Nicht Schule, Theater!

 

Etwas verspätet, eine Kritik zum Maulhelden-Festival 2016 in Düsseldorf, die wir euch nicht vorenthalten wollen.

 

Von Laura Brechmann

 

Schultheater - was stellen wir uns vor? Schüler, die an heißen Sommertagen in einer fensterlosen Aula ihre Zeit absitzen und hoffen, dass es zumindest heute mal eine vollständige Probe gibt. Das Bühnenbild aus Pappmaché, die Rezitation des Textes eintönig und lustlos. Und in der ersten Reihe: eine ermattete Deutschlehrerin, die sich ein paar Notizen ins Heft schreibt und die Schüler von links nach rechts, von rechts nach links über die Bühne schickt. Das ist Theater, denken sie allesamt, so muss es sein. Was haben wir also schon zu erwarten von einem Landes-Schultheater-Treffen?

 

Wer so denkt und deswegen nicht hingeht ist selber schuld. Das diesjährige Maulhelden-Festival hat einiges außer Langeweile zu bieten. Sieben Schultheatergruppen aus NRW werfen Vorurteile über den Haufen und glänzen durch ihre Ich-habe-was-zu-sagen-Spielfreude und Wir-machen-unser-eigenes-Ding-Inszenierungen. Literarische 1:1-Inszenierungen sind hier nicht zu finden. Fünf Tage lang veranstaltet das FFT, das Junge Schauspielhaus Düsseldorf und das Goethe-Gymnasium Workshops, Lehrerfortbildungen und Nachgespräche, initiiert Austausch und Vernetzung und gibt den buntesten und spannendsten Schultheaterproduktionen NRWs eine Bühne. Das gemeinsame Ziel: künstlerische Impulse, neue Kräfte und Visionen von der Bühne in den Schulalltag tragen. Die Produktionen sind dabei so unterschiedlich wie vielschichtig, sodass ein spannendes Gemisch aus Positionen und ästhetischen Ansätzen entsteht.

 

„Prometheus" zum Beispiel erzählt von der Geburt unserer materiellen Kultur. In einer ambitionierten Tanzinszenierung des Goethe'schen Gedichts streben die jungen Performerinnen des Ensemble Artig (Münster) nach Licht und Wärme und erzählen durch ihre Körper den griechischen Mythos der Menschwerdung. Prometheus gab den Menschen das Feuer und führte sie in ein Dasein der Vollmündigkeit. Doch einmal vom Licht gekostet, lässt es den Menschen nicht mehr los. Mit dem Licht entdecken wir Bewegung und Gang; Pflege, Geschmack und Kommunikation, doch auch Neid, Missgunst und Aggressivität.

 

Und eben hier setzt eine weitere Schultheaterproduktion an. Das internationale achtköpfige Ensemble der Theaterwerkstatt des Westfalenkollegs Dortmund zeigt was nach Prometheus aus uns Menschen geworden ist. Immer bereit zum Sprint, immer Gegeneinander, immer Unzufrieden. Es ist ein Warten auf Weiß-nicht-was, unterbrochen von Kämpfen um Was-weiß-ich. Die Produktion „Fertig.Los" zeichnet sich im Gegensatz zu „Prometheus" durch eine nicht-lineare Erzählweise aus. Ein Gedanke, ein Szenenbild folgt dem anderen. Doch immer wieder wird zu Sätzen zurückgekehrt, die nichts und gleichzeitig alles ausdrücken. Mit Estragon und Wladimir aus Becketts „Warten auf Godot" nehmen die engagiert spielenden Performer_Innen Sätze von den wohl bekanntesten Geflüchteten der Weltliteratur in den Mund und drücken dadurch besser als jede journalistische Phrase die Ratlosigkeit, Verzweiflung und Resignation ganzer Menschengruppen aus.
Aber die Sprache ist auch hier zweitrangig. Es ist Bewegung und Körperarbeit die im Mittelpunkt der Inszenierungen stehen. Während sich die Performer_Innen vom Westfalenkolleg an choreografierte Tänze und Abläufe orientiert, sind die Bewegungen des 13-köpigen Ensemble ARTIG gelöster. Sie sind mal laut wie ein Stampfen, mal grob wie ein Faustschlag und mal zart wie ein Streicheln über die Wange. Die Performerinnen finden im Tanz ihren Zugang zum Mythos und bringen ohne Zweifel und ohne Unsicherheiten den antiken Stoff auf die Bühne.

