Foto: Heinz Holzmann

Wer bist du? Was ist aus dir geworden?

 

Das Düsseldorfer Schauspielhaus präsentierte in der ausgelagerten Spielstätte Dreischeibenhaus die interaktive, begehbare Installation "Die dritte Haut :: Der Fall Simon" zum Thema Raum und Zeit.

 

Besuchte Vorstellung: 3. März 2017

 

Von Saskia Burzynski

 

Diese Fragen bilden den Rahmen der Installation des Trios RAUM+ZEIT im Dreischeibenhaus in Düsseldorf, die ich nun betrete. Auf die ich mich einlassen muss, mich zumindest bis zu einem gewissen Grad fallen lassen muss, fremden Menschen vertrauen muss. Ich bin nervös, denn das fällt mir schwer. Nachdem mir einige Elemente der Installation genannt werden, weiß ich, dass ich mich an diesem Abend vielen Dingen stellen muss - Ängsten, - denen ich mich eigentlich lieber nicht stellen wollte: Labyrinthartigen, grell erleuchteten Gängen, engen Räumen und Aufzügen, verbundenen Augen, noch schlimmer: Aufzügen mit verbundenen Augen, nicht wissen, was mich erwartet.

 

Im imposanten, majestätischen und gleichzeitig erdrückenden Dreischeibenhaus wurden vier Parallelwelten aufgebaut, in denen sich jeweils ein Schauspieler befindet, der alle zwölf Minuten einen Zuschauer zum Spiel einlädt. Verbunden werden diese raum- und zeitlosen Welten durch Aufzugfahrten und langsames Schreiten durch die verwinkelten Gänge der Kellerräume des Gebäudes. Immer einer Statistin folgend, die streng und ausdruckslos, starr in meine Augen blickt während sie mich führt: Vom Erdgeschoss in den 22. Stock, in das Untergeschoss und wieder hoch in den 22. Stock. Ich merke von der ersten Sekunde an, dass hier Grenzen und Distanzen überschritten werden, dass dies eine intensive Erfahrung werden, dass es aber durchaus auch unangenehm und befremdlich werden kann.

 

Ich schlüpfe rein in den ersten Raum. Ein silberglänzender Kasten im Foyer des Gebäudes. Drei Türen. Kein Fenster. Nur eine Hausnummer, die mir wieder begegnen soll: 76/78. Ich bin allein mit einem Mann, der sich als Simon erweist - Hausbesitzer an der Kö, dessen Haus aufgrund der Lage beliebtes Immobilienobjekt ist. Sofort durchbricht Simon (Rainer Philippi) jegliche Distanzzonen: Seine Hand liegt auf meiner Schulter, er fragt mich nach Ängsten, stellt treffend fest, dass ich mich nicht ganz wohl fühle in diesem engen, stickigen Raum. Soll ich antworten oder nicht? Stellt er mir als Zuschauerin diese Fragen? Stellt er sie mir als Mitspielende? Als Käuferin seines Hauses? Geht er individuell auf mich ein oder sagt er genau das zu jedem, der diesen Raum betritt? Spielt er überhaupt? Die Grenzen zwischen Schauspiel und realer Welt, zwischen mir als Außenstehender und Mitwirkender verschwimmen. Vom Kubus aus dem Erdgeschoss geht es mit verbundenen Augen in den 22. Stock, wo schon die Aussicht über Düsseldorf besticht. Ich treffe nicht mehr Simon, sondern einen potentiellen Käufer (Konstantin Lindhorst) für sein Haus. Manchmal werde ich als Simon behandelt, manchmal spricht dieser Käufer über Simon. Auch er durchbricht Grenzen, riecht an mir, kommt bis auf wenige Zentimeter an mein Gesicht heran. Diesen Käufer, der im nächsten Raum nun von Andreas Grothgar gespielt wird, treffe ich auf Ebene -3 wieder. Ähnliches Spiel: Berührungen, direkte und persönliche Fragen. Ich merke, wie die Monologe der Schauspieler sich teilweise wiederholen, der Inhalt sich ähnelt und sie dadurch Gefahr laufen, langweilig zu werden. Aber nicht der Inhalt ist hier interessant, sondern vor allem die Durchführung der Installation. Abschließend fahren wir wieder in den 22. Stock. Der Raum aus dem Erdgeschoss vom Anfang (76/78) ist nun wieder in etwas kleinerer Version aufgebaut; ich habe die Orientierung im Dreischeibenhaus vollkommen verloren. Mich erwartet nun wieder Simon (nun verkörpert von einer Frau: Tabea Bettin). Ihrem Augenkontakt kann ich kaum noch standhalten; ich beobachte nun meine eigenen Reaktionen. Alle hier wollen einen Blick in mein Innerstes erhaschen, den ich ihnen gewähren kann oder auch nicht. Es liegt bei mir. Langsam wird mir alles zu intensiv und ich merke, dass ich die Situation, die zwar spannend und schön war, bald verlassen möchte. Mit Betreten der Dachterrasse, der Stille unter dem Sternenhimmel und über der schlafenden Stadt, werde ich auch endlich befreit aus dieser wirklich einzigartigen Erfahrung.

