Story

Theater in Gefahr

Der russischen Regisseurin Yulia Tsvetkova drohen sechs Jahre Haft wegen ihres politisch engagierten Theaters. Wir sprachen mit ihr und mit der Theaterpädagogin Kira Shmyreva über den Fall und die Situation des Theaters in Russland.

Foto oben: Yulia Tsvetkova
Beitrag von: am 01.02.2021

Über den Fall der russischen Künstlerin, Aktivistin und Theatermacherin Yulia Tsvetkova (27) haben wir bereits im letzten Jahr auf unseren Social-Media-Kanälen berichtet. Zu diesem Zeitpunkt stand sie wegen feministischer Zeichnungen unter Hausarrest, und das von ihr gegründete Kinder- und Jugendtheater Merak war geschlossen worden, weil Yulia vorgeworfen wurde, „nicht-traditionelle Familienwerte unter Minderjährigen zu verbreiten“. Auch jetzt, über ein Jahr später, ist ihr Fall immer noch aktuell. Nach wie vor ist sie eine politische Gefangene und ihr Prozess zieht sich weiter hin. Immer noch drohen ihr bis zu sechs Jahre Gefängnis. Jetzt haben wir mit Yulia und einer ihrer Unterstützerinnen, der Theaterpädagogin Kira Shmyreva, über ihren Fall und seine Bedeutung für die Theaterarbeit in Russland und weltweit gesprochen.

Als Aktivistin und Künstlerin beschäftigt sich Yulia mit feministischen und LGBTQ-Themen. Von ihrer Theaterarbeit am Merak-Theater hält sie das jedoch getrennt. Denn dort entwickelten die Kinder und Jugendlichen die Themen und Texte ihrer Stücke selbst. So kam auch das Stück „Blau und Rosa“ zustande, in dem es um Geschlechterstereotype und patriarchale Unterdrückung geht. Damit griff die Gruppe ein Thema auf, das in ihrem Alltag sehr präsent ist. Denn in ihrer Heimatstadt Komsomolsk am Amur, im fernen Osten Russlands, ist patriarchale Unterdrückung an der Tagesordnung, wie Kira berichtet. In Russland gibt es kein Gesetz, das Frauen von häuslicher Gewalt schützt.  So spiegelt das Theater im Kleinen die Realität wider.

Doch noch bevor es aufgeführt werden konnte, verboten die Behörden im März 2019 das Festival, bei dem „Blau und Rosa“ Premiere feiern sollte, weil es „nicht-traditionelle Werte“ propagiere. Später wurde das ganze Theater geschlossen. Der Geheimdienst kam an die Schulen, um die Merak-Mitglieder über das Theater und Yulia zu befragen. Teilweise rief er im 30-Minuten-Takt bei den Jugendlichen zuhause an, um zu überprüfen, ob sie im Theater waren, berichtet Kira. Das sei Teil eines größeren Problems, meint Yulia, nämlich wie die Regierung Kinder behandle. „Als minderwertige Menschen, als jemand, der dumm ist. Diese Herangehensweise ist in allen Institutionen sichtbar.“

Yulia Tsvetkova, Foto: privat

Wegen ihrer feministischen Zeichnungen wurde Yulia im November 2019 aufgrund von Verbreitung von Pornografie unter Hausarrest gestellt. Wenig später griff das Misstrauen der Behörden auf ihre Theaterarbeit über und das Gericht verhaftete sie wegen „Förderung nicht-traditioneller sexueller Beziehungen zwischen Minderjährigen“. Die abgeschiedene Lage von Komsomosk am Amur wirke sich verstärkend auf die Unterdrückung von Yulia und ihrem Theater aus, vermutet Kira. In St. Petersburg und Moskau ist die Theaterarbeit etwas freier, dort kann die LGBTQ-Szene sich mehr ausleben. Dennoch müssen Inszenierungen, die solche Themen behandeln, als ’für Minderjährige ungeeignet‘ gekennzeichnet werden. Das liegt an dem 2013 in Kraft getretenen „Homo-Propaganda-Gesetz“, das es verbietet, in Anwesenheit Minderjähriger homosexuelle Liebe zu zeigen oder auch nur darüber zu sprechen.