 

In beiden Inszenierungen zeigt sich exemplarisch das bunte Spektrum von NRW‘s Schultheaterszene. Aber es wäre falsch zu meinen, dass die jüngsten Teilnehmer_Innen bei diesem Treffen nicht mit ihren älteren Kolleg_Innen mithalten können. Die Sonnenschein-Kids von der Carl-Sonnenschein-Schule in Düsseldorf verweben Bewegung, Töne, Text und Gesang zu einem stimmigen Theaterstück und überzeugen vor allem durch eine erstaunlich konzentrierte und frische Spielfreude. In „Ups, da war doch was" sind die Grundschülerinnen (und Enno) ihren Ängsten und der Frage, was es heißt mutig zu sein auf der Spur. Der Dachboden im Schullandheim wird zum Abenteuerspielplatz und das Mikrofon ist der Ort, an dem Töne erzeugt und Geschichten erzählt werden. Das Stück wurde von den Kindern und ihren Anleiterinnen in Spielen und Gesprächen selbst entwickelt. Und es ist Enno, der einzige Junge im Ensemble, der unter seiner Haarmähne hinweg die Besonderheit seiner Theater-AG heraushebt: „Wir sind eine richtige Familie". Dabei waren die Vorurteile gegen das Theater auch hier präsent. Heißt Theater doch, dass man „ganz viel Text kriegt, diesen auswendig lernen muss und dann Anweisungen bekommt". Aber schnell zeigt sich wie hoch die künstlerische Qualität von Theater-AGs sein kann, wenn Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Frei- und Spielräume geboten werden, die es ermöglichen sich kreativ mit der eigenen Lebenswelt auseinanderzusetzen. NRWs Maulhelden reißen nicht die Klappe auf, sondern halten was sie versprechen.

 

 

 

 

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Foto: Robin Junicke

Nicht nicht normal sein, ist nicht normal

 

Mit der Frage „Was kann das Impulse Theater Festival 2016 dem jungen Publikum erzählen?" bin ich in dieses Festival (15. - 25. 06.) gestartet und musste erkennen: Die Jugend selbst ergreift das Wort und mäht die Repräsentation nieder.

 

Von Laura Brechmann

 

Es ist nicht einfach sich in der Welt zurecht zu finden. Positionen und Meinungen, Statements und vermeintlich feste Begrifflichkeiten zirkulieren in unserer Alltagswelt. Sie vermischen, übertönen, widersprechen und verheddern sich, bis der eine Diskurs nur noch unter größter Anstrengung vom anderen unterschieden werden kann. Und immer wieder diese Bilder. Digitale Bilder, die keinen Grund mehr haben. Sie sind ohne Ursprung, ohne Rückseite, ohne Geschichte. Um ihrer Dominanz zu entfliehen werden Kopf und Herz ausgeschaltet und dem Ich im Schutz der eigenen vier Wände eine Atempause gegönnt. Doch wir erkennen: es gibt keinen Privatraum mehr. Informationen dringen von Überall und zu jeder Zeit zu uns hindurch. Die Welt liegt in Form eines 5 mm dünnen Geräts in unserer Hand. Es spielt uns vor, dass wir die Wahl haben. Dass ein zartes Wischen des Daumens über den Display das Elend unterbinden könnte. Doch stattdessen rufen wir nur eine weitere Information ab und konfrontieren uns mit dem nächsten Thema des Tages.

