Foto: Sinje Hasheider

Ich will die erste weibliche, muslimische Stand-up-Comedian sein!

 

„funny girl" am Jungen Schauspielhaus Hamburg.

 

Besuchte Vorstellung: 21. März 2016

 

Von Delia Friess

 

„funny girl", das ist die Geschichte der jungen, muslimischen Frau Azime (Florence Adjidome), die mit ihrer traditionsbewussten, kurdischen Familie in Nordlondon aufwächst. Regisseurin Clara Weyde hat den Roman des Neuseeländers und Wahl-Londoners Anthony McCarten am Jungen Hamburger Schauspielhaus inszeniert. Während ihre Familie eifrig nach einem geeigneten Ehemann für Azime sucht, entdeckt die junge Frau ihr Comedy-Talent. Nach einer Reihe von Terroranschlägen in London stellt sich Azime mit Burka auf die Bühne und erzählt Witze: „Warum meine Mutter immer hinter meinem Vater läuft? Er sieht von hinten einfach besser aus." Der Roman von Anthony McCarten ist natürlich viel mehr als die Aufstiegsgeschichte eines weiblichen Comedy-Talents: Es geht um Meinungsfreiheit, Vorurteile und Frauenrechte. „Ich persönlich empfinde ,funny girl‘ in erster Linie als eine Verbeugung vor dem Humor, als ein Mittel, das über Hass, Intoleranz und gegenseitiges Unverständnis triumphiert - und Menschen verbindet.", sagt Regisseurin Clara Weyde.

 

Für ihre Witze und ihren Wunsch Comedian zu sein, wird Azime angegriffen. Von den Eltern, die fürchten, sie werde nie einen Ehemann finden, von Radikalen, die ihr Morddrohungen schicken, von Menschen, die ihr vorwerfen, die Opfer des Terrors für die eigene Karriere zu nutzen und von männlichen Comedians, die sie um die Möglichkeit, die erste muslimische, weibliche Comedian zu sein, beneiden. „Als Schriftsteller finde ich jede Art von Begrenzung der Redefreiheit unvorstellbar. Die Redefreiheit ist lebensnotwendig für mich und lebensnotwendig für die Demokratie. Azime jedoch hat sehr begrenzte Redemöglichkeiten, als Frau, und als Frau ihrer Kultur.", sagt Anthony McCarten im Interview mit Regisseurin Clara Weyde über sein Buch. Vorbild der Figur Azime ist Shazia Mirza, eine britische Stand-up-Comedian mit pakistanischen Wurzeln, die McCarten 2005 auf einer Londoner Bühne sah. Angefangen hat Shazia Mirza, die auch Lehrerin ist, mit Witzen im Klassenzimmer. Sie besuchte dann einen Kurs in Comedy-Schreiben und trat wenig später in der ganzen Welt auf. Und die Leute lachen. Die Geschichte dieser mutigen, muslimischen Frau richtet sich auch gegen Stereotypen und Vorurteile über muslimische Frauen. Im Programmheft zum Theaterstück ist das Interview aus der Süddeutschen Zeitung (17.05.2010) „Der Islam ist nicht humorfeindlich" mit dem libanesischen Islamwissenschaftler Georg Tamer abgedruckt.

 

Die Zuschauer werden im Möbelgeschäft des Vaters von tanzenden Burka-Trägerinnen begrüßt. Die Burka gebe es nicht nur in schwarz, sondern auch in hellschwarz und tiefschwarz, stellt Azime ihre „Mädels" und die Burkas vor. Dass es sich um eine zeitlose Geschichte handelt, wird auch an den Kostümen und Haartollen im Elvis-Look deutlich (Kostüme: Clemens Leander), die an die amerikanische Jugend der 1950er und 1960er erinnern. Der Titel „funny girl" schafft Parallelen zu dem amerikanischen Musical „funny girl", das den Aufstieg einer jüdischen, mittellosen Frau zum Vaudeville-Star in New York Anfang des 20. Jahrhunderts erzählt und 1968 mit Barbara Streisand in der Hauptrolle verfilmt wurde. Auch Autor McCarten erkenne viele Probleme von Azime wieder, da er in einer sehr katholischen Arbeiterfamilie in einer Kleinstadt aufgewachsen sei.