Das Verbot von „Blau und Rosa“ und die Schließung des Merak-Theaters war Teil einer Welle von Verboten an russischen Theatern, erinnert sich Kira. Zu dieser Welle gehörte zum Beispiel auch die Verhaftung des Regisseurs Kirill Serebrennikow, für dessen Freilassung auch in Deutschland vielerorts demonstriert wurde. Immer wieder werden Inszenierungen, die sich nicht mit traditionellen Werten und Normen beschäftigten, verboten und Aktivismus werde oft als Extremismus interpretiert. „Alle wissen: Wenn du politisch bist, dann bist du in Gefahr“, meint Kira, und verweist auf den Fall von Navalny.

Kira Shmyreva, Foto: Nika Maksimyuk

Yulia ist überzeugt: Gerade in einem solchen Umfeld ist Jugendtheater besonders wichtig. „Theater hat die Möglichkeit, ein Potential und eine Freiheit in einem jungen Menschen zu entwickeln.  Am Theater lernt ein junger Mensch, dass seine oder ihre Stimme zählt. Er lernt die Vielfalt der Welt kennen, indem er verschiedene Rollen spielt. Lernt verschiedene Geschichten und Kulturen kennen. Er lernt, wie Worte die Welt verändern können. Deshalb ist das Jugendtheater so wichtig, denn es bietet einen großartigen Ausgangspunkt für die Entwicklung eines starken, unabhängigen, und frei denkenden Individuums.“ So entwickelten die Jugendlichen als Reaktion auf Yulias Verhaftung das Stück „Die Festnahme der Regisseurin“, in dem sie sich satirisch damit auseinandersetzten. Polizei und Geheimdienst drohten daraufhin, für Entlassung ihrer Eltern zu sorgen.

Weltweit wurde in der Folge für Yulia demonstriert, so zum Beispiel im Juli 2020 vor der russischen Botschaft in Berlin. In Russland führten Proteste gegen ihre Festnahme wiederum reihenweise zu Festnahmen von Aktivist*innnen, wie Kira berichtet.

Aktivismus und Theater hängen zwar nicht zwangsläufig zusammen, meint Yulia. Doch Theater könne ein perfektes Medium sein, um große Themen zu diskutieren und sowohl die Schauspieler*innen als auch das Publikum zum Handeln zu inspirieren. Yulia ist überzeugt: „Dieses Empowerment durch Theater ist unbezahlbar.“  Und wegen dieses Potentials werde Theaterarbeit in Ländern wie Russland oft zu Unrecht von der Regierung kontrolliert.

Demo für Yulias Freilassung in Berlin, Foto: privat

In ihrem Stück „Segne den Herrn und seine Munition“ behandelten die Jugendlichen von Merak die zunehmende Romantisierung von Krieg und damit einhergehende Normalisierung von Gewalt. Auch das war ein Thema, das die Jugendlichen direkt betraf und beschäftigte. Denn die Erziehung in Russland sei sehr patriotisch, erzählt Kira. „Man sagt, die Kinder seien die Zukunft, aber man zwingt sie, die Vergangenheit zu glorifizieren. Es geht nicht um Erinnerungspolitik, sondern um Heimatskonzepte, die keine kritische Auseinandersetzung erlauben“, stellt sie fest. Der Tag des Sieges am 9. Mai zum Beispiel sei zu einer einzigen Militärparade geworden. „Merak ist eine Rebellion gegen diese patriotische Erziehung“, fasst Kira zusammen. Es sei der Weg zu einem freien Theater der Zukunft, und das habe die lokalen Behörden in Angst versetzt. Die Demokratisierung der Theaterlandschaften sei ein translokaler Prozess, meint sie. Deshalb hofft Kira, dass Kulturorganisationen international besser zusammenarbeiten. Das macht zum Beispiel die internationale Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche ASSITEJ vor. Die verbreitete zuletzt einen offenen Brief zu Yulias Unterstützung. Weltweit werden so immer mehr Menschen auf Yulias Fall aufmerksam. Die BBC gab bekannt, dass Yulia auf seiner Liste der 100 inspirierenden und einflussreichen Frauen 2020 steht. Yulia selbst hat nach wie vor ein klares Ziel: „Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem Lehrer keine Angst haben, mit Kindern über aktuelle Themen zu sprechen, und Eltern keine Angst haben, ihr Kind im Theater zu sehen. In dem Kinder sich sicher fühlen, sich zu öffnen.“ Die Herausforderung werde sein, kleine Schritte zu machen, sich gegenseitig zu unterstützen und nicht aufzugeben. „Und ich bin stolz, sagen zu können, dass viele Menschen in Russland genau das tun.“

 

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