Kritik

Menschsein – irgendwann, irgendwo in der Zukunft

Die Uraufführung von „In Zukunft bin ich ein Komet“ fand am 18.01.2023 im Theater Strahl statt.

Foto oben: © Jörg Metzner
Beitrag von: am 19.01.2023

Weiße Steine stehen wie Eisberge auf der Bühne, an ihrem Fuß Schmutz und Pfützen. Videoprojektionen auf den Steinen erzeugen zusammen mit Klangsequenzen mal die Illusion eines Dschungels, mal von Meereswellen, die an den Strand rollen, mal von einem elektrischen Flimmern in der Luft. Insgesamt ist es eher dunkel, wie in einer ewigen Nacht oder Dämmerung. In diese Dunkelheit dringen Geräusche und Klänge, die mal menschlich, mal sphärisch sind: Stimmen, Alltagsgeräusche, Knistern, Knattern, hallende Töne. Der Ort ist vielleicht ein ferner Planet, die Zeit ist die Zukunft.

„In Zukunft bin ich ein Komet“, ein Tanztheaterstück von Yotam Peled am Theater Strahl, begibt sich auf eine experimentelle Reise in eine mögliche Zukunft und fragt: „Wird es die Welt, wie wir sie kennen, noch geben? Ist alles zu Ende? Ist es der Anfang von etwas Neuem?“ Die Premiere fand am 18. Januar 2023 statt.

Der Titel des Stücks verweist auf die Zukunft, das Weltall und die sich (vielleicht auch physisch) verändernde Daseinsform des Menschen. Der Komet ist ein Urgestein und erzeugt im Titel eine Spannung zwischen einem nicht vorstellbaren Ursprung und einer ungewissen Zukunft.

Zu Beginn schälen sich drei Tänzer:innen – Jana Heilmann, Wibke Storkan und Kaveh Ghaemi – aus den Gesteinsformationen, kriechen auf dem Boden, sind schwach, versuchen, sich aufzurichten, erst jede:r für sich allein, dann aneinander. Es scheint, als wirkten starke Kräfte von außen auf die Körper ein: die Schwerkraft, aber auch ein Widerstand, als bewegten sich die Tänzer:innen im Wasser oder in einer zähflüssigen Masse. Die Kostüme, hautenge Shirts und weite Hosen, sind mit bunten Farben marmoriert. Sie wirken, als seien Sehnen, Adern und Muskeln nach außen gekehrt und zugleich wie eine Abbildung ferner Galaxien. Das Menschliche, Körperliche und Fassbare, fällt hier erneut mit dem Fernen, Unfasslichen zusammen.

Mit der Zeit gewinnen die Körper an Stärke und setzen sich mit ihrer eigenen Kraft gegen die Kräfte des Raumes zur Wehr. Sie beherrschen den Raum und machen ihn sich zu eigen. Sie spielen mit den weißen Steinen, mit dem Licht und der Elektrizität, die von einem der Steine ausgeht. Ihre Bewegungen sind kraftvoll, fließend, drängend, oft akrobatisch, manchmal archaisch und animalisch, selten mit Anklängen aus der Popkultur, häufiger mit Zitaten aus der Kampfkunst. Die Tänzer:innen kreieren in verschiedenen Konstellationen – Solo, Duo, alle zusammen – Situationen, die ein menschliches Zusammenleben in einer unbestimmten Zukunft illustrieren.

Man kann sich also fragen: Was bleibt von uns als Menschen in einer Zukunft, die vielleicht apokalyptisch ist, vielleicht paradiesisch, von Technik beherrscht oder vollkommen barbarisch, befreit von allem Leiden oder eine Qual schlechthin? In „In Zukunft bin ich ein Komet“ sind es Spiel, Kampf, Zärtlichkeit, Neugierde und Konkurrenz.

Die Tänzer:innen werden, wie von einer magnetischen Kraft voneinander angezogen und abgestoßen. In einem ständigen Wechsel erlangen sie die Kontrolle über ihren Körper und verlieren sie wieder. Sie berühren einander zärtlich, ringen miteinander, stützen sich, bewegen einander. Die Choreografie zeigt ein breites Spektrum menschlichen Miteinanders, entscheidet sich aber klar gegen die Isolation und für das Zusammensein. Insofern zeugt die Produktion von einer positiven Zukunftsvision, in der, entgegen aller Prophezeiungen, die Menschen nicht vereinsamt sind, sondern die Gesellschaft suchen. Dabei durchbrechen die Tänzer:innen auch immer wieder die Grenze zum Publikum, befragen dieses, durchstreifen die Stuhlreihen. „Wir“, das sind nicht nur die drei auf der Bühne, das sind auch die Zuschauer:innen, die eingeladen sind, sich auf diese experimentelle Reise in eine Zukunft für uns Menschen einzulassen.

Auf dieser Reise werden verschiedene Szenen durchschritten, die nur lose dramaturgisch miteinander verknüpft sind. Als roter Faden kommt etwa auf der Hälfte eine digitale Zeitanzeige ins Spiel, auf der Minuten und Sekunden herunterzählen. Die unaufhaltsam vergehende Zeit und der damit verbundene Stress werden von Wibke Storkan thematisiert – eine der wenigen Sprechpassagen. Es stellt sich unweigerlich die Frage: Was geschieht, wenn die Zeit abgelaufen ist?

In diesem Stück werden die ganz großen Fragen gestellt: Was macht das Menschsein aus? (Wie) wird der Mensch die Evolution in eine vollkommen technisierte und digitalisierte Zukunft meistern? Wo und wie wird menschliches Leben in einer zunehmend zerstörten Umwelt noch möglich sein? Yotam Peled und sein Ensemble bleiben vage, legen sich nicht fest. Zugegebenermaßen enttäuscht diese Vagheit etwas angesichts der Stückankündigung, die verrät, dass sich Peled im Probenprozess gemeinsam mit Berliner Schüler:innen der Zukunftsrecherche gewidmet hat. Die Vermutung, dass hier inhaltlich substantiell Neues zu erleben ist, erfüllt sich nicht. Peled selbst macht sich von solchen Erwartungen frei, betont und verteidigt die Uneindeutigkeit des Tanztheaters.

Ästhetisch ist die Inszenierung jedoch durch und durch gelungen. Sound, Video und Tanz ziehen in ihren Bann. Besonders fallen die Ausdrucksstärke und Präzision von Wibke Storkan auf. Mit athletischer Kraft und Flexibilität erzeugt sie mit ihrem ganzen Körper – inklusive starker Mimik – Sprache. Und auch als Ensemble funktionieren Heilmann, Storkan und Ghaemi wunderbar. Das Vertrauen und die Professionalität, die es für diese anspruchsvolle Choreografie braucht, sind deutlich zu spüren.