„Bad Roads“ vom Left Bank Theatre aus Kyjiw

Kritik

Reise durch ein geschundenes Land

„Bad Roads“ vom Left Bank Theatre aus Kyjiw eröffnete das Festival „Radikal Jung“ am Münchner Volkstheater

Foto oben: Anne Fritsch
Beitrag von: am 26.06.2022

Das Festival für Junge Regie Radikal Jung am Münchner Volkstheater ist gestartet. Mit einem ukrainischen Theaterabend, der die Realität des Kriegs auf die Bühne holt. Am Ende wieder dieser Theaterabend besonders emotional. Wenn die Regisseurin Tamara Trunova zum Applaus auf die Bühne kommt und zum Publikum spricht, haben einige ihrer Schauspieler:innen Tränen in den Augen. Echte Tränen. Trunova bedankt sich bei uns, dem Publikum, dass wir hier sind. Sie spricht ukrainisch, wird übersetzt: „Es ist sehr viel einfacher, ein Glas Wein zu trinken, als dieses Theaterstück anzuschauen.“ Trunova und ihr Ensemble kommen aus Kyjiw, wo sie „Bad Roads“ von Natalia Borozhbyt am Left Bank Theatre inszeniert hat. Das Stück hatte bereits im Mai 2019 am Royal Court Theatre in London Premiere, es handelt von einem Krieg, der schon damals im Osten der Ukraine brodelte und heute das ganze Land und die Welt beherrscht. „Auch wir haben lange acht Jahre gedacht, der Krieg ist weit weg“, sagt Trunova. „Aber am 24. Februar haben wir einen Schlag ins Gesicht bekommen.“

„Bad Roads“ eröffnet das diesjährige Radikal Jung Festival für junge Regie am Münchner Volkstheater. Warum diese Produktion von der Jury um Jens Hillje zum Festival eingeladen wurde, liegt auf der Hand: ein Stück aus der Ukraine über den Krieg in der Ukraine. Und so ist dieses Festival vom ersten Moment an ein politisches. Schon die ersten Worte, die auf der Bühne gesprochen werden (auf ukrainisch übrigens, mit deutschen Übertiteln), haben es in sich: „Als ich zum ersten Mal in die Donbass-Region reiste, musste ich ein Formular ausfüllen und auf dem Formular musste ich mich selbst beschreiben, mein Aussehen, besondere Merkmale.“ Zur Sicherheit. Damit eine Identifizierung im Falle des Todes einfacher ist. Die Inszenierung führt mitten ins Kriegsgebiet. Dass in der Ukraine schon lange kein Frieden mehr war, spätestens seit der Besetzung der Krim, wird hier schmerzlich bewusst. Das Stück trägt den Untertitel „Sechs Geschichten über das Leben und den Krieg“. Alle diese Geschichten spielen in Orten, die heute jeder kennt: Donezk, Charkiw, Mariupol.

Es sind einzelne Bilder, die sich einprägen: Der Mann, der sich lieber ohne Narkose operieren lässt, weil er Angst vor Organdiebstahl hat. Die Kinder, die glauben, die Explosionen seien ein Feuerwerk, weil ihre Eltern ihnen keine Angst machen wollen. Die Oma, die den russischen „Bachelor“ im Fernsehen schaut, während ihre Enkelin vom Tod spricht. Diese Inszenierung ist eine Reise durch ein geschundenes Land, sie thematisiert die Gleichzeitigkeit des Banalen und des Schrecklichen. Trunova inszeniert ihre Geschichten rhythmisch und choreografisch. Die Ästhetik ist ein wenig in die Jahre gekommen, die Wirkung nicht. Vor allem wird bewusst, wie fremd uns allen das ist, dieses Leben in einem Krieg, der Alltag zwischen Wehrunterricht und Explosionen, Vergewaltigungen und Erniedrigungen, Leben und Tod – und wie lange es in der Ukraine bereits Realität ist. „Mutter Maria, hast du kein anderes Finale für uns?“, fragt einmal jemand. Wie es aussieht, ist das Finale noch schlimmer als 2019 geahnt.

Das Festival Radikal Jung läuft noch bis 2. Juli am Münchner Volkstheater. Auf dem Programm stehen Inszenierungen junger Regisseur:innen aus Deutschland und Europa