 

Im Theater ist Auseinandersetzung gefragt. Augen und Ohren können sich dem Erlebnis nur schwer entziehen, und nicht selten wird dem Publikum im Diskursstrudel der Boden entzogen. Das Impulse Theater Festival lädt jedes Jahr Inszenierungen ein, die Standpunkte vertreten und verfestigte Strukturen durch unangenehmes Fragen zu verflüssigen beginnen. Die Themen sind vielfältig. Da gibt es die Fragen nach kolonialen Strukturen und Repräsentation, nach Propagandamechanismen des IS und weißer Vorherrschaft, sowie nach Übermacht digitaler Bilder. Zwischendrin, immer wieder Fragen nach der eigenen Position, dem eigenen politischen Engagement. Ein Thema, das auch, oder insbesondere, der jungen Generation nachhängt. Denn wer bin ich? Oder vielmehr, wer soll ich wann sein, was soll ich wo denken?

 

Es ist jedoch nicht unbedingt so, dass sich die „Impulse" gezielt an jüngeres Publikum wenden. Nachgespräche, Diskussionen und Workshops sind ebenso wie die Inszenierungen allesamt auf intellektuell hohem Niveau und es wird sich tief durch den Theorie- und Thesendschungel gekämpft. Aber ob nun jung oder älter, ausgestellte Intellektualität reicht nicht aus, um das Publikum mitzureißen. Eher sind es ästhetisch innovative und energetische Inszenierungsformen, die begeistern und zur Auseinandersetzung mit politischen Fragen anregen. So ist „Situation mit Doppelgänger" von Oliver Zahn und Julian Warner zwar thematisch anspruchsvoll und reiht sich mit dem essayistischen Ansatz gut ins „Impulse"-Programm ein, doch geht die Inszenierung nicht über das Konzept hinaus. Der Text, ein Essay über koloniale Strukturen im Tanz, ist wissenschaftlich einwandfrei. Das performative Element bleibt aber durch die inszenatorische Entscheidung, den Text von einer technisierten weiblichen Stimme über die Köpfe der beiden Tänzer hinweg aufsagen zu lassen, zu unbedeutend. Das Wort dominiert und der Tanz verkommt zum ergänzenden Bild.

 

Ganz anders She She Pop, die in „Fifty Shades of Shame" ihr Inszenierungsmittel der Videotechnik perfektionieren. Augenzwinkernd werden die Körper des Ensembles permanent vermischt, verschoben und vertauscht. Um dem Phänomen des Schams auf die Spur zu kommen widmet sich die Inszenierung zwei auf den ersten Blick unterschiedlichen literarischen Stoffen: „Frühlings erwachen" von Frank Wedekind und „Fifty Shades of Grey" von E.L. James. Ersteres aus dem Schulunterricht bekannt, letzteres aufgrund des sado-masochistischen Themas medial ausführlich besprochen und zum Skandalroman aufgebauscht. Doch She She Pop geht es nicht um skandalöse Themen, nicht um Schamesröte in den Gesichtern des Publikums, sondern eher um das gesellschaftliche Tabu über Sex, Geschlecht, Einsamkeit und dem Älter werden zu sprechen. Letʼs talk about Sex, ist der Aufruf, aber nicht im Stil einer Aufklärungssendung, sondern spielerisch und mit humorvoll entlarvenden Blick. Irritieren tut die Rolle der sechszehnjährigen Schauspielerin, die, wie She She Pop ankündigt, als Expertin der Unschuld herangezogen wird. Quasi eine Neuauflage von Wedekinds „Wanda". Zwar dürstet sie nach Wissen und Erfahrung, doch mitreden kann sie nicht. Ihr Herz ist unschuldig, ihr Mund bleibt unberührt. Kein schmutziges Wort verlässt ihre Lippen. Ihr Sprechanteil ist verschwindend gering. Und wenn sie das Wort ergreift, dann als Sprachrohr. Immer wieder wird sie für die Gedanken, Wörter und Erregungen ihrer MitspielerInnen missbraucht. Die Message, die sich transportiert ist folgende: Junge Menschen wissen (noch) nichts von Scham, von Lust, von Sex und haben deswegen (noch) zu schweigen.

