Kritik

„Ikarus“ an der Schaubude Berlin

Nis Søgaard hat gemeinsam mit sieben Student:innen der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch an der Schaubude in Berlin „Ikarus“ von John von Düffel inszeniert. Entstanden ist ein überwältigender Abend über Lust, Liebe, Machtstreben, Genie und Wahnsinn. Premiere hatte „Ikarus“ am 30. Juni 2023.

Foto oben: Sonja Keßner
Beitrag von: am 02.07.2023

Nis Søgaard und sein Team haben gemeinsam mit sieben Student:innen der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch an der Schaubude in Berlin „Ikarus“ von John von Düffel inszeniert, in Kooperation mit dem Puppentheater Magdeburg. Entstanden ist eine kluge Konfrontation mit den extremsten Eigenschaften des Menschen. Neben vielen anderen vor allem mit Lust, Machtstreben, Liebe, Genialität.

Der Klang eines Horns ertönt. Synchronstimmenartige Erzähler:innenstimmen erklingen wie in einem Anime. Umarmende Stimmen. Dreiklang. Intimität. Sexuelle Unfreiheit als Fluch. Wut und Hass. Gebrüll. Gepolsterte Michelinmännchen und knallrote Schuhe. Stiere und Kühe und saftig-grünes Gras zum Wiederkäuen und Hörner wie beim Teufel. Blaues und rotes Blut. Ein Herz für Rinder. Ein ewiger Keller ohne Ausweg qualmend vor Höllenfeuer. Ein Labyrinth der Dramatik. Griechische Moralität und (Wieder-)Geburt und Tod. Geteilter Schmerz und blaue Bälle. Energiegeladen durch Energydrinks. Dynamik, Genialität, Kreation. Orientierungslosigkeit.

Ein Spiel mit dem Feuer

Ich betrete den Saal, sehe zunächst ein scheinbar minimalistisches Bühnenbild – mit einem roten Punching Ball rechts, daneben einem Gefährt, das einem Toilettenstuhl, wie man ihn in einem Krankenhaus vorfinden würde, ähnelt. In der Mitte befindet sich ein rotes zusammengesetztes Matratzenquadrat sowie ein Ergometer. Hinter einem  dunklen, durchsichtigen Vorhang verbirgt sich die Vielfältigkeit von Jonathan Gentilhommes Bühnenbild: eine gedeckte Tafel vor einer Leinwand, auf die Videos projiziert werden. An der Tafel sitzen sich zwei Puppen gegenüber – Puppen, die im weiteren Verlauf leider etwas wenig vorkommen, auch wenn der Abend von Studierenden der Zeitgenössischen Puppenspielkunst gestaltet wurde. Kurz gesagt: Ich habe mehr Puppenspiel erwartet. Aber das, was ich sah, war sehr gut. Was jedoch nicht zu kurz kam, waren die Masken des Dädalus, die optisch etwas an Ludwig van Beethoven erinnerten.

Es geht um den griechischen Helden Dädalus, der seiner Genialität und seinem Erfindungsreichtum freien Lauf ließ, um seinen Machthaber:innen zu dienen. Ein gefährliches Spiel mit dem Feuer könnte man sagen – dem Höllenfeuer. Sein durch akrobatisch-tänzerische Bewegungselemente dargestellter Kreationsprozess führt zu Leid, Schmerz und Verachtung – zum Tod durch die Flügel der Erfindung. Widergespiegelt durch blaue Sportbälle verschiedener Größen wird der Minotaurus geboren. Ab diesem Moment beginnt ein einziges Gebrüll auf der Bühne. Ein Faktor, der von der einen oder anderen Person im Saal durchaus als störend wahrgenommen werden könnte – denn es hört einfach nicht auf.

Das Publikum wird eingesaugt und mitgerissen

„Ich dachte, ich erfinde das Leben – doch was ich erfand, war der Tod”, sagt Dädalus in der Einsicht darüber, gerade unvorstellbares Unheil über sein Volk gebracht zu haben. Ein schwerwiegender und schuldbehafteter Satz, der im Normalfall die Stimmung kippen lassen würde. Den Spieler:innen auf der Bühne gelingt es aber, den sehr klassischen Stoff des Ikarus so zu vermitteln, dass so ein Satz in der nächsten humorvollen Darbietung eines Sachverhalts wieder aufgefangen wird. Beginnend mit einer nicht loslassenden Dynamik, verstärkt durch chorisches Sprechen, saugt die Produktion das Publikum ein. Es wird am Anfang mitgerissen und bis zum Ende nicht mehr losgelassen, weswegen dieses durchaus auch überraschend kommen mag.

Aus dem Stück kann man einiges mitnehmen – ob nun für sich selbst eine Lebens- oder Liebesweisheit auf persönlicher Ebene oder eine Inspiration für eventuelle eigene Kreationen. Gefüllt mit Bildsprache, einem Durch-Die-Blume-Sprechen und überspitzter Mimik ist dem Ensemble rückführend auf die Bedeutung des altgriechischen Wortes Dädalus genau das gelungen: „kunstvoll zu arbeiten“.

 

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