„An die Person, die meinen beschrifteten Joghurt gegessen hat: ich hoffe, du hast dich ordentlich daran verschluckt und Durchfall“
Diese Nachricht stammt aus der Chatgruppe aller Theaterstudierenden meiner ehemaligen Kunsthochschule. Während des Semesters war der Zustand der Studierendenküche ein Indikator für die Überlastung der Studierenden. Je näher es Richtung Ende eines Szenenstudium-Blocks ging, desto schmutziger die Küche und desto drastischer die Nachrichten in den Chatgruppen.
Die Küche polarisiert und hat mich zur Verzweiflung gebracht. Ich wollte nicht glauben, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als entweder diese Küche im Chaos versinken zu lassen, sich stets eine schmutzige Tasse zu nehmen und sie selbst abzuwaschen oder aber die Spülmaschine ein- und auszuräumen, das Geschirr zu verstauen und dabei eine Wut auf meine Komiliton:innen zu entwickeln. Die Komiliton:innen, mit denen ich gemeinsam Theater machen möchte.
Ist der Umgang, den wir auf der Probe miteinander haben wollen, losgelöst von unserem privaten Verhalten abseits der Probebühne? Können wir Theater machen, wenn wir nicht einmal unsere Küche sauber halten können? Diese beiden Orte haben mehr Parallelen als man denken könnte.
Solidarisches Spielen
Für mich bedeutet Proben, die Qualitäten aller Beteiligten zusammenzuführen und so den daraus entstehenden Theaterabend, scheinen zu lassen. Nur dadurch, dass wir uns versprechen, uns gegenseitig zu unterstützen, zu tragen, anzustiften, kann ein kreativer Moment entstehen. Wird die Probe geprägt von einem kollektiven Gedanken, der die Gruppe und das Ensemble in den Vordergrund stellt, so überträgt sich dieser Gedanke aufs Publikum und stiftet im besten Fall zu einem demokratischen Miteinander an.
Um dahin zu kommen, braucht es ganz bestimmte Umstände. Das beginnt mit Disziplin, zum Beispiel beim Textlernen, geht über zum aktiven Zuschauen, auch wenn ich nicht an der Szene beteiligt bin, und endet mit dem wertschätzenden Feedback und Mitdenken, wenn dies angebracht ist. Es geht auch darum, sich auf der Probe im gesunden Maße zurückzuziehen, wenn dies erforderlich ist.
Oft konnte ich zwischen zwei grundlegenden Verhaltensweisen meiner Kolleg:innen unterscheiden: Es gibt sehr solidarische Spieler:innen, die immer, unabhängig von der eigenen Beteiligung an der gerade geprobten Szene, ihre volle Energie und Konzentration zur Verfügung stellen. Und es gibt genauso andere Spieler:innen, die ihre Energie gemessen an der Beteiligung in der Szene aufbringen. Habe ich Interesse am Gelingen dieser Gruppenszene, auch wenn ich hier nicht im Mittelpunkt stehe, also entwickle ich Ideen und Spiellust oder stelle ich mich für diese Zeit „aus“?Manche scheinen davon überzeugt, das Notwendige Maß an Involviertheit erst bei der Aufführung mobilisieren zu müssen und die Probe als „Pflichtveranstaltung“ zu betrachten.
Glänzen und Raum geben
Meine Erfahrung ist nun, dass diese Spieler:innen, die als erste nach Hause gehen, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen und sich viel über andere beklagen, die sind, die am Ende auf der Bühne glänzen, beziehungsweise glänzen können, weil die Kolleg:innen ihnen den Raum geben.
Das Spielen verlangt von uns, nicht davor zurückzuschrecken, Raum zu beanspruchen. Dieses Spannungsverhältnis zwischen dem Blick auf sich und dem Blick aufs Ensemble, schlägt eben in die eine oder in die andere Richtung aus. Die Frage ist, gibt es noch etwas dazwischen? Und vor allem; bedingt das „System Theater“, diese Art und Weise „miteinander“ zu spielen?
Wir als Schauspielende streben eine perfekte Version von uns selbst an, die vor hunderten Menschen Sprechen, Singen, Tanzen, Weinen, Lachen, Denken kann. Im Schauspielstudium arbeitet man intensiv an dieser eigenen Progression. Das erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Ich habe diesen Druck zur Perfektion auch bei mir selbst beobachtet und bemerkt, wie ich mich dadurch „strategisch“ aus der Gemeinschaft zurückziehe.
Ich habe Übungen aus der Sprecherziehung wiederholt und dafür Verabredungen abgesagt. Ich habe Räume bereits zwei Wochen im Voraus reserviert, um für mich alleine zu proben, dadurch mussten sicherlich andere Studierende kürzertreten. Der Blick verengt sich schleichend immer mehr auf das eigene Tun und Sein und verändert die Art, wie ich meine eigene Person wahrnehme.
