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Porträt: Schauspieler Nils Thalmann

Der Schauspieler Nils Thalmanns ist nach seinem Studium an der Schauspielschule Otto Falckenberg für ein Festengagement nach Berlin gegangen. Autorin Malin Kraus hat nach seiner erste Spielzeit am GRIPS Theater in Berlin mit ihm gesprochen.

Foto oben: David Baltzer
Beitrag von: am 26.01.2026

Von München nach Berlin – das bedeutet nicht nur ICE 1005 und längere Öffnungszeiten im Einzelhandel, sondern ein ganz neues Leben. Und viele Erinnerungen, die den Alltag in Berlin, gemischt mit neuen Erfahrungen, strukturieren. Für Nils Thalmann, 1999 in Frankfurt am Main geboren, markiert dieser Wechsel zugleich den Beginn seines ersten Festengagements: Seit der Spielzeit 2025/26 ist er Ensemblemitglied am GRIPS Theater Berlin. Aber wie kommt man zu einer Festanstellung? Wie steigt man in laufende Kultvorstellungen ein? Und vermisst man da auch mal die freie Szene?

Vom Ausprobieren zum Festengagement

Nach seinem Umzug nach München 2019, wo er an der Schauspielschule Otto Falckenberg studierte, sammelte Nils Thalmann früh Bühnenerfahrung an den Münchner Kammerspielen. Als Schauspielabsolvent der Theaterakademie August Everding hat er nun – ganz zufällig und mit viel Gelassenheit – einen neuen Job als Ensemblemitglied am GRIPS bekommen. Sein Weg in die Hauptstadt begann so eher beiläufig, eine der besten Voraussetzungen, wie er feststellt. Denn zum Vorsprechen ist Nils nicht mit großen Erwartungen gegangen, erzählt er: „Ich war zu der Zeit als Gast am Volkstheater München, was eine supercoole Erfahrung war. Ich hatte auch das Gefühl, dass ich mit freien Projekten ganz gut durchkomme und diese Flexibilität sehr genossen habe.“ Das Vorsprechen selbst war dann mehr ein Ausprobieren, wie Nils berichtet, mit der Einstellung des ,Wenn es klappen soll, dann klappt es’. Und das hat es: „Als die Zusage vom GRIPS kam, habe ich mich sehr gefreut und wertgeschätzt gefühlt. Da ich bis dahin stets freischaffend gearbeitet habe, hatte ich aber auch Respekt vor der Umstellung in ein Festengagement”, erinnert sich Nils.

Im Vorsprechen habe er eine wohlwollende Atmosphäre erlebt, was keineswegs selbstverständlich sei. Er habe bereits andere Situationen kennengelernt, die „nicht so nett waren“ – und das neben der grundsätzlich anstrengenden Erfahrung eines Bewerbungsprozesses. Umso mehr sei die Zusage eine Bauchentscheidung gewesen: „Ich fand Berlin schon immer spannend“, sagt er pragmatisch. Auch das Theater selbst hat es ihm angetan: „Im GRIPS geht es für mich sehr um Nahbarkeit. Sowohl im Team untereinander, als auch im Bezug zu den Zuschauenden. Jeder Abend hat ein klares Anliegen, was mich als Spieler sehr erfüllt.”

Nils Thalmann, Foto: Linda Rosa Saal

Der Einstieg in das Repertoire

Das GRIPS verfügt über ein besonderes Berliner Kultpotenzial, nicht zuletzt durch sein ikonisches Stück „Linie 1. In dieser Inszenierung ist Nils Thalmann gleich in sechs Rollen zu sehen: als Bambi, Passant, Kontrolleur, Tourist, Arbeiter und schwuler Mann. Das Stück, das im noch geteilten Deutschland spielt, erzählt vom Weg der jungen Nathalie durch West-Berlin auf der Suche nach Johnny, einem Berliner Rockmusiker. Orientierungslos bewegt sie sich vorbei an U-Bahn-Stationen, Imbissen und ikonischen Berliner Orten, begegnet einer Vielzahl von Figuren, die ihr mit rauer Direktheit, aber auch mit Wärme entgegentreten. Dass „Linie 1 seit über 25 Jahren im Repertoire ist und viele Zuschauer:innen es mehrfach gesehen haben, steigert die Erwartungshaltung an neue Besetzungen erheblich.

„Es war eine Herausforderung, da mit einzusteigen“, berichtet Nils über den Umbesetzungsprozess, „weil es eine Geschichte hat.“ Gleichzeitig sei genau das am beliebten Repertoirestück auch eine Stärke: „Bei den meisten Schauspielenden herrscht deshalb eine Grundgelassenheit.“ Diese ist nicht nur im Spiel, sondern auch in den Songs spürbar, die die Inszenierung bis heute tragen. Viel von Berlin habe Nils bislang selbst allerdings noch nicht sehen können: Der Arbeitsalltag sei dicht getaktet mit Vorstellungen und Vorbereitungen. Vorerst bleibe es bei der Berlin-Erfahrung durch „Linie 1 mit ganz vielen besonderen Fahrgästen und Reisenden.

Zusammenhalt und Sicherheit

Nicht nur der Ortswechsel, auch der Übergang von der freien Szene in ein festes Ensemble markiert für Nils einen Einschnitt. Nach Projekten im Theater, im Film und als Synchronsprecher, unterscheidet sich der Ensemblealltag deutlich von seiner bisherigen Arbeitsweise. Am ehesten erinnere dieser noch an das Schauspielstudium. Am GRIPS herrsche ganz besonders ein familiärer Umgang, ein „starker Zusammenhalt“, wie Nils seit September beobachtet hat.

Gerade vor dem Hintergrund der Berliner Sparpolitik ist ein Festengagement auch eine Form von Sicherheit. Während die freie Szene von projektbezogener Unsicherheit geprägt ist, ermöglicht ein Ensemblevertrag monatliche Absicherung und planbare Strukturen – zumindest für die Vertragslaufzeit. Wie sich mögliche Kürzungen langfristig auf das GRIPS Theater auswirken könnten, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. Mit einem starken Repertoire und weniger Premieren als andere Häuser schätzt Nils die aktuelle Lage jedoch als vergleichsweise stabil ein.

Nils genießt, dass er am GRIPS die Möglichkeit hat, ins Spielen zu kommen. Auch das sei in der freien Szene keineswegs selbstverständlich. Nur in wenigen Momenten hat er bisher das intensive, kreative Proben vermisst, da er bislang vor allem in bestehende Produktionen eingearbeitet wurde, häufig für ein älteres Publikum. Aber in den kommenden Wochen stehen neue Inszenierungen an, die ihm genau das ermöglichen. Welche Kinder- und Jugendtheaterproduktionen hinzukommen, wofür das GRIPS schließlich auch in Berlin besonders bekannt ist, wird sich im Laufe seines ersten Ensemblejahres zeigen.

Zwischen bestehendem Repertoire, Ensemblearbeit und den Anforderungen eines festen Hauses entsteht ein Arbeitsalltag, der Kontinuität voraussetzt und zugleich neue Perspektiven eröffnet. Der Wechsel von der freien Szene in ein festes Engagement bedeutet dabei nicht den Verlust von Offenheit, sondern neue Formen von Verbindlichkeit. Vorerst steht für Nils also das Ankommen in einer Stadt und an einem Theater im Vordergrund, das die Berliner Kulturszene entscheidend mitgestaltet und viele Augen zum Leuchten bringen wird.