 

Alle Schauspieler beweisen Mut zur Pause, halten das Spiel an und schauen mir intensiv nach jeder Frage in die Augen. Und ich bin immer wieder verwirrt, ob ich nun antworten soll oder nicht, was letztendlich dazu führt, dass ich mich mit allen Fragen genau auseinandersetze, was vermutlich Ziel dieser tiefen, treffsicheren Fragen war. Es werden gar keine Antworten und Erklärungen erwartet, es soll nur ein individuelles Auseinandersetzen mit dem Gefragten erreicht werden. Und das gelingt: noch lange nach der Vorstellung frage ich mich selbst: Was sind denn nun meine tiefsten Ängste? Was will ich wirklich im Leben? Wem vertraue ich wirklich? Warum macht mich eine solche Situation wie die im Dreischeibenhaus nervös? Die dritte Haut:: Der Fall Simon rüttelt auf, regt an, inspiriert und ein Besuch lohnt sich zweifelsohne.

 

Verfügbare Karten für weitere Vorstellungen (ab 1.4.):

11.05.

23.05.

15.06.

16.06.

22.06.

 

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Foto: Tom Schulze

Von Wedding Plannern und blutigen Betten

 

Die Leipziger Choreographin und Regisseurin Heike Hennig präsentiert mit Bräute ihre zweite große Tanztheaterinszenierung am Theater der Jungen Welt. Bunt, krachig, quer durch alle Geschlechterklischees - mit genug Chancen zum Ärgern, Lachen, Weinen und auch ein bisschen zum Nachdenken.

 

Von Isabella Beck und Jana Nowak

 

 

Das Theater der jungen Welt - ein Theater von jungen Leuten oder für junge Leute? Das lässt der Name des ältesten Leipziger Kinder- und Jugendtheaters offen. Am 3. März, dem Abend an dem Bräute dort Premiere feiert, ist das Publikum jedenfalls eher in einem gesetzteren Alter. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass der ungewöhnliche Aufbau des Bühnen- und Zuschauerraums bloß für leichtes Schmunzeln, nicht aber für echte Konflikte oder Scham sorgt. Denn statt der klassischen Bühne wird der große Saal durch einen Laufsteg getrennt, der die Zuschauerplätze dreiteilt: Markierungen in weißer Schönschrift auf dem Bühnenboden zeigen an, dass Männer und Frauen getrennt voneinander sitzen sollen, während der dritte Abschnitt den Jungfrauen vorbehalten ist. An diesem Abend scheinen die Zuschauer ihre Plätze allerdings eher nach dem besten Blick auszuwählen und auch wir steuern, wegen der frontalen Sicht auf die Bühne, zielsicher die Jungfrauenbank an.
Am Ende des schwarzen Laufstegs befindet sich ein Kirch- oder Schlossturm, auf dem die Worte "Für immer und ewig", teils wie eine Anklage, teils wie ein Versprechen prangen.

