Ankündigungsbild Latexstudien I-IIII, darauf Carmen Yasemin Ipe

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Kolumne: Endlosschleifen

Serien-Schauen und Theater? Malin Kraus ist fasziniert von Kontinuitäten und dem Potenzial des Seriellen. In der dritten Folge ihrer Kolumne berichtet sie von den Ursprüngen ihrer Arbeit „Latexstudien I-IIII“

Foto oben: Lilia Maria Piperova
Beitrag von: am 07.04.2026

Seit ich denken kann, faszinieren mich Serien. Serien schaue ich in Endlosschleifen, Folge nach Folge, manchmal dieselbe Episode zweimal hintereinander, weil ich noch nicht bereit bin, sie zu verlassen. Das ist kein Suchtverhalten – behaupte ich jedenfalls. Es ist ein Bedürfnis nach Kontinuität, nach Figuren, die bleiben, die ans Herz gewachsen sind. Sie drücken eine Unendlichkeit aus, eine Erzählung ohne absehbares Ende.

Nach dem ersten Theaterstück, das mich wirklich erschüttert und bewegt hat, habe ich mir für den nächsten Tag sofort das nächste Ticket gekauft. Ich saß im selben Saal, auf demselben Klappstuhl 24 Stunden später. Alles schien gleich. Aber den Kern dessen, was ich suchte – diese innerlich gewünschte Fortsetzung, dieses Mehr –, hat die zweite Vorstellung nicht erfüllt. Das Stück war dasselbe, aber Ich war nicht dieselbe. Wie Musicalfans, die immer wieder dieselbe Vorstellung besuchen und jedes Mal neue Details entdecken, hatte auch ich versucht, am Theater eine Form zu finden, die es dort eigentlich gar nicht gibt. Aber warum eigentlich nicht?

Trilogien und mehr

Die Antwort, die ich auf diese Frage fand, war simpel: Theater ist das Gegenteil von einer Serie. Einmalig, flüchtig. Wenn ich den Saal verlasse, dann ist der stille Pakt zwischen Bühne und mir im Publikum erloschen. Keine Inszenierung lässt sich identisch wiederholen, jeder Abend ist so einzigartig wie seine Zuschauenden selbst. Aber je länger ich über die Wirkung von Serien nachdachte, desto mehr schien mir das etwas zu sein, wonach ich auch im Theater suchen wollte. Mit Erfolg: Denn natürlich gibt es das Serielle im Theater – es hatte nur andere Namen bekommen. Trilogien zum Beispiel, die jüngst die Cadela Força-Trilogie, in der Carolina Bianchi eindrücklich von Vergewaltigungserfahrungen erzählt, neue immersive körperliche Formen der Darstellung findet und politisch relevante Themen, wie Femizide in Brasilien, klar benennt.

Seriell zu inszenieren, das kann heißen: Ganze Zyklen. Abendprogramme über drei Spielzeiten. Formen, die Weiterentwicklung mit dem gleichzeitigen Anspruch auf abgeschlossene Episoden verbinden – nicht alle Teile müssen, aber können gesehen werden. Seriell, das heißt nicht immer einfach Fortsetzung, sondern Fortbestehen einer Idee, ganz gleich in welcher Form. Mir ging es also selbst in meiner künstlerischen Arbeit, das verstand ich nach und nach, gar nicht um simple Reproduktion, sondern um inhaltliche Weiterentwicklung. Um Themen, die nicht enden, weil das Leben nicht endet.

3. Folge der "Latexstudien I-IIII": Nagelstudio, Luise Deborah Daberkow 3. Folge der "Latexstudien I-IIII": Nagelstudio, Luise Deborah Daberkow. Foto: Lilia Maria Piperova

Mammutabende

Konkret wurde diese Idee, als ich für ein dokumentarisches Theaterstück zu recherchieren begann. Die „Latexstudien“ sind Berichte von Münchner Arbeiterinnen zu ihren jeweiligen Tagesabläufen und Lebensrealitäten. Prekäre Angestelltenverhältnisse, die Erfahrungen mit beispielsweise sexueller Belästigungen spiegeln. Als Journalistin habe ich ohne dramaturgisches Regelwerk, ohne Zeichenbegrenzung angefangen, zu recherchieren, und schnell gemerkt: Die Geschichten, die mir die Menschen erzählten, passten nicht in einen Abend. Ich wollte keine herausschneiden – jede schien notwendig, um den strukturellen Zusammenhang  zu erzählen. Aber ich wollte auch kein fünfstündiges Mammutwerk schaffen, das das Publikum erschöpft und unempfänglich für gerade diese Berichte entlässt. Bei einem meiner ersten Theaterbesuche jemals, am Berliner Ensemble, fand ich mich in einer sechsstündigen Inszenierung von Galileo Galilei von Frank Castorf wieder. Bis heute kann ich aus diesem Abend nur die Momente der Groteske spiegeln, ich sehe die Augen meiner Sitznachbarin, die immer wieder vor Anstrengung zuzulassen drohten. Die Dichte solcher Abende vermag einzuschüchtern, kann in gelungener Weise aber auch großes Potenzial haben. Was sie aber verhindern, das sind die mal längeren, mal kürzeren Pausen, die Unterbrechungen, die das Erlebte auf das Publikum selbst zurückwerfen. 

Das Serielle, das episodische Erzählen, kann – ganz ähnlich wie die Entwicklung der Fernsehserie seit den 2000er Jahren – potenziell unendlich weitergeführt werden. Was, wenn Theaterstücke sich auch wie gute Serien anfühlen könnten? Die Wiederholung, die Abwandlung, das Vertraute: Das alles bildet eine Basis, die mit dem Publikum einen besonderen Pakt schließt. Wir lernen Figuren kennen, wir lernen, sie zu lieben oder zu hassen, zu ertragen oder zu respektieren. Wir beobachten Bewegungen, Veränderungen in Bühne und Kostüm, begreifen, dass jede Handlung einen Einfluss auf die nachfolgenden hat. Aus einem einzelnen Abend wurden so die „Latexstudien I-IIII“, eine schier endlose Menge an zusammenhängenden Geschichten, die beliebig weitergehen könnte. Ich habe für mich eine neue Theaterform gefunden.

4. Folge: Reinigungsfirma, darauf Leon Brugger 4. Folge der "Latexstudien I-IIII": Reinigungsfirma, Leon Brugger. Foto: Lilia Maria Piperova