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Theater berührt, Theater kritisiert – auch die eigenen Strukturen

Das Fast Forward-Festival für junge Regie zeigt Stücke aus unterschiedlichen Ländern Europas. Die jungen Theatermachenden diskutieren auch Theaterstrukturen auf und hinter der Bühne.

Foto oben: Alex Brenner
Beitrag von: am 01.12.2021

Delia Kornelsen

Das viertägige Fast Forward-Festival ist ein europäisches Festival für junge Regie. Regisseur*innen aus unterschiedlichen Ländern werden eingeladen, ihre Stücke zu zeigen und in den Diskurs zu kommen. Zum zweiten Mal findet das Festival pandemiebedingt hybrid statt.

Die künstlerische Leiterin, Charlotte Orti von Havranek, sitzt mit ihrem Team schon lange an der Vorbereitung. Bereits einige Tage vor Beginn des Festivals machte sich Nervosität breit: „Ich bin super aufgeregt! Wir sind gut vorbereitet, wir wissen aber auch, dass wir mitten in der Pandemie sind und in einer Situation, in der viele Dinge von einem Tag auf den nächsten passieren können“, erzählt sie.

Es gibt Produktionen, die vor Ort in Dresden spielen und Produktionen, die per Stream gezeigt werden. Das Publikum teilt sich ebenso auf in „virtuell“ und „vor Ort“. Acht Produktionen, die „bei der Sichtung nicht aus dem Kopf gegangen sind“, so Orti von Havranek, wurden insgesamt ausgewählt und eingeladen. . „Bei einem Festival für junge Regie sollte eine Rolle spielen, was die jungen Künstler*innen, die auf dem Weg zum Theater sind, umtreibt und nicht, was ich an Themen setze.“ Mitgebrachte Themen seien diesmal vor allem gesellschaftspolitische, die rassistische und sexistische Strukturen entlarven.

„Serce“ ist das Eröffnungsstück des Festivals. Es erzählt die Geschichte eines schwarzen Jugendlichen und später Mannes im weitestgehend weißen Polen, der seinen Vater nie kennengelernt hat. Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und Gerechtigkeit stürzen ihn in ein Delirium. In Projektionen, die die Endlosigkeit des Weltalls spüren lassen, unterhält er sich mit einem Freund darüber, wie jahrhundertealt Rassismus ist, wie der europäische Kolonialismus seit jeher Strukturen und Lebensrealitäten durchbohrt. „Es ist utopisch, keine Hautfarbe zu sehen“, sagt ein Charakter im Stroboskoplicht, fast schon erhellend. Menschen, die von sich behaupten, keine Farben zu sehen, solle man herausfordern, denn mit solchen Aussagen negieren sie die Erlebnisse rassifizierter Menschen. Essenzielle Antworten auf seine Fragen nach Identität scheint der Protagonist aber nicht zu finden. Er versinkt tragisch nach und nach im Hass auf die Welt – oder im Hass der Welt – verzweifelt, hilflos, allein, zurück bleibt ein finsteres Herz (Herz – polnisch: Serce).

Ich habe viele Fragen, meine analogen Mitzuschauenden können ihre zumindest vor Ort im Nachgespräch stellen. Regisseur Wiktor Bagiński erzählt, wie er seine eigene Blackness im jungen Alter studiert hat in einer weißen Mehrheitsgesellschaft und wie die Geschichte schwarzer und nicht-weißer Menschen stets von weißen Menschen geschrieben wurde. „Serce“ basiert teils auf Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, in dem es um Kolonialerzählungen geht, zum Teil basiert „Serce“ auf Bagińskis eigenem Leben. Es gäbe jedoch keine schwarzen Schauspieler*innen in Polen, daher schien eine weiße Besetzung unausweichlich. Außerdem, so Bagiński, sind es weiße Menschen, die sich mit Themen wie Rassismus auseinandersetzen müssen, die schwarze Geschichte sowie die Kolonialgeschichte ihrer europäischen Länder und ihre eigene Rolle kritisch verstehen lernen müssen. Ich frage mich, wie sehr es Bagiński wohl wütend macht, dass er als schwarzer Pole, wie er sich selbst bezeichnet, seinen weißen Mitmenschen diese Prozesse näherbringt, dass er als Leidtragender Erklärungsarbeit leistet und wahrscheinlich den immer gleichen Abwehrmechanismen ausgesetzt ist und die immer gleichen Fragen beantworten muss.