 

Vorangestellt wird der Tanztheaterinszenierung ein Auszug aus Platons Kugelmensch - die Parabel von den Menschenpaaren, die aus zwei Hälften eines Ganzen bestehen und immer auf der Suche nach dem einen Partner sind, der sie vervollständigt. Dieser Mythos findet häufig auch Verwendung bei Traureden, jedoch ist er nur auf den ersten Blick romantisch, da ihm - neben den für die griechische Antike typischen Splattersequenzen - die Idee zugrunde liegt, als einzelne Person nicht vollständig zu sein. Untermalt wird diese Einspielung von dem rhythmischen Umkreisen eines Tänzerpaares, das sich im steten Wechsel annähert und abstößt. Schließlich stoßen sie immer wieder schwungvoll gegeneinander - ob als unbeholfener Versuch sexueller Annäherung oder als Gewaltakt bleibt Interpretationssache.

 

Was folgt, ist eine Aneinanderreihung unterschiedlicher Facetten von Sexualität, Liebe und Zweisamkeit, die sich nicht nur auf rein menschliche Empfindungen bezieht. Witzig inszeniert treten die vier Tänzerinnen und zwei Tänzer als balzende, aufgeplusterte Vögel auf, die ihr prächtiges Gefieder spreizen und herumstolzieren. So eröffnen sich spannende Parallelen, zwischen Pfau und Braut, wenn alle den Vogelhabitus gegen Partyoutfits tauschen und sich zu „All the Single Ladies" von Beyoncé annähern.

 

Eine Stärke der Inszenierung ist, dass sie die Vielschichtigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen anreißt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. So wird der Bogen gespannt von erster, zarter Verliebtheit über Polygamie und jahrelangen monogamen Zweierbeziehungen bis hin zu Zwangsehen. Durch die starken thematischen Brüche mit häufigen Tempo- und Stimmungswechseln sind wir Zuschauerinnen hin und hergerissen zwischen Lachen und Erschütterung. Das korrespondiert mit der Kombination aus Tanz und Text. Etwas zu gewollt jugendlich wirkende Breakdance-Einlagen werden kontrastiert von den nüchtern vorgetragenen Erlebnissen einer Kinderbraut, der die Jungfräulichkeit genommen wird, während die Familie ihres Frischvermählten auf das blutbefleckte Laken als Beweis ihrer "Unschuld" lauert.

 

Aber ist ein Stück über das Heiraten eigentlich interessant für die angegebene Zielgruppe 16+? Schließlich ist für die meisten dieses Thema noch sehr weit entfernt. Aber Bräute beschränkt sich nicht nur auf das Thema der Hochzeit, sondern gibt ohne den obligatorischen Bildungsauftrag heraushängen zu lassen bildgewaltige Einblicke in die unterschiedlichen Facetten der Liebe und streift dabei auch Themen wie Diversity. Es ist erfrischend, Akteure zu sehen, die nicht zwangsläufig medialen Idealen entsprechen. So sind unterschiedlichste Körperformen auf der Bühne zu sehen: Gemeinsam mit dem klassisch drahtigen Tänzerpaar treten die etwas weiblichere Julia Sontag oder der androgyne Karl Miller auf.

 

Doch der Einsatz der unterschiedlichen „Figuren" stellt sie nicht bloß oder führt sie vor - stattdessen setzen sie sich auf sehr physische Art und Weise mit Schönheit, Anforderungen an Körper und mit Rollenbildern auseinander und unterlaufen diese: Bei der unvermeidlichen Brautmodenschau auf dem Catwalk tragen alle Tüll und High Heels - egal ob Frau oder Mann, ob 1,50 oder zwei Meter groß.

