„In der Kunst muss man sich immer neu erfinden“, stellen die Figuren in Dor Alonis Inszenierung fest, die am 22.05.2026 in den Kammerspielen des Schauspiel Frankfurt Premiere feierte. Und das gelingt:
Der Abend beginnt mit Auszügen aus Franz Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“, in der ein Mann sein Leben lang vergeblich auf Einlass durch ein Tor wartet und dabei an seiner eigenen Passivität scheitert. Ähnlich verhält es sich mit Kafkas engem Freund Max Brod (gespielt von Torsten Flassig), der nach Kafkas Tod in abwartender Haltung neben Weinflaschen vor den Toren zu Kafkas Geschichten sitzt. Diese öffnen sich inhaltlich dann durch seinen Rausch, räumlich ganz konkret in der Bühne von Marlene Lockemann: Eine Wand aus Bücherregalen klappt auf und lässt hinter die Fassade der Bücher blicken. Max Brod folgend tritt das Publikum so in den Zirkus (um) Kafka ein.
Der Blick hinter die Fassade
Aus der Entscheidung Max Brods, Kafkas Texte entgegen dessen letztem Willen zu veröffentlichen, ergibt sich ein Metadiskurs über den Umgang mit Kunst und Autorenschaft. Indem Max Brod Kafkas letzten Willen missachtete, verriet er zwar seinen Freund, bewahrte jedoch gleichzeitig dessen Werk für die Nachwelt – persönliche Loyalität in Konkurrenz zur Verantwortung für die Kunst. Max Brod glaubt, dass Kafkas Texte die Welt verändern können. Oder doch vielmehr seine Welt?
Als stimmige Konsequenz dieser Entscheidung verfolgen wir nun eine Inszenierung, die sich an einer nicht gewollten Interpretation dieser Texte abarbeitet. Dessen sind wir uns dabei stets bewusst. Die Zirkuskünstler:innen selbst fordern: „Verbrenn uns! Befrei uns von all den Inszenierungen, die man über uns machen wird!“ Der Trapezkünstler (gespielt von Mitja Over) ist gefangen in seiner eigenen Darbietung und sucht dabei genauso Antworten auf die Frage, welche Opfer künstlerisches Schaffen verlangt und wie weit Selbstaufgabe für Anerkennung gehen muss, wie die Hungerkünstlerin (Rokhi Müller) und die Sängerin Josefine (Anabel Möbius). Besonders verstörend ist der Bauchredner, dessen Verhältnis zu seiner Puppe in Gewalt umschlägt und die zerstörerische Seite künstlerischer Kontrolle am Beispiel eines Femizids offenlegt. Max Brod versucht, diese Abgründe immer wieder zu erklären und einzuordnen, flüchtet sich letztlich jedoch in Kafkas Wunsch, seine Texte nicht zu interpretieren.
Im Sog eines Nachgespräches
Doch diese Haltung wird gebrochen: Plötzlich endet die Inszenierung abrupt, das Licht geht an und ein scheinbares Nachgespräch beginnt. Somit wird das Publikum unverhofft genauso in die Inszenierung gezogen wie zuvor Max Brod in Kafkas Erzählungen. Die Flucht in vorher zurechtgelegte Phrasen („Diese Frage eröffnet einen Raum für Rationalisierung des Irrationalen“) bleibt bestehen, während dieser vollständige Bruch mit der bisherigen Handlung den Fokus stärker auf das Publikum und dessen Verantwortung lenkt. Was bleibt, wenn Publikum als Korrektiv der Kunst fehlt? Durch die starke Überzeichnung der am Nachgespräch beteiligten Personen und ihre fehlende Selbstironie wird dieser zweite Teil des Abends zur Komödie in sich. So erscheint der Übersetzer des Stücks fabulierend über seine Rolle im Entstehungsprozess und trägt dabei ein Shirt mit der Aufschrift: „Say less, do more!“ (Kostüm Svenja Gassen)
Sobald eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den großen Fragen jedoch möglich wird, erinnert man sich daran, eigentlich nicht interpretieren zu wollen. Der Text von Roy Chen richtet den Fokus in dieser Manier nicht auf Kafka selbst, sondern auf unseren eigenen Drang, ihn endgültig entschlüsseln zu wollen. Die Inszenierung lehnt dabei bewusst eine weitere Interpretation ab und fordert stattdessen dazu auf, alles bisherige Wissen über Kafka hinter sich zu lassen, um seinen Texten neu und unvoreingenommen begegnen zu können.
Statt Antworten erleben wir einen Abend voller Mehrdeutigkeiten, an dem die Kunst als Flucht aus dem Käfig fungiert, dessen Ursprung sie nicht nur bei Kafkas Zirkus(-künstler:innen) oftmals ist.