 

Ob mit der Inszenierung „Malala" über die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai, ebenfalls am Jungen Schauspielhaus Hamburg, oder mit „Das Totenschiff" am Lichthof Theater Hamburg, Clara Weyde zeigt sich als sensible Regisseurin für schwierige und wichtige Themen.

 

Weitere Vorstellungen:


04/04/2016

05/04/2016

06/04/2016

25/05/2016

 

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Foto: Ute Langkafel

Kiez-Klischees unerwünscht

 

"Klassen. Los!" am Maxim Gorki Theater Berlin. Sechs Klassen verlassen den eigenen Bezirk und besuchen andere Schulen in Berlin. Im Wechsel der Perspektiven befragen sie ihre eigenen Vorurteile und lassen sich im Blick der Anderen beschreiben. Im Gorki treffen alle zusammen und präsentieren, was sie voneinander gelernt haben.


Von Janis El-Bira

 

Ich habe schlimme Vorurteile gegenüber Schülertheater. Vielleicht stammen sie daher, dass ich während meiner eigenen Gymnasialzeit mal die Aufführung einer Nachbarschule sehen musste, die mich bis heute erschaudern lässt. Ausgerechnet Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan" hatte sich die gewiss nicht untalentierte Theater-AG unter Anleitung einer gewiss nicht unfähigen Lehrkraft ausgesucht. Ein Text, der auch auf professionellen Bühnen gerne zu zähem Schlick gerinnt, wird er allzu orthodox-lehrstückhaft umgesetzt. Die Aufführung meiner Alters- und Leidensgenossinnen lief erwartungsgemäß vollkommen aus dem Ruder. Gegen Ende des dreieinhalbstündigen Abends waberten schon seit langem bloß noch zusammenhangslose Brecht-Fransen durch den Raum: Rabenschwarze Texthänger hatten das Stück bis zur Unkenntlichkeit zerklüftet und die jungen Schauspieler stolperten matt und mit einem Ausdruck im Gesicht über die Bühne, der sagte: Ich weiß auch nicht, was ich hier soll. Eigentlich weiß ich nicht einmal, was das überhaupt alles soll.

 

So vollbepackt mit meinen Vorurteilen, den Kritiker-Bleistift auf „Nicht verreißen, sind ja Schüler" gespitzt, sitze ich am 17. März im Berliner Gorki-Theater. Was mich dann aber in 80 Minuten an offenbar genauestens geprobtem, echtem, lebendigem Theater überrollt, lässt mich sofort gerade sitzen. Vielleicht hatte das damit zu tun, dass „Klassen.Los!", eine Gemeinschaftsproduktion von sechs Berliner Schulklassen, neben vielem anderen auch ein Stück über Vorurteile wie meine ist. Wahrscheinlich war der Grund aber eher, dass hier einfach etwas richtig Gutes geboten wurde, nachdenklich und komisch, mit vollem Körpereinsatz, lyrisch und laut.

 

Dabei würde man unter professionellen Umständen die Arbeitsbedingungen als schwierig bezeichnen: Bloß eine Woche lang konnten die beteiligten Gruppen gemeinsam proben. Ein halbes Jahr zuvor allerdings war in den Klassen bereits über Themenkomplexe wie soziale Zugehörigkeit, Lebens- und Karrierechancen, Ausgrenzung und Stereotypien nachgedacht und diskutiert worden. Tandems mit anderen Schulen bildeten sich tauschten sich aus: Die Kreuzberger besuchten das Westend, aus Charlottenburg ging es nach Neukölln und von Weißensee nach Schöneberg - Kiez-Klischees unerwünscht. Dass dennoch eine Vorstellung wie aus einem Guss herauskam, hat indes weniger mit Theaterwundern zu tun, als mit einer gemeinsamen Vorstellung davon, was man hier eigentlich sagen, zeigen und erreichen wollte.

