Mit sieben Jahren habe ich auf die Frage, was ich mal werden will, in das Freundebuch meiner besten Freundin Katja „Künstlerin“ geschrieben. Ich mochte, dass niemand in der Schule mir sagen konnte, was das bedeutet. Ohne zu wissen, dass das „-in“ darin mal sehr relevant werden würde, bin ich dem Traum eines außergewöhnlich klingenden Begriffs hinterhergelaufen, den ich nicht mal richtig einordnen konnte. 18 Jahre später stehe ich für meine Debütinszenierung auf einer Probebühne in der Ukraine am Lesi Theater in Lwiw und weiß es immer noch nicht so richtig, aber schon ein kleines bisschen mehr.
Vom Freundebuch in die Realität
Es ist ein ungewisser Weg. Regie zu führen, das heißt für mich, einer Idee hinterherzujagen, die es noch gar nicht richtig gibt. Das bedeutet auch, dass mensch ein bisschen naiv sein darf, gar muss, um während dieses Prozesses nicht den Verstand zu verlieren. Naiv genug, um die eigenen Interessen zu verfolgen und sich nicht abbringen zu lassen, aber auch zu wissen, wann mensch aufgeben muss.
Nach einer Vorstellung von „Baal“ am Berliner Ensemble 2019, auf dem Nachhauseweg durch Berliner Schneeregen, frage ich mich, wie ein totes Zebra so viele Gedanken in mir über das Böse auslösen kann. Ich frage mich, wie der Regisseur es geschafft hat, all diese Emotionen zu vereinzeln, sodass ich einfach das herausnehmen kann, was mich am meisten berührt. Ich weiß, dass ich das auch machen will. Aber ich weiß noch nicht wie. Ich mache mir noch keine Gedanken über Frauenquoten oder Sexismus. Für mich spielt das „-in“ noch keine große Rolle. Ich beginne nur mit dem Plan, diesen Job genauso gut wie jeder andere Regisseur machen zu wollen.
Oktober 2019, das erste Mal im Berliner Ensemble mit Kosovare Sallahu (Links) und Charlotte Reihs (Mitte). Foto: privat
Das Funkeln und die Faszination
Aus einem Bauchgefühl heraus entscheide ich mich für eine Hospitanz an einem der größten Theaterhäuser in Deutschland, dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, um zu lernen, wie so ein Traum aussehen kann. Ich erfahre mehr darüber, was Regie führen heißt, aber ahne nicht, was es mit mir machen wird. Ich verliebe mich in das Theater. Was vorher nur Schulvorstellungen waren, vielleicht ein oder zwei Mal pro Jahr, wird exzessiv. Sechs oder sieben Vorstellungen die Woche. Ich versinke in einer Welt, die von außen betrachtet so schön funkelt und mir kein bisschen davon erzählt, wie schwierig es werden kann.
Während meinen Regieassistenzen in Hamburg, arbeite ich als Chefredakteurin für die Studierendenzeitung UnAufgefordert in Berlin. Auf einmal macht diese Parallelität Sinn: meine journalistische Neugier und das künstlerische Finden. Meine Faszination für das Dokumentarische beginnt, ich erarbeite Filmkonzepte, probiere aus, was ich zeigen will. Theaterbühnen bleiben erstmal aus: Sie erfordern Geld, Förderungen, Spenden, Einnahmen, und darüber hinaus Kontakte – all das, was ich nicht habe.
Und irgendwann merke ich, dass mir ein fataler Fehler unterlaufen ist. Ich habe mir immer die Künstlerin als einzelnes, schillerndes, mitunter auch leidendes Wesen vorgestellt. Je mehr ich umkreise, was ich machen will, stelle ich fest, dass ich die Verantwortung dafür nicht alleine tragen muss. Ich darf anderer Künstlerinnen kennenlernen, die mich inspirieren. Aus einer abstrakten Idee wird ein Team. Künstlerin sein, das heißt für mich heute, Unsicherheiten auszuhalten und häufig auch nicht zu wissen, wohin der Weg führt. Aber ich kann entscheiden, mit wem.
Malin Kraus ist als Regisseurin wie Journalistin tätig. Sie promoviert aktuell an der HU Berlin zum Thema „Zeitlichkeit“ in Neuerer deutscher Literatur. Sie ist Teil des Spontankollektivs working girlsund gibt gemeinsam mit Rahel Bueb den „DISPUT“, ein Magazin für Literatur, Journalismus und Fotografie, heraus. Im Januar 2026 zeigt sie das Stück „Latexstudien I-IIII“ am Pathos Theater München zu Münchner Arbeiterinnenschaft.