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Ganz viel Empowerment – Interview mit der Vertretung für junge Perspektiven des Festivals AUGENBLICK MAL!

Mehr Mitgestaltung und Raum für Eigeninitiative für Kinder und Jugendliche im Theater fordert die Vertretung für junge Perspektiven von „AUGENBLICK MAL! Das Festival des Theaters für junges Publikum“, dessen 17. Ausgabe letzte Woche zu Ende ging. Wie das aussehen kann und wie das als Pilotprojekt umgesetzt wird, erzählen Alicia Ulfik, Lena Riemer und Mariella Pierza im Interview mit unserer Autorin.

Foto oben: Renata Chueire
Beitrag von: am 01.05.2023

Die Vertretung für junge Perspektiven ist aus der Jugendredaktion des „Festivals des Theaters für junges Publikum“ entstanden. Ihr habt euch nicht nur als Kritiker:innen ausgewählter Inszenierungen gesehen, sondern auch als Kritiker:innen der bestehenden Festival- und Theaterkultur. Wie genau ist das Format der jungen Perspektive entstanden?

Lena: Uns ist aufgefallen wie unterrepräsentiert, Kinder und Jugendliche bei AUGENBLICK MAL!“ sind, obwohl dort Theater für junges Publikum gezeigt wird. Wenn wir versucht haben, an Diskussionen auf den Festivals teilzunehmen, haben wir entweder nichts verstanden, weil nur in Fachsprache geredet wurde oder wir sind gar nicht in Zoom-Räume gekommen, weil es hieß, das Gespräch sei nur für Fachpublikum. Dass uns das total gestört hat, haben wir ziemlich deutlich in unseren Beiträgen der Jugendredaktion geschrieben. Daraufhin sind die Verantwortlichen des Festivals auf uns zugekommen und haben den Dialog gesucht. Und daraus ist dann die Einladung für eine Vertretung für junge Perspektiven aus entstanden.

 

Von links oben nach rechts unten: Mariella Pierza, Hannah Schwarz, Alicia Ulfik, Lena Riemer und Kristin Grün (Assistenz Vertretung f. junge Perspektiven) im Zoom-Interview

Was habt ihr euch zur Aufgaben gemacht?

Alicia: Aktuell haben wir ziemlich viele Aufgabenbereiche, die wir abdecken und sie zu definieren ist ziemlich schwer. Was zum einen gut ist, weil es ist ja das erste Mal, dass das Festival mit so einer Vertretung arbeitet. So müssen wir herausfinden: Wo werden wir gebraucht, wo wollen wir mitreden, wo müssen wir auch mitreden? Andererseits ist es natürlich auch sehr viel Verantwortung und Macht, die wir plötzlich bekommen. Für das Festival 2023 sind wir auf jeden Fall bei den Nachgesprächen aktiv und wir organisieren auch ein paar Workshops.

Lena: Ich glaube, da wir auch das erste Projekt in dieser Richtung sind, war das auch ein bisschen „learning by doing“. Wir haben erstmal alles gemacht. Am Anfang war zum Beispiel auch im Gespräch, ob wir Öffentlichkeitsarbeit machen. Das haben wir dann wieder fallen lassen. Dann waren wir relativ stark in dem Kuratoriumsprozess der Stücke als beratende junge Perspektive eingebunden. Wir machen zum Beispiel auch eine Podiumsdiskussion zum Thema junge Spieler:innen. Wir sind irgendwie überall präsent und alle kommen ständig zu uns, um uns Fragen zu stellen und mit uns zu diskutieren.

Beim diesjährigen Festival habt ihr unter anderem kurativ mitgearbeitet und beraten. Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Mariella: Vielleicht zum Auswahlprozess zu den Stücken: Dort haben wir gemerkt, dass wir doch nicht so viel mitentscheiden können. Wir waren die Beratung von den Kurator:innen, aber es kam kein Stück direkt von uns. Wir haben für uns eine Liste unserer zehn liebsten Inszenierungen geschrieben, die wurde aber nur teilweise beachtet. Was natürlich auch für uns ein herber Rückschlag war. Wir haben gemerkt, dass wir dort doch nicht so viel Einfluss haben und nicht gesehen werden. Das ist voll schade, weil dafür sind wir ja da, dass wir unsere Perspektiven einfließen lassen.

