Foto: Patricia Cividanes

Fauliges Gewässer

 

Die rasante Inszenierung „A tragédia latino-americana" unter der Regie von Felipe Hirsch verweigert sich der Verdrängung und ermöglicht es, sich Lateinamerika aus ganz neuen Perspektiven zu nähern. Sie bildet den Auftakt des iberoamerikanischen ¡Adelante!-Festivals am Theater und Orchester Heidelberg, das vom 11. bis 18. Februar 2017 stattfindet.

 

Besuchte Aufführung: 11. Februar 2017

 

Von Laura Brechmann

 

Das Herz von Schauspieler, Musiker, Zuschauer, ist geöffnet. Doch es regnet an diesem Abend und es regnet rein. Die brasilianische Produktion „A tragédia latino-americana" ist ein ambivalentes Spiel sanft-süßer Grausamkeit. In der Art einer abgründigen Musicalrevue konfrontieren sich Regisseur Felipe Hirsch und sein aus dreizehn Schauspielern und sieben Musikern bestehenden Ensemble mit der komplexen Identität ihres jungen Kontinents. Es ist brisant, dass sich ausgerechnet Brasilien als portugiesisch sprechender Außenseiter Lateinamerikas die Frage nach der Beschaffenheit und Fruchtbarkeit des gemeinsamen Bodens stellt.


Das ¡Adelante!-Gastspiel ist die bereits sechste „Tragédia"-Version. Hirsch und sein für jede Inszenierung neu zusammengestelltes Ensemble greifen dabei auf einen Pool von über 180 Texte lateinamerikanischer Autoren zurück, die sich mal konkret, mal szenisch, mal lyrisch der Geschichte ihrer Länder und ihres Kontinents widmen. Gewalt und Kolonialisierung; politische Instabilität und ethnische Vielfalt sind dabei die Themen, denen sich die Autoren auf je eigene Weise nähern und die in den „Tragédias" in musikalischen, poetischen und aufwühlenden Momenten ihren Ausdruck finden. In jeder Version sind es neue Texte, die montiert und im Zusammenspiel mit einer dissonanten Komposition (Arthur de Faria) in Szene gesetzt werden. Auf eine lineare Narration wird zugunsten eines inszenierten Puzzles verzichtet. Im Inszenierungskonzept wird deutlich: es gibt nicht die Tragödie Lateinamerikas, sondern eine Vielzahl an tragischen Momenten, die den mit Blut und europäischer Kolonialschuld verkrusteten Boden lateinamerikanischer Identität bilden.


Auf diesem Boden, es ist ein schwankender, instabiler Grund, stapeln die Schauspieler von Szene zu Szene unter großer Anstrengung mannshohe Styroporblöcke zu Flächen, Mauern und aufgetürmten Blockaden. Nur um im diese im nächsten Moment, mit dem nächsten schrillen Ton mit ganzer Kraft wieder einzureißen und umzuschichten. Das großartige portable Bühnenbild von Daniela Thomas und Felipe Tassara drückt die ganze lateinamerikanische Tragik aus. Menschen, die mal einzeln und mal im Kollektiv an Projekten arbeiten und diese aufbauen, reißen sie durch eigenes Verschulden wieder ein oder müssen handlungsunfähig mitansehen wie Dritte das Geschaffene schonungslos zum Einsturz bringen. Dabei fügt sich das Quitschen des Styropors in die Komposition aus Musik und den gespannten Stimmen der Schauspieler im grausig-schönen Gesang und rasant-schriller Erzählung ein.


Die Inszenierung „A tragédia latino-americana" gewinnt ihre Kraft durch Dissonanz. An diesem Abend soll der Ton nicht getroffen werden, schon gar nicht der richtige. Das Ergebnis ist eindrucksvoll. Stimme, Körper, Musik und Text rebellieren im Schrillen und im Gespannten gegen die unhaltbaren Zustände in ihren Ländern, gegen nicht aufgearbeitete Geschichte und mit aller Kraft gegen die stereotypischen Bilder eines aus der Sicht von Europa zur ewiger Kolonie verdammten Lateinamerikas.

