Neun Personen strahlen in die Kamera, die Teilnehmenden des Körber Studios für Junge Regie 2024

Special

Körber Studio für junge Regie 2024

Das Körber Studio für junge Regie hat dieses Jahr am Thalia Theater Hamburg stattgefunden. Regiestudierende verschiedener Hochschulen können dort ihre Arbeiten präsentieren, sich vernetzen und an Workshops teilnehmen. Im Zentrum steht dabei der gemeinsame Austausch untereinander. Merle Zurawski von der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg war dabei und berichtet.

Foto oben: Merle Zurawski
Beitrag von: am 10.07.2024

13 Entsandte aus 13 Akademien treten in Form von 13 Inszenierungen gegeneinander an. Hinter dem, was auf den ersten Blick nach einer Art theatralen „Tribute von Panem“ klingt, verbirgt sich das sogenannte „Körberstudio für junge Regie“, von dessen 20. Ausgabe ich mit meiner Inszenierung „AGAMEMNOMNOMNOM – vier fierce flinta*s futtern ihre väterboyfriendsabuser zu dessert“ Teil sein durfte. In der Arbeit haben mein Team und ich uns ausgehend von Texten von Sivan Ben Yishai, Miru Miroslava Svolikova, Juli Paul Bökamp, Aischylos und mir, Merle Zurawski, mit Themen von Wut und Ohnmacht, patriarchaler Gewalt und Empowerment, sowie dem Ausbruch aus dem nicht enden wollenden Kreislauf von Gewalt, in einer sich fortschreibenden Geschichte, auseinandergesetzt. 

Aber erstmal ein paar Sätze zu mir: ich heiße Merle Zurawski (they/er) und studiere im dritten Jahr Regie an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg. Ich schildere im folgenden wie ich das Körber Studio für junge Regie 2024 erlebt habe, und was ich aus der Erfahrung mitnehmen konnte. 

Eingang zum Körber Studio für Junge Regie 2024 Das Studio kann losgehen © Merle Zurawski

Was ist das Körber Studio für junge Regie?

Das Körber Studio für junge Regie wurde 2003 ins Leben gerufen und bietet einmal im Jahr eine Plattform für junge Regiestudierende, um ihre Theaterarbeit zu präsentieren, sich zu vernetzen, und mit den anderen Regiestudierenden ins Gespräch zu kommen. Dabei wird pro Jahr immer eine Arbeit von jeder Regiehochschule entsandt. Den Auswahlprozess gestalten die Hochschulen selber. Am Ende des Wettbewerbs werden zwei Preise vergeben – einmal der mit 10.000 Euro dotierte Preis der Jury, und einmal der undotierte Publikumspreis. Dieses Jahr bestand die Jury aus Anna Bergmann (Regisseurin, Schauspieldirektorin Badisches Staatstheater Karlsruhe), Naemi Friedmann (Regisseurin, Teilnehmerin Körber Studio Junge Regie 2023), Tobias Herzberg (Dramaturg, Regisseur, Mitglied der Leitungsgruppe am Schauspielhaus Wien), Martin Thomas Pesl (Kritiker, Autor, Übersetzer), sowie Mable Preach (Regisseurin, Kuratorin). Das Festival ist ein Gemeinschaftsprojekt des Thalia Theater Hamburg, der Körber-Stiftung und der Theaterakademie Hamburg, unter der Schirmherrschaft des Deutschen Bühnenvereins.

Körber Studio für Junge Regie 2024 Körber Studio für Junge Regie 2024 © Emma Mae Zich

Auf nach Hamburg!