 

Bräute hat uns rundum überzeugt: Dazu trägt die beeindruckende Materialschlacht bei, bei der in manischem Eifer Plastikrosenblätter verstreut und ganze Personen in Tüll eingewickelt werden und die dem für Hochzeiten typischen Pomp entspricht. Auch die choreographische Vielfalt und die Nähe zum Publikum tragen zur Intensität des Abends bei. Der gipfelt schließlich in einer intimen Fragerunde, in der Darsteller und Zuschauer über Beziehungen und sexuelle Vorlieben philosophieren.

 

 

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Foto: Patricia Cividanes

Fauliges Gewässer

 

Die rasante Inszenierung „A tragédia latino-americana" unter der Regie von Felipe Hirsch verweigert sich der Verdrängung und ermöglicht es, sich Lateinamerika aus ganz neuen Perspektiven zu nähern. Sie bildet den Auftakt des iberoamerikanischen ¡Adelante!-Festivals am Theater und Orchester Heidelberg, das vom 11. bis 18. Februar 2017 stattfindet.

 

Besuchte Aufführung: 11. Februar 2017

 

Von Laura Brechmann

 

Das Herz von Schauspieler, Musiker, Zuschauer, ist geöffnet. Doch es regnet an diesem Abend und es regnet rein. Die brasilianische Produktion „A tragédia latino-americana" ist ein ambivalentes Spiel sanft-süßer Grausamkeit. In der Art einer abgründigen Musicalrevue konfrontieren sich Regisseur Felipe Hirsch und sein aus dreizehn Schauspielern und sieben Musikern bestehenden Ensemble mit der komplexen Identität ihres jungen Kontinents. Es ist brisant, dass sich ausgerechnet Brasilien als portugiesisch sprechender Außenseiter Lateinamerikas die Frage nach der Beschaffenheit und Fruchtbarkeit des gemeinsamen Bodens stellt.


Das ¡Adelante!-Gastspiel ist die bereits sechste „Tragédia"-Version. Hirsch und sein für jede Inszenierung neu zusammengestelltes Ensemble greifen dabei auf einen Pool von über 180 Texte lateinamerikanischer Autoren zurück, die sich mal konkret, mal szenisch, mal lyrisch der Geschichte ihrer Länder und ihres Kontinents widmen. Gewalt und Kolonialisierung; politische Instabilität und ethnische Vielfalt sind dabei die Themen, denen sich die Autoren auf je eigene Weise nähern und die in den „Tragédias" in musikalischen, poetischen und aufwühlenden Momenten ihren Ausdruck finden. In jeder Version sind es neue Texte, die montiert und im Zusammenspiel mit einer dissonanten Komposition (Arthur de Faria) in Szene gesetzt werden. Auf eine lineare Narration wird zugunsten eines inszenierten Puzzles verzichtet. Im Inszenierungskonzept wird deutlich: es gibt nicht die Tragödie Lateinamerikas, sondern eine Vielzahl an tragischen Momenten, die den mit Blut und europäischer Kolonialschuld verkrusteten Boden lateinamerikanischer Identität bilden.


Auf diesem Boden, es ist ein schwankender, instabiler Grund, stapeln die Schauspieler von Szene zu Szene unter großer Anstrengung mannshohe Styroporblöcke zu Flächen, Mauern und aufgetürmten Blockaden. Nur um im diese im nächsten Moment, mit dem nächsten schrillen Ton mit ganzer Kraft wieder einzureißen und umzuschichten. Das großartige portable Bühnenbild von Daniela Thomas und Felipe Tassara drückt die ganze lateinamerikanische Tragik aus. Menschen, die mal einzeln und mal im Kollektiv an Projekten arbeiten und diese aufbauen, reißen sie durch eigenes Verschulden wieder ein oder müssen handlungsunfähig mitansehen wie Dritte das Geschaffene schonungslos zum Einsturz bringen. Dabei fügt sich das Quitschen des Styropors in die Komposition aus Musik und den gespannten Stimmen der Schauspieler im grausig-schönen Gesang und rasant-schriller Erzählung ein.


