Sandro Hähnel; im Hintergrund: Daniel Ismaili, Annika Steinkamp in "Ghost me, if you can"am Theater im Revier

Kritik

Mit dem Glitch in die Wirklichkeit

Zwischen den grünen Wiesen des Microsoft-Hintergrunds und babyblauen Daten-Clouds entwirft das Theaterkollektiv Sticky Fragments am Musiktheater im Revier ein „musikalische Chat-Theater“, das nach den Ankern eines echten Gespräches sucht.

Foto oben: Sascha Kreklau
Beitrag von: am 30.03.2026

Es ist eine Situation, die vermutlich jeder einmal beobachtet hat: Zwei Personen schauen auf ihr Smartphone, anstatt sich miteinander zu unterhalten. Genau so sieht der Alltag von Teen (Annika Steinkamp) und Parent (Sergio Augusto) aus, die mittlerweile kaum noch miteinander kommunizieren können, ohne zu streiten – bis „Ghost“ erscheint. Nach seinem Motto: „Wenn sich zwei zu sehr entzweien, tauch ich auf und grätsche rein.“, nimmt sich der Geist „Ghost“ (Sandro Hähnel) dem komplizierten Vater-Tochter-Gespann an und führt es auf eine Reise.

 

"Ghost me, if you can" am Theater im Revier Annika Steinkamp, Sandro Hähnel und Sergio Augusto in "Ghost me, if you can" am Theater im Revier

Es geht in eine digitale Zwischenwelt, in längst vergangene Zeiten, mit grünem Gras auf den Wiesen des Microsoft-Bildschirms und dem humorvollen Song „Früher war das Internet ein Ort“. Aber Ghost zeigt Teen und Parent auch Probleme der Digitalkultur: die gamifizierten Herausforderungen eines Jump and Run Games, bei dem Teen und Parent dem Alltagsstress in einer digitalisierten Welt ausweichen müssen. Das Geschehen wird von Musik durchzogen, die Elemente aus Pop und Operngesang zusammenbringt. So rappt und singt Teen an ihren liebsten digitalen Schauplätzen, worauf Parent in klassischem Gesang antwortet.

Die Kostüme von Joe Bauer und Malin Schlebusch sehen frag­men­ta­risch und urban aus. Teens Outfit schreit Technochclub, sie trägt schwarz, nur auf der weiten Hose ist eine violette Boxershorts abgedruckt. Parent trägt Baggy Pants und einen blauen Trainingsanzug, dem ein Ärmel fehlt. Wie es sich für einen Geist gehört, besteht Ghosts Kostüm dagegen aus transparentem Stoff und einer kettenartige Weste.

Mit der Musik in die Bildlichkeit

Vom Theaterkollektiv Sticky Fragments wurde das „musikalische Chat-Theater“ zu einem Stück für sehendes, blindes und sehbehindertes Publikum ausgearbeitet, indem bildhafte Beschreibungen der Inszenierung von Anfang an sorgfältig mit dem musikalischen und erzählerischen Fluss verbunden wurden. Einen roten Faden der Pop-Oper bilden auch die Werke der Komponistin Maria Theresia Paradis, die im Alter von 3 Jahren erblindete. Aus ihrer „Fantasia“ in G-Dur erklingen Teile in den Synthesizer Songs der sogenannten VI KI (Victoria Stellpflug), die sowohl Antworten auf alle Fragen gibt, als auch den Soundtrack der Digitalwelten (Daniel Ismaili) produziert.

Bei der Darstellung der unterschiedlichen digitalen Realitäten von Teen und Parent zeigt sich Liebe zu Details, die ein Schmunzeln hinterlassen. Zum Beispiel auf dem monotonen grauen Mauerdesktop des ordnungswütigen Parent, der mit Ordnern wie „Elster 2023“ oder „Teen 14-16“ versehen ist, und vor dessen Hintergrund Parent akribisch versucht, mit grauen Würfeln sein Leben zu ordnen. Teens quietschbunter „infinite Scroll“ Bildschirm hingegen wirkt auf den ersten Blick wie ein Mix aus Kreativkiste und Spielcasino und lässt sie wie eine Puppe an Aufmerksamkeitsfäden tanzen. Die Frage, wie sich digitale Aktivität in physische Aktivität übersetzen lässt, wird souverän beantwortet. So werden aus maschinellen „Like“-Bewegungen, viralen Trend-Tanzmoves und sogar der steifen Interaktion Parents mit seinen Ordner-Würfeln authentische, spannende Bewegungsmuster. Mahnende Textstellen („Du bezahlst mit Lebenszeit!“) wirken mit Blick auf diese Bewegungen, die wie ferngesteuert aussehen, umso stärker nach. Videoprojektionen aus überdrehten, bunten Emojis (Luki Becker) unterstreichen das Bild.

Auf der Suche nach dem Gemeinschaftsgefühl

Die Freiheit der babyblauen Cloud, auf der Teen unbekümmert im wahrsten Sinne davonschwebt, ängstigt Parent – und das nicht umsonst. Mit der Datenkrake, die später gierig um sich greift, haben Sticky Fragments und in Co-Regie Meret König und Valentin Schwerdfeger noch ein weiteres zentrales Thema der Digitalität in ihrer Inszenierung verarbeitet. Jedoch sind es vor allem die Momente sogenannter „Glitches“, Störungen ins echte Leben, die besonders stark wirken. Als Parent den alten Schalke-Schal aus dem Ordner zieht oder Teen ihren alten Spielteppich voller Motten wiederfindet, entdecken die beiden in ihren gemeinsamen Erinnerungen endlich den Anker für ein echtes Gespräch. Anstelle einer rigorosen Handy-Detox-Kur entwerfen sie eine Utopie: Gemeinsam online gehen, mit allen anderen – oder: online gehen, um ein echtes Gemeinschaftsgefühl auf die Digitalwelt zu übertragen und sich miteinander über den nächsten Glitch ins Analoge zu freuen.