Am 2. Juni 2024 war es dann soweit: Nach einer erfolgreichen Wiederaufnahmeprobenwoche stehe ich mit meinem Koffer und meiner Tasche am Bahnhof in Ludwigsburg und mache mich auf die Reise nach Hamburg. Ein bisschen mulmig ist mir schon – die zeigenden Regisseur:innen sind vor dem offiziellen Beginn des Festivals zu einem Workshop eingeladen. Mein Team bleibt erstmal zuhause. Ich habe noch nie eine Regiearbeit außerhalb von Ludwigsburg gezeigt, bisher bestand mein Publikum quasi ausschließlich aus Freund:innen und Kommiliton:innen. Wie wird es wohl sein, meine Arbeit vor einem anonymen Publikum aus Fachpersonen und interessierten Hamburger:innen zu zeigen?

Im vollen Zug setze ich mich neben eine Person die telefoniert, es scheint um eine Beleuchtungsprobe zu gehen. Ob die Person wohl auch zum Körberfestival …? Tatsächlich: nachdem wir vier Stunden nebeneinander saßen, ohne miteinander zu sprechen, trauen wir uns an der Endhaltestelle in Hamburg endlich, uns zu fragen: Fährst du auch zum Körberfestival? Ja! Denn bei meiner Sitznachbarin handelte es sich um niemand geringeren als um Giulia Giammona, meine Studienkolleg:in aus Salzburg (eingeladen mit ihrer Arbeit „Penelope“). Neben Marci Hilma Friebe aus Hildesheim (hier mit Kaija Knauer und Rabea Porsch für die Arbeit „Regenmaschine“ eingeladen), mit them ich eine Woche zuvor noch Premiere mit einer gemeinsamen Arbeit in Ludwigsburg gefeiert habe, kenne ich nun also schon zwei Personen.

Sitzrunde mit Publikum beim Körber Studio für Junge Regie 2024 Sitzrunde mit Publikum beim Körber Studio für Junge Regie 2024 © Heinrich Horwitz

Der Workshop

Der Workshop für die zeigenden Regiestudierenden wurde in diesem Jahr von Laia RiCa geleitet. Drei Tage haben wir zum Thema „More Than Objects – Szenische Arbeit mit Materialien und kolonialen Kontinuitäten“ gearbeitet. Konkret bedeutete das: Marshmallows in Kaffeepulver panieren, Kartoffeln beerdigen, Körperteile und Objekte eingipsen. Auf eine spielerische Art und Weise konnten wir uns so vor Beginn des Festivals kennenlernen, in Partnerübungen gemeinsam kleine Kunstprojekte machen und uns so künstlerisch und privat schonmal ein wenig kennenlernen. Für mich war der Workshop dabei total gemeinschaftsstiftend und das gemeinsame Kreieren und Teilen fernab von jeglichem Wettbewerbsdruck extrem wertvoll. Dabei waren wir als Gruppe uns schon am ersten Abend bei einem nächtlichen Bier vor einem hamburger Späti einig: für uns besteht der eigentliche Preis nicht in den 10.000 Euro, sondern darin, dass wir die Möglichkeit haben uns kennenzulernen und zu vernetzen, künstlerische Arbeiten voneinander zu sehen und zu diskutieren, und 9 Tage zu Gast am Thalia Theater sein zu dürfen.

Die Teilnehmenden auf der Bühne des Körber Studio für Junge Regie 2024 Die Teilnehmenden auf der Bühne © Emma Mae Zich