 

 

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Foto: Arno Declair

Wer zahlt, darf bleiben

 

Auf den Dächern einer deutschen Provinzstadt ist genug Raum für neun Jugendliche und ihre Alltagsdramen. Sie saufen dort zusammen, streiten sich, teilen ihre Geheimnisse, haben Sex - und öden sich an.

 

Mit Talent und Hingabe ist es dem Jungen DT unter Regie von Jessica Glause gelungen, diese große Langeweile von Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher auf der Bühne des Deutschen Theaters berührend und aufrüttelnd zu gestalten. Premiere war am 6. Februar 2017.


Von Magdalena Sporkmann

 

Auf dem Dach ist die Gruppe Jugendlicher der Kleinstadttristesse im wahrsten Sinn des Wortes enthoben und schaut hinab auf all jene, die nicht zu ihnen gehören. Das atmosphärische Bühnenbild von Jil Bertermann erfasst so treffend wie poetisch die Dynamik der Clique.

 

Die Fantasielosigkeit der Jugendlichen hat Fassbinder schon 1968 in eine bis zur Leblosigkeit verkümmerte Sprache übersetzt, die von den heutigen, jungen Schauspielern mit nahezu erschreckender Treffsicherheit auf der Bühne gesprochen wird. Die primitive Ordnung dieses Sprachsystems weist hin - oder wirkt zurück - auf eine ebenso vereinfachende Ordnung im Leben und Denken der Jugendlichen. Was den Zuschauer besonders unterhält - die Darstellung unterschiedlichster und markanter „Typen", ist gemäß dem Weltbild der Jugendlichen in Katzelmacher eine Abweichung von der Norm und wird mit Ausgrenzung und Häme quittiert. Es liegt in der Natur der Sache, dass diesem Konformismus keiner gerecht werden kann: die erhabene Helga (Chenoa North-Hader) wird schwanger, die attraktive Rosy (Fabiola Kuonen) lässt den schluffigen Franz (Emil Kollmann) gegen Geld ran, der coole Erich (Lorin Brockhaus) hat schon gesessen und die kluge Marie (fesselnd: Stephanie Amarell) verliebt sich in einen „Ausländer".

 

Dieser „Ausländer" Jorgos - er ist „ein Griech' von Griechenland" - kommt als Gastarbeiter in die Stadt und reißt damit für kurze Zeit den grauen Schleier des ewigen Einerlei von der deutschen Provinz. Jeder hat plötzlich irgendwie mit Jorgos zu tun und findet dadurch zunächst einen Ausweg aus der Banalität seiner eigenen Existenz. Marie hofft, der Tristesse zu entfliehen, indem sie Jorgos nach Griechenland begleiten möchte. Gunda will sich davon überzeugen, dass der „Griech" wirklich so viel „besser gebaut" ist, als die deutschen Männer, bekommt dann aber doch Angst vor dem Fremden und behauptet, er habe sie auf dem Spielplatz vergewaltigt. Erich und Paul ist Jorgos, der die Aufmerksamkeit ihrer Freundinnen gefangennimmt, sowieso nicht recht und die „Vergewaltigung" ein willkommener Anlass, ihn zu vertreiben, aber Elisabeth setzt sich dafür ein, dass Jorgos bleibt, denn sie kassiert immerhin 150 Mark Miete von ihm - mehr als man von jedem Deutschen für ein kleines Zimmer verlangen könnte.

 

Die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen und das Auftauchen des Fremden, der sich bestens als Sündenbock für das Scheitern der eigenen Existenz eignet, geben ein gefährliches Gemisch ab. Je länger dieses gärt, desto stärker wird die Wut der jungen Deutschen, die schließlich überschäumt und sich in einer barbarischen Tat gegen den „Griech" Bahn bricht.

 

Danach ist alles wie zuvor: Der Gastarbeiter darf vielleicht bleiben, wegen der Miete, die er einbringt, und die gelangweilten Jugendlichen werden zu gelangweilten, frustrierten Erwachsenen heranwachsen.

