Kritik

„Humanoid“ an der Staatsoper Hannover

In der deutschen Erstaufführung dieses musikalischen Krimis verschwimmen die Grenzen zwischen künstlicher Intelligenz und menschlicher Emotion.

Premiere: 11.06.2022
Besuchte Vorstellung: 15.06.2022

Foto oben: Clemens Heidrich
Beitrag von: am 23.06.2022

Die Entwicklungen der künstlichen Intelligenz werden gerne in utopische oder dystopische Narrative eingebunden: Ob tendenziell wünschenswert oder gefährlich – die KI soll unser aller Leben verändern, im ganz großen, gesellschaftlichen Rahmen. „Humanoid“, eine Oper von Leonard Evers, die nun in der jungen Oper Hannover prämierte, stellt sich die KI-Frage dagegen im domestischen, im kleinen Zusammenhang: Wie funktioniert – oder scheitert – das Zusammenleben von Mensch und Android? Wann wird ein serviler Roboter zum ausgebeuteten Lebenspartner? Innerhalb nur einer Stunde behandelt „Humanoid“ diese Fragen und macht nicht den Fehler, sich zu viel aufzuladen.

Der hannoversche Ballhof Eins ist in ein kaltes, futuristisch-kubistisches Domizil umgewandelt, hohle Quader mit diagonalen Ausschnitten ragen aus Kulissen und Decke, blau leuchtende Streben verzieren die Wände. Die grauen, adretten Kostüme machen das Ensemble zu einem Spektrum monochromer Mensch-Maschinen (Bühne, Kostüme: Julia Burkhardt). Im Mittelpunkt dieses Kammerspiels steht Jonah (Peter O’Reilly), ein Software-Ingenieur. Nach dem Unfalltod seiner Freundin Vivienne (Weronika Rabek) versuchte Jonah, diese mithilfe künstlichen Bewusstseins wiederzubeleben. Mittlerweile lebt jedoch seine neueste Kreation, die Androidin Alma (Petra Radulović) mit ihm. „Alma“ heißt „Seele“ auf romanischen Sprachen, und Almas Vorteil ist, dass sie (zunächst) keine besitzt – jeden Abend löscht Jonah ihr gesamtes Bewusstsein, um den nächsten Tag neu mit ihr beginnen zu können. Im Laufe des Stücks rückt ihm Vivienne auf den Hals, die nicht weiß, dass sie kein echter Mensch ist und sich ob Jonahs Distanz wundert – während Alma genau dieses Menschsein einfordert, inspiriert vom Kind (Tobias Hechler), dem chaotischen Element dieser Oper. Jonahs Freund Piet (Darwin Prakash) spielt den Mahner, der primitive Roboter Juri (Frank Schneiders) läuft mit schnurgeraden Trippelschritten über die Bühne und gibt stumpfe Gaming-Kommandos von sich („next level“) – er ist eine frühere von Jonahs Schöpfungen und wird auch sein Verhängnis werden.

Das Libretto von Pamela Dürr ist in einer normalen, klaren Sprache verfasst. Es gibt Evers und dem Niedersächsischen Staatsorchester (Leitung: Giulio Cilona) die Gelegenheit für eine sich wiederholende, aber immer mehr ins menschliche, bald fröhliche steigernde Musik. Man hört Zwölfton-Anleihen und Philip Glass heraus, immer wieder gibt es klaustrophobische Crescendi, wenn sich die Krisen zwischen Mensch und Android zuspitzen. Das Chaos in Jonahs fragiler Kontrolle seiner Beziehungen zu artifiziellen Intelligenzen wird von einem Eindringling ausgelöst: Dem Kind, was Alma den Impuls zum authentischen Bewusstsein gibt. Countertenor Hechler singt seinen Part angemessen verspielt und naiv, während Tenor O’Reilly traumatisiert und introvertiert agiert, bis sein Kontrollverlust zum „Albtraum“ wird. Dann liegt die Figur Jonah in Embryonalstellung in der Mitte der Bühne, die Klänge werden undurchsichtiger, die Stimme zerbricht wie die private Welt (Dramaturgie: Rosalie Suys). Doch die hohe Dramatik dominiert nicht. Zwischendurch bewegt die Inszenierung ihre Figuren verspielt durch den Raum, unter und auf Tische, in Verstecke und hinter Vorhänge – fast, wie aus dem Boulevardtheater ausgeborgt. Und auch im tiefsten Moment, als Jonah einsieht, dass er alle seine Meisterwerke zerstören müsste, um sich selbst zu retten, nimmt eine gedämpfte Trompete den heiligen Ernst aus der Situation.

Piets sonores Mahnen an Jonah, von Bariton Prakash gesungen, läuft auf genau diese Lösung hinaus. Die allegorische Lesart für diese privaten Katastrophen zwischen echter und künstlicher Intelligenz bietet sich an, ist aber nicht zwingend: Das Arrangieren zwischen Mensch und Roboter ist letztlich unmöglich, also müssen erstere letztere im Zweifelsfall einfach abschalten. „Tabula Rasa!“, dröhnt es da durch den Ballhof. Doch worauf läuft das hinaus, wenn die Androiden ein Bewusstsein entwickelt haben – nicht einmal wissen, dass sie keine Menschen sind? Innerhalb des Abends nimmt Sopranistin Radulović immer menschlicheren Gesang an, ihr Erwachen geht mit einer hörbaren Entfaltung einher. Sie lernt holprig lachen und einen Sonnenuntergang genießen, entwickelt den unbedingten Willen, zu leben. Mezzosopranistin Rabek macht die gegenteilige Entdeckung – sie hält sich erst für echt, hat aber nur Jonahs eigene Erinnerungen eingepflanzt bekommen – und klammert sich dennoch an ihre Authentizität, strahlt Zärtlichkeit und Empathie aus. Abschalten hieße hier, eine zart keimende Menschlichkeit zu zermalmen.

Am Ende steht das Unmenschliche. Vivienne lebt ab, und bevor Jonah den Knopf drücken kann, erklärt Alma ihren Schöpfer zum Endgegner für den Gaming-Roboter Juri – der seinen Herren schlicht erwürgt. „Bin ich ich? Bin ich irr? Bin ich echt? Ich bleib hier.“, singen alsdann die Figuren, deren Menschsein bisher nicht in Frage stand. Und somit liefert „Humanoid“ doch noch ein dystopisches Element, was noch Tage später beklemmend wirkt.

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