 

Schon zu Beginn wird da das richtige Bild gefunden. Eine junge Schauspielerin mit Boxhandschuhen und Helm sitzt auf einer Schaukel: Zwischen kindlicher Unbekümmertheit und den harten Bandagen des Lebens sind es bald nur noch wenige Jahre. „Everything in its right place", heißt es etwas später in einer tollen Choreographie zum Radiohead-Klassiker. Alles soll an seinen „richtigen", das heißt leider oft: den gesellschaftlich vorherbestimmten Platz. Immer wieder gelingt es den Spielenden, für dieses Ringen um Anerkennung und Chancengleichheit starke Bilder zu finden: Eine Menschenpyramide illustriert da etwa die Ständegesellschaft des Mittelalters während die Teams vom Campus Rütli (Neukölln) und der Schiller-Oberschule (Charlottenburg) in einem bitter-eindrucksvollen Segment das schwierige Ankommen der Gastarbeiterfamilien in den 60ern mit dem der Geflüchteten von heute parallel montieren. Da wird zum unbarmherzigen Takt der Stechuhr gearbeitet, ein Deutschland-Quiz mit Sportübungen verbunden: „Aufstieg durch Bildung" - ist das nicht oft ein hohles Versprechen? Stets geht es bei alledem auch um eine Emanzipation von den Fremdzuschreibungen, die eine deutsche Mehrheitsgesellschaft jenen überstülpt, die als Fremde in ihr Aufnahme suchen oder nur aufgrund ihrer äußeren Erscheinung aus ihr herausstechen. Wer hat das Recht zu definieren, wer „wir" sind und wer „die anderen"? Am Ende ist die Boxerin vom Beginn ganz erschöpft: Warum, bitteschön, muss man immer für alles erst kämpfen?

 

Die thematischen Vorzeichnungen hätten eigentlich Anlass für einen entsetzlich belehrenden, moralinsauren, ja (pardon!) pädagogischen Abend geboten. Das Gegenteil war der Fall. Man merkte, dass hier im Vorfeld eher nach Fragen als nach Antworten gesucht, mehr nachgedacht als polemisiert worden war. Und es tat der Produktion gut, dass diese Fragen die Schülerinnen angingen, dass ihre eigenen und nicht die Perspektiven abstrakter Dramenfiguren gefragt waren. So traten sie selbstbewusst an die Rampe, beherrschten ihre Texte mühelos, sangen sauber und anrührend wie in einer Inszenierung von Christoph Marthaler und sprachen so bedrohlich im Chor, dass einem Angst und Bange werden konnte. Am Ende sah ich meine Vorurteile als das bestätigt, was sie sind: Vorurteile eben. Ich werde jedenfalls in Zukunft das Wort „Schülertheater" nicht mehr als abfälliges Synonym für ein Theater verwenden, das rein gar nichts mit dem zu tun hat, was an diesem Tag im Gorki über die Bühne rauschte. Versprochen.

 

 

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Foto: Tom Schulze

Daddel-Kampf um die Insel

 

Am Theater der Jungen Welt Leipzig tobt „Der Sturm" zwischen PC-Spiellust und -sucht


Premiere: 4.3., Theater der Jungen Welt Leipzig

 

Von Tobias Prüwer

 

Am Ende stehen die Liebenden im Regen. Da hat der Zauberer seine Feinde auf eine ferne Insel verpflanzt, um sie dort zu richten. Mit Kräften, die weit über die Physik hinausreichen, beschwört der exilierte Herzog von Mailand einen Sturm. Der wirbelt die Usurpatoren plus König heran, und stellt des Herzogs Ehre wieder her. Sein Sohn Ferdinand darf die Königstochter heiraten. „Der Sturm" ist aus, die Quest beendet. Prosperos Revenge hat über The Italian Invaders gesiegt. Und dann landen Miranda und Ferdinand im Regenschauer.