 

Aber entspricht das Bild von Unschuld und Unwissen im Zeitalter allzeit zugänglicher Informationen und Bilder tatsächlich noch der Realität? Sind junge Menschen im Überschwang pubertärer Gefühle und unter Geltungszwang nicht viel mehr als manch Mitfünfziger im Sog der sexualisierten, ja pornografischen Bilderflut gefangen? Immer und überall, ob unter der Decke oder in johlenden Gruppen auf dem Schulhof, wird sich mit Sex und Sexualität, Neigungen und Geschlecht auseinandergesetzt. Die Frage „Wer bin ich?" vermischt sich mit der sehr viel mächtigeren Frage „Wer soll ich sein?". Das Über-Ich zieht die Daumenzange an, wartet auf Antwort. Und das Junge Theater Basel rebelliert. „Noise" unter der Regie von Sebastian Nübling ist die wohl spannendste Performance des Festivals. Hier dominiert nicht der Erwachsene Blick auf eine vermeintlich unschuldige und unwissende Generation, sondern der Drang der Jugend in einer beschissen zwanghaften Welt selber zu Wort zu kommen. Schonungslos rempeln sie sich ihren Weg durchs Publikum, drehen die kratzende Musik so laut wie sie wollen und schaffen sich Platz für ihren Auftritt. Und Noise erfüllt die Welt. Da ist das Gerede der Großen und Mächtigen, der Medien- und Politikexperten; da ist das Piepen und Quietschen von Smartphone-Games und der undefinierbare Lärm der Welt. Doch das Ensemble aus acht Jugendlichen zieht sich nicht überfordert zurück und überlässt ihre Mündern den anderen, sondern sie schreien und fordern, proklamieren und zitieren hoch komplexe Polittexte, erzählen von sich und von anderen. Immer mit dabei: die Kamera als gleichberechtigter Mitspieler. Die Energie ist beeindruckend. Neunzig Minuten springt, läuft und rempelt das Ensemble durch den Bühnenraum; erlaubt weder sich noch dem Publikum eine Atempause. Doch es gibt auch zerbrechliche Momente, gerade dann, wenn nach Identität gefragt wird. In „Noise" begegnen wir mit unsichtbaren Labeln übersäten Jugendlichen, die unter Schmerzen aufzubegehren versuchen. „Donʼt care! und lass mich eben die undefinierte, Kategorie lose Person sein, die ich zu sein vermag“, ist dieses Jahr wohl die stärkste Message für das junge „Impulse“-Publikum.

 

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Foto: Birgit Hupfeld

Neues Sehen bei Radikal Jung 2016 am Münchner Volkstheater

 

Vom 22. bis 30. April 2016 fand das 12. Radikal Jung - Festival junger Regisseure am Münchner Volkstheater statt. Von Schauspielerin Annette Paulmann, Festivalleiter Kilian Engels und Theaterkritiker Prof. C. Bernd Sucher kuratiert, vereint die „radikale" Woche diesmal 10 überwiegend konzeptionelle Arbeiten aus insgesamt vier Ländern. Zur diesjährigen Auswahl gehören außerdem mehrere Regiekollektive, die ihre Stoffe selbst entwickelten.

 

Von Julia Opitz

 

Flimmerskotom
Gregor Glogowski, Alisa Hecke und Benjamin Hoesch eröffneten das diesjährige Festival mit ihrer gemeinsamen Arbeit „Flimmerskotom".


Es gibt ja bekanntlich immer bestimmte Erwartungshaltungen an einen Theaterabend: Wir wollen unterhalten werden und irgendwie mit denen, die auf der Bühne sind, mitgehen. „Flimmerskotom", bereits 2015 eingeladen zum Körber Studio Junge Regie am Thalia Theater Hamburg, bricht radikal mit dieser Konvention, indem das Publikum es nicht etwa mit Menschen auf der Bühne zu tun bekommt - zumindest nicht im direkten Sinne - sondern mit Maschinen, die zu Protagonisten dieses Theaterabends werden:


