Porträt von Marie Johannsen

Thema

Berufecheck: Intendanz

Kommunikation, Förderanträge und Netzwerken: Als Intendantin des Rheinischen Landestheaters in Neuss vermittelt Marie Johannsen intern zwischen den Abteilungen. Sie repräsentiert das Haus auch nach außen und behält den organisatorischen Überblick, um eine stabile Grundlage für Kunst und Kreativität auf der Bühne zu schaffen.

Foto oben: Kerstin Schomburg
Beitrag von: am 13.10.2026

Der Tag beginnt mit einem Tee oder Kaffee und den ersten Emails, dazu ein bisschen Eventim-Analytics für die Zielgruppenanalyse. Wie sehen die Zahlen aus? Was interessiert die Menschen gerade? Und dann geht es ins Büro: Ganz viele Emails schreiben, ganz viele Emails beantworten, die ersten Telefonate führen, die ersten Termine wahrnehmen: Ein Interview mit der jungen bühne, ein AG-Treffen zu Fördermitteln eines neuen Projekts, ein Update-Meeting mit dem Kunstteam. Wie läuft es gerade? Wo müssen Feuer gelöscht werden?

„In meinem Arbeitsalltag geht es ganz viel um akute Lösungen“, erzählt Marie Johannsen. Als Intendantin des Rheinischen Landestheaters in Neuss, kurz das Rheinische, ist sie für die künstlerische Leitung zuständig. Das bedeutet: Neben der Spielzeitplanung der nächsten Jahre kümmert sie sich um die Organisation des Hauses, sorgt dafür, dass alle Abteilungen gut miteinander kommunizieren und auskommen. Ihre Arbeit erfordert einen hohen Empathieanteil, erklärt sie. Gleichzeitig muss sie den organisatorischen Überblick behalten – ein schwieriger Balance-Akt: „Die Person sah in der Kaffeeküche gerade nicht so glücklich aus. Habe ich da etwas übersehen oder einen Zwischenton überhört? Und dann fällt einem siedend heiß ein: Verdammte Axt, muss ich noch eine Deadline für Förderanträge einhalten?“ Das sind Momente, die Johannsen manchmal nachts aus dem Schlaf reißen. Wirklich abschalten kann sie selten.

„Manchmal ist es sehr frustrierend und man muss ein bisschen auf sein Herz aufpassen, dass man nicht völlig demotiviert wird. Es ist viel Arbeit, die aber auch viel Spaß macht. Ich glaube, wir Intendant:innen waren eigentlich alle mal Klassensprecher.“ Ähnlich wie eine Schüler:innenvertretung sorgt Marie für den inneren Zusammenhalt am Rheinischen, vertritt das Haus gleichzeitig aber auch nach außen: Sie spricht mit Politiker:innen auf Kommunal- und Landesebene, versucht Projekte und Initiativen möglich zu machen. „Theater sind nun mal gefördert, damit sie eben keine Kartenpreise haben wie ‚König der Löwen‘ in Hamburg. Sie sollen kulturelle Teilhabe ermöglichen für alle Menschen, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Und was bringt kein Geld ein? Theater für Kinder und Jugendliche.“

Das sei einer der Bereiche, in dem Johannsen als Intendantin momentan viel kämpfen muss, für den Mehrwert der Kunst – auch abseits großer Häuser. „Es gibt eine unheimliche Metropolenzentrierung: München, Köln. Aber was passiert eigentlich in Moers? Da sind zwei super coole junge Intendanten.“ Diese Arbeit ist Johannsen enorm wichtig. Sie möchte, dass Theater möglichst viele Menschen erreicht, unabhängig von finanziellen Möglichkeiten oder Wohnort. Rund 70 Prozent ihres Arbeitstages steckt sie deswegen in Networking, in die Sichtbarkeit der Landesbühnen und darin, Kultur in die Fläche zu bringen.

Außerdem tritt sie für eine Öffnung des Rheinischen innerhalb der Stadt ein. Mit ihrer Intendanz hat sie das Foyer des Theaters für die Stadtbevölkerung geöffnet: „Ich wollte den Begriff ‚Theater‘ ein wenig verändern und weiterentwickeln. Dass es nicht nur für Kulturkonsum steht.“  Das Foyer des Theaters ist unter der Woche für alle offen, als dritter Ort, den alle mitgestalten können. „Da steht noch das alte Klavier von meiner Großmutter drin“, erzählt Johannsen lächelnd. „Die Pflanzen sind teilweise aus der Stadt, einfach von irgendwelchen Leuten reingetragen.“

Eine gute Intendanz ist für sie jemand, der anderen eine Bühne bereitet, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Sie erinnert sich an die Premiere von „Die Wut, die bleibt“, ein Stück zur gleichnamigen Romanvorlage von Mareike Fallwickl. „Da hat es mich so zerrissen. Ich weine eigentlich selten im Theater, aber ich war so wahnsinnig stolz auf dieses Team, wie alle zusammengearbeitet haben, Technik und Kunst. Dann hoffe ich, dass ich als Intendantin einen kleinen Beitrag dazu geleistet habe.“