 

Man kann „Der Sturm" als antikolonialistische Parabel verstehen, als Generationsdrama oder einfach als schräge Romanzen-Komödie genießen. Das Leipziger Theater der Jungen Welt hat sich für eine andere Lesart entschieden und in den Stoff das Thema Computerspiele eingebaut. Sicherlich ist es William Shakespeares abgedrehtestes Stück, Magie kommt hier direkter zum Tagen wie in sonst keinem seiner Bühnespiele. Es ist schlichtweg fantastisch. Das Verfrachten der Protagonisten auf eine Insel, zwei verfeindete Clans, klare Aufgaben: Das hat Züge eines digitalen Rollenspiels. Deshalb ist es keine Schnapsidee, den Stoff mit der Thematik virtueller Raum und Computerspielsucht zu überblenden. Genau das passiert in Leipzig mit „Der Sturm - Lost in the Game", für dessen Recherche Regisseur Jan Jochymski und Dramaturgin Winnie Karnofka von Suchtexperten unterstützt wurden.

 

Die inhaltliche Anreicherung des Stücks geschieht dabei sehr behutsam, fast zu vorsichtig, um als Idee aufzugehen. Der Plot wird nicht verkürzt, sondern ausgespielt. Ein Holzsteg und ein paar Plastikbäume reichen als Inselkulisse aus. Im Hintergrund sind wechselnde Projektionen von Wasser, Strand, Klippen zu sehen. Mit einem Hauch von Trash in Kostüm und Darstellung spielt sich der Shakespeare hier ab. Magieeffekte besorgen buntes Licht und ordentlich. Die Handlung geht mit flotter Sohle voran, auch wenn man unter den ganzen adligen in manchem Moment nicht unterscheiden kann, wer wer ist.

 

Man folgt also Prospero und seiner Tochter Miranda, die bereits zwölf Jahre Inseldasein fristen, weil er als rechtmäßiger Herzog von Mailand von seinem Bruder Antonio vertrieben wurde. Sven Reese gibt ihn grundsympathisch gelassen als einen Steampunk-Comics entsprungenen Rastafari. Dominanz ist sein letztes Mittel, eigentlich will er lieber reden. Die Gestrandeten irren - von den Kostümen abgesehen - etwas farblos übers Eiland. Sehr ulkig hingegen ist die Meute meuternder Seeleute, die der deformierte Hexensohn Caliban (groß bis in die kleinste Geste: Kevin Körber) gegen Prospero anführt. Stephan Fiedler und Martin Klemm geben zwei großartig betrunkene Italiener. Man weiß zwar nicht, was die Szene bezwecken soll, aber sie amüsiert. Lockend und leichtfüßig, singend beschwingt bewegt sich Anna-Lena Zühlke als Luftgeist über die Bühne und fügt dem Geschehen ein zauberhaftes Element bei, bis die Liebenden einander versprochen werden und die ganze Gruppe versöhnt die Heimreise antritt.

 

Wie eine zweite Ebene ist das Computerspielthema um die Inselwelt gelegt: Prosperos Revenge vs. The Italian Invaders. Dazu erscheinen die Darsteller zwischendurch immer wieder in schwarzen Kapuzenoberteilen. Vier große rote Buchstaben werden auf die Bühne geholt: „GAME". Das eigentliche Stück erscheint wie ein virtuelles Spiel eingebettet in diesen Realitätsrahmen, in dem sich spielende Jugendliche im Daddel-Kampf um die Insel zu verlieren drohen. Sie berichten von verschiedenen Online-Erfahrungen, Spuren kritischen Konsums sind schon zu erahnen. Das gelingt anfangs weniger, weil diese Szenen wie lose an den „Sturm" angefügt wirken, ohne mit ihm zu tun zu haben. Es wirkt wie ein Zusammenschnitt oder Verschnitt der Themen, die sich zu einem Gesamten nicht fügen wollen. Hier fehlt es leider an Konsequenz, das Game-Sujet tatsächlich ins Stück zu holen. Man hätte Prospero & Co. wirklich als Avatare der jugendlichen Spieler auftreten können. Warum gibt es keine Nicht-Spieler-Charaktere oder Interaktionseffekte? Man hätte mit dem Thema viele Möglichkeiten ausloten können, aber es interessierte offenbar zu sehr allein der Suchtaspekt. Da tut sich ein Spielfeld verpasster Chancen auf.

