Das Drama „Bernarda Albas Haus“ von Federico García Lorca, dem spanischen Dichter und Opfer der Franco-Diktatur, sollte heute mehr denn je auf dem „Nie wieder“-Lehrplan stehen. Die Fassung von Alice Birch (Übersetzung: Ulrike Syha) katapultiert das Stück mit ihrer rohen, lauten Sprache gekonnt in die Gegenwart. Widerstand und Abweichung werden in Bernardas Haus hart bestraft, mit Herz-Mund und Lackschuhen trippeln ihre Marionetten in Lucia Bihlers Inszenierung über die Bühne und zeigen, was es heißt, sich in einem System der Unterdrückung behaupten zu müssen.
Nach dem Tod ihres Mannes verhängt Bernarda Alba (Friederike Wagner) eine achtjährige Ausgangssperre über den gesamten übriggebliebenen Haushalt – sprich, ihre 80-jährige, scheinbar demente Mutter Maria Josefa (Esther Hausmann), die Magd La Poncia (Claudia Hübbecker), und ihre fünf erwachsenen Töchter, die eigentlich bereit sind, die Welt und ihre Sexualität zu erkunden. Die Verlockung der Außenwelt tritt in Form von Pepe (Maurice Schnieper) in Erscheinung, der einzigen männlichen Rolle, der nachts stumm ums Haus schleicht. Er wird zum Fluchtpunkt der Freiheitsträume, zum einzig vorstellbaren Jenseits.
Gothic-Look und Bubblegum-Ästhetik
Weibliche Emanzipation kann hier nur in einem Abhängigkeitsverhältnis existieren, dessen sind sich die Protagonistinnen bewusst. Männer sind böse, Männer sind schlecht, Männern kann man nicht vertrauen, sind sich die Töchter einig – und doch, alles außerhalb von Bernardas Haus lockt mit dem Versprechen von Freiheit. Während Adela (Paulina Alpen), die Jüngste, sich in Romeo-und-Julia-esquen Balkonszenen unter Pepes Blicken räkelt und in neongrünem Rüschenkleid paartanzähnliche Choreografien vollführt, droht Bernardas Kartenhaus zusammenzustürzen. Wie die Spinne im Netz lauert sie im Morticia-Addams-Kleid (Kostüm: Victoria Behr) am höchsten Punkt des Hauses, schläft nie, wacht immer. Und trotzdem scheint ihr fein eingefädeltes System zu schwanken. Erbittert hält sie an ihrer Ordnung fest: „Ich habe fünf Fesseln, für jede von euch eine. Und ich habe dieses Haus.“
Kotti Yun, Paulina Alpen, Friederike Wagner, Amanda Babaei Vieira, Alisa Lien Hrudnik. Foto: Matthias Horn
Zwischen Gothic-Look und Bubblegum-Ästhetik (Bühne: Pia Maria Mackert) bleibt in dem pinken Puppenhaus kein Platz für individuelle Entfaltung. Maria Josefa, die die Blüte ihrer Jugend längst hinter sich gelassen hat und von Hochzeit und vom Kinderkriegen träumt, wird für verrückt erklärt und in ihr Zimmer gesperrt. Auf Angustias (Kotti Yun), die älteste Tochter aus erster Ehe, wartet als Einzige das Versprechen der Freiheit in Form einer Hochzeit mit Pepe, aber sie wird von ihren Schwestern nie ganz angenommen und hinter vorgehaltener Hand tuschelt man über eine Missbrauchsgeschichte. Für die Familie gipfelt die Abgeschiedenheit in der Katastrophe, und als sie die Schwelle wieder übertreten, trägt Bernarda zum zweiten Mal eine Urne zu Grabe.
Zurück bleibt eine Gleichzeitigkeit der Erzählungen: Bernarda ist die tyrannische Matriarchin des Hauses, die Welt da draußen ist böse, und die Alternativlosigkeit lässt nur der Frage nach dem kleineren Übel Platz.

Selina Böttcher. Foto: privat
Selina Böttcher ist 2004 in Stuttgart geboren und studiert Sozialwissenschaften in Düsseldorf. Schon früh hat sie an Theaterkostümen und -kulissen mitgebastelt. Jetzt wirft sie aus dem Zuschauerraum einen Blick hinter den Vorhang.