Das Festival beginnt

Über sechs Tage hinweg wurden 13 Arbeiten von 13 unterschiedlichen Regiehochschulen gezeigt. Eine von diesen Arbeiten stammt immer von einer internationalen Gasthochschule und läuft außerhalb des Wettbewerbs. Dieses Jahr was das die Arbeit „De Sont of Mjoezik“ von Maria Zandvliet, Dramastudentin an dem KASK & Conservatorium Gent. Im Wettbewerb liefen dabei Arbeiten, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: Roman- und Filmadaptionen (wie „Vom Verachtet werden“, inszeniert von Lily Kuhlmann oder „I’m thinking of ending things“ inszeniert von Sophie Glaser) trafen auf zeitgenössische Textinszenierungen (wie „Freaks“, inszeniert von Luis Liun Koch, oder „4.48 Psychose“, inszeniert von Julián Ignacio Garcés), trafen auf Stückentwicklungen (wie „morgen bin ich gestern anders gewesen“, inszeniert von Pia Epping, oder „Strukturen und Menschen – Tagebuch einer Hospitantin 2.0“, inszeniert von und mit Hannah Helbig, oder „K.I. und Abel“, inszeniert von Bianca Thomas). Dabei wurde mit professionellen und nicht professionellen Darsteller:innen gearbeitet, im Kollektiv oder mit einer Regieperson, in dramatischen und postdramatischen Ästhetiken, ausgehend von Text oder von Bewegung oder Sound (wie beispielsweise in den Arbeiten „APHOTIC ZONE“, inszeniert von Jakob Altmayer, oder in „ON/OFF WAVES“, inszeniert von Sascha Malina Hoffmann). Wie die Jury später sagen sollte: „Die Arbeiten miteinander zu vergleichen, ist wie Äpfel mit Birnen mit Pflaumen zu vergleichen.“

Körber Studio für Junge Regie 2024 Körber Studio für Junge Regie 2024 © Heinrich Horwitz

Gut also, dass wir Wettbewerbsteilehmer:innen uns gar nicht miteinander vergleichen mussten, sondern in Publikums- und Tischgesprächen in einen angeregten Austausch über Formen, Ästhetiken und Arbeitsweisen treten konnten.

Und nicht nur das: in unserem Abschlussplädoyer im Anschluss an die öffentliche Jurysitzung haben wir auch noch gemeinsame kulturpolitische Forderungen gestellt:

– vom Körberstudio fordern wir für das nächste Jahr eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema Macht im Regieberuf.

– von den Hochschulen fordern wir eine konkrete Implementierung von Tools im Curriculum um in unserer eigenen Regiepraxis keine missbräuchlichen Strukturen zu reproduzieren und im Umgang mit selbst erlebtem Machtmissbrauch handlungsfähiger zu werden.

–  vom deutschen Bühnenverein fordern wir den Mindestlohn für Hospitanzen und eine Erfassung von Arbeitsstunden für alle Gewerke.

–  In der Zukunft werden einige von uns in den Stadt- und Staatstheatern arbeiten, wir wollen nicht unter Bedingungen tätig sein, in denen wir oder andere ausgebeutet werden.

Im Zug zurück nach Ludwigsburg bin ich nachdenklich gestimmt. Das Zusammenfallen der Verkündung der Wahlergebnisse der Europawahl mit der Verkündung der Juryergebnisse des Körberfestivals hinterlässt ein komisches Bauchgefühl. Ich frage mich, wieso wir uns immer noch in einem Wettbewerb begegnen. Wäre es nicht spätestens jetzt, nach dem Rechtsruck in Europa, wichtiger, kulturpolitisch geschlossen miteinander zu stehen, und sich so gemeinsam gegen Rechts zu positionieren? Ähnlich wie die Linke in Frankreich, aber als Theaterutopie? Gehen nicht in Wettbewerbsformaten, in denen wir erstmal gegeneinander ausgespielt werden, Kapazitäten verloren, um sich gemeinsam für eine kulturpolitische Zukunft der Vielen einzusetzen? Für mich waren die einprägsamen Momente des Festivals auf jeden Fall die Momente, in denen wir uns als junger Regienachwuchs zusammengeschlossen haben und uns gemeinsam für das eingesetzt haben, wofür wir alle so sehr brennen: Theater!

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Porträt Merle Zurawski

Merle Zurawski © Stella Butz

Merle Zurawski wurde 2000 in Oldenburg geboren und studiert seit 2021 Regie in Ludwigsburg. Zuvor assistierte Merle am Theaterhaus Jena. Neben dem Regieführen schreibt und performt Merle, dreht Filme, ist theaterpolitisch aktiv und wird seit 2022 von der Hans-Böckler-Stiftung als Stipendiat:in gefördert.