Kritik

„Michael Kohlhaas“ an der Schaubühne Berlin

Premiere am 01. Juli 2021

Foto oben: Gianmarco Bresadola
Beitrag von: am 05.07.2021

Du wirst übers Ohr gehauen, deine Besitztümer beschädigt, und deine Familie verletzt. Obwohl du weißt, dass du im Recht bist, findest du vor Gericht keine Gerechtigkeit. Was würdest du tun? Mit dieser Frage sieht sich Michael Kohlhaas, Held der gleichnamigen Novelle von Kleist, konfrontiert. Regisseur Simon McBurney und Ko-Regisseurin Annabel Arden inszenierten die Geschichte als temporeiches Rache-Drama, in dem erzählende und szenische Elemente fließend ineinander übergehen.

Vor Beginn des Stücks betritt das sechsköpfige Ensemble in glänzenden Absatzschuhen die Bühne. Die in einer Reihe aufgestellten Mikrophone werden noch einmal zurechtgerückt, die Notenständer dahinter auf die richtige Höhe gebracht, Papiere hin- und hergeschoben. An die Wand projiziert ist das Cover der Kohlhaas-Reclamausgabe. Wie bei einem Schulreferat beginnt die Gruppe mit einer Einführung in das Leben Kleists und geht dann erzählerisch zum Inhalt der Novelle über. Schon hier fallen grundlegende Fragen wie diese: Soll ich wirklich immer tun, was der Staat von mir verlangt, ohne zu überprüfen ob das Sinn macht? Michael Kohlhaas entschied sich dagegen, folgte stattdessen seinem eigenen Rechtsempfinden und begab sich dadurch in ein Dilemma: „Das Rechtsgefühl machte ihn zum Räuber und Mörder.“ Wirkungsvoll erzählt das Ensemble daraufhin mit einfachen Mitteln, wie der Pferdehändler Kohlhaas vom Junker Wenzel von Tronka auf dessen Burg unter Vortäuschung einer angeblich neu eingeführten Maut um zwei seiner Pferde gebracht wird. Bei seiner Rückkehr findet er diese völlig abgemagert vor und sein treuer Knecht, der auf die Pferde aufpasste, wurde halb totgeschlagen und von der Burg gejagt. Mit ihren Absätzen erzeugen die Darstellerinnen und Darsteller das Hufgetrappel, schnauben in ihre Mikrophone und schaffen es so, die bedrohliche Atmosphäre der Geschichte mit einfachen Mitteln heraufzubeschwören.

von links nach rechts: Laurenz Laufenberg, David Ruland, Renato Schuch als Michael Kohlhaas, Genija Rykova als seine Frau Lisbeth, Robert Beyer, und Moritz Gottwald. Foto: Gianmarco Bresadola

Renato Schuch überzeugt als Zentrum des Stücks in der Rolle des Kohlhaas, in der er die inneren Konflikte des Gerechtigkeitskämpfers vermittelt, der unter dem Druck seiner ungewissen Lage fast zusammenbricht. Der Rest des Ensembles umschwärmt ihn in einer rasanten Choreografie, während es mal seine Kinder, mal die abgemagerten Pferde, die Burgbewohner, und die übrigen Charaktere des Stücks spielt. Genija Rykova ist die besorgte Frau an Kohlhaas’ Seite, die in ihrem Bemühen, die Situation zu retten, schließlich selbst der willkürlichen Gewalt der Mächtigen zum Opfer fällt. Während der Junker und sein Gefolge in Sonnenbrillen unbeirrt das Leben genießt, beschließt Kohlhaas: Er will nicht in einem Land leben, in dem seine Recht nicht geschützt sind. Er verkauft sein Hab und Gut, behält lediglich Waffen und Pferde und zieht brandschatzend zu einem Rachefeldzug auf. Seine Gräueltaten bleiben dabei eine Randnotiz. Maschinengewehre knattern im Hintergrund, Kohlhaas filmt mit vor Hass verzogenem Gesicht Drohvideos auf einem Handy. Während der Konflikt in einen Bürgerkrieg eskaliert, sucht er die Unterstützung Martin Luthers, der ihn auffordert, seinen Feinden zu vergeben. Aber kann so eine Ungerechtigkeit gottgewollt sein?

Die Inszenierung spielt humorig mit modernen Mitteln, wenn sich etwa der dekadente Kurfürst mittels einer Liveschalte zum Konflikt äußert. Darüber hinaus gewinnt das Stück durch den Einsatz der zahlreichen Kameras an Perspektive. So reichen zum Beispiel zwei Kissen auf dem Boden, auf die Kohlhaas und seine Frau ihre Köpfe betten, in Vogelperspektive abgefilmt, um die Intimität des heimischen Bettes entstehen zu lassen. Die rasanten Stellungwechsel und das Verschieben der Kameras meistert das Ensemble größtenteils wie ein Uhrwerk. Hier und da gibt es aber auch Schwierigkeiten im Ablauf und der Technik. So entsteht der Eindruck, das Ensemble müsse sich erst wieder daran gewöhnen, gemeinsam auf der Bühne zu stehen, nachdem die vor einem halben Jahr geplante Premiere in den Juli geschoben wurde. Trotz dieser kleinen Stolperer gelingt es, die Geschichte des Pferdehändlers unterhaltsam und kurzweilig zu vermitteln, ohne dass es die Inszenierung dabei versäumt, die existentiellen Fragen der Kleist-Geschichte herauszustellen.

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