Die Inszenierung „A tragédia latino-americana" gewinnt ihre Kraft durch Dissonanz. An diesem Abend soll der Ton nicht getroffen werden, schon gar nicht der richtige. Das Ergebnis ist eindrucksvoll. Stimme, Körper, Musik und Text rebellieren im Schrillen und im Gespannten gegen die unhaltbaren Zustände in ihren Ländern, gegen nicht aufgearbeitete Geschichte und mit aller Kraft gegen die stereotypischen Bilder eines aus der Sicht von Europa zur ewiger Kolonie verdammten Lateinamerikas.

 

 

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Foto: Arno Declair

Wer zahlt, darf bleiben

 

Auf den Dächern einer deutschen Provinzstadt ist genug Raum für neun Jugendliche und ihre Alltagsdramen. Sie saufen dort zusammen, streiten sich, teilen ihre Geheimnisse, haben Sex - und öden sich an.

 

Mit Talent und Hingabe ist es dem Jungen DT unter Regie von Jessica Glause gelungen, diese große Langeweile von Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher auf der Bühne des Deutschen Theaters berührend und aufrüttelnd zu gestalten. Premiere war am 6. Februar 2017.


Von Magdalena Sporkmann

 

Auf dem Dach ist die Gruppe Jugendlicher der Kleinstadttristesse im wahrsten Sinn des Wortes enthoben und schaut hinab auf all jene, die nicht zu ihnen gehören. Das atmosphärische Bühnenbild von Jil Bertermann erfasst so treffend wie poetisch die Dynamik der Clique.

 

Die Fantasielosigkeit der Jugendlichen hat Fassbinder schon 1968 in eine bis zur Leblosigkeit verkümmerte Sprache übersetzt, die von den heutigen, jungen Schauspielern mit nahezu erschreckender Treffsicherheit auf der Bühne gesprochen wird. Die primitive Ordnung dieses Sprachsystems weist hin - oder wirkt zurück - auf eine ebenso vereinfachende Ordnung im Leben und Denken der Jugendlichen. Was den Zuschauer besonders unterhält - die Darstellung unterschiedlichster und markanter „Typen", ist gemäß dem Weltbild der Jugendlichen in Katzelmacher eine Abweichung von der Norm und wird mit Ausgrenzung und Häme quittiert. Es liegt in der Natur der Sache, dass diesem Konformismus keiner gerecht werden kann: die erhabene Helga (Chenoa North-Hader) wird schwanger, die attraktive Rosy (Fabiola Kuonen) lässt den schluffigen Franz (Emil Kollmann) gegen Geld ran, der coole Erich (Lorin Brockhaus) hat schon gesessen und die kluge Marie (fesselnd: Stephanie Amarell) verliebt sich in einen „Ausländer".

 

Dieser „Ausländer" Jorgos - er ist „ein Griech' von Griechenland" - kommt als Gastarbeiter in die Stadt und reißt damit für kurze Zeit den grauen Schleier des ewigen Einerlei von der deutschen Provinz. Jeder hat plötzlich irgendwie mit Jorgos zu tun und findet dadurch zunächst einen Ausweg aus der Banalität seiner eigenen Existenz. Marie hofft, der Tristesse zu entfliehen, indem sie Jorgos nach Griechenland begleiten möchte. Gunda will sich davon überzeugen, dass der „Griech" wirklich so viel „besser gebaut" ist, als die deutschen Männer, bekommt dann aber doch Angst vor dem Fremden und behauptet, er habe sie auf dem Spielplatz vergewaltigt. Erich und Paul ist Jorgos, der die Aufmerksamkeit ihrer Freundinnen gefangennimmt, sowieso nicht recht und die „Vergewaltigung" ein willkommener Anlass, ihn zu vertreiben, aber Elisabeth setzt sich dafür ein, dass Jorgos bleibt, denn sie kassiert immerhin 150 Mark Miete von ihm - mehr als man von jedem Deutschen für ein kleines Zimmer verlangen könnte.

