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Kolumne: Working Girls

Meilensteine und Karriereziele: In der zweiten Folge ihrer Kolumne schreibt Malin Kraus darüber, wie in wöchentlichen Zoom-Calls mit anderen Künstler:innen ein Raum des konkurrenzlosen Austausches entstanden ist.

Foto oben: Malin Kraus
Beitrag von: am 02.03.2026

Auf einer Parkbank im späten Juli, im Schatten hoher Theatermauern, treffen Jenny und ich uns zum ersten Mal. Sie arbeitet als Regisseurin und Autorin, ihr Enthusiasmus und die Art, wie sie Kunst beschreibt, faszinieren mich. Als sie mir von der Idee erzählt, Künstlerinnen und Debütantinnen zu einem monatlichen Treffen zusammenzurufen, um gegenseitige Erfolge zu verfolgen, weiß ich sofort, dass ich dabei sein möchte. Denn das Revolutionäre an dieser Idee war der ihr zugrundeliegende Optimismus, nicht aus Naivität geboren, sondern aus der tiefsitzenden Überzeugung, dass wir uns über mehr zu unterhalten haben als Karriereschritte im marschartigen Rhythmus nach vorn.

"Working Girls", Kolumne - Folge 2 (Malin Kraus) Zoom Call: Im wöchentlichen Meeting mit Veronika Müller-Hauszer [sie|ihr] (Bühne und Kostüm), Asena Yeşim Lappas [sie|ihr] (Regie) und Jenny von Reiche [sie|ihr]

Ein Raum außerhalb der Konkurrenz

Wir sehen uns fortan einmal im Monat, zunächst ganz regelmäßig, manchmal mit leichten Abweichungen. Wir treffen uns digital, aus der Bahn heraus, vom Frühstückstisch, vom Balkon mit Zigarette in der Hand, vom Schreibtisch. Manchmal sind wir selbst auf Proben, als Assistenzen oder in der Regie. Was sich nicht verändert: Jedes Mal haben alle vier von uns, ob Bühnenbildnerin, Regisseurin oder Autorin, die Möglichkeit, über unsere Erfolge zu reden.

Wir besprechen alles, was gut gelaufen ist, was geklappt hat und worauf wir unheimlich stolz sind. Innerhalb dieser Runde existiert das Konzept „Konkurrenz” nicht. Es ist ein Raum für Gefühle, die in all unseren Berufen konstant unterzugehen scheinen. Denn allzu oft entsteht in der eigenen Betrachtung von Meilensteinen oder Teilerfolgen der Eindruck, das alles sei nicht genug. Erfolg und Misserfolg sind die zwei Enden einer Wippe, die schon durch mentale Fokusveränderung ihr Gewicht verlagern kann. Auch ohne, dass sich jemand auf das andere Ende setzt, ist es so schwer, die Wippe wieder in Balance zu bringen, wenn sie kippt. Wir versammeln uns also, um anzuerkennen, was wir schon erreicht haben und einen Raum zu schaffen, in dem das Sprechen darüber weder von Neid noch von Scham geprägt sein muss.

Schreibtisch, Malin Kraus Schreibtisch: Häufigster Ort der Zoom-Calls für die monatlichen Treffen, abgewechselt von variierenden Proberäumen oder Bahnfahrten

Die heimliche Kombination aus Traum und Realität

Natürlich sprechen wir nicht nur über Erfolge. Häufig geht es auch darum, was wir uns wünschen würden, was wir gerne anders gemacht hätten oder wovon wir träumen: Nachbesprechen der letzten Probentage, Einsamkeit und Selbstzweifel allein am Schreibtisch oder an welchen Häusern wir mal arbeiten wollen. Die oft mehr als heimliche Kombination aus Traum und Realität zu teilen, wirkt heilsam – gerade in einer Branche, in der man sich konstant für eins von beidem entscheiden soll. 

Am Ende jedes Meetings notieren wir Ziele für das Kommende. Wir gehen diese Treffen nahezu systematisch an, akribisch, aber nicht verkrampft. Sie existieren unabhängig vom Tagesgeschehen und sind gleichzeitig Ansporn, dieses nicht aus dem Blick zu verlieren. Aus dieser Regelmäßigkeit, dem Vertrauen, entsteht schließlich das, was wir gar nicht geplant haben: eine gemeinsame Arbeit. Wir konzipieren eine Rauminstallation, vier begehbare Räume in einem ehemaligen Hotel – eine Verflechtung von Kuration, Performance und Installation. Jede von uns arbeitet eigenständig, bespielt einen Raum der gesamten Ausstellung – und trotzdem sind wir miteinander verbunden. 

Der Kollektivname ,working girls’ entsteht, ein loses Umreißen und eine unbewusste Rückeroberung eines Begriffes, der bislang vornehmlich mit dem Milieu der Sexarbeit assoziiert wird. In unserem Kontext bedeutet er vor allem, dass wir unsere Arbeit sichtbar machen wollen, die oft als selbstverständlich gilt, aber auch ganz bewusst Zeit für Reflexion und Kollektivität zu integrieren – denn auch das muss Arbeitsalltag bedeuten können. Wir theoretisieren nicht, aber fühlen uns doch als Teil einer feministischen Aktion, die eben solche Begriffe neu besetzt, die lange als dreckig oder verpönt galten. 

Manchmal ertappe ich mich noch im Ironisieren, gar im Heroisieren des Überarbeitens, des Immer-mehr-Arbeitens und Sich-Aufopferns. Im Austausch mit den Anderen bemerke ich immer wieder, dass es gar nicht um mehr Arbeit, sondern um belohnte, sichtbare Arbeit geht. Umso mehr ist das Working Girl jetzt also eins, das seine Arbeit vor allem als solche benennt und erfahrbar macht: Struktur, Meetings und Selbstbeobachtung. All das ist Arbeit, die in unserem Bereich vorausgesetzt, aber nicht beigebracht und schon gar nicht mit einem unermüdlichen Optimismus in Verbindung gebracht wird. Doch das Wichtigste an diesen Treffen ist: Wir fühlen uns nicht mehr allein.

Ausstellung im Happy End Hotel, Kunstaktion von broke.today, Ausstellungsräume der working girls Austellung der working girls im Happy End Hotel 2024, Kunstaktion des broke.today Kollektivs. Auf dem Foto: Jenny von Reiche und Veronika Müller-Hauszer.

Malin Kraus ist als Regisseurin wie Journalistin tätig. Sie promoviert aktuell an der HU Berlin zum Thema „Zeitlichkeit“ in Neuerer deutscher Literatur. Sie ist Teil des Spontankollektivs working girlsund gibt gemeinsam mit Rahel Bueb den „DISPUT“, ein Magazin für Literatur, Journalismus und Fotografie, heraus. Im Januar 2026 zeigt sie das Stück „Latexstudien I-IIII“ am Pathos Theater München zu Münchner Arbeiterinnenschaft.