Lena: Dennoch habe ich das Gefühl, dass das Festival sich bemüht, seine Strukturen zu ändern. Für das nächste Festival in zwei Jahren ist angestrebt jugendliche Kurator:innen ins Kuratorium aufzunehmen und weiterhin junge Perspektiven – in hoffentlich dann auch noch anderen Bereichen – vertreten zu haben. Man sieht schon, dass es im Festival wirklich Anstrengungen und Überlegungen gibt. Aber es ist natürlich ein Prozess, der langsamer geht, als wir es gerne hätten.

Was fehlt euch noch in der eigentlich großen Bandbreite des Festivals? 

Alicia: Worauf wir uns alle geeinigt haben ist, dass wir uns auf jeden Fall viel mehr Stücke wünschen, in denen Jugendliche und Kinder als Spielende vertreten sind.

Welche Möglichkeiten und Räume kann man Schaffen, um Kinder und Jugendtheater zu fördern? Ich denke da gerade auch an Drama-Control, wo du, Alicia, mitgemacht hast. Dort unterliegt einem Jugendaufsichtsrat die künstlerische Leitung des Theaterreviers, der Spielstätte des jungen Schauspielhauses Bochum. Sind selbstgeleitete Theater die Zukunft von Kinder- und Jugendtheater?

Alicia: Auf jeden Fall. In Bezug auf Drama-Control – und das haben wir auch als Vertretung für junge Perspektiven gemerkt – ist nicht nur dieses Selbstgeleitete das Wichtigste, sondern es braucht immer die Kooperation mit Erwachsenen. Manchmal hatten wir das Gefühl, dass sehr viel verlangt wird. Plötzlich eine Entscheidungsmacht zu haben, ist natürlich viel zu überfordernd in einem System, das einfach nicht dazu gemacht worden ist, dass Kinder und Jugendliche einen Platz haben, wo sie ihre Meinung frei sagen können und auch präsentieren können, was sie wollen. Es reicht nicht, dass man einfach irgendwo Geld reinpumpt und dann hofft, dass die Kinder irgendwas machen. Es braucht auch gute, erwachsene Leitungen. Damit meine ich auch nicht immer unbedingt pädagogische Leitungen, die dann irgendwas erziehen müssen, sondern vor allem künstlerische Kooperation.

Marielle: Ich würde auch noch ergänzen, dass es an jedem Kinder- und Jugendtheater einen Jugendbeirat geben sollte. Wenn Kinder und Jugendliche nicht mitbestimmen können, welche Stücke sie sehen können, ist es kein Kinder- und Jugendtheater. Erwachsene wissen gar nicht, was jetzt interessant ist für Kinder und Jugendliche.

Lena: Was das Publikum angeht, glaube ich, dass man als Ziel haben sollte alle Diskussionsräume für Kinder und Jugendliche zu öffnen. An jedem Gespräch über Kinder- und Jugend-Theater und Theater für junges Publikum müssen immer Kinder und Jugendliche beteiligt sein, weil sie letztendlich die Zielgruppe sind.

Ihr sprecht viel mit erwachsenen Theatermacher:innen und fordert neue Räume für Kinder- und Jugendliche ein. Versucht ihr auch mit Kindern und Jugendlichen in Austausch zu kommen und wenn ja, wie?

Lena: Auf jeden Fall. Mit den Programmpunkten, die wir auf dem Festival bestimmen, versuchen wir ganz stark Jugendliche anzusprechen und dabei geht es uns vor allem um Empowerment. Wir haben wortwörtlich einen Empowerment-Workshop, der sich explizit und ausschließlich an Kinder und Jugendliche richtet. Dort geht es vor allem darum, sich in Netzwerken zu connecten, wie zum Beispiel in Jugendbeiräten. Aber wir haben auch Podiumsdiskussion zur Rolle von Jungspieler:innen, wo es darum gehen soll, das Gespräch neu aufzurollen, darüber wie Jungspieler:inen gesehen werden und wie man das als Jungspieler:in selbst verändern kann. Wir haben auch einen Adultismus-Workshop, wo wir uns mit der Diskriminierung von jungen Menschen aufgrund ihres jungen Alters beschäftigen. Wir versuchen ganz viel Empowerment und Stärkung zu leisten. Auf dem Festival basierend, können wir nicht in jede Stadt laufen. Also versuchen wir den Leuten etwas zu geben, was sie mitnehmen können.