Zu sehen, zu erleben ist ein riesiger Scheinwerferturm - vorerst der einzige Körper im sonst leeren Bühnenraum - der Licht aussendet, dann einzelne Scheinwerfer wieder in sich verschluckt, und vor allem zu großen Teilen des Abends unangenehme Blendungsmanöver in Richtung Publikum unternimmt. Zwar wird der mächtige Turm von Menschenhand (u.a. ist Alisa Heckel selbst auf der Bühne) bewegt, nicht aber wird ihm dadurch seine bedrohlich wirkende Eigenständigkeit genommen. Mal animalisch, mal ganz objektiv als Scheinwerferturm, mal als apokalyptisch anmutendes Etwas begegnet uns (personifiziertes) Theaterlicht. Die Augen des Zuschauers sind stark gefordert, tun weh, haben durch die helle Strahlkraft des Lichts, das sich fast ausschließlich dem Publikum zuwendet, keine Chance, sich zu erholen. Eine tonale Ebene ergänzt dieses ungemein reduzierte Bühnengeschehen. Wie permanent schmorende Kabel, wie ein akustisches Flackern wabert eine spitze Klangfläche durch den Raum, hier und da unterstützt durch einen Subwoofer, der das theatrale Sein der Maschinen nur noch bedrohlicher macht.


„Flimmerskotom" - per Definitionem übrigens die Erscheinung eines blinden Flecks vor dem geschlossenen Auge, der von einem flimmernden Kranz umgeben ist - verzichtet vollständig auf Specialeffects. Neben dem Lichtturm wird „nur" ein kleiner Schweinwerfer-Roboter über die Bühne und in Richtung Publikum bewegt, Neonlicht in das Geschehen eingebunden - und das geht auf, denn beteiligt fühlt man sich als Zuschauer gerade durch das Pure, das diesen Abend ausmacht.


Die eigenwillige Arbeit der drei Theaterwissenschaftler kehrt gewöhnliche Verhältnisse nicht nur um, sondern gewichtet sie für einen Moment neu: Nicht etwa tritt der Mensch für das Erscheinenlassen von Licht und Ton einfach nur in den Hintergrund, sondern es werden auch Machbarkeiten und Nichtmachbarkeiten im Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine eindrucksvoll bebildert und ausgelotet. Bei manchen Zuschauern mag etwas Narratives entstehen, andere erleben den Abend vermutlich ausschließlich bildhaft, assoziativ, fragmentarisch.
Genau das aber ist daran groß, denn es gilt nicht, sich zu entscheiden, sondern genauso frei und neu wie die Macher von „Flimmerskotom" herkömmliche Theaterbedingungen auf den Kopf stellen, so frei ist das Publikum, eigentlicher Protagonist des Abends, in der eigenen Formgebung.

 

 

Fräulein Julie
Schauspiel Frankfurt
von August Strindberg

 

Während in „Flimmerskotom" Menschen auf der Bühne eher hintergründig agieren, scheinen in Daniel Försters Inszenierung von Strindbergs „Fräulein Julie" (1889) menschliche Abgründe, genauso wie die Suche danach, wer man ist und wo man hingehört, bestimmender Gegenstand zu sein. Jean (Alexej Lochmann), Julie (Katharina Bach) und Kristin (Verena Bukal) sind nicht nur in einem düsteren Raum (Bühne und Kostüme: Lydia Huller und Robert Sievert) gefangen, der sie regelecht von oben erdrückt, sondern vor allem in einer Konstellation, die sie am Ende alle drei einsam macht. Da ist Jeans Sehnsucht nach Abenteuer, nach einem Ausbruch aus der Verbindung mit seiner Verlobten Kristin. Und da ist plötzlich die ihnen höhergestellte, adlige Julie, deren Diener Jean ist. Julie versucht, ihn aus seinem geordneten Dasein hinaus zu locken. Und da ist Kristin, von Förster klug gezeichnet als surreale, puppenhafte Figur, die sich zweifellos sicher ist, ihren Platz an der Seite von Jean gefunden zu haben. Ganz besonders eindrücklich wird die Brüchigkeit dieser Figur gezeigt, die ihre eigene Verlorenheit nicht mehr zu fühlen scheint.