Ehe ich meine Gedanken weiterdenken kann, ist mir der Stream voraus, er springt, diesmal zu sehen: ein etwa halbstündiges Video von Nicoleta Esinencu und délit B-Malthet, „FUCK YOU, Eu.ro.Pa“. Ein schwarzer Hintergrund, etwa fünf Quadratmeter Teppich zieren den Boden darauf Pflanzen, Waschmaschine-Trommeln, Kassetten und eine Frau. Sie erzählt auf Französisch, dass sie einen Aufsatz schreiben soll, in dem sie der Frage „Was hat mein Land gegeben und wie habe ich es ihm vergolten?“ nachgehen soll. Sie entscheidet sich, lieber einen Brief an ihren Vater (oder an ihr Heimatland?) zu verfassen. Sie nimmt die Post-Sowjetzeit in Moldawien in den Blick und ihre Kindheit darin, den Umbruch, die Frage nach Zugehörigkeit. „Papa, ich muss dir etwas sagen“. Sie gesteht nüchtern, sie klagt an, sie erinnert sich, sie hofft und ist desillusioniert, der Blick stets in die Kamera. Sie erzählt, wie sie sich damals Europa für sieben Rubel in Form von Süßigkeiten kaufte. Die Bonbons behielt sie extra lange im Mund, um ihren kostbaren Geschmack zu bewahren. Sie blickt zurück auf diese Naivität. Es sind keine Träume mehr da zum Erzählen, da sind nur Konsumgüter und Trümmerhaufen, die sich auf dem abgenutzten Teppich stapeln, umgeben von neuen Grenzen, die das sagenumwobene Europa setzt.

Dieser erste Abend ist ein fordernder, ein Auftakt, der Zuschauende mit Fragen und Verblüffen und manchmal Ratlosigkeit zurücklässt, einer der zum Nachdenken zwingt, gut so.

Ein anderes Zimmer und eine andere Frau zeigt „Civilisation“ von Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart an einem anderen Tag. Die Inszenierung aus Großbritannien verläuft jedoch im Gegensatz zum wortgewaltigen „FUCK YOU, Eu.ro.Pa“ weitestgehend stumm. Die Protagonistin erlebt einen Verlust, der jedoch allein durch eine schwarze Garderobe, vielen Taschentüchern und noch mehr Blumen im sonst eher kahlen Raum angedeutet wird. Die Darstellerin bewegt sich durch den Raum, still, telefoniert mit dem Finanzamt, föhnt ihr Haar, bekommt kurz Besuch, ohne jedoch einen Dialog führen zu können, zerschneidet die Blumen. Die Stille durchzieht den Raum – und dann ertönt ohrenbetäubend Musik. „Don’t go wasting your emotion, lay all your love on me“ singt ABBA viel zu enthusiastisch in diesen Raum hinein. Drei Tänzer*innen springen, laufen und bewegen sich auf der Bühne dazu, verschwinden, kommen wieder auf. Mal nisten sie sich fast schon heimlich ins Zimmer der Protagonistin ein, mal stürmen sie ihr Habitat. Diese Gegensätze sitzen im selben Raum. Zuletzt räumt die Protagonistin die Bühne kommentarlos leer, die Tänzer*innen führen nach minutenlanger Performance angestrengt ihre letzten Tanzschritte aus, die Musik und das Licht erlöschen und zu hören ist nur noch ein letztes erschöpftes Atmen. „Civilisation“ erhält am Festivalende den Jurypreis für die Fusion von Theater und Tanz, Musik und Stille, vom Aktiven und Passiven. Woodcock-Stewart darf damit eine Regiearbeit am Staatsschauspiel Dresden antreten. „Ich weine gleich“, sagt die junge Regisseurin mit Blumen im Arm auf der Bühne, sichtlich gerührt. Dass ihre Produktion überhaupt beendet werden konnte, war alles andere als selbstverständlich. „‘Civilisation‘ war eine lange Reise – abgesagte Touren, Probleme mit Geldern, abgesprungene Künstler*innen“, erzählt sie. Trotz allem hat sie in dieser Zeit vor allem eins gelernt: „Wenn du Interesse an etwas hast, von dem andere sagen, es sei uninteressant – mach es!“.

Die eingeladenen Stücke machen klar: Die Personen auf der Bühne sprechen Missstände an, sagen, dass sie keine Lust haben auf westliche und weiße Schönheitsideale, auf Stigmatisierung von Gewalttaten, von Sexualität. Sie prangern an, wie sich vermeintlich offene Künstler*innen-Szenen geben, die von Machtstrukturen durchdrungen sind – und wie vielfältig sich der Rassismus im Kulturbetrieb zeigt.

Genau davon handelt auch das Stück „R-Faktor. Das Unfassbare“ von Ayşe Güvendiren. Das Stück ist verpackt in einer Fernsehsendung. Die einzige Darstellerin wird zur Moderatorin, die zu Beginn des Stücks den Zuschauenden offenlassen möchte, ob die nachfolgenden Geschichten Wahrheit oder Fiktion sind. Das „R“ in „R-Faktor“ steht für Rassismus und seine kontinuierliche Reproduktion. Es folgen Geschichten, die vom Kampf um einen Platz an staatlichen Schauspielschulen handeln und wie die Chancen von Beginn an für People of Colour minimal sind.

Die einzelnen Geschichten erzählen, wie die Bewerbenden mit rassistischen und exotisierenden Vorstellungen der weißen, bürgerlichen Auswahlkommission konfrontiert werden. Da wird gefragt, ob die Bewerberin denn nicht etwas „Folkloristisches“ singen könnte, im Feedback-Gespräch wird einem anderen Bewerber geraten, Rollen vorzuspielen, die „dem Klischee entsprechen“. Es folgen Szenen, in denen Prüfer*innen lange abwägen, ob sie wirklich zwei „türkische Bewerber“ in einem Jahrgang aufnehmen können.

