Drei Tage vor der Premiere kommt meine Regieassistentin auf mich zu. Sie erzählt mir, dass es heute Abend eine öffentliche Probe mit Nachgespräch gäbe, an diesem Haus hat das Tradition. Verschiedene Ensemblemitglieder sind dabei, Techniker:innen und die Intendantin – das kenne ich aus meiner eigenen Zeit als Assistentin. Aber dann sagt sie etwas, mit dem ich nicht gerechnet habe: „Andere Regisseur:innen und Dramaturg:innen aus umliegenden Theatern sind auch eingeladen.“ Ich schlucke. Bin ich bereit für diese Öffentlichkeit in einer Phase der Produktion, die noch nicht über die hausinternen Abläufe hinausgeht? Ich weiß es in diesem Moment nicht – und ahne noch nicht, wie anders ich diese Frage ein Jahr später beantworten würde.
Ich bitte gerne um Rat. Im künstlerischen Prozess geht es immer um Austausch, um Nachjustieren, um das Finden von Fehlern, die mir selbst nicht aufgefallen wären. Auch das eigene Team, das am Projekt arbeitet, entdeckt nicht alle Unregelmäßigkeiten oder Sinnfehler. Manchmal tut es einfach gut, eine andere, kritischere Meinung zu hören. Im geführten Gespräch danach ist man diesen Meinungen zunächst ausgesetzt, meist ohne die Möglichkeit, auf die Vielzahl an Diskussionen während der Proben und die Fülle an Gedanken dahinter aufmerksam zu machen. Schließlich zählt ja nur das Endergebnis, oder?
Missverständnis und Schutz-Bedürfnis
Mit einem Mikrofon in der Hand sitze ich im Nachgespräch der Probe, die ich mehrmals unterbrechen musste. Ich fühle mich missverstanden und habe das Bedürfnis, mein Team und mich in Schutz zu nehmen. Die Nachfragen rütteln am breit diskutierten Konzept und lösen Unsicherheit aus. Ich frage mich: Mit wie vielen Menschen bespricht man ein Projekt, und ab wann wird es zu viel?
Doch das mündliche Gespräch ist nur die erste Welle der öffentlichen Aufmerksamkeit, bei denen es heißt: Anderen zuhören. Anders als dort, wo meist wohlwollende Nachfragen und Lob überwiegen, gräbt sich die schriftliche Kritik, auf die man nach dem Fall des Premierenvorhangs immer hofft, tiefer in die Inszenierung hinein. Die Spannweite reicht vom gründlichen Lesen jedes einzelnen Berichts bis zum absoluten Negieren der Kritik, bei dem Zeitung oder Laptop einfach zugeklappt bleiben. Wie sehr man sich zu Herzen nimmt, was gelobt und was verrissen wird, ist immer eine Frage des jeweiligen Regie-Temperaments. Öffentlichkeit hilft in Karrierefragen, die Devise könnte also lauten: Hauptsache Lärm. Aber wie lernt man, damit umzugehen?
Zumutung
An mein erstes Nachgespräch, den Modus der Verteidigung, denke ich noch oft zurück, bei der mich Kritik vor allem verunsichert und deshalb nicht weitergebracht hat. Ein Jahr später sitze ich in einem anderen Theater, in einem anderen Publikumsgespräch. Jemand aus dem Publikum stellt eine Frage, die mein Konzept im Kern in Frage stellt – genau die Art von Frage, die mich ein Jahr zuvor in die Defensive gedrängt hätte. Ich denke einen Moment nach, bevor ich antworte und merke, dass ich gelassener geworden bin. Vielleicht liegt es an den Nachgesprächen dazwischen, an denen ich gelernt habe, dass eine kritische Frage nicht automatisch ein Angriff ist oder Infragestellen des gesamten Projektes ist. Vielleicht auch daran, dass ich meinem Team inzwischen mehr vertraue, gerade weil wir gemeinsam schon durch schwierigere Abende gegangen sind.
Ich freue mich jetzt über die Nachfragen, weil sie mich anregen, die eigene Arbeit aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Sie entwickeln die Inszenierung aus einer anderen Perspektive weiter, die produktive Fragen aufwerfen können, aber – und das macht für mich den entscheidenden Unterschied aus – nicht müssen. Die Fragen, die den gesamten künstlerischen Prozess mit seinen Recherchen und Hintergründen nicht mitdenken, sind oft die produktivsten. Die Angst vor der Öffentlichkeit verschwindet nicht, weil man weniger exponiert ist, sondern weil man lernt, was man ihr zumuten kann – und was sie einem selbst zumuten darf. Am Ende möchte ich selbst die Antwort auf die Frage hören: Hat es Ihnen gefallen, was Sie gesehen haben?
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