Alicia: Es ist trotzdem schwer junge Menschen anzusprechen. Ich dachte am Anfang, dass wir in der Hauptstadt ganz easy Jugendliche finden, die Bock haben bei den Workshops mitzumachen. Aber zu Beginn hatten auch wir bei der Anmeldung Schwierigkeiten. Wir haben uns bemüht Kinder und Jugendliche anzusprechen, die schon Theater-aktiv sind. Wir wollten aber auch total gerne Kinder und Jugendliche einladen, die sonst nur Theater von Schulbesuchen kennen. Und das ist ja auch der größte Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen. Sie lernen Theater durch die Schule kennen und bleiben dann aber nicht, denn die Theaterbesuche sind mit langweiligen Pflichtlektüren aus der Schule verbunden. Ich glaube, das ist eine Frage, die über die Vertretung der jungen Perspektive hinaus geht und sich explizit an die Politik richtet. Kulturelle Bildung muss einfach Teil von Schulen sein.

In eurem Selbstinterview, das man auf der Webseite des Festivals finden kann, bemerkt man schnell die verschiedenen Schwerpunkte, die jede:r von euch legt. Wie organisiert ihr diese Meinungspluralität in eurem Kollektiv? Wie kommt ihr zusammen?

Alicia: Wir haben wöchentliche Online-Meetings. Manchmal haben wir auch öfter Live-Meetings. Und zur Meinungspluralität: Mir kommt es ziemlich oft so vor, dass wir automatisch alle dieselbe Meinung haben. Aber jetzt nicht in dem Sinne, dass wir alle gleich denken, sondern weil wir uns alle einfach verstehen und auch Verständnis für alle Meinungen haben. Wir haben auch voll den offenen Raum für Diskussion. Ich finde, das ist ein sehr schönerer Raum um zu diskutieren. Denn es geht nie darum eine Meinung abzuschaffen, sondern eher darum Ideen zu erweitern.

Lena: Total und meistens ist es dann eher so ein Ball, den man hin und her wirft. Bis man ein Ergebnis findet, worauf sich alle einigen können. Klar gibt es irgendwie verschiedene Meinungen. Einerseits Meinungen, die wir vertreten, aber auch darüber, wie wir arbeiten. Ich glaube, wir finden immer einen sehr guten Konsens, wo niemand missverstanden am Ende rausgehen muss.

Außerhalb der Festivaltage: Wie muss und kann Theater für junges Publikum aber auch Theater von jungen Theatermacher:innen gefördert werden?

Alicia: In Berlin gibt es jetzt die Jugendkulturkarte, da hat man ein 50 Euro-Budget, das man als Jugendliche:r bekommen kann um damit unter anderem ins Theater zu gehen oder auf Konzerte. Ich glaube sowas ist total wichtig. Wenn man so die Möglichkeit hat, als Publikum, kostenlos ins Theater zu gehen, hilft das auch das erste Mal alleine ins Theater gehen zu wollen. Das ist sicher keine langfristige Lösung, aber dennoch sind Theatertickets für Manche eine Hürde. Man muss da auf junges Publikum achten und denen auch die Möglichkeit geben, neu einsteigen zu können.

Mariella: In Berlin sind wir da sehr privilegiert, mit 9 Euro-Tickets für Kinder, Jugendliche, Schülerinnen und Auszubildene an allen Häusern. An anderen Theatern muss man dann die Hälfte des Preises zahlen, was dann auch mal 25 Euro sind. Wo wir dann zur Frage kommen: Wer kann sich das noch leisten? Ich fände es toll, wenn es einen Tag gibt, wo man als Kind und Jugendliche:r frei ins Theater gehen kann. Es ist super wichtig, dass man sich einfach mal etwas Cooles anschaut, worauf man Lust hast und dass das ungezwungen passiert. Es muss auch eine Möglichkeit sein, die unkompliziert machbar ist, dass man nicht tausende von Papieren unterschreiben muss.