 

In der Inszenierung von Jessica Glause tritt der Fremde niemals in Erscheinung. Es bleiben nur seine Namen, die die das Unverständnis, die Angst, Geringschätzung und den Hass der Deutschen zum Ausdruck bringen. Das enge Korsett der Starre, in dem die Energie der adoleszenten Träume, Triebe und Ängste gefangen ist, droht, die martialische Kraft der Jugendlichen in Selbsthass umschlagen zu lassen. Dass ein Fremder (das Fremde) nur allzu oft als Projektionsfläche (oder Blitzableiter) für diesen Hass missbraucht wird, ist spätestens seit der Figur der Medea aus der griechischen Mythologie bekannt. Im Fremden wird das Eigene sichtbar, und wenn einem dieses Eigene nicht gefällt, bekämpft man es - in seinem Spiegelbild, dem Fremden. Das gilt leider sowohl für die griechische Tragödie um Medea, wie für das 1968 entstandene Bühnenstück Katzelmacher, als auch für unseren heutigen Alltag.

 

 

 

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Foto: Iris Kannenberg

Wo Licht ist, ist auch Schatten

 

Kino, Theater und Musical kennt man eigentlich getrennt voneinander, doch Regisseur Matthias Bähr und Produzent Patrick Tussnat dachten sich: wieso diese drei Elemente nicht zusammen legen und eine Show daraus machen? Mit „Stadtschatten" haben sie eine Show geschaffen, die auf dem Buch „Jule und ein Herz voll Licht" beruht. Nicht nur professionelle Schauspieler waren in das Projekt eingebunden, sondern auch Bürger aus dem ganzen Märkischen Kreis.

 

Von Lisa Wewers

 

 

Es ist lautes Gemurmel in der Böddinghauser Aula in Plettenberg zu hören.
Ein ausverkaufter Raum.
Musik dringt aus den Lautsprechern.
Dann geht der Vorhang auf und eine Show mit den Elementen Kino, Theater und Musical beginnt: Stadtschatten.


Die zwölfjährige Jule, gespielt von Ellen Brand, mit ihren zwei Freunden, einem Teddybär namens Brummbär, gespielt von Manuel Ihm und ihre Puppe Annelise, gespielt von Rebecca Henke, fahren raus aufs Land zu ihren Großeltern. Doch so, wie wir die Welt kennen, ist sie nicht mehr, die Welt ist grau. Es gibt keine Farben und auch die Menschen scheinen lustloser zu sein und es ist keine Freude mehr in ihnen.


Doch Jule ist anders. Sie ist fröhlich und lässt sich von ihrer Umgebung nicht unterkriegen. Sie zieht auch für einen kleinen Moment die Menschen in ihrer Umgebung mit in ihren Bann und lässt sie auflächeln. Sie hat immer ihr Lieblingsbuch dabei: das Buch der Farben. In diesem Buch werden die Farben erklärt, wie zum Beispiel rot: sie strahlt Gefahr aus aber auch Entschlossenheit und Stärke, vor ihr muss man sich in acht nehmen.


Als Jule mit ihren Freunden bei den Großeltern ankommt, räumt sie ihre Sachen aus und will gerade in ihrem Buch weiterlesen, als sie etwas oben auf den Dachboden rumpeln hört. Sie steigen auf den Dachboden, um nachzuschauen was das gewesen sein mag. In einem Karton finden sie etwas, das hell leuchtet und sie entdecken das Licht. Jule ist überwältigt und schaut sich den Dachboden in all seinen Farben an. Doch wo Licht ist, gibt es auch Schatten, vor denen sie sich fürchtet. Doch ihre Freunde, die dank des Lichtes mit ihr reden können, beruhigen sie und so machen sie sich auf in die Stadt, neugierig auf eine Welt in Farbe.


Sie begegnen einem Schmetterling, Elli, gespielt von Céline Reynaud, der sich entschließt mit den Freunden zu gehen. Doch sie begegnen auch einem Bettler, der sehr schmutzig aussieht und einer Frau die geschlagen wurde und nun sieht man ihre Wunden dank der Farben stärker. Jule wird wütend, denn sie möchte diese hässlichen Dinge und die Schatten nicht sehen und wirft wütend das Licht weg. Es zerbricht in viele Splitter und diese verteilen sich in der großen Stadt. Jule merkt schnell, dass dies ein Fehler war und sie beginnt mit ihren Freunden, die Splitter des Lichtes zu suchen.