Als verstörende und zugleich erotisierende Zusammenkunft legt Förster das Aufeinandertreffen von Julie und Jean an. Viel wird den beiden Schauspielern, die durchgehend in körperlicher Höchstform agieren, sich mehrmals im Dreck suhlen und sich fast ausschließlich gebeugt durch den beengten Bühnenraum bewegen, abverlangt. Im ständigen Hin und Her zwischen sinnlicher Annäherung und plötzlicher Distanznahme Julies gegenüber Jean, bahnen sich die Schauspieler ihre Wege. Es entspinnt sich ein Spiel um Macht, Besitz und Anerkennung, das sich durchgehend auf einem so hohen stimmlichen und körperlichen Energielevel bewegt, dass man sich an mancher Stelle den ein oder anderen ruhigen Moment herbeisehnt. Leider bleibt ein solcher bis kurz vor Schluss aus und auch die Rahmung, die Förster seinem Abend gibt, schafft es nicht, dies wettzumachen: Einem On-Off-Prinzip folgend, agieren seine Spieler meist als Figuren, immer wieder aber auch als Performer-Ichs, die das Geschehen, den Theaterraum und die Theatersituation im Ganzen reflektieren. Ob gewollt postdramatisch oder nicht sei dahin gestellt, zu oft verschwindet das Erzählte für mein Empfinden hinter zu viel Metatext.

Försters Abend, so energetisch er sein will, bleibt im Ganzen unnahbar. Dennoch wirkt er vor allem durch die Spielfreude aller drei Darsteller nach.

 

Neue Sehgewohnheiten
Bricht „Flimmerskotom" mit traditionellen Theaterkonventionen und Sehgewohnheiten, ist „Fräulein Julie" ein Abend zwischen Erzähltheater und Performance. Beide Inszenierungen unternehmen auf ganz unterschiedliche Weise eine reflexive Auseinandersetzung mit Theater(text) und bringen, wie fast alle zum Festival eingeladenen Produktionen, eingeschliffene Theaterhierarchien und -Ästhetiken öfter einmal ins Wanken.

 

Weitere Informationen zu Radikal Jung 2016:
https://www.muenchner-volkstheater.de/radikal-jung/das-festival

 

 

 

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Foto: Ute Langkafel

Die Macht der Fragen

 

"Bonding - Eine Zwangsgemeinschaft". So der martialisch anmutende Titel einer Stückentwicklung des Jugendtheaterklubs Die Aktionist*innen, die am 28. April am Gorki Theater Premiere feierte. Die Zwangsgemeinschaft, um die es hier geht, ist die eigene Familie. Doch entgegen der Erwartung einer Abrechnung mit Bevormundung, Abhängigkeit und Vertrauensverlust, klingen darin ganz zärtliche Zwischentöne an.

 

Von Magdalena Sporkmann

 

Spielleiterin Suna Gürler hat die dreizehn Jugendlichen mit Diktiergeräten und dem Auftrag ausgestattet, ihre Eltern mit Fragen zu löchern. Schnell wird klar, dass diese Angelegenheit alles andere als unverfänglich ist und den Blick auf ein bislang unbekanntes Terrain freigibt. Die Jugendlichen erfahren nicht nur etwas über ihre Eltern, die selbstverständlich mehr können und wollen als Kindererziehung. Indem sie die Persönlichkeit, Träume und Gefühle ihrer Eltern entdecken, lernen sie auch viel über sich selbst, über die Werte und Vorstellungen, die sie - vielleicht unbewusst - prägen.


Der Dialog entsteht zwischen den Darstellern, die abwechselnd in die Rolle der Eltern und die der Kinder schlüpfen. Diktiergeräte hängen an Kabeln von der Decke und geben auf Knopfdruck einen authentischen Eindruck von den Gesprächen. Manche Stimmen sprudeln voller Erzähllust aus den Lautsprechern, andere Winden sich um die Fragen, viele suchen erst nach Worten, die beschreiben, was sie sagen möchten. Zögerlich und zäh sind viele der Erzählungen zu Beginn und zeugen von der harten Arbeit, die es für Eltern und Kinder bedeutet, sich in die Tiefe ihrer Persönlichkeit und Beziehung vorzuarbeiten.

