In großen, handgeschriebenen Buchstaben baut sich langsam das Wort „Übelkeit“ über der Bühne auf. Der Titel des Textes von Julia Gonchar, den ich in Kyjiw am Theatre of Playwrights inszenieren darf, ist erst in der Leseprobe entstanden. Ursprünglich trug dieser Text, der sich mit den ersten Tagen der Full-Scale Invasion 2022 beschäftigt, einen anderen Titel. Aber jetzt, vier Jahre nach der Publikation, hat er sich nicht mehr richtig angefühlt. Aus dem „Gefühl des Krieges“ ist eine langanhaltende Übelkeit, eine Zermürbung geworden.
Während der Text bereits häufig im europäischen Ausland gezeigt wurde, ist unsere Inszenierung die erste in der Ukraine. Und zurecht kommt im Nachgespräch, das wir für einen Austausch von Publikum und Team ins Stück integriert haben, die Frage: Was hilft es uns nach vier Jahren noch, über die ersten Tage, den kalten Februar und die Gefühle von damals nachzudenken? Unsere Antwort: Weil sie nie weggegangen sind.
Körperliches Gefühl von Krieg
Wie eine aufsteigende Übelkeit ziehen sich die Motive des Essens, einer möglichen Schwangerschaft und der erdrückenden politischen Nachrichten durch die Tagebucheinträge von Julia, die sich vor und während des Angriffs russlands auf die Ukraine mit ihrem Mann in Ägypten am roten Meer befindet. Ihr Tagebuch ist eine körperliche Annäherung an alle Zustände, physisch wie psychisch, die das Ich zerfressen.

Credit: Malin Kraus
In der Vorbereitung dieses Textes, im Nachdenken über eine deutsch-ukrainische Perspektive und deren Potenzial, arbeite ich immer wieder mit den körperlichen Begriffen, die Julia nutzt. Ihre feministische Schreibart, die auch offen Masturbation und Sex thematisiert, führt sie zusammen mit den Fragen eines Zusammenlebens, die in den Tagen des Februar 2022 für sie zu kollektiven Fragen wurden. Kann und will ich kämpfen? Wird mein Partner kämpfen? Was für eine Zukunft haben wir?
Proben in Kyjiw
Die Proben an einem solchen Text sind nicht einfach, aus psychologischen, aber vor allem pragmatischen Gründen: Unter den konstanten Angriffen, die keine volle Nacht an Schlaf erlauben, trifft unser Team im Souterrain-Theater im Kyjiwer Stadtteil Podil zusammen. Das Theatre of Playwrights (Театр Драматургів), 2020 gegründet, funktioniert als freies Kollektiv, geleitet von Maksym Kurochkin. Julia ist eine der Mitgründerinnen, sie arbeitet schon lange zwischen Deutschland und der Ukraine und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Kyjiw.
Die zahlreichen filmischen Verweise des Textes – auf ihr Leben, auf Gedanken als dokumentarischer Ausschnitt einer Zeit, die sie nie vergessen wird – ist bei allen Gesprächen in der Vorbereitung präsent. Das Stück, das mit Ungewissheit und ungeschütztem Geschlechtsverkehr endet, begleitet Julia seitdem und ließe sich an jedem weiteren Tag, an dem dieser Krieg andauert, um weitere Tagebucheinträge zu einer endlosen Kette von Dokumenten ergänzen.
„Alles wird gut“
Heute würden einige dieser Einträge anders aussehen. Ein paar der Standpunkte haben sich geändert, der Glaube an das Dogma „Alles wird gut“ wurde unter den vielen, gerade in letzter Zeit geschehenen Angriffen auf die Probe gestellt. Anders als den Titel, haben wir diese Zeile ganz bewusst im Stück gelassen. Alina Rashko, Performerin des Abends, sagt diesen Satz auf Deutsch und auf Ukrainisch.
Denn uns durchzieht eine Übelkeit, die nicht mehr abzuschütteln ist. Ob als Ausdruck feministischen Widerstandes oder als genuin körperliche Reaktion auf Schlafmangel und psychologische Kriegsführung. Während der Aufführung, die ca. 60 Minuten dauert, ertönt kein Alarm, in dessen Falle wir abgebrochen und zum Shelter in die Metro gegangen wären. Aber die Nacht wird unruhig, und mir ist flau im Magen.