Jede Aufführung ist eine Visitenkarte
Mit dieser Form der Selbstüberprüfung gehen wir nun in eine Probe und haben, wie sollte es auch anders ein, vor allem uns selbst im Blick. Es ist also nicht verwunderlich, wenn sich die Schauspielstudierenden nur mit ihrer eigenen Wirkung beschäftigen und weniger mit der Stimmung im Ensemble.
Dieser Blick entsteht gleichzeitig auch durch den immensen Konkurrenzdruck in der Branche. Wir stehen in einem ständigen Bewerbungsprozess. Jede Aufführung ist quasi eine Visitenkarte für unsere Arbeit und diese Arbeit ist maximal auf zwei Jahre befristet. Dieses ständige Buhlen um die wenigen Jobs beeinflusst eben auch die Arbeit an sich. Wer bekommt mehr Raum? Wer bleibt in Erinnerung und bekommt dann vielleicht den nächsten Job? Diese Realität der Arbeitsumstände wird zur Realität der Arbeit an sich.
In der Ausbildung fängt dieser Konkurrenzdruck an, denn wir wollen alle immer besser werden, um die besten Jobs zu bekommen. Dafür brauchen wir die Chance, gesehen zu werden, das wird man eher an der Rampe beim Monolog, als im Pulk, der über die Bühne wabert. Und hier wird dieses Einzelkämpfertum gefährlich, wenn ich nämlich nur darauf gucke, dass Ich viel Raum bekomme, unabhängig davon, ob es der Inszenierung gerade guttun würde. Dann wird Jede und Jeder zum Anwalt seiner eigenen Bühnenzeit und wir verlieren den Blick aufs eigentliche Vorhaben. Es ist ein Rückzug aus dem Kollektiven, die anderen werden als Konkurrent:innen gesehen, die möglichst schnell überholt werden müssen. Dieser Vergleichsgedanke separiert uns und macht uns zu Ego-Kämpfer:innen, anstatt uns aneinander zu bereichern.
Proben fürs Ensemble
Das Theater hat die Aufgabe, neue Formen des Miteianders zu finden, vor allem in Zeiten in denen das Miteinander, in der Welt außerhalb des Theaters, von einem Drang des Individualistischen gefährdet ist. Dieses Unterfangen kann und muss in einen gesellschaftlichen Diskurs münden, der über die Theaterstrukturen hinaus an Bedeutung gewinnt.
Meiner Meinung nach muss dieser Prozess Hand in Hand mit dem privaten Handeln einer und eines Jeden von uns gehen. Hier schlägt sich wieder die Brücke zur Küche: Wenn wir nur auf uns schauen, bleibt die Küche schmutzig, genauso macht es keinen Spaß, einem Theaterabend zuzugucken, bei dem alle nur für sich allein spielen. Wir profitieren alle davon, dass es eine Spülmaschine gibt und sauberes Geschirr. Wir alle profitieren auch davon, dass wir auf einer Probe fürs Ensemble spielen.
Dass in der Küche nicht mehr für andere abgewaschen wird, sondern nur noch auf sich geguckt wird, ist einerseits Egoismus und Ignoranz, andererseits aber auch Kapitulation und mangelnder Glauben an ein funktionierendes Zusammenleben. Dieses Verhalten ist ein Symptom einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die absolut tödlich für die Demokratie ist. Die strukturellen Probleme erscheinen unveränderbar und ich als Einzelner fühle mich machtlos und unzugehörig.
Spagat zwischen Eigeninitiative und Selbstliebe
Vielleicht ist es Zeit, uns vom Konkurrenz- und Genie-Gedanken zu trennen und die Arbeit als ausschließliche Ensemble-Arbeit zu begreifen, die zwar immer von Impulsen Einzelner bereichert wird, die sich aber im Verbundensein ergründet. Natürlich sollen wir an uns selbst arbeiten und ein Interesse an unserer individuellen Progression haben. Aber eben nur in Ergänzung zum Austausch miteinander und füreinander.
Den Spagat zwischen Eigeninitiative und Selbstliebe, die keine Faulheit, sondern Heilung darstellt, müssen wir alle noch üben. Dieser Sinn für das Kollektive ist im alltäglichen Leben möglich und notwendig. Die Theaterprobe ist der ideale Ort, um Demokratie zu feiern und uns zu erinnern, dass wir eine Wirksamkeit entwickeln können, wenn wir das wollen.
Bruno Liebler, Jahrgang 2001 kommt aus Berlin und hat von 2022-2026 Schauspiel an der Zürcher Hochschule der Künste studiert. Während seines Studiums widmete sich Bruno der Frage, wie sich das eigene Sein künstlerisch in gesellschaftlichen Spannungsfeldern verorten lässt. In seiner Abschlussarbeit „Küchenschlacht“ rückte er die Küche als alltäglichen Brennpunkt ins Zentrum und erforschte, was unser Umgang mit diesem Raum über uns selbst und unser Zusammenleben offenbart.