 

Erst gen Ende verdichten sie sich im mehrfach eingeblendeten Chat: Die Alter Egos von Miranda und Ferdinand werden im Tastatur vermittelten Dialog immer vertrauter miteinander. Sie ist so online-abhängig, schreibt sie, dass sie körperliche Schmerzen bekommt, nicht am Bildschirm zu sitzen. Aber sie würde gern einmal wieder im Regen spazieren, nur für ein paar Minuten. Ihr Romeo, also Ferdinand, macht das möglich. Die erste Real-Life-Begegnung der beiden wird zum wunderbaren Schlussbild. In Echtzeit wasserdurchtränkt stehen sie für einen langen Moment zusammen: „Der Anfang ist gemacht."

 

Weitere Aufführungen:

08.03.2016

07.04.2016

08.04.2016

30.04.2016

02.05.2016

 

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Foto: Joern Hausner

Lecker Wut!

 

In einer Schreibwerkstatt des Ensembles der P14 (der Jugendbühne der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin) übernahmen die Teilnehmer die Rollen des Stückes „Le Petit Bourgeois" und gestalteten sie um. Diese Entwicklung wurde vom Stückautor Lars Werner drei Monate lang im Social Media-Bereich der jungen bühne moderiert (www.facebook.com/jungebue und www.twitter.com/junge_buehne). Dafür richtete er pro Rolle ein eigenes Profil ein, das online selbst agierte, antwortete und twitterte, so dass eine Art Mass-Multiplayer-Szenario/Rollenspiel entstand. Aus den Ergebnissen  entwickelte das Theater (unter Leitung von Vanessa Unzalu-Troya) zusammen mit der Puppenspielerin Tanja Wehling und den Regisseurinnen Paula Knüpling und Nathalie Seiß eine Aufführung, die am 24. Februar 2016 an der Volksbühne Premiere hatte.

 

Von Magdalena Sporkmann

 

Noch sitzen sie untätig herum, die Zuarbeiter der Minister für Wut. Sie langweilen sich, frieren, fangen an, sich gegenseitig zu piesacken. Ihre riesigen Puppenköpfe starren ratlos, fraglos und trübe in die Welt. Das soll sich aber sogleich ändern, denn der Vorhang hebt sich.


P14, das Jugendtheater der Volksbühne Berlin, hat am 24. Februar zur Premiere seines Stücks Le Petit Bourgeois nach einer Vorlage von Lars Werner geladen.


Wir befinden und in der vierten Dimension. Dort hungern die Minister der Wut nach neuer Nahrung, nach frischer Wut. Sie zoomen den Planeten Erde heran und scrollen über dessen Kontinente. Ihre Wahl fällt auf Berlin. Dort ist gerade eine Demo im Gange und die Minister wissen aus Erfahrung: Demo-Wut ist besonders lecker, vor allem, wenn sie von den scheinbar unbeteiligten Randfiguren stammt, wie es der achtjährige Petit Bourgeois und dessen Cousin sind.


Um die Wut in ihrer reinsten Form zu gewinnen, isolieren die Arbeiter der Wutminister die wütenden Menschen und konfrontieren Sie mit unbequemen Wahrheiten. Dem kleinen Petit Bourgeois, Kind wohlhabender Eltern, das täglich ein ambitioniertes Freizeitprogramm absolvieren muss, damit es nicht bemerkt, dass sich kein Mensch mit ihm beschäftigt, wird verraten: „Deine Eltern bezahlen die anderen dafür, dass sie mit dir zusammen sind. Du hast keine Freunde, du hast Workshops." Auf Anraten eines sprechenden Fahrstuhls lässt Petit Bourgeois seine Empörung über diesen Affront aber nicht heraus. Er lenkt sie stattdessen um und richtet seine Wut gegen jene, die ihm die betrübliche Erkenntnis aufdrängen. Diese Wut aber schmeckt den Wutministern gar nicht. Da sieht es mit der ehrlichen Empörung eines Mittelständlers über die Entlarvung seiner Bürgerlichkeit doch anders aus: Petit Bourgeois‘ Cousin hat früher als Punker gegen das Establishment, gegen die Spießer und die „Bourgeoisie" rebelliert. Jetzt aber ist er erwachsen geworden und arbeitet als Werbetexter. „Mit irgendetwas muss man ja schließlich Geld verdienen", rechtfertigt er seinen bürgerlichen, kapitalistischen Beruf. Wenigstens textet er für Bioläden und beruhigt damit sein Gewissen, immer noch einer von den Guten zu sein. Hinter der Fassade aber schlummert der Zweifel, der Unmut darüber, doch zu denen zu gehören, von denen er sich als Jugendlicher ganz deutlich distanzieren wollte. Als die Arbeiter der Minister für Wut ein wenig an dieser Fassade kratzen, wehrt sich Petits Cousin lautstark dagegen. Er wird richtig wütend!


