25. Juli 2023

Foto oben: Judith Buss
Beitrag von: am 26.07.2023

Seit jeher blickt der Mensch voller Faszination auf die Welt, die sich ihm unterhalb der Wasseroberfläche eröffnet. Und doch sind viele Arten und Lebensräume der Tiefsee bis heute unentdeckt. Das lässt genügend Spielraum für die eigene Vorstellungskraft – gerade in der Kunst. Zuletzt widmeten sich beispielsweise Autor und Regisseur Bonn Park und Komponist Ben Roessler in „Alles ist aus, aber wir haben ja uns (Unterwasser)“ im Januar am Münchner Volkstheater dem bunten Treiben in der Tiefsee, im Mai startete die Disney-Neuverfilmung „Arielle, die Meerjungfrau“ in den deutschen Kinos. Dabei lässt sich davon aber längst nicht nur die Kunst inspirieren, sondern auch die Gesellschaftswissenschaft. Hier widmet man sich insbesondere in den Gender und Queer Studies den Meeresbewohner:innen und setzt die Erkenntnisse ins Verhältnis zum Menschen: Der Anemonenfisch kann beispielsweise im Laufe seines Lebens sein Geschlecht wechseln. Er wird zwar als Männchen geboren, kann aber zum Weibchen werden, wenn z. B. das einzige anwesende Weibchen stirbt oder verschwindet. Oder Seepferdchen, die die Grenze zwischen Mann und Frau verschwimmen lassen, wenn das Männchen schwanger wird. Queere Theorien arbeiten zudem oft mit der Qualle als Symbol, weil es schwierig ist, ihre Identität festzustellen – die Betrachtung des Geschlechts als etwas Fluides. Oder Oktopoden, die als Crossdresser gelten, weil manche Männchen die Färbung von Weibchen annehmen, um den Wettbewerb mit dominanteren Männchen zu umgehen. So können sie die Platzhirsche täuschen, sich den Weibchen ungesehen nähern und diese dann mit acht Armen zärtlich umschlingen. Anpassung im Spannungsfeld zwischen Überlebensstrategie und Verspieltheit – die Parallelen zwischen Meeresbewohner:innen und queeren Menschen sind folglich durchaus naheliegend.

Eigener Soundtrack und Seepferdchensprache

Für die erste Eigenproduktion der künstlerischen Partnerschaft zwischen dem TR Warszawa und den Münchner Kammerspielen hat sich die Regisseurin Noémi Ola Berkowitz in ihrem Performance-Projekt „niedoskonała utopia / an imperfect utopia“ von eben jener magisch anmutenden Welt inspirieren lassen. Auf der Bühne stehen mit Stefan Merki und Edith Saldanha sowie Tomasz Tyndyk und Justyna Wasilewska jeweils zwei Spieler:innen beider Theater auf der Bühne. Komplettiert wird das Quartett von der in Köln lebenden Musikerin Trace Polly Müller, die dem Abend einen eigenen Soundtrack (live) verpasst. Gemeinsam erforschen sie eine (internationale) queere Utopie jenseits des Hier und Jetzt. Gesprochen wird auf Deutsch, Englisch, Polnisch, ein bisschen Portugiesisch „und auf Seepferdchensprache“. Die Uraufführung war bereits im Oktober 2022 in Warschau. Nach einer corona-bedingten Verschiebung ist die Produktion nun auch in München zu sehen. Premiere war am 25. Juli im Schauspielhaus – unter herabhängenden Tentakeln mitten auf der Bühne.

Auf der Suche nach der queeren Utopie

Jede Reise hat einen Anlass, einen Ausgangspunkt, der Aufbruchs- und Sehnsuchtsort markiert. Hier sind es Tagebucheinträge, die vom Leben einer queeren Frau erzählen. Verspielte Variationen eines Lebens, das mal in den USA, mal in Deutschland oder Polen Station macht. Die dabei so Unterschiedliches skizzieren und doch eines gemeinsam haben: Sie enden alle mit dem Selbstmord der Protagonistin. Aber warum ist das so? Wie sähe eine Welt aus, in der die Heldin am Ende nicht stirbt? Und wo ist die? Gemeinsam begibt sich das Ensemble in einer collagenhaften Aneinanderreihung von Szenen auf die Suche nach eben jenem Ort der queeren Utopie. Es geht um queere Theorie, die Ballroom-Kultur, Queer History und das Erzählen von individuellen Lebensgeschichten und -ereignissen queerer Menschen. Das Publikum ist dabei mit auf der Bühne und sitzt auf Bänken und bunten Gymnastikbällen in einer Arenasituation rund um einen Boxring. Kostüm und Bühne ist in fluoreszierend-leuchtende Farben getunkt, von der Decke hängen mehrere Lichtinstallationen in Quallen-Optik. Der Saal ist von einer Gaze abgetrennt, die sich erst im Schlussbild erhebt und den Blick auf die leeren Sitzreihen im Schauspielhaus freimachen wird.

Momente immersiven Erlebens

Gerahmt werden die Szenenbilder und Übergange durch die Live-Musik von Trace Polly Müller, die es durch ihre sphärischen elektronischen Beats, ihren eindrucksvollen tiefen Gesang und ihre starke körperliche Präsenz im Zusammenspiel mit den Spieler:innen schafft, dem Abend – die angekündigten – Momente immersiven Erlebens zu verschaffen. Als Theaterkonzert hätte die Inszenierung vielleicht sogar besser funktioniert, denn dem performativen Spiel der Darsteller:innen mangelt es beinahe durchgehend an szenischen Vorgängen – und wenn es sie gibt, wirken sie oft nur beliebig. Hier und da mischen sie sich zwar unters Publikum und suggerieren eine Nähe, Intimität und Verbundenheit, die sich im Verlaufe des Abends allerdings nur selten einlöst. Dass dies aber das grundlegende Konzept der Inszenierung war, zeigt die Gestaltung des Raumes und der entspannten Atmosphäre. Gleich zu Beginn betonen die Spieler:innen, dass sich in diesem Raum alle wohl und frei fühlen sohlen. Es gibt eine Bar mit Getränken, man darf jederzeit die Sitzplätze tauschen oder auch rausgehen.

Etwas das bleibt

„In der heutigen Show geht es um Utopie, aber die Dystopie schleicht sich immer wieder ein“, heißt es von Schauspieler Tomasz Tyndyk gegen Ende des Abends. Und damit gibt er ihm die tragischste und zugleich vielleicht auch wichtigste Bewertung. Etwas das bleibt. Eine Erkenntnis, die den Abend überdauern kann. Denn die Utopie und ihre Reise dahin ist ein Prozess. Wie ein Tauchgang in die Meerestiefe. Auf dem Weg dorthin mag uns Bekanntes erwarten, das wir zurücklassen und abstoßen wollen. Aber vielleicht lässt sich darin auch so Manches wiedererkennen und bewahren, das zur richtigen Zeit am richtigen Ort in neuem Glanz erstrahlen kann.

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Marvin Wittiber, 1998 geboren, studierte Sozialwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er arbeitet als freier Autor und Kulturjournalist, u.a. für queer.de,“junge bühne“, „kritik-gestalten“, „StückeBlog“ der Mülheimer Theatertage, Radikal jung Festival, youpod.de. Seine Schwerpunktthemen sind Theater, Tanz und Literatur. Darüber hinaus ist er seit 2020 Juror des Bundestreffens Jugendclubs an Theatern.

Weitere Infos zur Produktion: https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/12578-niedoskonaa-utopia-an-imperfect-utopia

Bald startet der Radikal Blog von junge bühne und Münchner Volkstheater. Bleibt dran!