Lena: Was die Realität von jungen Theaterschaffenden und Theaterautor:innen angeht: Als schreibende Person, die tendenziell auch Lust hätte fürs Kinder- und Jugendtheater zu schreiben, bemerke ich, dass das sehr stark von Institutionen abhängt. Wenn man sich Förderungen anschaut, dann zielen die alle auf etablierte Theater-Autor:innen, die schon mehrere Veröffentlichungen hatten, eine Publikationsliste und Aufführungsliste vorweisen können. Da ist es ziemlich schwer sich zu bewerben mit: „Hallo, ich bin 16 Jahre alt und hab ein Stück geschrieben.“ Das ist dann fast unmöglich. Institutionen müssen mehr mitdenken, auch junge Stimmen zu fördern und nicht nur erwachsene, in der Szene etablierte Fachmenschen.

Es gibt dieses Schubladendenken: Auf der einen Seite ist das Theater für junges Publikum und auf der anderen das Theater für erwachsenes Publikum. Ihr wollt auf der einen Seite natürlich eine gezielte Förderung von Theater für und von Kindern und Jugendlichen aber auf der anderen Seite schwingt der Wunsch der Auflösung von diesen Schubladen mit. Wie kategorisiert ihr das für euch?

Mariella: Ich finde ganz klar, dieses Schubladendenken soll aufgelöst werden. Ich finde es auch sehr schade, dass davon ausgegangen wird, das Kindertheater nicht das Niveau von erwachsenen Theater hat. Das macht mich so sauer. Das stimmt einfach nicht. Das ist alles der gleiche Prozess. Nur weil die Zielgruppe anders ist, heißt es nicht, dass es irgendwie weniger wert ist. Das ist ein Arbeitsprozess, es ist Kunst, was da am Ende rauskommt und das sollte man nicht abwerten. Deswegen finde ich es wichtig, dass man dieses Schubladendenken auflöst und sagt, dass das Theater ist und das ist für alle da.

Alicia: Ja, total. Ich finde es auch schade für die Zuschauenden von „Nur-Erwachsenen-Theater“. Dass sie selbst ins Programmheft schauen, sehen was im Kinder- und Jugendtheater läuft, eine Stückbeschreibung lesen und sich denken, dass das cool ist „aber leider für Kinder“. Das ist auch voll herablassend, dass man direkt mit dieser Meinung da reingeht. Ich verstehe total den Sinn dahinter, dass man Kinder- und Erwachsenen-Theater für die Zielgruppe aufgeteilt hat. Aber es ist immer noch Theater. Und ich glaube, es reicht total, wenn man einfach nur eine Empfehlung ausspricht. Klar muss die Form anders aussehen, wenn man kleine Kinder ansprechen möchte oder überhaupt jüngere Kinder oder auch Jugendliche. Da ist die Form natürlich anders, aber Erwachsene verstehen sie doch sowieso. Erwachsen können, in alle diese Stück rein gehen und sie verstehen und nachvollziehen.

Was seht ihr für die nächsten Jahre als größte Herausforderung am Theater für junges Publikum und von jungen Theatermacher:innen?

Lena: Eine große Sache ist auf jeden Fall, dass an allen Landesbühnen, Stadt- und Staatstheatern im deutschsprachigen Raum Jugendbeteiligung in die Prozesse integriert wird. Jugendbeteiligung ist natürlich theoretisch immer schwieriger zu etablieren, weil man sich nicht seine drei Leute suchen kann, die das 20 Jahre machen. Stattdessen braucht es einen integrierten Prozess, wo immer wieder neue Leute reinkommen und ganz neu Theater- und Theaterstrukturen kennenlernen. Das ist eine sehr große Herausforderung.

Mariella: Ich glaube auch, dass es das wichtigste ist, Kinder- und Jugendliche einfach in diesen Prozess mitzunehmen. Vielleicht einfach mal Kinder in die Dramaturgie setzen, so würde Vieles ganz anders aussehen.

Alicia: Genau, Kinder- und Jugendliche sind gar nicht an diesen Prozessen beteiligt. Bis jetzt sind es eher eine Handvoll an Theatern, die sich bemühen Kinder und Jugendliche mit einzubeziehen. Das ist ein Prozess, der beginnt jetzt erst. Und es ist gut, dass der beginnt, wenigstens.

Die Autorin, aufgewachsen in Regensburg, Freiburg und Chemnitz, studiert Theater- und Musikwissenschaft in Leipzig. Ausschlaggebend dafür war ihr FSJ Kultur an der Jungen Oper im Nord in Stuttgart.

Bald startet der Radikal Blog von junge bühne und Münchner Volkstheater. Bleibt dran!