Die Wut steht den jugendlichen Schauspielern natürlich hervorragend. Sie haben sichtlich Spaß daran, so richtig „in Brand" zu geraten und entladen ihre Energie in einem Feuerwerk des „Furor". Wenngleich die Leben, die Petit Bourgeois und sein Cousin führen, ungeachtet ihres Alters, sehr erwachsene sind, ist ihre Wut eine ganz jugendliche. Es ist die Wut, die dem jugendlichen Idealismus entspringen kann, dem Idealismus, der sich Biografien jenseits der bürgerlichen Norm erträumt. Der Ausbruch wird erprobt, aber häufig - so zeigt es die Erfahrung - werden aus den jugendlichen Revoluzzern später die größten Spießer.


Die Wutminister halten ihr Amt für einen Dienst an der Menschheit, denn indem sie die Wut „absaugen", wirken sie ausgleichend, will sagen: besänftigend oder schlimmer: betäubend. Petit Bourgeois aber lässt sich seine Wut nicht nehmen. Er behält sie für sich. Hat er erkannt, dass Wut, wenn sie richtig kanalisiert wird, eine gute Triebfeder menschlichen Handelns sein kann?

 

 

P14 - Le Petit Bourgeois - ein Stück von Lars Werner - gekapert und umgeschrieben von: Alex Bäke, Zelal Bender, Juliane Bröcker, Franziskus Claus, Elias Geißler, Leonie Jenning, Caterina Kirst, Paula Knüpling, Marlene Knobloch, Lily Kuhlmann, Gerda Martin, Fee Aviv Marschall, Lena Neuber, Clemence Present, Rahel Scharabi, Nathalie Seiß, Luc Schneider, Lisa Schwarzer, Lilith Talamonti, Lucía Itxaso Kühlmorgen Unzalu, Vanessa Unzalu Troya, Pauline Wedler, Tanja Wehling, Lars Werner


Weiter Aufführungen;

Fr., 26.02.
Sa., 27.02.
Sa., 12.03.
So., 13.03.

 

 

 

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Foto: Arno Declair

Die Welt ist nicht genug: Aufgehoben oder verloren im Netz?

 

Über „Herr der Fliegen: survival mode " am Jungen Deutschen Theater

 

Premiere: 8. Februar 2016 Deutsches Theater Berlin, Kammerspiele.

 

Von Delia Friess

 

Bei dem Titel „Herr der Fliegen" denken die meisten wahrscheinlichen an den englischen Klassiker von William Golding. Am Jungen Deutschen Theater inszenierte Regisseur Robert Lehniger den Roman aus dem Jahr 1954 unter dem Titel „Herr der Fliegen: survival mode". Eine Theateradaption im Kontext einer Hinterfragung von Potenzialen und Problemen der zunehmenden Digitalisierung. Der Regisseur erarbeitete mit Jugendlichen ein Stück, in das auch Jugendsprache einfließt, und entschied sich beispielsweise gegen eine Dramatisierung des Romans von Nigel Williams.

 

Worum geht's in Goldings Roman? In der Welt herrscht Krieg. Nach einem Flugzeugabsturz landen englische Eliteschüler auf einer unbewohnten Insel. Zunächst versuchen die Jugendlichen eine demokratische Gemeinschaft mit verbindlichen Regeln aufzubauen. Dann kommt es zu Regelbrüchen, schließlich zur Spaltung der Gruppe und zu Streit und Gewalt. Regisseur Lehniger (Ausstattung: Irene Ip) inszenierte den Roman als eine große Netzwerk-Party. Eine Jugend unter digitalen Bedingungen fernab der Natur.