Auf ihrer Reise treffen sie einen alten Baum der die Welt auch schon mit Farben gesehen hat. Die Freunde versprechen ihm, die Lichtsplitter zu finden und so die Farben wieder zu holen, ihn damit zu heilen, doch der alte Baum stirbt wenig später. Sie treffen auch einen Fliegenpilz der einen Splitter in seiner Haube gefangen hat. Auch ein Mädchen hat in ihrem Kinderzimmer mehrere Splitter. Doch es gibt dort auch einen Vogelnasenmann, der die Splitter für sich alleine haben möchte und versucht die Menschen gegen Jule aufzuhetzen. Jule erklärt ihnen jedoch, dass das Licht Liebe und Aufmerksamkeit braucht, um aufzusteigen und so die Welt endlich wieder in Farbe zu tauchen. Die Menschen und das Publikum glauben ihr und so wird das Licht heller, größer, stärker und schafft es aufzusteigen und die alte, dunkle Sonne zu überstrahlen. Als Jule wieder bei ihren Großeltern ist, hat sich die Welt verändert, z.B. haben sich bei dem alten Baum neue Sprösslinge gebildet, die in ihren vollem Glanz erblühen.


Es war faszinierend, wie die Filmszenen mit den Szenen auf der Bühne harmonierten, die Dialoge waren auf den Punkt gesprochen.


Matthias Bähr erzählte, dass Ellen Brand (Jule) sich in einen dunklen Raum setzen und dann mit drei Punkten schauspielern musste. Sie hat es super hinbekommen. Obwohl die Unterschiede zwischen den Medien sichtbar waren, haben Matthias Bähr und Patrick Tussnat sie sehr spannend zusammengefügt.


Die Tänze waren beeindruckend, die Choreografien haben für sich gesprochen und das Publikum hat mitgefühlt. Die Tänze und der Gesang haben Gänsehaut ausgelöst, und auch ich wurde mitgerissen. Diese drei Elemente haben wunderbar harmoniert.

 

Mein Name ist Emma Lisa Wewers, bin 16 Jahre alt und besuche die 10. Klasse der Adolf-Reichwein-Gesamtschule in Lüdenscheid. Ich spiele seit meinem fünften Lebensjahr Theater und interessiere mich sehr für das Genre Film, drehe mit Freunden Kurzfilme. Ich habe bei Stadtschatten ein zweiwöchiges Praktikum gemacht und konnte so bei den Filmszenen mitwirken.

 

 

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Foto: Tom Schulze

Die Heilige Johanna des Wischmopps

 

Mit seinem Klassiker-Projekt Jeanne d'Arc spannt Ulrich Hüni am Theater der Jungen Welt in Leipzig erfolgreich eine Brücke zwischen dem Mythos der Jungfrau von Orléans und einer Jeanne, die heute vielleicht eine ganz Andere wäre.

 

Premiere: 27. November 2016

 

Von Henriette Schreurs

 

Der Anblick von Lektüre in kleinen gelben Heftchen bringt die Herzen der wenigsten Menschen in Wallung. Was darf es sein? Eine Portion Goethe? Eine Prise Shakespeare? Oder ein Schuss Walther von der Vogelweide? Nein, Schiller! Es ist seine Johanna von Orleans, die im Leipziger Theater der Jungen Welt auf eine Küchenzeile geknallt wird. Das Stück heißt - wie könnte es anders sein - Jeanne d'Arc. Aber statt Schwertgerassel und Hufgetrappel werden die Gefechte hier mit klappernden Töpfen und Kochlöffeln geschlagen.