 

Kannst du dich erinnern auch mal Anerkennung von deinen Eltern bekommen zu haben, dass sie stolz auf dich waren?


Faszinierend an diesem Frage-Antwort-Spiel ist, dass den Jugendlichen einerseits die Emanzipation von den Eltern gelingt, weil sie sich und ihre Eltern als unterschiedliche und eigenständige Individuen erfahren. Andererseits bringt diese Spurensuche die beiden Generationen einander auch näher, weil deutlich wird, dass - so unterschiedlich ihre Einstellungen auch sein mögen - es doch dieselben großen Lebensthemen sind, die sie bewegen: Liebe, Freundschaften, Familie, Beruf und Verlust. Die „Zwangsgemeinschaft" Familie kann sich so zu einer bewussten Entscheidung für die Beziehung zu den Eltern bzw. Kindern wandeln.


Wie warst du, als du so alt warst wie ich?
Warst du bereit dafür, Vater zu werden?


Das Erstaunlichste jedoch, was dieses Stück sichtbar macht, ist die Macht der Fragen, die die Kinder an ihre Eltern richten. Dafür muss zunächst klar gestellt werden, dass die Situation, aus der heraus das Stück entwickelt wird, eine sehr privilegierte ist. Allein das grundsätzliche Interesse der Kinder an Ihren Eltern ist längst keine Selbstverständlichkeit, geschweige denn die Bereitschaft der Eltern, ihren Kindern auch bei unbequemen Fragen Rede und Antwort zu stehen. Es gelingt den Darstellern und Darstellerinnen nämlich zu zeigen, dass die Fragen der Kinder durchaus die Moralvorstellungen und das Verantwortungsbewusstsein ihrer Eltern antasten und bei ihnen so unterschiedliche wie heftige Regungen wachrufen: Stolz, Bedauern, Zweifel und auch Zuversicht.


Würdest du je den Kontakt zu mir abbrechen?
Wie ist es für dich, dass ich ausziehe?
Und wenn du an dein eigenes Altern und Sterben denkst?


Es ist berührend zu erleben, wie die Eltern mit den Fragen und die Kinder mit ihren Antworten ringen, denn nicht nur die Fragen sind zuweilen unbequem, auch die Antworten sind selten leicht verdaulich. Weshalb dieser Dialog aber keinen Schaden anrichtet, und auch überhaupt er entstehen kann, ist das unerschütterliche Vertrauen zwischen Eltern und Kindern. „Keine Familie ohne Probleme", weiß einer der Väter. Doch die Krisen wie Scheidung, Sucht und Arbeitslosigkeit können überwunden werden, wenn sich Eltern und Kinder füreinander interessieren, offen und tolerant sind; wenn sie einander vertrauen.


Leider ist dieses positive Bild, welches Bonding - eine Zwangsgemeinschaft vermittelt, eher ein Ideal als die Realität. Viel zu ausgeprägt ist der Narzissmus heutiger Elterngenerationen, die den Kontakt zu ihren Kindern nicht nur verlieren, sondern vielleicht nie aufgebaut haben, weil sie sich für niemanden so wie für sich selbst interessieren. Viel zu viele Kinder verwechseln daher das „Abnabeln" mit einem Kontaktabbruch zum Selbstschutz. Zweifelsohne ist die Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern ein Wagnis. Das Gespräch über so sensible Themen wie Moral, Glaube, Ängste und Hoffnungen will geübt sein. Allzu oft wird man dabei nicht zuletzt auch mit unliebsamen Eigenschaften der eigenen Person konfrontiert. Man muss die Bereitschaft zeigen, die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen und Entscheidungen zu revidieren. Der Gewinn aber, den man daraus zieht ist unschätzbar: Indem man seine Eltern besser kennenlernt, versteht man nicht nur sich selbst besser, man gewinnt im besten Fall auch gute Freunde für's Leben. Man entscheidet sich für die Familie, statt einfach „hineingeboren" zu sein.

