„Können wir das nochmal so wiederholen, bitte?“ – „Und wenn wir es nochmal ganz anders probieren?“ Das sind Fragen, die so oder so ähnlich in vielen Proben schon gefallen sind und die leitende Person oder das leitende Team in Bedrängnis bringen können. Entweder, weil der Vorschlag gänzlich vom im Vorfeld besprochenen Konzept abweicht, oder weil die Zeit schlicht nicht reicht, um eine Szene oder einen Akt grundsätzlich neu zu denken. Doch kommt das Bedürfnis nach einer Umstrukturierung in vielen Fällen auch aus einer sinnvollen Kritik heraus, aus einer Unstimmigkeit im künstlerischen Ganzen. Was also tun?
Menschen, Texte und das Miteinander
Das Arbeiten am Theater ist emotional. Für viele ist es ein Traum – einer, der sich oft auch nicht erfüllt. Im Blick behalten muss man daher als Regie-Person nicht nur sich selbst, sondern vor allem die anderen: die Arbeit im Team, das Miteinander von Gruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Ausbildungen. Die damit wohl am stärksten kollidierende Konstellation lässt sich zwischen Schauspiel und Regie beobachten.
Ohne Regiestudium, das Schauspiel-Elemente und -Übungen enthält, erschienen mir die Gegensätze im Herantreten an Texte, an Proben und Kritik unüberwindbar. Als Literaturwissenschaftlerin bin ich darin geübt, mich mit Texten auseinanderzusetzen. Für Leseproben bin ich also bestens ausgerüstet – das dachte ich zumindest zu Beginn der Selbstständigkeit. Und alles andere? Als Regieassistentin habe ich, ohne mir weiter Gedanken darüber zu machen, immer als Brücke zwischen Regie und Schauspiel fungiert. Ich habe Missverständnisse aufgeklärt und Kommunikations-Pflaster geklebt, habe das Zusammenarbeiten in der Praxis, das Verfassen von Kritik und umsichtige Miteinander gelernt. Würden diese Fähigkeiten ausreichen, um eigenständig mit einem eigenen künstlerischen Team zu arbeiten?
Über die Struktur der Kritik
Bald lernte ich: Der kreative Prozess ist geprägt von Unzufriedenheit und Frustration, die sich produktiv umlenken lassen – wenn man weiß, wohin. Regisseurin Jorinde Dröse, die ich zum Gespräch traf, erzählte mir, dass sie in Proben vor allem über Bestätigung arbeitet: dass sie Spielenden zuerst zeigt, was funktioniert, bevor sie korrigiert. Das hat mich nicht losgelassen, weil es eine grundlegende Verschiebung der Perspektive beschreibt – weg vom Defizit, hin zum Vorhandenen. Ich habe versucht, das zu übernehmen, und gemerkt, dass es mich zwingt, genauer hinzuschauen: Nicht auf das, was fehlt, sondern auf das, was schon da ist. Und mich von dort aus in meine Kolleg:innen hineinzudenken: Welche Fragen hätte ich, wenn ich diese Figur spielen müsste?
Ich habe die Herausforderung angenommen, für mich neue Hintergründe mit einzubeziehen, über die ich mit meinem literaturwissenschaftlichen Fokus nie nachgedacht hätte. Im Vorwegnehmen von Fragen, die in einer szenischen Probe auftauchen könnten, habe ich mehr über die Figuren und meine eigene Interpretation erfahren als in jeder Textarbeit zuvor. Und trotzdem war ich von der Fülle der Fragen und der unterschiedlichen Ansätze im Verlauf der Proben überrascht.
Darunter auch jene, mit der diese Kolumne beginnt. Als sie in der Probe fiel, war mein erster Impuls: Nein. Die Zeit drängt, wir haben diesen Weg gemeinsam erarbeitet, die Kapazität dafür fehlt. Doch genau in diesem Nein lag eine Erkenntnis: Meine Regie ist nicht das Verteidigen eines Konzepts gegen das Ensemble, sondern das Navigieren zwischen dem, was auf dem Papier erdacht wurde, und dem, was im Raum lebt. Was auf dem Papier wasserdicht erscheint, kann in den Körpern der Spielenden, in der Dynamik zweier Menschen auf einer Bühne, plötzlich undicht werden. Die Frage „Und wenn wir es ganz anders probieren?“ ist selten eine Ablehnung des Konzepts – sie ist meistens ein Zeichen, dass jemand nah genug am Stoff ist, um zu spüren, wo es noch nicht stimmt. Das zu unterscheiden – den Impuls, der aus Unsicherheit kommt, und den, der aus echtem künstlerischen Instinkt entsteht – ist vielleicht das Handwerk, das kein Studium einem beibringen kann. Diese Fähigkeit entsteht nur in der Probe, im Miteinander und nicht im „Ich“-Universum.