 

Die Mutter bereitet das Mittagessen vor. Die Zuschauer schauen ihr von zwei Seiten dabei zu. Offenbar gibt es Gurke. Und noch mehr Gurke. Es scheint ihr egal, was ihr unter das Messer kommt, denn sie ist in Gedanken woanders: Sie denkt über ihren Alltag als Mutter nach, als Versorgerin, Trösterin, Ratgeberin und Autorität. Eine oft unbeliebte Aufgabe, aber aus Liebe getan, singt sie so oder so ähnlich. Eine, mit der sie alle Hände voll zu tun hat. Da kommt ihre Tochter Johanna laut polternd und voller Energie nach Hause und bringt Chaos mit. Sie hat eine neue Mission: Großartig werden! Es entbrennt eine Diskussion zwischen den beiden, denn wie wird man großartig und was bedeutet das? Jetzt kommt Jeanne d'Arc ins Spiel.

 

Hexe, Heldin oder doch Heilige?

 

Im Jahr 1429 hört die 17jährige Jeanne d'Arc Stimmen. Sie geben ihr den Auftrag, Frankreich von der Besetzung der Engländer zu befreien und den Dauphin Charles zu König Karl VII. zu krönen. Alles im Namen des Herrn. Letzteres wird im frommen 15. Jahrhundert wohl niemanden überrascht haben. Trotzdem, was für eine Sensation! Die Jungfrau vom Lande führt die französischen Truppen von Sieg zu Sieg. Ihr Feldzug geht von Orléans, über Reims bis nach Paris. Jeanne d'Arc glüht vor Überzeugung und scheint unverwundbar zu sein. Aber dann sinkt ihr Stern. Der Hype ist vorbei. Ihr wird der Prozess gemacht.

 

Zurück zum Mittagessen. "Großartig" könnt man Jeanne d'Arc nennen, zumindest scheint Johanna am Küchentisch davon überzeugt. Dabei sind Inhalte erstmal egal, denn das Feeling muss stimmen. Es geht um das gemeinsame Sich-Großartig-Fühlen, es ist die Sehnsucht nach einfachen Idealen, die aus ihr spricht, für die man kämpfen kann und gerne Opfer bringt. Johanna gefällt die Vorstellung, selbst zum Symbol zu werden und Menschen anzuführen. Sie müssen nur auf den Zug aufsteigen, zu einer Gemeinsamkeit werden und der Rest erledigt sich von selbst. Sehen und Liken. Differenzierte Inhalte kommen später oder eben nicht, das ist am Ende auch egal.

 

Das Versprechen von Gemeinschaft

 

Passt die historische Jeanne d'Arc in unsere Zeit? Sie steht für Stärke und Überzeugung und vor allem für klare Ideale und ein konkretes Ziel. Aber ihre Züge sind religiös fanatisch und die Probleme in der Welt sind komplizierter geworden oder waren schon immer so, nur sind wir heute weiter - oder sollten es sein. Der Reiz der einfachen Antworten bleibt. Die netten Menschen, die vor dem Schulhof Flyer verteilen und ein zweifelhaftes Gemeinschaftsgefühl versprechen, das von der Ausgrenzung anderer lebt, sind eine Verlockung.

 

Mutter und Tochter stürzen sich vom Mittagstisch in Schillers Johanna von Orleans, um Jeannes vermeintlicher Großartigkeit auf die Spur zu kommen. Sonia Abril Romero springt dabei mühelos aus der Rolle der teenagergeplagten Mutter in die der jungen Jeanne mit Wischmopp. Und Julia Sontag ist nicht nur Johanna, sondern auch schmatzender Kommandant und feiger buckliger Thronfolger. Nicht zu vergessen die Rolle der Engländer: Eben noch Teebeutel, jetzt schon erbitterter Feind. Das Team um Regisseur Ulrich Hüni zeigt im Theater der Jungen Welt in Leipzig einen fantasievollen und stimmigen Umgang mit dem Mythos Jeanne d'Arc. Was sie wenig verlockend als „Klassiker-Projekt" bezeichnen, ist ein unverkrampfter Blick auf ein altes Thema - ohne es mit Gewalt in die Gegenwart zu reißen. Die Wechsel zwischen Jetzt und Damals erfolgen rasant und unkompliziert und das Publikum wird in dieses Fantasiespiel erfolgreich mit hineingezogen. Es geht um Gier, Mut, menschliche Schwäche und die Sehnsucht nach Orientierung. Dabei zeigt das Stück auf charmant realistische Weise den Alltag einer Mutter-Tochter-Beziehung und lässt trotz des kleinen gelben Lektüre-Heftchens viel Platz für spielerische Leichtigkeit und sicheren Witz.

