Jüngst habe ich in einer Inszenierung an der Berliner Schaubühne erlebt, wie Kunst sich selbst reflektiert. Milo Rau beschreibt in „Die Seherin“, verkörpert von Ursina Lardi, mit bestechender Selbstironie seine Rolle als Regisseur, sein Engagement in internationalen Kontexten und seine Zweifel an der eigenen Arbeit und Leistung. Das Stichwort Mittelmäßigkeit tauchte in diesem Kontext auf. Auf dem Weg nach Hause habe ich mich gefragt, ob Mittelmäßigkeit in der Kunst wirklich das Schlimmste ist, oder ob sie nicht manchmal die ehrlichste Beschreibung dessen ist, was Kunst ist, bevor sie weiß, wohin sie will.
Haltung statt Teilnahmslosigkeit
Wenn ich versuche, mit anderen über Kunst zu sprechen, die ich ‚mittelmäßig‘ finde, geht es selten um Geschmack, sondern um die Frage nach der Haltung dahinter. Ein Begriff, der sich mit jeder Inszenierung aufdrängt und dessen Zusammenhang mit Mittelmäßigkeit mir zunehmend klarer wird: Kunst ohne bewusste Haltung grenzt sich nicht ab. Sie ist offen für jede Projektion und läuft Gefahr, in Teilnahmslosigkeit abzugleiten. Eine politische Setzung, eine klare Frage, für die das Stück eine Form sucht, verschafft der Arbeit einen Rahmen, der zwar nicht vor Geschmacksurteilen schützt, aber vor der eigenen Unbesonnenheit und dem Abdriften ins Beliebige.
In meiner Debütspielzeit habe ich das am eigenen Leib erfahren. Eine Spielzeit zu gestalten, ist das Herausforderndste, was ich bisher gemacht habe: Mit jeder Stoffauswahl, Spielstättensuche und Teamzusammenstellung werden politische wie kulturelle Zeichen gesetzt. Jede Entscheidung ist eine Positionierung. Und diese Positionierungen summieren sich zu etwas, das andere interpretieren, bevor man selbst weiß, was man damit eigentlich verdeutlichen wollte. Sie summieren sich zu einem lebendig gewordenen Sinnzusammenhang. Meine Debütspielzeit ist das präziseste Selbstporträt, das ich bisher abgegeben habe, unter der Anforderung, es beständig weiter zu malen.
Von den Vorbildern zum Selbstporträt
Ich habe das nicht allein geschafft — ich habe mir Vorbilder gesucht. Florentina Holzinger ist eines davon. Was mich an ihrer Arbeit bewegt, ist die bestechende Konsequenz, die alle ihre Arbeiten zu einem Œuvre verbindet. Ihre radikal-körperliche Ausdrucksform ist aus feministischer Sicht bereits Widerstand in der Form selbst: Kunst, die nicht bloß über Macht spricht, sondern sie gezielt verschiebt. Ähnliches gilt für Christine Umpfenbach, deren dokumentarische Präzision einen politisch öffentlichen Raum im Theater erst entstehen lässt, nicht als Kommentar auf die Wirklichkeit, sondern als Teil von ihr. Beide Regisseurinnen bewundere ich, jede mit ihrer eigenen politische Haltung, sehr.
Konkret geworden ist diese Perspektive für mich aber erst in Lwiw, bei der Arbeit an „Die Häuslichen“, einem dokumentarisch-feministischen Theaterstück. In der Begegnung mit Künstlerinnen und Frauen, die unter Bedingungen arbeiten, unter denen Kultur buchstäblich Überlebensstrategie ist, habe ich verstanden: Manchmal ist es nicht nur erlaubt, sondern notwendig, aus konkreten Begegnungen eine ebenso konkrete Haltung zu entwickeln, Widerstand als kulturelle und politische Position zu festigen, an der Seite derer, die diese Kämpfe seit vielen Jahren austragen. Aber manche Zweifel – und so komme ich thematisch zurück zur Milo Raus „Seherin“ – bleiben. Was, wenn der Widerstand, den ich meine zu leisten, längst domestiziert ist, zu einem ästhetischen Stil geworden ist, der in Feuilletons gelobt wird, ohne irgendetwas zu bewegen? Ich habe keine abschließende Antwort. Was ich habe, ist die Überzeugung, dass das Infragestellen der eigenen Arbeit selbst der Schutz ist. Wer damit aufhört, ist wirklich mittelmäßig. Wer weiterhin selbstkritisch, auch ironisch gegenüber den eigenen Ambitionen ist, bleibt zumindest in Bewegung.