 

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Foto: Robin Junicke

. . . von __ einen Gruß

 

Zum dritten Mal führte die Bochumer Theaterwissenschaft über mehrere Semester ein Chorprojekt durch. Unter der Leitung von Prof. Ulrike Haß und Künstlerin Anna-Lena Klapdor erarbeiteten Bachelor- und Masterstudierende der Theaterwissenschaft/Szenische Forschung in Eigenregie ein Chorstück. Schauspieler Gotthard Lange unterstütze den jungen Chor dabei tatkräftig.

 

Premiere: 21.04.2016

 

Von Laura Brechmann

 

Mit dem Blick gen Himmel erleben wir Szenen eines Vogelflugs. Von irgendwoher kamen sie und flogen über unsere Köpfe hinweg. An der Spitze lässt sich ein Vogel zurückfallen, seicht, um sich etwas weiter hinten wieder einzufädeln. Als wäre dies schon immer sein Platz gewesen.

 

Woanders: Ein Schwarm lässt sich nieder, pausiert. Doch, eine zu schnelle Bewegung, ein zu lautes Einatmen - und die Einheit stäubt auseinander. Kurzer Moment chaotischen Vibrierens - dann finden sie wieder zusammen. So, als wäre nichts gewesen, als wäre rein gar nichts passiert.

 

Es sind solche Naturschauspiele, die zum Chorstück |: Wir fangen nochmal an :| inspirierten, das am gestrigen Abend am Ringlokschuppen Ruhr Premiere feierte. Auffällig oft kehrt das hervorragend harmonierende 18-köpfige Ensemble zur strengen V-Formation eines Vogelschwarms zurück. Doch was in den Lüften wie ein Tanz aus Folgen und Führen anmutetet, folgt an diesem Abend dem Rhythmus des Militärs. Der Chor stampft, rennt im Kreis; biegt sich, nach links, nach rechts, nach hinten. Nimmt jede Bewegungsrichtung mit, nur das unbegrenzte nach vorne Schreiten bleibt ihm versperrt. Der Chor tritt auf der Stelle. Aber was ist vorgefallen, was wird passieren - hier, auf diesem Schlachtfeld aus neonfarbenden Klebeband-Kreuzen? Das Libretto (Ensemble) bleibt im Wagen. Stimmen und Körper entwerfen ein Mosaik aus Alltagsfloskeln, Feldpostbriefen und Messenger-Nachrichtendiensten sowie Volksliedern und Texten des französischen Autorenkollektivs „tiqqun". Das verbindende Thema: die Kommunikation. Die einstmalige Sehnsucht nach kleinen Grüßen in krisenhaften Zeiten scheint sich zum zwanghaften Drang nach ewiger Verfügbarkeit aufzublähen.

 

Die repetitiven Momente in der Inszenierung, wenn auch inhaltlich motiviert, fordern die Aufmerksamkeit der Zuschauer stark heraus. Und trotz energetischen Spiel der PerformerInnen hat das Chorstück zum Ende hin seine Längen, was vor allem auf eine eher starre Choreografie zurückzuführen ist. Der Mut zu stärken Brüchen hätte dem Stück einiges an Spannung zurückgeben können. Inhaltlich trifft diese „Feldstudie mit Chor" jedoch den Nerv der Zeit. Sieht sich der Chor doch in einem Netz von bedeutungslosen Grüßen, Small-Talks, Audionachrichten und minutiösen Statusmeldungen gefangen. In |:Wir fangen nochmal an:| zeigt sich: unser Kommunikationsnetz macht Anwesenheit unnötig. Worte werden sinnlos, das Lächeln zur Fratze. Wie geht's? Wo bist du? Wohin? Wir können nicht aufhören zu reden, nicht stoppen, zu fragen. Welche Neuigkeiten auch immer, es nicht zu wissen, scheint keine Option mehr zu sein. „Alles schweiget" singt der Chor, doch es ist Illusion. Stattdessen tönt der Lärm der Welt überlaut.

 

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