 

 

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Foto: Claudia Bosse

es wird keine nacht mehr geben

 

am gestrigen abend schuf regisseurin claudia bosse und das theatercombinat wien in the last IDEAL PARADISE am fft düsseldorf (17. - 19.november 2016) eine vibrierende komposition aus körpern, sprache und bildern und brachte damit die wuchernden prozesse des langjährigen projekts IDEAL PARADISE zum abschluss.

 

Premiere: 17. November 2016


Von Laura Brechmann

 

hier verzichte ich auf die hierachisierung von einzelnen sätzen, buchstaben und wörtern
es wird keine groß- und kleinschreibung geben keine zeichensetzung keine autokorrektur
ich widersetze mich im schreiben den regeln der grammatik
überlasse mich meinen gedanken und eindrücken von gestern
eine räumliche begehung ohne anspruch auf linearität und vollständigkeit
diffus überlappend wummernd

 

ich durchwandere die von bosse geschaffene multimediale landschaft in den ausgedienten räumlichkeiten der postverladestelle an der kölner strasse
die luft bebt das glas klirrt
claudia bosse inszeniert in zusammenarbeit mit günter auer (sound) die riesige lagerhalle diese stadtbrache dieses terroir vague unter einsatz auditiver plastischer wie performativer mittel
kleine portable lautsprecher hängen von der decke
stimmen die fragen interviewen aussagen berichten entfalten sich im raum verknüpfen sich mit ausgerissenen stücken der wandisolierung mit folien decken und schmutz die skulptural von bosse arrangiert büro- wasch und lagerräume inszenieren
das material wurde über jahre hinweg gesammelt archiviert arrangiert
es eröffnet je nach zeit ort und körper neue denkräume und experimentierfelder die einander ähneln doch nie gleichen

 

körper bewegen sich durch die gänge
halten inne lauschen weichen aus schieben sich vorwärts
ich greife sprach- und bildfetzen auf
höre bosse fragen was ist gesellschaft? was territorium? was terror? und blicke dann auf aus zeitschriften herausgerissene poster von blühenden apfelbäumen und treu blickenden tierbabys
ein chor aus bürgern in bunten strickpullis stehen positioniert zwischen ethnografischen skulpturen und starren in die weiten der lagerhallen
ihre körper sind im verhältnis zu raum skulptur und gruppe
durch performance- und chorischen sprachübungen vermessen sie weite und grenzen des raums ihre stimmen hallen von den wänden wieder und vermischen sich mit dem ewigen wummern des bass im hinteren teil des gebäudes
in den PARADISE-arbeiten Bosses werden die zuschauer innen mit situationen zwischen realität installation und theater konfrontiert
mit arrangiertem wissen
mit fragen nach zuschreibung eingrenzung ausgrenzung eroberung
mit performativen gesten
die gewusstes und initialisiertes fremd werden lassen

 

die performer innen des theatercombinats wien wirken in ihren silberschimmernden anzügen und mit ihren hautfarbenden skimasken wie utopische zwitterwesen die weder zu dieser noch zu irgendeiner kommenden gesellschaft gehören
es ist das ausgegrenzte fremde dem wir zuschauer innen hörig wie eine herde folgen
auch wenn uns unser weg in finstere tunnel und eingezäunte territorien führt
mark your space heißt es dann
doch der platz zwischen den bereits gezogenen grenzen wird eng
die abstände zu den körpern noch lebendig und atmend geringer

 

the last IDEAL PARADISE ist gemenge aus politischen soziologischen religiösen texten wie rituellen und kulturellen bewegungen
was mythos was realität was bewusst was fremd ist vermischt sich an diesem abend
im arrangement des materials baut bosse fragile theatrale architekturen von gesellschaft und politik um diese mit dem nächsten schrillen ton wummernden bass rasselnden stöhnen zu dekonstruieren

 

wir begreifen viel in diesen momenten
doch festhalten können wir das wissen nicht.

 

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