 

Die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen und das Auftauchen des Fremden, der sich bestens als Sündenbock für das Scheitern der eigenen Existenz eignet, geben ein gefährliches Gemisch ab. Je länger dieses gärt, desto stärker wird die Wut der jungen Deutschen, die schließlich überschäumt und sich in einer barbarischen Tat gegen den „Griech" Bahn bricht.

 

Danach ist alles wie zuvor: Der Gastarbeiter darf vielleicht bleiben, wegen der Miete, die er einbringt, und die gelangweilten Jugendlichen werden zu gelangweilten, frustrierten Erwachsenen heranwachsen.

 

In der Inszenierung von Jessica Glause tritt der Fremde niemals in Erscheinung. Es bleiben nur seine Namen, die die das Unverständnis, die Angst, Geringschätzung und den Hass der Deutschen zum Ausdruck bringen. Das enge Korsett der Starre, in dem die Energie der adoleszenten Träume, Triebe und Ängste gefangen ist, droht, die martialische Kraft der Jugendlichen in Selbsthass umschlagen zu lassen. Dass ein Fremder (das Fremde) nur allzu oft als Projektionsfläche (oder Blitzableiter) für diesen Hass missbraucht wird, ist spätestens seit der Figur der Medea aus der griechischen Mythologie bekannt. Im Fremden wird das Eigene sichtbar, und wenn einem dieses Eigene nicht gefällt, bekämpft man es - in seinem Spiegelbild, dem Fremden. Das gilt leider sowohl für die griechische Tragödie um Medea, wie für das 1968 entstandene Bühnenstück Katzelmacher, als auch für unseren heutigen Alltag.

 

 

 

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Foto: Iris Kannenberg

Wo Licht ist, ist auch Schatten

 

Kino, Theater und Musical kennt man eigentlich getrennt voneinander, doch Regisseur Matthias Bähr und Produzent Patrick Tussnat dachten sich: wieso diese drei Elemente nicht zusammen legen und eine Show daraus machen? Mit „Stadtschatten" haben sie eine Show geschaffen, die auf dem Buch „Jule und ein Herz voll Licht" beruht. Nicht nur professionelle Schauspieler waren in das Projekt eingebunden, sondern auch Bürger aus dem ganzen Märkischen Kreis.

 

Von Lisa Wewers

 

 

Es ist lautes Gemurmel in der Böddinghauser Aula in Plettenberg zu hören.
Ein ausverkaufter Raum.
Musik dringt aus den Lautsprechern.
Dann geht der Vorhang auf und eine Show mit den Elementen Kino, Theater und Musical beginnt: Stadtschatten.


Die zwölfjährige Jule, gespielt von Ellen Brand, mit ihren zwei Freunden, einem Teddybär namens Brummbär, gespielt von Manuel Ihm und ihre Puppe Annelise, gespielt von Rebecca Henke, fahren raus aufs Land zu ihren Großeltern. Doch so, wie wir die Welt kennen, ist sie nicht mehr, die Welt ist grau. Es gibt keine Farben und auch die Menschen scheinen lustloser zu sein und es ist keine Freude mehr in ihnen.


Doch Jule ist anders. Sie ist fröhlich und lässt sich von ihrer Umgebung nicht unterkriegen. Sie zieht auch für einen kleinen Moment die Menschen in ihrer Umgebung mit in ihren Bann und lässt sie auflächeln. Sie hat immer ihr Lieblingsbuch dabei: das Buch der Farben. In diesem Buch werden die Farben erklärt, wie zum Beispiel rot: sie strahlt Gefahr aus aber auch Entschlossenheit und Stärke, vor ihr muss man sich in acht nehmen.