Der Horror hört nicht auf: Folgt nach etwa 20 Vorsprechen eine Zusage, ist auch das Studium geprägt von Diskriminierungserfahrungen – sexualisierte Regieanweisungen, fehlende Unterstützung von Lehrenden für Ideen, die kritisch auf all eben diese Erfahrungen blicken wollen. Den Abschluss in der Tasche und an den Theaterhäusern angekommen geht es munter weiter: Da wünscht sich ein Intendant, dass eine Spielerin ihr Migrationserbe doch bitte nicht so sehr an die große Glocke hängen soll, nachdem sie ihr Interesse für ein rassismuskritisches Theaterprojekt bekundet hat. Eine andere Szene zeigt, wie Intendanz, Regie und Kolleg*innen eine Schauspielerin mit Hijab zwischen Proben und auf Premierenfeiern zu Religion und Feminismus grenzenlos ausfragen. Ironisch: Zwischen all dem gibt es immer wieder den Vorwurf verschiedenster Kolleg*innen, als nicht-weiße, nicht-deutsche Person einen „Bonus für‘s Migrationserbe“ zu haben. Schauspielerin Şafak Şengül kommentiert die Video-Sequenzen auf der Bühne, entlarvt sie als manipulativ und rassistisch. Sie spielt in „R-Faktor. Das Unfassbare“ zig Rollen, die des verpeilten Prüfers und die des aufdringlichen Kommilitonen, und das so gut, dass nicht klar wird, ob das Karikatur ist oder diese Menschen wirklich so gestikulieren und hochtrabend sprechen. Was sehr schnell klar wird ist, dass alle Erzählungen wahr sind. „Ist unsere Protagonistin im falschen Film oder ist sie falsch im Film?“, fragt Şengül sehr treffend.

Am selben Tag, kurz vor dem Stream von „R-Faktor. Das Unfassbare“ ereignet sich ein Vorfall, den Güvendiren im Nachgespräch mit Festivalleiterin Charlotte Orti von Havranek als „original Material für R-Faktor 2.0“ bezeichnet. Ein Post auf Instagram vom Staatsschauspiel Dresden, der Güvendiren vorstellen sollte, hat der Bildbeschreibung einen Emoji mit Hijab vorangestellt. Ein Kommentar unter dem Post fragt: „Es gibt auf Instagram über 3.500 Icons, warum steht vor ihrem Namen ein Icon, der eine Frau mit einem Kopftuch zeigt?“. Das Emoji habe sich nicht auf die Regisseurin bezogen, sondern auf ihr Schaffen, schrieb das Social Media-Team des Staatsschauspiel Dresden unter ihrem Post. Charlotte Orti von Havranek entschuldigt sich im Namen ihres Kollegiums. Inzwischen ist der Eintrag des Theaters korrigiert, das Emoji verschwunden. Ayşe Güvendiren beschäftigt sich mit Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt und hat sich auch mit dem realen Fall der Ermordung von Marwa El-Sherbini, die aus rechtsextremen, islamfeindlichen Motiven erstochen wurde, auseinandergesetzt. „Islamfeindlichkeit bezieht sich nicht auf ein äußerliches Merkmal – und da bricht man das runter auf ein Emoji“, sagt Güvendiren.

Ein Nachgespräch, das sie sich sicher anders vorgestellt hätte. Bezogen auf eine „Integration“ jener Perspektiven und Lebensrealitäten im Theater, die bislang außen vor bleiben, sagt sie: „Wir kommen, um uns den Kuchen zu holen. Wir warten nicht darauf, dass uns jemand dieses Stück gibt. Wir fordern es ein, wir verunsichern die Dominanzgesellschaft. Wir, das sind marginalisierte Gruppen in einer Gesellschaft, die nicht Teil des großen Konstrukts ist.“

Die Themen, die in den Stücken des Fastforward-Festivals sowie in den Nachgesprächen verhandelt werden, zeigen, dass das, was auf den Bühnen passiert, Realität ist, dass es immer noch oftmals allein Betroffene sind, die an der Sichtbarkeit bestimmter Themen arbeiten. Das Fast Forward-Festival ist ein Aufeinandertreffen europäischer Gruppen, die Europa in ihrer Arbeit nicht als Multi-Kulti-Fortschritts-Gemeinschaft zelebrieren, sondern Europa als konstruiertes Bündnis kritisieren, in dem Sexismus und Rassismus die Norm sind. Sie kritisieren ein Europa, das den Kulturbetrieb hochpreist, aber das viele Künstler*innen in prekären Situationen arbeiten lässt. Die jungen Theaterschaffenden brechen mit Ästhetiken, schaffen neue, sie nehmen, erkämpfen sich den Raum, um zu sagen, ob mit Worten, mit Choreographien oder Stille, was sie fühlen, was sie wahrnehmen, was sich ändern muss.

Wir haben den Artikel bezüglich der Diskussion um „R-Faktor. Das Unfassbare“ an einer Stelle korrigiert. Anmerkung der Redaktion, 16.12.21