Kritik

„Sarah“ am Berliner Ensemble

Uraufführung am 14. August 2021

Foto oben: Matthias Horn
Beitrag von: am 18.08.2021

Ein schlichter Aufbau – rechts steht ein Kühlschrank, links die amerikanische Flagge und ganz vorn schmiegt sich Marc Oliver Schulze als Scott McClanahan im grellen Scheinwerferlicht an sein Mikrofon. Mit seiner etwas weggetretenen und beruhigenden Stimme lullt er die Zuschauer vom ersten Satz an angenehm ein. Nur, dass an der Geschichte rein gar nichts angenehm ist, der Geschichte von Sarah, die eigentlich eine Geschichte ist vom Versuch, aus einem biederen Leben auszubrechen, vom Lieben und Verlieren, von einer zerbrochenen Ehe und vom zwecklosen Bemühen mit sich selbst zu leben.

Es fällt schwer, den depressiven Alkoholiker Scott zu verdammen, der seine Kinder im Auto auf der Rückbank schmelzen lässt, um auch sie zu trinken. Zu mitreißend sind die in ihm wogenden Emotionen, zu charmant erzählt er uns von häufig gut gemeinten Episoden seines Lebens, die doch meist in einem Scherbenhaufen enden. Scott will viel, seine Liebe zu dem Bild, das er von seiner Exfrau Sarah im Kopf hat, ist schier grenzenlos, geradezu toll. Er sieht das Schöne in der Welt und nimmt es in vollen Zügen in sich auf, die Beschreibung der Geburt seiner Tochter ist ein Sammelsurium an Emotionen, ein Wunder eben, die Geburt selbst ebenso wie Scotts Wahrnehmung. Doch gleichzeitig ist Scott ein Egomane, der es nicht aushält, nicht geliebt zu werden, nicht beachtet zu werden, wie ein kleines Kind muss er sich stets nach Liebe sehnen, weil die Erwachsenen über ihre Gefühle nicht sprechen können.

Das ist es, was der Autor Scott McClanahan in einem Interview mit Johannes Nölting zur Frage nach seinem semi-autobiografischen Roman „Sarah“ beschrieb: „Mich interessieren hauptsächlich Emotionen – nicht Sentimentalität – sondern wahre Gefühlsregung, das Persönliche.“ Und eben damit überzeugt der Text – mit einer trockenen, wunderbar beißend ironischen Sprache, die es trotz allem schafft, eine enorme Emotionalität zu versprühen. Und genau diese teilweise unglaublich lustige Ironie ist es, die das Traurige des Stückes erträglich macht. Denn es ist ein grenzenlos trauriger Text, den Marc Oliver Schulze ungeheuerlich gut vorträgt. Die konzeptionelle Mündlichkeit des Textes hilft, doch es ist nicht zuletzt Schulzes authentisches Spiel, das überzeugt und einmal mehr verdeutlicht, dass es keineswegs immer schnulzige Worte, Tränen und Geschrei braucht, um Emotionen zu vermitteln. Und nolens volens finde ich mich in den Reihen der Zuschauer, geschüttelt von Lachen und deprimierten Seufzern.

Zwischen ruhiger E-Gitarrenmusik bringt die menschliche Narbe Scott dem Publikum seine depressive Sicht auf das Leben nahe. Er fährt betrunken Auto, verbrennt eine Bibel und unterhält sich mit seinen Chickenwings über das Schicksal der Menschheit: es lautet Schmerzen. Und die auf alles folgende, deprimierende Konsequenz all seiner Handlungen ist: nichts. „Nichts“, sagt auch Scott hinter dem Mikro ermattet. „Nur ich, die ganze Hölle.“

Obwohl sich ständig eine drohende Katastrophe ankündigt, passiert auch am Ende nichts. Das Leben geht weiter, man sitzt gemeinsam als Familie im Restaurant und ist langweilig. Die Katastrophe tritt nie von außen ein. Sie ist innerlich, die ganze Hölle. Als das Scheinwerferlicht erlischt, herrscht eine ganze Weile nachdenkliches Schweigen bevor der Jubel ausbricht und nicht enden will. Wieder und wieder erstürmt das Team die Bühne und wird mit tosendem Applaus und Bravorufen belohnt. Das Stück überzeugte mit einer Schlichtheit, Emotionalität und Nähe zur Realität. Als ich das Theater verlasse, umgibt mich das fröhliche Treiben der Friedrichsstraße. Alles wirkt sehr unwirklich, ich brauche noch eine ganze Weile, um die wohlige Trauer abzuschütteln, die Scotts Worte mir angeheftet haben.