 

Über der Bühne, deren Bühnenbild mit seinen Sitzsäcken und -flächen ein wenig an ein Jugendzimmer in einer modernen, deutschen Wohlstandsfamilie erinnert, wird das Computerspiel Minecraft, ein open world game, auf einem Riesen-Flachbildschirm gezeigt. Außerdem zu sehen: Interviews mit den SchauspielerInnen, die das Stück auf einer Metaebene kommentieren. Darin diskutieren und beantworten die Jugendlichen moralische Fragen: „Macht das Zocken vorm PC aggressiv?", „Wie viel Freiheit tut uns Menschen gut?", „Was ist das Böse?", „Sind alle Menschen zu Grausamkeiten in der Lage?" Wer legt die Regeln dafür fest, was geschieht bei Regelbrüchen, und wann wird aus Spiel Ernst?

 

Dem Regisseur und den großartigen 16 SchauspielerInnen Kya-Celina Barucki, Emmi Büter, Mina Christ, Philipp Djokic, Helen Kaschtalinski, Lenz Lengers, Gynian Machacek, Jochanah Mahnke, Jakob Mandler, Artur Matzat, Ishini Rathnayake, Carlotta Rohn, Leon Romeike, Emil von Schönfels, Langston Uibel und Annika Westphal gelingen neue Interpretationen des Romans. Es geht darum, wie viel Cyberwelt für Jugendliche gut ist. Das Stück reflektiert aktuelle Debatten um die Potenziale und Probleme einer globalen Vernetztheit und was man bereit ist zu tun, um eine demokratische Gesellschaft zu schützen. (Einfache) Antworten werden nicht gegeben, sondern man geht mit vielen Fragen aus dem Stück heraus.

 

Wen erstaunt es, dass „Herr der Fliegen" in der aktuellen Debatte über die Flüchtlingspolitik eine Art Comeback auf deutschen Bühnen feiert (am 31.01.2016 beispielsweise war am Schauspiel Dresden die Premiere von „Herr der Fliegen" unter der Regie von Kristo Šagor zu sehen), kreist die Parabel doch um Fragen, wie demokratisches Zusammenleben funktionieren kann. Dass William Golding in „Herr der Fliegen" rassistische Begriffe benutzt und europäische Fantasien von Menschen in den ehemaligen Kolonien als wild, anders, böse und exotisch reproduziert, wird dabei ansatzweise reflektiert. Vor allem durch Besetzung und Kostüme: Robert Lehniger besetzt die englischen Eliteschüler aus Goldings Klassiker mit Mädchen und Jungen und achtet dabei auf diversity im Ensemble. Die Jugendlichen in Goldings Roman, die zu Jägern werden, tragen im Stück Masken, die an die Masken des radikalen Ku-Klux-Klan erinnern. „Wie groß sind die Gefahren von rechts für eine Demokratie?", steht beim Anblick dieser aggressiven Gruppe sofort als Frage im Raum. Die Felsenwand besteht im Stück am Jungen DT, an das Candyland aus Minecraft angelehnt, aus großen knallbunten Gummibällen, die vielmehr einem modernen Shoppingcenter entsprungen zu sein scheinen als der paradiesischen Südseeinsel im Roman. Im Roman werden die Kinder schließlich von einem Soldat „gerettet". Im Stück war alles nur ein Spiel.

 

Erstaunlich an diesem Abend sind die Energie und Professionalität der Jugendlichen, die mit Ausdruck, Frische und einem rasanten Tempo agieren. Sehenswert, für alle die sich für moralische Fragen über die derzeitigen Weltlage und digitale Kulturen interessieren und dabei anspruchsvolles und modernes Theater sehen wollen.


Weitere Vorstellungen:

17. Februar 2016

25. Februar 2016

11. März 2016

21. März 2016

 

 

 

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