Kritik

“Shopping Animals” am Jungen Landestheater Tübingen

Premiere am 21. April 2021

Foto oben: Martin Sigmund
Beitrag von: am 01.07.2021

Von reichen Männern und Pandabären

Vermutlich fühlt sich jeder angesprochen, wenn gesagt wird, dass man während der Pandemie durchaus mal auf Shoppingtour im world wide web war. Tatsächlich nutzten die Deutschen in Zeiten von Corona deutlich mehr Onlineportale als zuvor. Mit diesem Thema befasst sich die interaktive Spielshow des Jungen LTT (Landestheater Tübingen). Hier bringen Oda Zuschneid und Ensemble den Konsum und den Reiz der Dinge in knapp 55 Minuten den Zuschauer*innen spielerisch und mit einer gewissen Leichtigkeit näher.

Die digitalen Zuschauer*innen begegnen gleich zu Beginn des Stücks einer Shopping Situation im Internet – man denkt kurz, man würde das Schloss Hogwarts aus Lego für fast 400€ begutachten, um es anschließend in den Warenkorb zu klicken. Der Tab wird gewechselt und ein paar Videos im Netz werden angeschaut, genauer gesagt, es wird “konsumiert”. Dieser Begriff wird kurze Zeit später von einem freundlich wirkenden Schauspieler, der durch den Backstage-Bereich des Landestheaters Tübingen wandelt, sehr eindrücklich erklärt. Schließlich kommt er auf der Hauptbühne an, wo die Erklärung mit Musik unterlegt und noch eindrücklicher gemacht wird. Ein zweiter Schauspieler tanzt bereits auf der Bühne zwischen einigen Einkaufstaschen.

Schließlich begrüßen uns die beiden und stellen sich als Daniel und Jonas vor. Schnell wird klar, dass es sich um ein Mitmachtheaterstück handelt, denn sie beginnen gleich mit dem ersten Spiel. Jonas und Daniel stellen dem Publikum viele Fragen, die alle mit dem Oberthema Konsum zusammenhängen und sich an das Konsumverhalten der Zuschauer*innen richten. Außerdem werden einige Quizfragen gestellt, die teilweise sehr lehrreiche Antworten hervorbringen. Das Publikum erfährt zum Beispiel, dass der reichste Mensch der Welt ein Mann ist, und dass er über 155 Mrd. Euro besitzt, oder, wie viele Pandabären es noch auf der Erde gibt. Es folgen über das Stück verteilt noch weitere Spiele, die die Zuschauer*innen zum Miträtseln, Raten, Schmunzeln und teilweise gar zum Staunen bringen. Besonders gut gefallen hat mir ein Lied, das in Tierkostümen aufgeführt wurde. In dem Song geht es um einen Pandabären im Kauf- und Konsumrausch, wodurch das Thema noch weiter aufgelockert und das gesamte Stück noch kurzweiliger wird. Durch die vielen Gesangseinlagen bekommt “Shopping Animals” fast etwas Musical-haftes.

“Wann ist Kaufen eigentlich ein Hobby geworden?”, lautet der letzte Satz des Stückes. Immer wieder wird diese Frage in den letzten Minuten gestellt und bringt den Zuschauer erneut zum Nachdenken. Jonas, der die Show am Anfang mit einer Erklärung des Begriffes “Konsum” begonnen hatte, nimmt diese zum Schluss wieder auf und führt die Kamera zurück in den Backstage-Bereich, bis man zu einer monotonen Aufzählung von Konsumgütern gelangt, die mit der eben genannten Schlussfrage abgerundet wird. Bilder von verschiedenen Transportmitteln sowie abstrakte Kostüme aus Plastik, begleitet von noch abstrakteren Bewegungen, weisen auf die Probleme unseres Konsums hin. Szenen wie diese lassen jedoch beständig Spielraum für eigene Interpretationen, denn das Stück kritisiert den Konsum nicht eindeutig, sondern bringt ihn uns lediglich näher.

Mir hat die Inszenierung sehr gut gefallen. Ich sehe sie als perfektes Lehrmittel für Schulklassen, die mehr über das Thema „Konsum“ erfahren wollen oder einfach als spaßiges Mitmachtheater für Gruppen. Im Theatersaal wird das Stück vermutlich noch besser funktionieren als in der Online-Variante, da die Stimmung als Zuschauer, der alleine vor dem PC, Laptop oder Fernseher sitzt, nicht zu 100 Prozent aufkommt. “Shopping Animals” lebt meiner Meinung nach von der Interaktion mit dem Publikum oder eben einer ausgelassenen Stimmung im Klassenraum während des Stücks.

Besonders schön waren auch die Kostüme, die immer wieder durch Perücken oder andere Accessoires verändert und aufgepeppt wurden. Die Effekte und Einblendungen im Film waren sehr gelungen und auch der Soundtrack passte gut in die Thematik. Der Stream zeichnete sich besonders durch die ständigen Wechsel der Kameraperspektiven aus – beispielsweise inszenierten die Schauspieler zwischendurch kurze TikTok-Clips direkt auf der Bühne. Auch der Wechsel der Handlungsorte macht das Stück noch lockerer und kurzweiliger, so dass keine Längen entstehen. Alles in einem ein sehr gelungenes Theaterstück, das nur zu empfehlen ist!

Bald startet der Radikal Blog von junge bühne und Münchner Volkstheater. Bleibt dran!