Als Jule mit ihren Freunden bei den Großeltern ankommt, räumt sie ihre Sachen aus und will gerade in ihrem Buch weiterlesen, als sie etwas oben auf den Dachboden rumpeln hört. Sie steigen auf den Dachboden, um nachzuschauen was das gewesen sein mag. In einem Karton finden sie etwas, das hell leuchtet und sie entdecken das Licht. Jule ist überwältigt und schaut sich den Dachboden in all seinen Farben an. Doch wo Licht ist, gibt es auch Schatten, vor denen sie sich fürchtet. Doch ihre Freunde, die dank des Lichtes mit ihr reden können, beruhigen sie und so machen sie sich auf in die Stadt, neugierig auf eine Welt in Farbe.


Sie begegnen einem Schmetterling, Elli, gespielt von Céline Reynaud, der sich entschließt mit den Freunden zu gehen. Doch sie begegnen auch einem Bettler, der sehr schmutzig aussieht und einer Frau die geschlagen wurde und nun sieht man ihre Wunden dank der Farben stärker. Jule wird wütend, denn sie möchte diese hässlichen Dinge und die Schatten nicht sehen und wirft wütend das Licht weg. Es zerbricht in viele Splitter und diese verteilen sich in der großen Stadt. Jule merkt schnell, dass dies ein Fehler war und sie beginnt mit ihren Freunden, die Splitter des Lichtes zu suchen.


Auf ihrer Reise treffen sie einen alten Baum der die Welt auch schon mit Farben gesehen hat. Die Freunde versprechen ihm, die Lichtsplitter zu finden und so die Farben wieder zu holen, ihn damit zu heilen, doch der alte Baum stirbt wenig später. Sie treffen auch einen Fliegenpilz der einen Splitter in seiner Haube gefangen hat. Auch ein Mädchen hat in ihrem Kinderzimmer mehrere Splitter. Doch es gibt dort auch einen Vogelnasenmann, der die Splitter für sich alleine haben möchte und versucht die Menschen gegen Jule aufzuhetzen. Jule erklärt ihnen jedoch, dass das Licht Liebe und Aufmerksamkeit braucht, um aufzusteigen und so die Welt endlich wieder in Farbe zu tauchen. Die Menschen und das Publikum glauben ihr und so wird das Licht heller, größer, stärker und schafft es aufzusteigen und die alte, dunkle Sonne zu überstrahlen. Als Jule wieder bei ihren Großeltern ist, hat sich die Welt verändert, z.B. haben sich bei dem alten Baum neue Sprösslinge gebildet, die in ihren vollem Glanz erblühen.


Es war faszinierend, wie die Filmszenen mit den Szenen auf der Bühne harmonierten, die Dialoge waren auf den Punkt gesprochen.


Matthias Bähr erzählte, dass Ellen Brand (Jule) sich in einen dunklen Raum setzen und dann mit drei Punkten schauspielern musste. Sie hat es super hinbekommen. Obwohl die Unterschiede zwischen den Medien sichtbar waren, haben Matthias Bähr und Patrick Tussnat sie sehr spannend zusammengefügt.


Die Tänze waren beeindruckend, die Choreografien haben für sich gesprochen und das Publikum hat mitgefühlt. Die Tänze und der Gesang haben Gänsehaut ausgelöst, und auch ich wurde mitgerissen. Diese drei Elemente haben wunderbar harmoniert.

 

Mein Name ist Emma Lisa Wewers, bin 16 Jahre alt und besuche die 10. Klasse der Adolf-Reichwein-Gesamtschule in Lüdenscheid. Ich spiele seit meinem fünften Lebensjahr Theater und interessiere mich sehr für das Genre Film, drehe mit Freunden Kurzfilme. Ich habe bei Stadtschatten ein zweiwöchiges Praktikum gemacht und konnte so bei den Filmszenen mitwirken.

 

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